Interview mit Jimmy Eat World über ihre Bandgeschichte!

Interview mit Jimmy Eat World

(English Version below!) Jimmy Eat World gibt es schon lange. Sehr lange. Seit Mitte der 90er Jahre veröffentlicht das Quartett aus Arizona alle paar Jahre Alben, die sich regelmäßig der Spitze der Charts in etlichen Ländern annähern. In den letzten Wochen befand sich die Band in Europa, um neben vielen Festival-Shows auch einige wenige Headliner-Konzerte zu spielen. So auch im gutgefüllten E-Werk in Köln. Vor dem Konzert hatten wir die Möglichkeit mit Sänger und Gitarrist Jim Adkins (41 Jahre jung) über die lange Bandvergangenheit, die Musikindustrie und mit ihr verbundene Veränderungen und die Live-Shows seiner Band zu sprechen.

minutenmusik: Hi Jim! Letzte Woche habt ihr sowohl auf dem Hurricane, als auch auf dem Southside Festival gespielt. Diese zwei Festivals sind zwei der größten Deutschlands mit insgesamt über 130,000 Besuchern. Wie habt ihr diese zwei Events erlebt?

Jim Adkins: Das war toll! Die Shows haben sehr viel Spaß gemacht. Es waren sehr viele Menschen da. Das Hurricane war eher verregnet, das Southside war wunderschön. Es war war atemberaubend.

minutenmusik: Findest du, dass eure Musik eher zum regnerischen oder eher zum sonnigen Festival passt?

Jim Adkins: Sie passt zu beidem! Wir haben verregnete Festival-Musik und sonnige Festival-Musik.

minutenmusik: Habt ihr die Setlist auch an die jeweiligen Wetterverhältnisse angepasst?

Jim Adkins: Wir spielen Musik, die zu beiden Festival-Stimmungen passt, auf beiden Arten von Festivals und warten ab, was passiert.

minutenmusik: Lass’ uns weiter über eure Live-Shows sprechen. Im letzten Jahr habt ihr einige kleinere Club-Shows in Europa gespielt, um euer aktuelles Album „Integrity Blues“ zu promoten. Hier in Köln, wo ihr heute seid, habt ihr im Underground gespielt, in das vielleicht 400 Leute passen. Heute werdet ihr im E-Werk spielen, das 2000 Menschen fasst. Was bevorzugst du: kleine Club-Shows, solche Venues wie heute oder die größten Festival-Bühnen?

Jim Adkins: Im Underground waren höchstens 400 Leute! Aber es ist lustig, weil zwischen den Shows ein solch großer Unterschied ist. Wir haben bei jeder Show Spaß. Jedes dieser Dinge hat seine Gründe, warum es spaßig ist. Die kleinen Orte machen Spaß, weil jeder einem sehr nah ist. Diese mittelgroßen Orte fassen mehr Leute, was zur Folge hat, dass sich alles nach einer großen Party anfühlt. Die Festival-Bühnen zu spielen ist einfach wahnsinnig. Das ist – auf eine komische Art und Weise – als ob du eine Probe spielst, mit dem Unterschied, dass vor dir tausende von Menschen stehen. Das ist immer eine sonderbare Erfahrung.

minutenmusik: In den letzten Monaten seid ihr auch durch Amerika getourt. Dort haben euch Beach Slang supportet. Kannst du uns einige andere neuere, kleinere Bands empfehlen?

Jim Adkins: (denkt nach) Cloud Nothing sind eine gute Band. Die werden jetzt aber vermutlich ein wenig größer. Das ist aber eine gute Frage! Die neue Wolf Alice Platte mag ich auch sehr. Die sind aber ja auch nicht mehr wirklich eine „neue“ Band.

minutenmusik: In eurer Bandgeschichte von Jimmy Eat World habt ihr schon neun Alben veröffentlicht. Das ist ziemlich viel! ich kenne nicht viele Bands, die derart viele Alben veröffentlicht haben. Wenn du aus diesen Alben deine drei Lieblinge aussuchen müsstest, welche würdest du wählen?

Jim Adkins: Das ist eine sehr schwierige Frage! Für mich wäre „Integrity Blues“ auf der Eins. Das ist auf jeden Fall das, worüber wir noch am enthusiastischsten sind. Danach wird es schwierig. Jedes unserer Alben hat bestimmte Elemente in sich, die um sie herum in unseren Leben geschehen sind. Ich kann keine der Platten auswählen und über die anderen stellen.

minutenmusik: Mit der Antwort kann ich leben. Nachdem du schon so viele Platten herausgebracht hast, würdest du sagen, dass es mit jeder Platte eher schwieriger oder eher leichter wird ein weiteres Album zu schreiben und aufzunehmen?

Jim Adkins: Es wird jedes mal schwieriger. Man lernt immer ein bisschen mehr, wenn man den Prozess durchmacht. Das führt dazu, dass man sich jedes mal einen höheren Standard setzt. Es kann schwierig sein, sich selbst dazu zu bringen, diesen Standart zu erreichen.

minutenmusik: Jimmy Eat World gibt es in dieser Formation seit 1995. Das sind schon über 20 Jahre! Ist es nicht manchmal schwer so viel Zeit auf Tour miteinander zu verbringen, wenn man sich mittlerweile schon so gut kennt? Wie kommt ihr auf Tour überhaupt miteinander aus? Lebt ihr eher nebeneinander her oder seid ihr noch immer wie eine große Familie?

Jim Adkins: Das ist unterschiedlich. Es gibt aber bei uns beides. Natürlich lernt man die anderen sehr gut kennen. Das kann schwierig sein. Dann kommt man aber zusammen und diese Magie entsteht. Das ist ein kompliziertes, sonderbares Gleichgewicht. Aber wir kommen noch miteinander aus!

minutenmusik: Lass uns nochmal in die Vergangenheit zurückblicken: Mit dem Wissen, was du jetzt über den Musiker-Job hast, würdest du, wenn du nochmal in der Situation wärst die Entscheidung treffen zu können, ob du einen „normalen“ Job haben möchtest oder professioneller Musiker werden magst, dich jetzt anders entscheiden?

Jim Adkins: Nein, ich würde mich wieder so entscheiden.

minutenmusik: Also bereust du nichts?

Jim Adkins: Nein, auf keinen Fall!

minutenmusik: Wenn du einen Club betrittst und „The Middle“ angespielt wird, wie reagierst du?

Jim Adkins: Ich gehe wieder. Ich hab den Song schon in unterschiedlichen komischen Situationen gehört, was eigentlich lustig ist. Aber es ist immer noch komisch für mich – in einer guten Art und Weise!

minutenmusik: Das kann ich verstehen! Vor einigen Tagen habt ihr in einem Interview den Underdog Recordstore in Köln erwähnt. Dort hieß es, dass ihr in den 90ern noch eure eigene Distribution in Europa wart und eure Platten persönlich zu bestimmten Plattenläden gebracht habt. Der Underdog gehörte zu diesen Läden. Tatsächlich ist der Laden immer noch sehr wichtig für die Kölner Musikszene, ist lokaler Veranstalter für Konzerte und hat immer noch die besten Platten. Warst du in den letzten Jahren noch einmal da?

Jim Adkins: Das ist super! Dass wir unser eigener Vertrieb waren, ist wie die Dinge damals hier in Europa gestartet haben. Leider ist es aber schon eine Weile her, seitdem ich in dem Shop war.

minutenmusik: Du solltest den Laden noch einmal einen Besuch abstatten. Er ist toll!

Jim Adkins: Ja!

minutenmusik: Es gibt viele Bands, von denen der Großteil der Menschen nur ein, zwei Songs kennen, weil diese im Radio oder in Clubs gespielt werden. Selbst, wenn der Rest der Diskographie mindestens genauso gut ist, schenken diese Menschen diesem keine Beachtung. Denkst du, dass dieser „Hit“-orientierte Musik-Markt ein Problem ist?

Jim Adkins: Nein, weil das schon immer so war. Seit den 50ern ist das schon genauso.

minutenmusik: Glaubst du nicht, dass die Digitalisierung hieran etwas geändert hat?

Jim Adkins: Ich glaube, wenn Menschen etwas interessant finden, ist es jetzt einfacher sie dazu zu bringen es sich anzuhören, falls sie es denn auch wollen. Wenn sie es sich nicht anhören wollen, müssen sie es auch nicht. Dann gibt es sehr viel anderes. Man kann sich heutzutage das Beste des Besten heraussuchen, wenn man das mag, oder sich eben mehr in etwas vertiefen, was einen interessiert.

minutenmusik: Gibt es nun also mehr Druck, dass sich Leute das sich anhören oder nicht, wenn man eine Platte herausbringt?

Jim Adkins: Das hängt davon ab, was du als Musiker erreichen möchtest. Wenn du der Meinung bist, dass du eine Stunde brauchst, um das, was du kommunizieren möchtest, rüberzubringen, dann tu das! Man muss aber in Betrachtung ziehen, dass man auch mit realistischen Erwartungen an die Sache herangehen muss – man muss sich bewusst sein, wieviel Konkurrenz es um die Zeit von den Leuten gibt. Man fordert dann ja von jemandem, dass er sich für eine Stunde seines Tages niedersetzen soll und das, was du geschaffen hast, auschecken soll. Man muss sich da schon bewusst sein, wie wenig Zeit Menschen haben. Für uns ist aber jeder Song etwas, auf das wir sehr stolz sind.

minutenmusik: So sollte es ja auch sein! Ich habe schon mehrfach Musiker darüber sprechen gehört, dass sie dem Format „Album“ keine Zukunft zusprechen. MUSE planen zum Beispiel in Zukunft eher einzelne Singles zu veröffentlichen, wenn sie einen Song fertig geschrieben und aufgenommen zu haben, als darauf zu warten, diesen mit einem Album herauszubringen. Teilst du diese Meinung?

Jim Adkins: Ich glaube, das hängt wieder davon ab, was du als Musiker tun möchtest – was deine Vision ist. Möchtest du nur eine kleine Sache veröffentlichen oder denkst du, dass du etwas zu sagen hast, das mehr Zeit benötigt? Wie man das veröffentlicht, kann jeder wirklich selbst entscheiden. Es gibt sehr viele verschiedene Wege den Leuten zu präsentieren, was man tut.

Ich denke schon, dass einige Bands entscheiden werden, dass es aufregender ist einzelne Songs zu veröffentlichen. Die sich denken: „Wir haben jetzt diesen Song geschrieben, den wir total toll finden und bringen den später am Tag heraus. Fuck it, lass uns das so machen!“ Auf der anderen Seite werden andere Musiker denken: „Wir haben einen Plan. Eine genaue Vision, wie wir unsere Musik den Leuten präsentieren wollen.“ Das mag dann mehr Zeit brauchen. Es ist wirklich von dir abhängig, was du tun möchtest.

minutenmusik: Okay! Das wars auch schon. Vielen Dank für das Interview!

Jim Adkins: Gerne!

Und so hört sich das mittlerweile an:

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Foto von Jimi Giannatti.

English version:

minutenmusik: Hi Jim! In the last week you played Hurricane and Southside Festival, which are one of the biggest festivals in Germany with over 130000 people attending. How was playing these festivals for you?

Jim Adkins: It was amazing! It was really really fun. There were a lot of people. Hurricane was rainy, Southside was beautiful – it was just awesome.

minutenmusik: Would you say your music fits more to the rainy or the sunny festival?

Jim Adkins: It fits both! We have rainy festival music and we have sunny festival music.

minutenmusik: Did you decide the setlist depending on the weather situation?

Jim Adkins: We are playing music for both kinds of festivals at both kinds of festivals and see what happens.

minutenmusik: Still talking about your live shows. In the last year you played some smaller club shows around Europe to support your new album „Integrity Blues“. In cologne, where you are staying tonight, you played at the Underground, which holds less than 400 people. Tonight you play at the E-Werk with a capacity of 2000. What do you prefer: playing small club shows, venues this size or the biggest festival stages?

Jim Adkins: There were 400 at the most! But it is fun, because there is such a difference. We would have fun playing anything. It is all good. Each has its own reasons, that it is fun. The small places are fun, because everyone is pretty close to you. At these medium sized places there is more people and it feels like a bigger kind of party. And the festivals are just insane. It is – in a weird way – like playing a rehearsal, except there is this thousands and thousands of people out there. It is a strange experience.

minutenmusik: In the last months you were on tour across the USA with Beach Slang supporting. Are there any other smaller newer bands you can recommend?

Jim Adkins: (Thinks) Cloud Nothing is a good band! But they  are probably getting a bit bigger now. But that is a tough question! The new Wolf Alice record I like a lot too. But they are not really a kind of “new“ band.

minutenmusik: You released nine albums so far. That is quite a lot. I do not know many bands, that released that many records! From all of those records, if you had to pick three, which three would you pick for your favorite ones?

Jim Adkins: Oh man, that is tough! Well, „Integrity Blues“ would be number one for me. It is definitely, what we are exited about. It is tough after that. Each of our albums has really specific things in the times of our lifes, that were happening around them. I can’t really pick any of them and fit them in the top.

minutenmusik: That is fine. After recording and writing so many records with Jimmy Eat World, would you say, that making a record gets harder or easier every time?

Jim Adkins: It gets more difficult every time. You learn a little bit more each time you go through the process, so you hold yourself to a higher standard every time you do it. It can be difficult to push yourself to meet that standard every time.

minutenmusik: You are together in this formation since 1995. That is over 20 years! Isn’t it hard to spend so much time together on tour, when you know each other so well? Do you live besides each others on the road or are more like a big family?

Jim Adkins: It depends – It is both. You get to know the other people a lot. That can be difficult. But then you come together and do things. It’s a tricky, strange balance, that is hard to describe. But we still get along!

minutenmusik: Again looking back in time: With the knowledge you now have, would you now decide to have a “normal job“, if you would be in the same position years ago, when you could decide wether you want to become a professionell musician or not?

Jim Adkins: No, I would still do this!

minutenmusik: So you don’t regret anything?

Jim Adkins: No. Definitely not!

minutenmusik: When you enter a club night or a rock-party and “The Middle“ starts playing, how do you react?

Jim Adkins: I leave. I heard it in weird settings sometimes, which is funny. It is still weird for me – in a good way!

minutenmusik: I can understand  that! In an interview a few days ago you mentioned the Underdog Records Store in Cologne. I remember you telling the interviewer, that you used to do your own distribution in Europe back in the 90s, bringing your records to the record stores, when you were on tour over here. Actually the Underdog Record Store is still important for the music scene, being a local organizer for shows and still being the best record store in the area. Have you been there in the last years?

Jim Adkins: That is great! Being our own distribution is kind of how things started over here. But it’s been a while since I been in the shop.

minutenmusik: You should pay them a visit the next time you’re here. They are great!

Jim Adkins: Yeah!

minutenmusik: There are many bands, from which many people only know one or two songs, because those songs get played on the radio or in clubs. Even if the rest of the discography is at least as good as those few songs, most people don’t pay attention to them. Do you think this „hit-orientated“-music market is a problem?

Jim Adkins: No, because that is the way its always been. Like the 50’s its been like that.

minutenmusik: But do you think digitalization changed a lot?

Jim Adkins: I think, if there are people being curious about something, there is a easier way to make them listen, if they want to. If they do not want to listen, they do not have to. There is plenty of other. You can sample the best of the best, if you want, or you can go for a deeper dive into things, that you a curious about.

minutenmusik: So is there even more pressure, when you make a record, that people will listen to it or not?

Jim Adkins: It depends on what you wanna do as a musician. If you really feel like an hour is central to a thing, that you wanna communicate, then go ahead! But you have to take the consideration, that you need to have realistic expectations about that – about how much competition there is about people’s time. You are asking someone „sit down for an hour of your day and check out this thing I did!“. You have to be realistic about the time of that person. For us, every song is just something we are proud of.

minutenmusik: This is how it should be! I heard several musician speaking about how the format „album“ does not have a future for them. For example MUSE are planning to release more single in the future and release them, when they are finished and not with an album. Do you share that opinion?

Jim Adkins: I think – again – it is really dependent of what you, as a musician, want to do. What is your vision? Do you want to put out just one thing or do you feel like you have something to say, that requires more time? How you release it, is really up to you too. There are many different ways to present people, what you are doing. I think, that some people will definitely decide, that releasing songs is more exiting. That they are like „We did this thing we are really excited about and later on tonight, its gonna come out. Fuck it, lets do it that way!“. On the other hand some people might think „Well, we have a plan. We have this specific vision for how we want to present it.“. That might need more time then. It is just really up to you, what you want to do.

minutenmusik: Ok. Thank you very much for the interview and taking your time!

Jim Adkins: You are welcome!

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