Plattenkrach: Rosenstolz – Herz

Rosenstolz Herz

Folge 28 unseres beliebten Plattenkrachs. An Rosenstolz scheiden sich die Geister. Auch im minutenmusik-Team könnten die Meinungen kaum weiter auseinander gehen. Für Christopher hat die Band eine sehr persönliche Bedeutung – Anna konnte mal ihren ganzen Frust an ihrer Namensvetterin AnNa R. und Peter Plate herauslassen. Ein unterhaltsamer Kontrast. Vorhang auf für „Herz“!

Christopher wählt emotionale Worte:

Wie schreibt man eine Plattenkritik über seine einstige Lieblingsband? Schwierig. Ich habe mich nun dazu entschieden, es ganz bewusst im Personalstil zu machen und sehr häufig das Wort „Ich“ zu benutzen. Auch wenn ich das für gewöhnlich nicht tue – hier passt es irgendwie gut.

Das mag nun unsagbar pathetisch klingen, aber Rosenstolz ist eigentlich eher ein Lebensgefühl als eine Band, die man irgendwie gut findet. Wahrscheinlich lachen jetzt einige von euch. Ist auch völlig ok. Jedoch kenne ich sehr viele Fans, die das genau so unterschreiben würden. Man findet Rosenstolz nicht einfach „gut“. Als Rosenstolz deutsche Musik gemacht haben, war deutsche Musik in den Charts nicht vertreten. Es gab Schlager, sonst nichts. Das Berliner Duo, das 1991 angefangen hat, macht seit seinem zweiten Song deutschsprachige Musik und das kam in den ersten Jahren alles andere als gut an. Es hat sechs (!) Alben gedauert, bis die Top Ten der Charts erreicht wurden und erst nach acht Jahren Arbeit lief das erste Musikvideo auf den Sendern. Davor war die einzige Promo Mundpropaganda. Nix da Radio, Clubs, MTViva. Welcher Künstler würde das heutzutage noch mitmachen? Oder welche Plattenfirma?

Aber irgendwann klappte es halt doch. Ich kannte Rosenstolz zwar schon durch zwei oder drei Fernsehauftritte, hab sie aber nie wirklich intensiv wahrgenommen. 2001 gefiel mir dann das erste Mal ein Song, „Es könnt‘ ein Anfang sein“. Heute soll es aber um den ganz großen Durchbruch gehen, der noch drei Jahre auf sich warten ließ.

„Liebe ist alles“ war 2004 einer der größten Radiohits und lief plötzlich überall in Dauerschleife. Man vergisst halt einfach viel zu schnell, dass es in der Zeit noch nicht die Deutsch-Pop-Welle gab, wie sie heute bereits nicht mehr wahrgenommen wird, weil sie schon so lange existiert. Tatsächlich kam aber der grade erwähnte Song genau zum richtigen Moment. Natürlich ist Liebe nicht das kreativste Thema, über das man singen kann. Allerdings gehört „Liebe ist alles“ auch nach mittlerweile 15 Jahren für mich immer noch zu einem absoluten Meisterwerk der deutschen Musikszene. Der Text beschreibt viele ganz vortreffliche Momente, die man eben nicht in jedem anderen Lied hört, sondern geht an die Substanz. Der Song baut sich über knapp zwei Minuten intensiv auf, bis er sich im emotionalen Refrain entlädt. AnNa R. hat womöglich eine der markantesten Stimmen – liebt man oder hasst man, aber jeder hat definitiv eine Meinung dazu und wird sie immer unter 1000 Stimmen erkennen. Hier hört man sie in Höchstform. Soll irgendwann auf meiner Hochzeit laufen.

Nach der makellosen Vorabsingle kam das Album Herz, das in Sachen Verkauf von dem Nachfolger noch um Längen getoppt werden sollte. Trotzdem bleibt es der Wendepunkt in der Karriere Rosenstolz. Dabei konnte ich mich zunächst mit der Platte gar nicht so anfreunden. Ich fand sie von Anfang an gut. Dass sie für mich aber den besten Longplayer der Karriere darstellt, hat sich erst später herauskristallisiert.

Herz besitzt alles, wofür Rosenstolz steht: große, eingängige Melodien; aufwendige Instrumentierung; klaren Pop-Rock; ein wenig Kitsch und vor allen Dingen Texte, die zwischenmenschliche Bilder beschreiben, die man in der Zeit sonst nicht zu hören bekam – verpackt in zwölf überraschend abwechslungsreiche Titel ohne einen Filler, komplett selbst geschrieben und produziert. Wer bei dem Namen Herz an triefende Balladen ohne aufblühende Momente denkt, liegt wirklich falsch. Mit „Willkommen“ startet das Album ungewohnt rockig und gewinnt direkt an Freude. „Willkommen“ ist einer der Songs, die einen an einem Frühlingstag abholen und Energie schenken. Könnte auch von Wir sind Helden sein. Ähnlich unerwartet kommt „Eine Frage des Lichts“ daher, bei dem neben AnNa auch Peter Plate zum Mikrofon greift und sich die beiden einen Sprechgesang-ähnlichen Schlagabtausch liefern, der den typischen Wahnsinn unserer Gesellschaft präsentiert. Sehr unterhaltsam! Etwas rotziger geht es in „Das gelbe Monster“ zu, indem auf eine fast schon punkige Art das unschöne Gefühl „Neid“ beschrieben wird: „Ich spritz mit Gift nur so rum, ich möchte, dass es alle trifft. In meinem Herzen blüht der Horror, bin mein eig´ner Terrorist. Und ich lieg schon in der Gosse, doch das Monster flüstert leis – du kannst noch mehr, du kannst noch mehr, du kannst noch mehr!“.

Du kennst bestimmt folgende Situation: du hast grade jemanden kennengelernt, der dich unglaublich fasziniert hat. Das Leben ist auf einmal viel leichter, bunter. Du könntest jeden umarmen und denkst, dass dieses Gefühl auf ewig halten soll. In solchen Momenten könnte „Ich will mich verlieben“ der passende Soundtrack sein, der abermals mit einer berührenden Melodielinie voll ins Schwarze trifft. „Ausgesperrt“ beschreibt den Augenblick, in dem man mit Schrecken feststellen muss, wie weit man sich von sich selbst entfernt hat: „Wenn ich mich irgendwann treff‘, geb‘ ich mich wieder bei mir ab und wenn ich nochmal vor mir flieh‘, geb‘ ich mich nie wieder auf.“. Anderes Beispiel ist „Ich komm an dir nicht weiter“. Ein Stück, das wachsen muss und vielleicht erst beim vierten oder fünften Mal hören richtig zündet. Treibender, etwas dramatischer Up-Tempo-Pop, der sich mit dem unerträglichen Gedanken auseinandersetzt, dass man eine Person verlassen möchte, aber nicht weiß, wie und ob man ohne sie zurechtkäme.

Aber ja, Rosenstolz sind natürlich für ihre Balladen bekannt. Ein absolutes Highlight und eins der Lieblingssongs von AnNa R. persönlich ist „Die Liebe ist tot“. Auch hier punktet der Aufbau, der in einem schleppenden Bombastsound gipfelt, der bei Kopfhörern durch den gesamten Körper fährt. Ist man nun zu zweit einsamer als allein oder ist es nur Einbildung? Selbst vor Gedanken an den Tod schrecken Rosenstolz nicht zurück. Die zwei letzten Titel hinterlassen mit ihrer Tragik und Schwere eine sehr melancholische Stimmung. „Gib mir mehr Himmel“ ist unter Fankreisen ein All-Time-Favorite, „Augenblick (Dezember)“ ein vertonter Abschied. Auch Trauern kann irgendwie schön sein und Wärme schenken.

Mit „In den Sand gesetzt“ und „Das Beste im Leben“ befinden sich zwei relativ unscheinbare Songs in der Mitte, die ebenfalls mehrere Anläufe benötigen, um beim Zuhörer anzukommen. Auch hier lohnt genaues Zuhören: „Hätt‘ ich mein Leben nicht so in den Sand gesetzt, hätt‘ ich dich nie in der Wüste getroffen“ ist ein wundervolles Liebesgeständnis. In der leichten Akustiknummer „Das Beste im Leben“ erwecken hingegen folgende Zeilen genug Freiraum für Interpretation: „Und ich steh‘ sowas von daneben, dass ich endlich wieder ganz klar seh‘. […] Und wir haben nie genug probiert, weil für uns das Gleiche so verschieden war.“.

Wer Herz 2004 nicht erlebt hat, wird wahrscheinlich heutzutage schwer einen Zugang finden. Trotz des großen Erfolgs blieben Rosenstolz irgendwie Nische. Es gab immer genug Leute, die damit nichts anfangen konnten. Leute, die die Musik schwulstig, drüber und nervtötend fanden. Auf der anderen Seite gab und gibt es aber eine große Menge an Menschen, die sich ein Stück weit verstandener gefühlt haben und für viele Lebenslagen in Rosenstolz die passende Musik gefunden haben. Ich gehöre gerne zur letzten Gruppe und verneige mich nicht nur vor diesem Album, sondern vor nahezu jedem einzelnen Song der Band. Auch wenn seit 2012 keine neuen Titel entstanden sind und es keine Liveauftritte gab, erwecken viele Lieder eben jener Band so intensive Erinnerungen an meine Jugendphase, wie es keine anderen Musiker schaffen. Und das bleibt wohl für immer so. Haters gonna hate!

Anna wählt auch emotionale Worte. Nur etwas andere:

Vor wenigen Wochen zog ich bei unserer alljährlichen, fast schon legendären minutenmusik-Weihnachtsfeier ein durchaus hartes Los: Während sich meine Kollegen beim Auspacken ihrer Schrottwichtel-Geschenke über schaurige Gartenzwerge, verstaubte Teelichthalter oder altbackene Oma-Deckchen amüsierten, durchfuhr meinen Körper eine regelrechte Schauderwelle, als ich – etwas perplex und ein wenig angewidert – mein Wichtelgeschenk von seinem bunten Weihnachtspapier befreite. Denn siehe da: Ein altes, fein gefaltetes Rosenstolz-Shirt strahlte mich an. Stolz wie Oscar grinste mir Christopher – von dem das Geschenk stammte – zu, der zu ahnen schien, welche ‚Freude‘ er mir mit seinem Präsent gemacht hatte.

Doch spulen wir etwas vor und nennen das Kind beim Namen: Ich mag Rosenstolz nicht. Obwohl dieser Wortlaut noch einigermaßen nett verpackt ist, möchte ich damit sagen; Mir geht die Musik des Berliner Duos, der man als regelmäßiger Radiohörer und als Kind der 1990er-Jahren nun wirklich nicht entkommen konnte, wahnsinnig auf den Keks und bereitet mir schlechte Laune. Aus musikalischer Sicht auch kein Wunder, kann man doch auf der Wikipedia-Seite des Pop-Duos gleich in den ersten Sätzen nachlesen, dass Frontsängerin AnNa R. die Aufnahmeprüfung der Musikschule Friedrichshein nicht schaffte. (Ein durchaus gemeiner Seitenhieb, der bitte an dieser Stelle mit viel Humor genommen werden sollte. Als ehemalige Studentin der Musikwissenschaft weiß ich durchaus, wie schwer die Aufnahmeprüfungen in diesem Fach sind.)

Im heutigen Plattenkrach steht nun aber das „Herz“-Stück der Band auf dem Prüfstand, das bereits vor etwa 15 Jahren – mir völlig unbegreiflich – die Spitze der deutschen Charts erklimmen konnte. Zugegeben etwas voreingenommen habe ich mir eine 40-minütige Bahnfahrt ausgesucht, um das Album in einem Rutsch durchzuhören:

Den Opener „Willkommen“ kenne ich durch die erwähnten Radiozeiten bereits gut. Während die wiederholten Worte des Refrains durch meine Kopfhörer jagen, erblicke ich ein wenig verwundert auf eine Stadtmauer in der Nähe der Kölner Ulrepforte, auf welcher mit großen Lettern ebenfalls die gleichnamige Begrüßungsklausel „WILLKOMMEN“ gesprüht wurde. Ein Zeichen? Ich deute es zumindest so. Obwohl der Song in mir keineswegs ein Gefühl der vollkommenen Glückseligkeit hervorruft und mir die krächzend-gehauchte Klangfarbe von Frontsängerin AnNa R. kaum zusagt, rede ich mir ein, bereits deutlich schlimmere Songs gehört zu haben und möchte der Musik des Duos eine Chance geben. Doch es fällt mir schwer: Dass sich selbst die im Refrain besungenen Ratten im Keller erhängt haben, mag schließlich mit Sicherheit an der grauenhaften, rotzfrechen Klangfarbe der Sängerin liegen …

Bereits der zweite Song „Liebe ist alles“ lässt meine Stimmung umschwenken. Die melancholisch-nachdenkliche Pop-Ballade, die die Frontsängerin mal fürchterlich gehaucht, mal in krächzenden (dieses Wort wird im Laufe des Artikels wohl noch häufiger als Beschreibung der Klangfarbe erscheinen) Höhen über die leichten Gitarren-Akkorde zum Besten gibt, lässt meine Laune in den Keller sinken. Wow, wie einfallsreich. Dass die altbekannte „Liebe“ schließlich „alles“ sein soll, hat bekanntlich bislang noch niemand besungen. Gut, dass Rosenstolz uns also noch einmal an diese wichtige Tatsache erinnert haben …

Auch auf „Die Liebe ist tot“ – ah, erneut wird das einfallsreichste Thema im Titel benannt – greifen Rosenstolz ihre selbsternannte Meisterrubrik auf: Grauenhafte Schnulz-Gesänge, die vor lyrischen Oxymorons nur so sprießen, gepaart mit einer langweiligen Basis-Rhythmik bilden das Grundgerüst des Songs. So thematisiert das Lied, dass – wie der Titel bereits verrät – die Liebe tot ist, obwohl „meine Liebe […] längst nicht tot“ ist. Wer das verstehen möchte, heißt wohl höchstens Chuck Norris.

Der Folgesong „Ich will mich verlieben“ bringt wiederum neue Möglichkeiten ins Spiel, denn schließlich ist der Zuhörer bislang noch immer nicht um die tatsächliche Existenz der ‚Liebe‘ aufgeklärt worden. Nicht nur, dass die mehrspurige Harmonie in der sonst eher öden und eintönigen Begleitung des Songs kaum etwas hergibt, auch der knödelige – ah, ich habe es also doch geschafft, ein Synonym für „krächzend“ zu finden – Gesang und der gänzlich überflüssige Streicherakkord zum Schluss lassen mich gewaltig mit dem Kopf schütteln (… in der Hoffnung natürlich, meine Kopfhörer würden sogleich von meinen Ohren fallen.)

Obwohl ich den Songs „Ausgesperrt“ – hier missfällt mir lediglich die Möchtegern-motzige Nina Hagen-Imitation der Frontsängerin – oder „Eine Frage des Lichts“ – dem Stück muss ich zugegeben ein großes Lob für die gelungene, fast schon zickig wirkende Melodiestimme aussprechen – durchaus etwas abgewinnen kann, stört mich allen voran die amateurbesetzte Lyrik der Rosenstolz‘schen Songs. Und das, obwohl es sich bei dem Album um ein Werk mit viel Tiefe und vor allem Melancholie handeln soll. Dennoch entdecke ich auf Stücken wie „In den Sand gesetzt“ allenfalls eine Aneinanderreihung von Gedanken einer sich im Selbstmitleid suhlenden Heulsuse. Doch vermutlich sind es genau solche Songs, die viele der Rosenstolz-Hörer in besonderem Maß berühren.

Doch bevor ich mich nun weiter in Rage rede und einige Fans des Duos mit meiner kritischen Meinung womöglich noch persönlich angreife, möchte ich an dieser Stelle ein Resümee ziehen: Denn für mich ist und bleibt die Musik von Rosenstolz einfach nichts. Fehlende Versmaße oder Reime, die gewöhnungsbedürftige Klangfarbe der Frontsängerin sowie die melancholische und Ich-bezogene Lyrik der Songs treffen bei mir – auch aus rein musikalischer Sicht – einfach nicht ins Schwarze und wirken aufgesetzt und unauthentisch. Der Erfolg des Duos aus den vergangenen Jahren beweist aber, dass ich mit meiner Meinung allein dastehen könnte. Sollten sich AnNa R. und Peter Plate eines Tages wieder aufraffen, um gemeinsam Musik zu machen, werde ich zwar keinesfalls begeisterte Jubelsprünge machen, aber mich immerhin für Christopher freuen, dass er bald wieder neue Musik seiner absoluten Lieblingsband hören darf.

… Und da heute Weiberfastnacht ist und wir in Köln den Straßenkarneval einläuten, wünsche ich jedem einzelnen von euch – ob Rosenstolz-Fan oder nicht – zu guter Letzt ein fröhliches: Dreimol von Hätze Kölle Alaaf! Treibt es bunt – aber nicht zu doll!

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