Beth Hart – A Tribute To Led Zeppelin

Die wichtigste Regel überhaupt: Cover niemals legendäre Songs! Du wirst niemals die Erwartungen erfüllen können. Alle werden sich über dich lustig machen, wie größenwahnsinnig du bist und wie peinlich du zeigst, wie gut das Original ist und du nicht. Es sei denn, du bist Beth Hart. Dann gelten für dich keine Regeln.

Beth Hart hat sich überlegt, ein ganzes Led Zeppelin-Coveralbum zu machen. Man sieht förmlich vor dem inneren Auge, wie die ganzen Classic-Rock-Fans die Hände vors Gesicht oder über den Kopf schlagen und tief ausatmen. Wer ist bitte so arrogant, von sich zu behaupten, er kann Led Zeppelin covern? Und dazu nicht nur einen Track, sondern gleich elf. Da können nur Bekloppte am Werk sein.

Oder eben richtig gute Leute. Hinter A Tribute To Led Zeppelin verbirgt sich das neuste Projekt der unverschämt talentierten Sängerin aus LA, die erst letzten Monat ihren 50. Geburtstag feiern durfte. Dass sie ihn überhaupt jemals feiern wird, war lange keine Selbstverständlichkeit. Hart war jahrelang schwer drogenabhängig, hat aber zum Glück irgendwann die Kurve gekriegt. Seitdem ist sie kaum noch zu stoppen. Ein gutes Dutzend Studioalben und eine Hand voll Liveplatten gehören bereits zu ihrem Backkatalog. Unter Blues-Fans ist sie schon ewig zurecht eine Göttin.

Auch wir waren von ihrem 2019 erschienenen „War In My Mind“ begeistert und absolut wie weggeblasen von ihrer Livequalität, die sie in Bochum unter Beweis stellte. Zwar war für 2020 eigentlich eine weitere Livetour angesetzt, um ihre neuen Songs zu spielen, aber irgendwas kam dazwischen… was war das noch gleich!? Aktuell ist die Tour für diesen Herbst nachträglich angesetzt.

Doch wer unerwartet plötzlich viel mehr Zeit hat, als zunächst gedacht, hat irgendwann Langeweile. Oder Wut. Beth Hart hatte Wut. Denn neben verzweifelt, müde, krank und überfordert, macht Corona schließlich auch mal wütend. Genau diese Emotion wurde nun vertont. Hinter dem sehr mutigen und waghalsigen Projekt steckt jedoch in erster Linie gar nicht sie, sondern viel mehr Rob Cavallo. Der sehr erfolgreiche Musikproduzent bewies bereits für Großtaten von Green Day, den Goo Goo Dolls, My Chemical Romance, Phil Collins, Kid Rock und Alanis Morissette absolutes Feingespür und wollte Hart schon ewig für seine Idee haben. Die lehnte jedoch mehrfach ab. „Whole Lotta Love“ gehört einerseits schon ewig zu ihrem Repertoire, andererseits ist aber ein Song eben etwas anderes als eine ganze LP – und zu der sah sie sich nicht im Stande.

Doch wie heißt es so schön: Corona hat nicht immer nur schlechte Seiten. Besonders auf künstlerischer Ebene kann eine Notlage zum Übersprudeln führen. Beth Hart war in der richtigen Stimmung, Rob Cavallo immer noch von seinem Irrsinn überzeugt und des Weiteren eine ganze Riege sensationelle Musiker*innen frei. Darunter Leute wie Tim Pierce, Chris Chaney oder David Campbell, die eigentlich mit allen wichtigen Personen dieser Welt bereits Musik aufgenommen haben. Namedropping gefällig? Ok, zum Beispiel Muse, Beyoncé, Tina Turner, Bon Jovi, Bruce Springsteen, Aerosmith.

Genau dieser Erfahrungsschatz ist zu hören. Schon jetzt bewirbt sich A Tribute To Led Zeppelin für die Auszeichnung „Album des Jahres“ und sämtliche Grammy-Nominierungen. Die neun Songs, von denen zwei ein Medley aus jeweils zwei Titeln sind, klingen ausnahmslos von der ersten bis zur letzten Sekunde überwältigend, erschlagend und atemberaubend. Ein Klangerlebnis, das einem Donnerwetter gleicht.

Und eben so muss das auch sein und keinen Hauch weniger. Beth Hart ist mehr als nur die Blues-Königin. Ihre Stimme ist so facettenreich einsetzbar und macht aus jeder schnöden Pop-Komposition eine Wohltat. Sind aber auch die Kompositionen auf einem derartig virtuosen, pittoresken, anspruchsvollen Niveau wie bei Led Zeppelin, ergibt das Weltliga in jeder Kategorie. Sie singt, schreit, haucht hier eigentlich noch besser als jemals zuvor, weil die Songs es so wollen.

Es gibt Bands und Songs, an die man nicht herangeht. Led Zeppelin spielt da in einer ähnlichen Kategorie wie Queen oder die Rolling Stones. Das macht man einfach nicht. Wer aber sowohl das nötige Talent, die nötige Ehrfurcht und Liebe und das nötige musikalische Verständnis mitbringt, kann auch einer solchen Mammutaufgabe gerecht werden. Die 55 Minuten, die Beth Hart und ihr außerordentlich gutes Team hier abfeiern, sind selbst für Nicht-LedZeppelin-Fans eine Empfehlung. Man hält sich stets nah am originalen Arrangement, bleibt auch in der Länge der Songs an der Vorlage und bringt das Ganze auf das Level, was 2022 bieten kann, wenn man sich Mühe gibt. Hier musizieren alle um ihr Leben.

Dabei klingt A Tribute To Led Zeppelin äußerst organisch und handgemacht. Fast schon wie eine Platte, die man heute so nicht mehr machen würde. Songs, die teilweise über acht Minuten dauern und minutenlange Instrumentalsoli bieten. Scheiß auf Spotify-Konventionen, wir machen ja eh keine Musik für diese Plattform. Gut so. Stattdessen geht das Album raus an Hard-Rock-Fans von damals oder Liebhaber*innen von heute.

Ein Highlight zu nennen, wäre frech. Es tummelt sich ein bekannter Klassiker der britischen Kultband aus den 70s nach dem nächsten, womöglich vermisst man „The Ocean“, „Rock and Roll“ oder „Immigrant Song“. Aber das, was geboten wird, ist makellos. Das Orchester knallt, die Band ballert einem all ihr Können um die Ohren und Beth Hart stirbt gefühlt. Das ist so geil, beeindruckend und gegen die Wand drückend, dass einem schwindelig wird. Wer trotzdem nur reinhören mag: „Black Dog“ oder „The Crunge“. Danach besteht wohl kein Zweifel mehr.

Coversongs gibt es entschieden zu viele, Coveralben ebenso. Oft fehlt es dem Endprodukt entweder an Kreativität, Können oder Daseinsberechtigung. Beth Hart fackelt aber nicht, steht der Stimme eines Robert Plants keinen Millimeter nach und macht nur das, was sie kann – und haut mit A Tribute To Led Zeppelin eines der fettesten Rockalben heraus, die es in den letzten zehn Jahren gab.

Und so hört sich das an:

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Die Rechte fürs Cover liegen bei ROUGH TRADE / MASCOT LABEL GROUP.

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