Plattenkrach: Tokio Hotel – Schrei

Lautes Gekreische und weinende Fans, die sich gegenseitig Haarbüschel ausrupfen – das sind Tokio Hotel! Zumindest für die Menschen, die nicht gerade selbst Fan der vierköpfigen Band aus Magdeburg sind. Mittlerweile haben Tokio Hotel ihren Musikstil vom poppigen Rocksound zum Synthpop weiterentwickelt und sind von Deutschland nach Los Angeles verzogen. Das Klischee-behaftete Image bleibt trotzdem bestehen. Aktuell sorgen Tokio Hotel weniger mit ihrer Musik als mehr mit ihrem Liebesleben für Aufsehen, denn Gitarrist Tom Kaulitz angelte sich vor einiger Zeit die vergleichsweise ältere Heidi Klum als seine neue Freundin. Vor über 10 Jahren sah das Ganze noch anders aus – als im September 2005 das Debütalbum “Schrei” erscheint, spalten Tokio Hotel mit ihrer Musik die Massen. Vor allem junge Mädchen – zu denen auch unsere Redakteurin Yvonne gehörte – waren begeistert von den außergewöhnlichen Newcomern. Andere Hörer, so wie Christopher, die nicht in die angestrebte Zielgruppe fielen, konnten mit dem Hype eher weniger anfangen. Grund genug, um die Pro- und Contra-Meinungen unserer Redakteure mal ausführlicher zu betrachten.

Yvonne sagt dazu:

Keine andere Band hatte in ihrer Karriere mit so vielen Vorurteilen und Schubladen zu kämpfen wie Tokio Hotel. Deshalb hoffe ich sehr, dass sowohl Christopher als auch die Leser dieses Artikels nun all ihre Schubladen wieder ausräumen und vollkommen unvoreingenommen an diesen Plattenkrach herangehen, um das Phänomen „Tokio Hotel“ zumindest ein bisschen nachzuvollziehen zu können.

Ich dürfte so in etwa vierzehn Jahre alt gewesen sein, als ich das Video zu „Durch den Monsun“ zum ersten Mal bei “VIVA brandneu” im Fernsehen zu sehen bekam. Wer sind die denn? Tokio Hotel? War es der schrille Emo-Look von Sänger Bill Kaulitz, der mich damals begeisterte? Oder die wirklich billigen Special Effects, die im Musikvideo einen Wirbelsturm simulierten? Nein, der Song wirkte einfach direkt wie eine Single mit Hitpotential. Der gefühlvolle Beginn, der eingängige Refrain, das sich aufbäumende Finale und dabei die stets angenehm ungewöhnliche Stimme von Bill (den ich mit seinen braunen Rehaugen zugegebenermaßen ein bisschen süß fand). Bald hielt ich mit „Schrei“ endlich das Debütalbum der vier Jungs aus Magdeburg in den Händen und auch wenn ich jetzt nicht behaupten kann, dass die Platte einer meiner All Time Favorites ist, die ich auch heute noch regelmäßig in Dauerschleife höre, so befinden sich auf dem 2005 veröffentlichten Debüt dennoch einige Songs, die meine Jugend deutlich geprägt haben.

Eröffnet wird „Schrei“ vom gleichnamigen Titeltrack, den ich wohl – genau wie den auf die Debütsingle folgenden dritten Song „Leb die Sekunde“ – zu meinen am wenigsten gemochten Tracks der Platte zählen würde. Doch auch 13 Jahre später sind die ersten Zeilen, die Bill dem Hörer hier entgegensingt, eine Inspiration für Außenseiter und einsame Teenieherzen: „Du stehst auf und kriegst gesagt, wohin du gehen sollst. Wenn du da bist, hörst du auch nur was du denken sollst.“ Ein Aufschrei zur pubertären Rebellion! Bäm. Genauso inspirierend geht es weiter, dabei stets begleitet von rockigen Gitarrenklängen und kraftvollen Drums: „Leb’ die Sekunde! Hier und jetzt, halt sie fest.

Doch Tokio Hotel können auch gefühlvoll, wie die Singleauskopplung „Rette mich“ beweist. Während ich das hier tippe und den Song nebenbei höre, fühle ich mich doch tatsächlich direkt noch einmal wie eine einsame Vierzehnjährige, die mit Herzschmerz und Tempobox auf dem Teppichfußboden ihres Zimmers sitzt und die Bravo durchblättert. Die Probleme der Vierzehnjährigen konnten Tokio Hotel damals einfach so deutlich vertonen, wie keine andere junge deutschsprachige Band – so auch im Song „Freunde bleiben“, der mit Schwachköpfen und falschen Freunden abrechnet. Auch Liebeskummer ist natürlich ein Thema und müsste ich einen Lieblingstrack auf „Schrei“ benennen, so wäre es wohl eindeutig „Ich bin nich’ ich“, den ich auch in der heutigen Zeit noch das eine oder andere Mal lauthals mit meinen Freundinnen zum Besten gebe. Emotional geht es auch bei „Wenn nichts mehr geht“ zur Sache, mit dem Bill damals den Tod seiner geliebten Tante verarbeitet hat (Tante? Oder Oma? Mein Fangirlwissen von damals lässt mich hier jetzt hoffentlich nicht im Stich). Weitere Familienproblematiken bringt  „Gegen meinen Willen“ ans Tageslicht – ein Song über die Scheidung der Eltern.

Womit wir wieder bei der Zeit als Teenager wären, denn mal ehrlich: Liebeskummer, Verlust, Familiendrama – wer findet sein damaliges Ich hier nicht in irgendeinem Song oder zumindest einer Zeile wieder? Tokio Hotel, die damals selbst nicht älter waren als ich, besingen völlig authentisch genau das, was tausende Kids damals wie heute alleine durchstehen mussten. Sie vertonen Situationen, in denen die jungen Fans sich Dank der Musik von Tokio Hotel nun endlich verstanden fühlen. Und genau deshalb ist „Schrei“ meiner Meinung nach ein grandioses und vor allem ehrliches Album, das es nicht verdient hat, mit Vorurteilen versehen in eine Schublade gesteckt zu werden.

Schrei” endet für mich bereits mit dem vorletzten Song „Der letzte Tag“, der später neu vertont als Singleauskopplung veröffentlicht wurde – zu dem Zeitpunkt hatte Bill dann auch seinen Stimmbruch hinter sich gebracht. Das Lied markiert den Übergang der kleinen Jungs aus Magdeburg zu den erfolgreichen internationalen Superstars und ist bis heute mein mit Abstand liebster Tokio Hotel Song aller Zeiten.

Ob ich mich dafür schäme, Tokio Hotel gefeiert und ihnen einen Plattenkrach gewidmet zu haben? Nein, wieso sollte ich. Dass „Schrei“ mit über 1,5 Millionen verkauften Exemplaren allein in Deutschland mit dreifach Gold ausgezeichnet wurde, spricht wohl ebenfalls dafür, dass die Band mit ihrer Musik damals einen Nerv der Zeit beziehungsweise der Jugend getroffen hat.

Christopher hingegen findet:

Als Tokio Hotel in den Charts auftauchten, war ich sechszehn. In meinem Alter war es äußerst uncool, die gut zu finden. Eben „Kindermusik“. Ich erinnere mich aber, dass es tatsächlich viele Leute (ich glaube, überwiegend Mädels) aus den jüngeren Stufen gab, die Bandshirts anhatten und sich auch im Styling den Mitgliedern näherten. Joa, ok. Feel free. Zugeben sollte ich, dass es immer mal einen Song gab, den ich ganz ok fand. Richtig gefeiert habe ich die Magdeburger Jungs aber nie – bis mich dann 2014 auf einmal eine Kommilitonin auf „Girl Got a Gun“ aufmerksam machte. Das Video sei so krass. Angeguckt, für ganz ansprechend befunden. Der Song war ein kleiner gemeiner Ohrwurm. „Dream Machine“ habe ich mir 2017 dann sogar komplett reingezogen und einige geile Nummern entdeckt. DAS sind Tokio Hotel? Krass. Mehr davon!

Aber mit „mehr davon“ ist jetzt erstmal nicht. Stattdessen darf ich mich nun mit dem Erstling „Schrei“ befassen, quasi dahin zurück, wo sie herkommen. Ich werde probieren möglichst objektiv aus meiner erwachsenen Haltung heraus zu beurteilen, was ich da grade höre. Auch wenn alle immer Tokio Hotel gedisst haben, habe ich sie immer in einer Hinsicht verteidigt: sie können immerhin Instrumente spielen und waren an einigen Songs auch stets am Songwriting beteiligt. Das können viele Bands nicht von sich behaupten. Bekommt somit direkt Probs von mir. Auf der anderen Seite kann ich aber, auch wenn ich es WIRKLICH will, dem Album einfach wenig abgewinnen. Natürlich darf man nicht vergessen, für wen hier geschrieben wurde: für Teenager. Dass damit der Nerv getroffen wurde, zeigte die Fanbase und das Medienecho. Leider bin ich jedoch genau diese paar Jährchen zu alt, um mich angesprochen zu fühlen. Der Sound soll rotzig, frech und vorantreibend klingen, ist aber durchweg vorhersehbar und stets radiotauglich. Tut niemandem weh.

Egal, ob poppige Mitsingrefrains in „Leb‘ die Sekunde“ und „Durch den Monsun“ oder Breitband-Rockballaden in „Rette mich“: die Melodien sind äußerst einfach gehalten, fordern zu keiner Sekunde, sind aber in Teilen noch akzeptabel, auch wenn aufdringliche Refrains wie in „Schrei“ penetrant erscheinen. Ganz peinlich wird es eher inhaltlich bei Trennungssongs a la „Freunde bleiben“: „Leck‘ mich doch, […] Arschgesicht, nimm‘ das nicht persönlich, […] Ich rede nicht so ‘n Scheiss wie du, steh‘ nicht auf die gleichen Bands wie du, […] du bist der Geilste unter Vollidioten, […]“. Hart. Bill möchte sein Sandförmchen zurück. Außerdem wurden ein paar Poesiealbumbücher zu viel gelesen („Wenn nichts mehr geht“). Herzlich gelacht habe ich bei dem Songtitel „Jung und nicht mehr jugendfrei“. Ich knibbele jetzt noch am imaginären „Parental Advisory“-Aufkleber. Ein einziger Song geht klar: „Der letzte Tag“. In diese Richtung ging letztendlich ja auch Album Nummer Zwei. Gut so.

Das größte Problem habe ich aber mit ganz großem Abstand mit der Stimme und dem Gesang. Zum Glück hat Bill heute einen anderen Stil gefunden, der zwar an Narzissmus und Arroganz schwer zu toppen ist, aber dennoch genügend Coolness mitbringt. Dieses Rumgejammer, schlechtes Artikulieren und Schlafzimmer-artiges Gesäusel Anno 2005/6 macht mich wirklich wahnsinnig. Ich habe das Gefühl, dass ein Kind mir sein Herzeleid erzählen mag („Ich bin nicht ich“). Einfach unabsichtlich lustig. Meine Emotionen wechseln stets zwischen Fremdscham und dem Drang, ihm helfen zu wollen. In den Arm zu nehmen, zu sagen, dass doch alles nicht so schlimm ist, währenddessen aber bei ihm gefühlt grade noch die Rasierklinge am Arm klebt – das macht es so schwierig und ausweglos.

Fazit: Ich verstehe, dass dieses Album für eine Generation wichtig ist. Ich verstehe, dass man Tokio Hotel gut fand. Das liegt in erster Linie jedoch an den Künstleridentitäten, die dort auf der Bühne standen, dem Style und dem Alter der Typen und keinesfalls an der Musik. Schaltet man mal den Gesang komplett ab, ist die Platte kaum spektakulär, aber gerade noch schlechtes Mittelfeld. Mit Bill ist das Zuhören in meinen Augen aber fast unerträglich.

Das Album “Schrei” kannst du dir hier kaufen.*

Und so hört sich das an:

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https://www.youtube.com/watch?v=S_Sy5-sOodA

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