Elvis – Das Musical, Westfalenhalle 2 Dortmund, 25.02.2022

Dass Künstler*innen zu Legenden werden, ist im Jahr 2022 nahezu unmöglich. Die Musiklandschaft wird überhäuft mit Menschen, die sich in Tönen mitteilen möchten, die Auswahl ist unüberschaubar und der Star von heute ein Nobody von morgen. Das war vor guten 60 Jahren entschieden anders. Da gab es Elvis Presley und damit die Verkörperung der Verunglimpfung des Niveaus, gleichzeitig aber auch das Sexobjekt mehrerer Generationen und eine Revolution in der Musik.

Genau diesem Herrn aus Mississippi, der lediglich 42 Jahre alt werden durfte, huldigt die Show Elvis – Das Musical, die seit einiger Zeit durch Deutschland tourt. Ursprünglich waren für 2020 unzählige Theater zum Bespielen gebucht – doch da gab es diese eine Pandemie, die das eher nicht wollte. Zwei Kalenderjahre später sind zwar weiterhin nicht alle Möglichkeiten vorhanden, aber immerhin können einige der Termine nachgeholt werden. Die Westfalenhalle 2 in Dortmund sollte eigentlich im Mai ’21 in Elvis-Fieber geraten. Stattdessen ist es aber der 25.2.22, ein Freitagabend.

Die kleinere Location auf dem riesigen Gelände ist bestuhlt. Gut zweidrittel der Plätze sind besetzt. Das Publikum ist größtenteils älteren Semesters. Geschätzt liegt das Durchschnittsalter bei 50. Denn egal, wie groß der Anteil von Elvis in der Musikgeschichte sein mag – so richtig viel kann man von ihm heutzutage nicht mehr mitbekommen, auch wenn die Einflüsse unverkennbar und unumstritten sein mögen. Demnach sind aber Retro-, Rock’n’Roll-Fans oder einfach die Anhänger*innen von damals im Publikum am Start und lassen sich in die 60s zurückversetzen.

Mit knapp fünf Minuten Verspätung geht es nahezu pünktlich los. Die Bühne ist für eine Musicalproduktion eher überschaubar. Es ist Platz für eine Band und für mehrere Mikrofonständer. Im Hintergrund gibt es eine Leinwand mit den fünf dicken Lettern des Künstlers, um den sich heute alles drehen soll. Eigentlich sieht das Setting damit wie bei einem typischen Konzert aus. Das ist letztendlich auch das, was man zu gut 90% erleben darf.

Beharrt man auf den Titel der Show, der immerhin Elvis – Das Musical lautet, muss man als Fazit festhalten: Das war ein Totalreinfall. Ein Musical setzt sich aus Gesangs-, Tanz- und Schauspielperformances zusammen. Oft sind diese Anteile ähnlich groß und werden meistens durch schöne Bühnenbilder abgerundet. Und ja, es gab Gesang, Tanz, Schauspiel und Bühnenbild. Allerdings waren drei der vier Komponenten schlecht.

Das Bühnenbild ist komplett statisch. Auf der Leinwand werden Filme gezeigt, die teils Originalaufnahmen aus Elvis‚ Leben zeigen oder ein paar Spielszenen. Ansonsten gibt es eine Showtreppe, ein paar Lichter, drei bis vier Requisiten, die auch jedes Schultheater so besitzt und ein paar Kostüme auf Variété-Niveau. Zwei Tänzerinnen sind in nahezu jeder Szene leicht bekleidet und wirken mit ihren Outfits wie von vorgestern. Sie tanzen ok, aber das war’s auch. Schauspiel gibt es fast nur von einer Person, nämlich Daniel Neumann, der seinen Job zwar sympathisch, aber auch eher laienhaft macht.

Und dennoch ist Elvis – Das Musical gut. Wie das sein kann? In dem das wichtigste Kriterium, nämlich die Musik, absolut hervorragend ist. Grahame Patrick ist Ire und gilt als einer der besten Elvis-Imitatoren der Welt – und das völlig zurecht. Gesanglich ist er die kompletten zwei Stunden Spielzeit, die von einer knapp 20-minütigen Pause unterbrochen werden, bis auf wenige Töne wirklich herausragend. Er hat Momente, in denen er nicht wie Elvis klingt, aber dann einfach tonal voll on point ist. Ebenso gibt es sehr viele Momente, in denen er exakt wie Elvis klingt und damit eben seine Aufgabe vollends erfüllt. Sein Kostüm und Makeup wirken gut abgepasst. Er wechselt mehrfach die Outfits, zu denen stets die Vorlagen auf Leinwand präsentiert werden. Und: Im Vergleich zu den Mädels, die um ihn herumtanzen, hat er seine Moves richtig drauf.

Genau diese Qualität ist aber auch von allen anderen Musiker*innen auf der Bühne zu sehen. Sowohl das treibende Bläser-Trio als auch die starke vierköpfige Band mit richtig großen Instrumentalist*innen wissen zu begeistern, da ebenso der Sound in der Halle gut abgenommen wird – sieht man von einigen technischen Fauxpas ab, aber nun gut, passiert.

Das wirklich große Highlight ist jedoch das The Stamps Quartet, die den Backgroundchor mimen und eigentlich ebenbürtig zum Hauptdarsteller agieren. Die mehrfach Grammy-ausgezeichnete Truppe existiert seit über 50 Jahren in wechselnden Besetzungen. Sie sorgen an einigen Stellen für atemberaubende A-Cappella-Einlagen, die richtige Gänsehaut erzeugen. Wahnsinn: Bariton Ed Enoch ist seit 1969 (!) mit dabei und trat selbst höchstpersönlich über 1000x (!!) mit Elvis himself auf. Wow. Genau diese Erfahrung und Leidenschaft für die Materie sind spürbar.

Kenner*innen des Repertoires dürfen sich auf eine große Anzahl an Classics und ein wahres Hit-Feuerwerk freuen. Hier muss man schon ordentlich kramen, um Songs zu finden, die nicht beachtet wurden. Um aber ein paar zu nennen, die besonders gut zünden: „Burning Love“, „Jailhouse Rock“, „In The Ghetto“, „Heartbreak Hotel“, „A Little Less Conversation“. Grahame Patrick hat ordentlich zu tun und fühlt sich auch in den höheren Stimmlagen und mit den langen Tönen wohl. Eine anstrengende Aufgabe, die er problemlos meistert.

Umso erschreckender, dass so viel musikalisches Können von Band, Background und Frontmann mit trashigen Spielszenen verhunzt wird. Warum? Würde man sie einfach streichen, würde sie einerseits niemand vermissen, andererseits hätte man keine Negativpunkte mehr. Defacto ist Elvis – Das Musical eh eine lupenreine Tributeshow, die durch schöne Bilder auf der Leinwand genug Anschauungsmaterial bietet. Das Schauspiel soll wichtige Stationen seiner Karriere zeigen, wird aber in der zweiten Hälfte eh nicht zu einem richtigen Ende geführt und irgendwann einfach komplett außenvorgelassen. Und dass Frauen auf eine eher unangenehme Weise als kleine Dancing Dolls inszeniert werden, ist auch nicht zeitgemäß und genauso wenig wertvoll für die Show.

Elvis – Das Musical ist ein schlechtes Musical, aber eine brillante Verneigung vor dem Können des Rock’n’Roll-Gurus. Streicht man „Das Musical“ aus dem Namen und ersetzt es stattdessen mit „Die Show“, wirft man die fast schon albernen Szenen auf Soap-Level aus dem Stück und konzentriert sich einfach auf die richtig, richtig guten Musiker*innen, hat man eine sehr gute Produktion. So reicht es aber leider nur für ein „befriedigend plus“, was so schade wie unnötig ist. Weniger wäre mehr. Viel mehr.

Und so sieht das aus:

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Foto von Christopher Filipecki.

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