Open Flair 2026 – fünf Tage Festivalwahnsinn in Eschwege

Endlich geht es wieder los: Fünf Tage Festivalwahnsinn in Eschwege. Das Open Flair Festival öffnet auch 2026 seine Tore und verwandelt das kleine Städtchen Eschwege mit den gemütlichen Fachwerkhäusern in eine Feieroase. Gesäumt von hessischem Mittelgebirge und der wunderschönen Werra, die sich mit ihrem Flussbett mitten durch die Stadt – und damit durch das Festivalgelände – erstreckt, gibt es hier Lautes und Leises auf die Ohren – an insgesamt 12 Spielorten. Das Open Flair ist völlig zurecht ein Highlight im Festivalkalender – kaum ein anderes Festival schafft eine derart familiäre Atmosphäre. Zwischen Werdchen, Seebühne, Elektrogarten und den zahlreichen Bühnen und Aktionen in der Eschweger Innenstadt wird musiziert, gefeiert, getanzt. Gerade diese Mischung aus Konzerten, Stadtfestival und kurzen Wegen macht den besonderen Charme des Open Flair seit Jahrzehnten aus.

Auch wir von minutenmusik sind in diesem Jahr wieder zu zweit mit dabei. Diesmal wollten wir uns bewusst etwas mehr Zeit nehmen, die besondere Festivalatmosphäre einzufangen – ohne dabei auf das zu verzichten, was ihr von uns kennt: möglichst viele Konzerte, viele Eindrücke und jede Menge Musik.

Tag 1 mit Das Lumpenpack & Amistat

Traditionell begann der Festivalmittwoch auf der wunderschönen Seebühne. Bei strahlendem Sonnenschein und rund 30 Grad hätten die Bedingungen kaum besser sein können. Okay, zugegeben ein bisschen kühler wäre auch in Ordnung gewesen. Wir starten in diesem Jahr sehr gemütlich mit der Band Amistat. Das eigentliche Duo, hier erweitert als Quartett, hat lange in Australien gelebt, bevor es nach Deutschland zurückgekehrt ist. Das hört man dem sehr entspannten Indie-Folk an. Besonders „the night we met“ und „stranger“ stachen als Highlight-Songs hervor. Zu diesem entspannten Klängen in der Sonne schmeckte das erste Bier direkt richtig gut. Ein angenehmer und entschleunigender Einstieg ins Festivalwochenende.

Deutlich voller wurde das Gelände gleich im Anschluss bei Das Lumpenpack, eine Band, die immer erfolgreicher geworden ist in den letzten Jahren. Völlig zurecht sind sie doch nicht nur irgendeine weitere Punkband, sondern mit ihren mal amüsanten aber oft auch scharfsinnigen politischen Texten aktueller denn je.  Von der ersten Minute an war „Schluss mit Reden“, es wurde laut mitgesungen, getanzt und gefeiert. Neben einem Hitfeuerwerk überzeugte die Band auch mit sympathischen Ansagen und klaren politischen Botschaften, die beim Publikum auf offene Ohren trafen. Besonders schön war dabei der persönliche Bezug zum Open Flair: Die Musiker erinnerten daran, dass das Open Flair das erste Festival war, was ihnen die Augen dafür geöffnet hat, dass Das Lumpenpack eine Band sein kann und nicht nur ein Comedy-Duo, das vor sitzendem Publikum spielt. Denn 2014 spielten sie im kleinen E-Werk, heute reicht es für ein volles Seebühnen-Gelände. Während des gesamten Sets, das gespickt war mit Hits der letzten Alben, merkte man ihnen an, welchen Stellenwert das Open Flair Festival für Das Lumpenpack hat. Ganz nebenbei kündigten sie außerdem an, noch bis zum nächsten Tag auf dem Festival zu bleiben – verbunden mit der Andeutung, dass vielleicht noch die eine oder andere Überraschung folgen könnte…

Besser hätte das Open Flair 2026 für uns kaum beginnen können: perfektes Sommerwetter, entspannte Atmosphäre am See und gleich zwei Auftritte, die Lust auf die kommenden Tage gemacht haben.

Tag 2 mit Dropkick Murphys, PA69, South Arcade uvm.

An Tag 2 des Open Flairs wird nicht mehr nur Seebühne und Elektrogarten bespielt. Es startet auch das Programm im E-Werk und auf der Hofbühne. Unser Tag begann aber zunächst wieder auf dem wunderschönen Seebühnen-Gelände. Bei weiterhin bestem Sommerwetter eröffneten South Arcade den zweiten Festivaltag. Die britische Band um ihre charismatische Frontfrau Harmony Cavelle lieferte eine energiegeladene Show, die live sogar noch stärker wirkte als auf Platte. Musikalisch bewegt sich die Band klar im Rocksound der 2000er-Jahre – kein Wunder also, dass sie als Einflüsse unter anderem Größen wie Linkin Park, Limp Bizkit oder Avril Lavigne nennen. Mit einer gehörigen Portion Rotzigkeit und jeder Menge Spielfreude brachten South Arcade direkt viel Bewegung vor die Seebühne. Ein Auftritt, der vor allem eines bewiesen hat: Diese Band funktioniert live und hat das Potenzial, sich in den kommenden Jahren noch deutlich weiter nach oben zu spielen.

Danach ging es für uns erstmals in diesem Jahr zur wunderschönen Hofbühne. Dort wartete mit Paulinko eine Band, die vor allem durch ihren Song „Skandal im Patriarchat“ größere Bekanntheit erlangt hat. Wie wir feststellen mussten, war das auch der einzige Song, der uns wirklich gefällt. Denn für uns wollte der Funke mal so gar nicht überspringen. Da waren wir aber in der Minderheit, denn die Stimmung vor der Bühne war gut und auch viele Besucher*innen schienen den Auftritt sehr zu genießen.

Direkt nebenan im E-Werk startete anschließend Kontrastprogramm: Tristan Brusch nahm das Publikum mit auf eine deutlich ruhigere Reise. Auf dem Weg in den Italienurlaub, war das Open Flair ein Zwischenstopp – nur mit seiner Gitarre in der Hand saß er auf der Bühne für sein akustisches Set. Genau solche Momente machen den Charme dieses Festivals aus: Man befindet sich mitten im Trubel, geht ein paar Schritte weiter und landet plötzlich in einer Konzertlocation, in der ein Künstler eine ganz andere Atmosphäre schafft. Danach kann es direkt wieder zurück ins Festivalgetümmel gehen – abwechslungsreicher geht es kaum.

Und genau dorthin – ins Festivalgetümmel – ging es nach einigen Songs von Tristan Brusch auch wieder. Vor der Seebühne wartete mit PA69 einer der großen Publikumsmagneten des Tages. Die Berliner Rap-Crew machte genau das, was ihre Fans erwartet hatten: Vollgas von der ersten Minute an. Mit viel Humor, Bewegung und einer enormen Energie wurde vor der Bühne gesungen, mitgegrölt und getanzt. Besonders Songs wie „Biertornado“ oder „XXL“ – letzteres mit FLINTA-Pits –  gehörten zu den größten Momenten des Auftritts. Neben den bekanntesten Songs der natürlichen Nachfahren von K.I.Z. kamen auch die Songs des einen Tag später erschienenen Mixtapes gut an. Ein Auftritt, der für viele Besucherinnen und Besucher sicherlich zu den Highlights des zweiten Tages gehörte.

Zum Abschluss des Abends übernahmen dann die Dropkick Murphys die Seebühne. Die Folk-Punk-Institution aus Boston gehört seit Jahren zu den zuverlässigsten Live-Bands ihres Genres und hat sich weltweit eine riesige Fangemeinde erspielt. Auch beim Open Flair zeigten sie, warum: energiegeladen, sympathisch und mit jeder Menge Mitsing-Momenten. Die Dropkick Murphys positionieren sich – auch im Gegensatz zu anderen Genre-Kollegen – auch weiterhin deutlich politisch und ganz klar gegen Donald Trump. Ein solider Auftritt, auch wenn uns dann insgesamt doch zu wenige Songs der Murphys so ansprechen, dass es uns richtig begeistern hätte können.

Eine kleine Überraschung gab es noch am zweiten Festivaltag: Schon am Vortag hatte Das Lumpenpack angekündigt noch den gesamten nächsten Tag in Eschwege zu sein und verraten, das sie noch eine zweite Show im E-Werk spielen würden. Natürlich wollten wir uns diese Chance nicht entgehen lassen. Allerdings war die kleine Location bereits komplett überfüllt, sodass wir nur noch von draußen über den Bildschirm einen Eindruck vom Auftritt bekommen konnten. Trotzdem: Eine richtig schöne Aktion der Band, die damit noch einmal zeigte, welchen Stellenwert das Open Flair für sie hat.

Auch Tag zwei zeigte damit wieder die große Stärke des Open Flair: Ein Festivalabend kann hier gleichzeitig große Headliner, wilde Rap-Shows, intime Akustikmomente und kleine Überraschungen bieten. Genau diese Mischung macht Eschwege jedes Jahr aufs Neue besonders.

Tag 3 mit Marlo Grosshardt, Zartmann, Deine Cousine uvm.

Ich erinnere mich, dass uns im letzten Jahr besonders die Seebühne überzeugt hat. Dieses Jahr warteten wir aber sehnsüchtig auf die Öffnung des großen Festivalgeländes am Werdchen. Denn: Wenn das Werdchen am Freitag öffnet, geht das Festival so richtig los. Mit noch mehr Bands und natürlich mit der großen Radio Bob!-Hauptbühne und dem schattigen Baumkreis, auf dem die Freibühne steht. Bei bestem Sommerwetter füllte sich das Gelände schnell, denn sehr viele Musikfans konnten sich auf die Band Deine Cousine einigen.

Deine Cousine zogen nicht nur sehr viel Publikum an, sondern bewiesen auch eindrucksvoll, dass moderner Punk selbstverständlich auch female fronted bestens funktioniert. Frontfrau Ina Bredehorn hatte die Fans vor der Bühne ab der ersten Sekunde komplett unter Kontrolle, ihre Bühnenpräsenz ist enorm und nach diesem Auftritt sind wir uns relativ sicher, dass wir von Deine Cousine noch mehr hören werden. Entsprechend gut fiel auch die Reaktion des Publikums aus – die Stimmung war prächtig. Was will man auch mehr als guten Punkrock, Sonnenschein und das erste lecker Bierchen in der Hand?

Während wir den einen oder anderen Walking Act auf dem Festivalgelände bestaunten, ging es direkt im Anschluss an der Freibühne weiter. Dort wartete mit Shoreline eine aufstrebende Post-Hardcore-Band aus NRW. Hier war noch nicht all zu viel vor der Bühne los, die Band machte es aber ordentlich und wird sich ihr Publikum nach und nach erspielen. Viele Songs gehen auf jeden Fall gut ins Ohr, auch mit den Ansagen bewies die Band, dass sie für die richtigen Werte eintritt. Der Sänger machte darauf aufmerksam, dass auch die Hardcore-Szene stark geprägt ist von Sexismus und Rassismus – ein Zustand, der viel zu lange einfach totgeschwiegen wurde. Das ist zum Glück vorbei, nun muss sich aber dennoch noch viel ändern. Und so appellierte der Frontmann aufeinander zu achten und bei Grenzüberschreitungen einzuschreiten. Eine politische Botschaft, die natürlich sehr gut ankam und von ganz vielen Acts an diesem Wochenende ähnlich zu hören war. Wir finden: Was richtig ist, kann nicht oft genug gesagt werden.

Pausenlos ging es weiter – denn Radio Bob!-Bühne und Freibühne wechseln sich ohne Unterbrechung ab. Nun spielten Kaffkiez auf, die ebenfalls mit ihrem Sound, der sich zwischen Indiepop und Indierock bewegt perfekt zu diesem sommerlichen Festivalnachmittag passten. Auch hier war die Freude der Band spürbar, dass sie nach vier Jahren wieder beim Open Flair spielen dürfen. Auch das zieht sich durch das Festival: Künstler*innen lieben dieses Festival und die besondere Atmosphäre vor Ort. Während des Sets wurde es jedoch so sommerlich, dass wir uns zwischendurch in die schattigen Plätze rund um den Baumkreis verziehen mussten, um keinen Sonnenstich zu riskieren. Aber selbst von hier hatte man einen fantastischen Sound und konnte auf dem Bildschirm das Geschehen auf der Hauptbühne mitverfolgen. So sahen wir, dass das Publikum in aller bester Stimmung Circle Pits aufmachte, mitsprang und mitsang – einfach toll.

Danach wartete mit nand ein Act, der beim Open Flair gewissermaßen außerhalb seiner Komfortzone spielte. Der DJ und Rapper ist eigentlich vor allem für seine Clubshows bekannt – und genau dort funktioniert sein Sound mit treibenden Beats und elektronischen Elementen natürlich besonders gut. Darauf machte er selbst auf der Bühne auch aufmerksam und freute sich zugleich über die Chance hier auch neue Fans erreichen zu können. Bei den ersten beiden Songs waren wir zunächst noch etwas skeptisch. Es gab kaum Publikumsinteraktion und die Show wirkte dadurch zunächst etwas statisch. Der bekannteste Song „Wohlfühlen“ brach aber dann das Eis und brachte ordentlich Bewegung ins Publikum. Ab hier wurde fast durchgehend getanzt, die Stimmung zog spürbar an und auf einmal funktionierte dieser ungewöhnliche Festivalauftritt richtig gut. nand war eine positive Überraschung, leider fehlte jedoch der Song „Familie“, den wir ganz besonders mögen. Da müssen wir wohl nochmal bei einer seiner Clubshows vorbeischauen.

Mit Zartmann folgte wohl einer der größten Namen des Tages nun auf der Hauptbühne im Werdchen. Der Berliner erlebte im letzten Jahr einen enormen Hype mit seinem Song „tau mich auf“ und konnte sich damit im Radio-Airplay und in diversen Playlisten festsetzen. Dass der Hype nicht nur aus Streamingzahlen besteht, zeigte sich auch live. Zartmann lieferte eine erstaunlich routinierte Show mit jeder Menge Publikumsinteraktion, einer starken Lichtproduktion und Konfettiregen. Da wir auch das kulinarische Angebot des Open Flairs ausprobieren wollten, haben wir uns die Show ganz gemütlich beim Essen von den schönen Sitzplätzen direkt hinter dem Eingang angeschaut. Selbst bis hierhin konnte man von der Show wegen des hervorragenden Sounds auf dem ganzen Gelände viel mitbekommen.

Unser Highlight des Tages folgte aber im Anschluss auf der Freibühne: Marlo Grosshardt. Der junge Musiker hat sich mit seinen Songs, die sich immer wieder mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck auseinandersetzen, eine bemerkenswerte Fanbase erspielt. Stücke wie „Oma“ funktionieren dabei gerade deshalb so gut, weil Großhardt häufig mit nichts weiter als seiner Stimme und einer Gitarre auskommt und damit Gefühle und Sorgen aufgreift, die aktuell viele Menschen beschäftigen. Beim Open Flair wurde daraus allerdings deutlich mehr als ein klassisches Singer-Songwriter-Set. Großhardt hatte eine komplette Band und quasi ein kleines Orchester mitgebracht und bewies so, dass er nicht nur alleine mit der Gitarre überzeugt, sondern auch mit seiner Band in voller Insturmentalisierung: Cello, Violine, Schlagzeug, Gitarre – hier wurde auf kleinstem Raum alles aufgeboten. Bemerkenswert war nicht nur, wie viele Bandmitglieder mehrere Instrumente beherrschen, sondern diese auch gleichzeitig spielen können. Wieso sollte man denn eigentlich nicht gleichzeitig Schlagzeug und Trompete spielen, wenn man es kann? Vor allem aber funktionierte das Zusammenspiel von Band und Publikum. So entwickelte sich eine wunderbare Atmosphäre mit lauten, tanzbaren und ruhigen und intimen Momenten. Für uns war Marlon Großhardt damit definitiv eines der Highlights des gesamten Wochenendes. Wer die Möglichkeit bekommt, ihn live zu sehen, sollte sie definitiv nutzen.

Den großen Abschluss auf der Hauptbühne überließen wir an diesem Abend dann anderen. Mit SDP stand zwar einer der größten Publikumsmagneten des Festivals auf dem Programm, musikalisch war das allerdings schlicht nicht unser Fall. Also nutzten wir die Gelegenheit, den Festivalabend etwas entspannter ausklingen zu lassen und uns stattdessen noch einmal durch die Stadt treiben zu lassen, organisierten noch einen Mitternachtssnack und tanzen ein wenig bei den zahlreichen DJs bei der „Fressmeile“ an der Reithalle.

Tag 4 mit Donots, Frank Turner und Bibiza

Schon stand der vorletzte Tag des Open Flairs an – es geht dann ja doch immer schneller vorbei als man es wahrhaben möchte. Der Samstag bot für uns nur ein durchwachsenes Line Up, wirklich viel wollten wir hier nicht anschauen. Aber so sind die Geschmäcker unterschiedlich. Dennoch haben wir drei richtig gute Konzerte gesehen und uns mal wieder vom Werdchen verzaubern lassen. Für uns spielte sich heute alles auf der Radio Bob!-Bühne ab.

In der knalligen Nachmittagssonne ließen wir uns zunächst von Bibiza auf einen Wiener Melange einladen und tauchten mal so richtig in Rap aus einer der schönsten Städte Europas ein. „Schick mit Scheck“, „Ode an Wien“ und auch drei Runden mit Bibiza auf dem Opernring zu drehen – das hat schon alles richtig viel Spaß gemacht. Beinahe waren wir zunächst enttäuscht, dass es statt der richtig guten Beats jetzt eine Liveband zu hören gibt. Diese hat ihr Handwerk dann aber sehr gut verstanden, inklusive Narcotic-Cover. Wir können uns gut vorstellen, dass auch nochmal bei einer Clubshow zu gucken.

Wer passt noch perfekt aufs Open Flair und wir haben ihn sowieso viel zu lange nicht mehr live gesehen? Richtig Frank Turner & the Sleeping Souls. Der sympathische Mann für die Punksongs mit den unfassbar eingängigen Refrains hat auch nach tausenden Shows und zig Jahren im Showbusiness null Sympathie eingebüßt. Man weiß genau, was man bei Frank Turner bekommt: Guten Livegesang, gut gelaunte, das publikumanimierende Ansagen, eine immer spielfreudige Band und genau diese Momente, in denen man mit tausenden Festivalfans zusammensingt. Da wurde uns einmal mehr ganz warm ums Herz und das lag sicherlich nicht nur an den recht heißen Temperaturen.

Einen wirklichen Abriss legten dann die Donots hin. Die Jungs rund um Ingo Donot haben wir schon so oft live gesehen, dass es zwischendurch mal Phasen gab, in denen wir sie aktiv boykottiert haben. Es ging einfach nicht mehr. Nun ist es aber schon einige Jahre her, dass wir sie live gesehen haben. Und siehe da, das macht ja wieder richtig viel Spaß. So viel Spaß, dass die Donots selbst nicht glauben konnten, wie viel Liebe ihnen das Open Flair Publikum entgegenbrachte. Auch für die Donots, als Dauergäste (dieser Auftritt als Co-Headliner war nicht nur ihr größter bisher beim OF, sondern gleichzeitig der elfte insgesamt) war das überragend. Neben einer mit Hits gespickten Setlist gab es jede Menge Publikumsinteraktion, zwischen absoluter Wholesomeness und absurd witzigen Momenten. Mit Sören war ein Festivalbesucher auf der Bühne, der vor einigen Jahren Leukämie besiegt hat. Die Donots waren damals von einem Freund kontaktiert worden und teilten den Aufruf zur Suche nach Blutspendern für Sören bei der DKSM (by the way – registriert euch!). Jahre später gab es das Wiedersehen beim Open Flair und das ganz spontan mit einem Sören, der nicht nur den Blutkrebs besiegt hat, sondern auch einfach spontan vorne an der Bühne auftauchte. Absurd witzig wurde es aber auch als Ingo eine Mini-Tischtennisplatte mitten im Circle Pit platzierte und sich dort ein Match mit einem Festivalbesucher lieferte. Natürlich während eines Songs, ab der zweiten Strophe getragen von den Besucher*innen. Alleine diese beiden Anekdoten zeigen, was für ein Wahnsinns-Auftritt der Donots das war. Daran werden sich Band und Publikum sicherlich noch lange erinnern.

Zum ersten Mal nutzten die Veranstalter des Open Flairs die Möglichkeit und gaben direkt während des noch laufenden Festivals den ersten Headliner für die nächste Ausgabe bekannt. Was schon durch verschiedene Graffitis und Andeutungen auf Plakaten vor Ort für viele Fans offensichtlich gewesen war, wurde an diesem Abend offiziell: Die Ärzte aus Berlin headlinen das Open Flair 2027.

Und so ging auch der vorletzte Festivaltag für uns relativ früh zu Ende, mit großer Vorfreude auf Tag 5, der für uns noch so einige Band-Highlights bereithalten sollte.

Tag 5 mit Biffy Clyro, Bosse, Giant Rooks uvm.

So schnell, wie es begonnen hat, war das Open Flair 2026 dann auch schon wieder vorbei. Der letzte Festivaltag hatte es nochmal in sich. Das hieß: Noch einmal, die letzten Kräfte sammeln, die müden Beine zum Tanzen bringen und dem geschundenen Festival-Körper alles abverlangen.

Wir starteten bereits am Nachmittag mit Still Talk auf der Freibühne. Die Band hatte uns schon vor drei Jahren bei Rock am Ring gut gefallen und erinnert musikalisch nicht ganz zufällig an Paramore: eingängige Melodien, jede Menge Energie, eine sympathische Frontfrau und ein moderner Alternative-Rock-Sound, der sofort ins Ohr geht. Auch beim Open Flair funktionierte das hervorragend. Trotz Temperaturen von deutlich über 30 Grad war die Freibühne bereits ordentlich gefüllt und vor der Bühne wurde getanzt, gesprungen und mitgesungen. Still Talk bewiesen einmal mehr, dass sie ihre Energie auch bei brütender Hitze problemlos ins Publikum übertragen können. Ein sehr schöner Start in den letzten Festivaltag.

Danach ging es weiter zur Radio BOB!-Bühne, wo mit Hot Water Music eine Band wartete, die definitiv in die Kategorie „Liebhaberbands“ gehört. Auf Platte gefiel uns das im Vorfeld gut, live konnte es uns aber nicht wirklich überzeugen. Dass muss nicht an der Band gelegen haben, wir kannten die Musik einfach kaum und die brütende Hitze tat ihr übriges.

Danach war erst einmal eine Pause angesagt. Und wo könnte man die auf dem Open Flair besser verbringen als in der Stadt? Ein Abstecher in den Biergarten, ein kühles Getränk und ein bisschen Schatten waren bei den Temperaturen genau das Richtige. Überhaupt sei an dieser Stelle noch einmal betont, dass das Open Flair für uns eines der schönsten Festivalgelände Deutschlands ist. Das liegt nicht zuletzt an der Werra und den vielen kleinen, gemütlichen Ecken, in denen man sich zwischendurch hinsetzen, entspannen, etwas trinken und einfach auf den Fluss blicken kann. Man muss nicht permanent vor einer Bühne stehen. Gleichzeitig ist man aber nie weit vom nächsten Konzert entfernt.

So ging es kurz darauf wieder zurück zum Werdchen – und dort sollte mit den Giant Rooks eines unserer großen Highlights des gesamten Wochenendes warten. Die Giant Rooks haben sich in den vergangenen Jahren völlig zu Recht ihren Platz in der internationalen Musikwelt erobert. Dass sie nicht nur auf Platte funktionieren, sondern eine grandiose Live-Band sind, stellten sie auch beim Open Flair wieder eindrucksvoll unter Beweis. Natürlich waren besonders die großen Hits „New Estate“ oder „Wild Stare“ publikumsumjubelt, uns haben es aber ganz besonders die neuen Songs angetan. Klar, wir fanden die neuen Singles auch so schon gut, aber alleine „The Waves“ entfaltet so eine wahnsinnige Energie live – muss man gesehen haben. Das war richtig richtig schön. Der internationale Erfolg kommt keineswegs von ungefähr. Die Giant Rooks haben das Potenzial, noch deutlich größer zu werden – und wir würden ihnen sehr wünschen, sie irgendwann auch als Headliner auf Festivals wie dem Open Flair erleben zu können.

Danach übernahm mit Bosse der Co-Headliner des letzten Festivaltages. Und auch wenn die Meinungen über seine neueren Songs durchaus auseinandergehen – das letzte Album konnte uns ebenfalls nicht vollständig überzeugen –, lässt sich eines kaum bestreiten: Bosse hat im Laufe seiner Karriere eine beeindruckende Zahl an Hits geschrieben. Und genau das zahlt sich auf einem Festival aus. Denn spätestens wenn die ersten großen Klassiker angespielt werden, singt der ganze Platz mit. Das war besonders schön, da das Werdchen nochmal richtig gut gefüllt war, auch zahlreiche Familie mit Kindern sah man hier nochmal mit ihren Fuxtec-Bollerwagen. Auch das macht das Open Flair so besonders. Hier treffen Generationen aufeinander. Vom Festival-erfahrenen Punkrockfan bis zur Familie mit kleinen Kindern können alle ihren Platz finden und gemeinsam feiern. Bosse machte alle gleichermaßen glücklich mit einem Set, dass sich auf die neuen Songs konzentrierte, aber durchaus den einen oder anderen alten Schmankerl enthielt.

Und dann war es Zeit für das große Finale: Biffy Clyro. Die Schotten sind für uns längst keine Unbekannten mehr – tatsächlich haben wir die Band in diesem Jahr bereits zum dritten Mal gesehen. Und trotzdem schaffen sie es jedes Mal aufs Neue, uns zu begeistern. Biffy Clyro spielen eine dermaßen rotzige, emotionale und gleichzeitig technisch beeindruckende Form von Rockmusik, dass man sich eigentlich nur vor die Bühne stellen und staunen kann. Handwerklich kann Rockmusik kaum besser sein. Deshalb kann man sich das auch immer wieder anschauen, auch weil es ab und mal kleine Überraschungen in der Setlist gibt. So hatte es beim Open Flair „Cop Syrup“ in die Setlist geschafft, ein grandioser Song, der perfekt die Aggressivität und auch die Ruhe ausstrahlen zwischen denen sich Biffy Clyro musikalisch bewegen. Natürlich durften auch die großen Klassiker nicht fehlen. „Mountains“, „Many of Horror“ oder „The Captain“ wurde bejubelt und gefeiert. Ob neue Songs oder alte Hits – Biffy Clyro funktionieren live einfach. Wenn man diese Band liebt, bekommt man genau das, was man sich wünscht: Energie, Emotionen, großartige Musiker und eine Show, die auch nach zahlreichen gesehenen Konzerten nichts von ihrer Wirkung verliert. Für uns war Biffy Clyro damit der perfekte Abschluss eines tollen Festivalwochenendes.

Fazit

Was lässt sich nach 5 Tagen Open Flair sagen? Wie bereits im letzten Jahr sind wir begeistert. Das Open Flair Festival ist so einzigartig in der deutschen Festivallandschaft. Dieses Jahr war es nicht einmal das perfekte Line Up für uns, aber umso mehr Zeit war dafür zwischendurch die Stadt zu erkunden, die Walking Acts anzuschauen und einfach diese besondere Atmosphäre aufzusaugen, die es zwischen Werdchen, Innenstadt und Seebühne gibt. Insbesondere der Wechsel zwischen großen Shows und kleinen ruhigeren und intimen Sets ist toll. Wir kommen sicherlich wieder – ob das schon nächstes Jahr sein wird, muss die Zeit zeigen. Mit Die Ärzte wurde jedenfalls schon einmal ein sehr guter Headliner für die kommende Ausgabe bestätigt. Stay tuned…

Tickets für 2027 gibt es übrigens hier.

Beitragsbild von Melvin Klein.

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