Tokio Hotel, E-Werk Köln, 07.05.2023

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Als ich meinem Umfeld erzählte, dass ich zum Konzert von Tokio Hotel gehen würde, war die allgemeine Reaktion: „Die gibt’s noch?“ Auch vor dem E-Werk in Köln, wo die vierköpfige Band rund um Bill und Tom Kaulitz am 07.05.2023 auftrat, fand man von Fans selbstgedruckte Sticker mit genau der gleichen Frage. Merkwürdig – so waren Tokio Hotel doch in den vergangenen Jahren in der deutschen Media Welt fast überall präsent: sei es als Titelsong für die vergangene Staffel Germany’s Next Topmodel, ihrem eigenen Podcast Kaulitz Hills oder neuerdings sogar mit ihrer eigenen Musikshow That’s my Jam. Mittlerweile konnten vor allem die Kaulitz-Brüder sich auch außerhalb ihrer Musik einen Namen machen und sich so ein Stück weit vom einstigen Teenie-Image der Band lösen.

Gemeinsam mit ihren Bandkollegen Georg Listing und Gustav Schäfer, die sich bewusst für ein meist eher ruhigeres Leben außerhalb des Blitzlichtgewitters entschieden hatten, waren Bill und Tom nun aber zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und gingen auf Beyond The World“ Tour. Die Konzerte waren dabei ursprünglich für 2020 geplant, ehe Corona dem Ganzen jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Beim Betreten der ausverkauften Location stellte man schnell fest, dass mit der Band natürlich auch die Tokio Hotel Fans älter geworden waren. Neben den noch immer stark vertretenen weiblichen Fans der Band, war das Publikum durchaus aber auch männlicher und vor allem diverser geworden – eine Entwicklung, die man sicherlich Bills Auftreten und seinem andauerndem Engagement für die LGBTQ+ Szene zu verdanken hat.

Nun fragt man sich: können Tokio Hotel bei all ihren Nebenprojekten und der etwas längeren Livepause auch auf der Bühne noch überzeugen? Die Antwort lautet ganz klar: ja! Zunächst läuteten Tom, Georg und Gustav  das Intro ein, ehe auch Bill mit einer Gitarre die Bühne betrat. Schon beim Opener, der GNTM-Hymne White Lies, wurde klar, dass die Band viel mehr zu bieten hatte, als nur ihr Image. Mit harten Gitarrenriffs und lautem Bass präsentierten Tokio Hotel von Anfang an eine Show der Extraklasse, die weitaus rockiger klang, als erwartet. Waren die Texte der Band bei ihrem Debüt einst noch ausschließlich auf Deutsch gewesen, so hatte man sich ungefähr 2010 auf die englische Sprache geeinigt. Auch der Sound hatte sich vom einstigen Emo-Sound zu einer Mischung aus Rock- und Elektro-Pop weiterentwickelt. Songs wie der Ohrwurm Girl Got A Gun bewiesen schnell, dass die Fans nicht nur der Nostalgie wegen bei der Show waren, sondern auch den aktuellen Sound der Band feierten.

Während bunte LED-Lichtwände auf der Bühne die unterschiedlichen Song-Genres untermalten, spielten Tokio Hotel ein Best Of ihrer musikalischen Entwicklung. Neben den eher elektronisch angehauchten Tracks der vergangenen Alben, gab es dabei auch ein Rockstar-haftes Gitarrensolo von Tom, sowie mit Just A Moment eine wunderschöne Akustikballade der beiden Kaulitz Brüder. Eine weitere Konstante bei allen Songs: die stimmliche Glanzleistung von Sänger Bill, der in egal welcher Tonlage seine Gesangskünste live unter Beweis stellte. Neben seiner stimmlichen Performance präsentierte Bill zusätzlich auch noch vier imposante Outfit-Wechsel, wobei jeder neue Look glamouröser wirkte als der letzte. Auch wenn Bill als Sänger und Fashion-Icon ein wenig mehr im Vordergrund stand, als seine Bandmitglieder, so wirkte der mittlerweile 33-Jährige Dank seiner Ansagen dennoch sympathisch und nahbar. „Wer ist denn schon betrunken heute Abend?“, fragte er an einer Stelle des Sets und zeigte sich scherzhaft empört, als sich kaum jemand im Publikum meldete. Wäre er an unserer Stelle, so versicherte er, hätte er schon längst einen im Kasten.

Der für viele Fans wohl bedeutendste Moment des Abends wurde ebenfalls von einer sympathischen Ansage eingeleitet: Bill erklärte, dass ihm damals beim Schreiben gar nicht bewusst gewesen war, wie viel der nachfolgende Song den Fans am Ende bedeuten würde und wie viele Menschen aus den Lyrics Kraft gezogen hatten. Genau deshalb habe der Track es wieder in die Setlist geschafft: Spring Nicht. Ein Song, der damals einer der erfolgreichsten Tracks von Tokio Hotel gewesen war und auch zu meinen absoluten All-Time Favorites zählt. In einer fullminanten Orchersterversion (mit Orchestar vom Band) spielte die Band ihre Hitsingle und rührte damit einige Fans im Publikum zu Tränen. Ähnlich emotional und nostalgisch ging es auch beim Song Schwarz zugange, der damals eigentlich nur als Single B-Side veröffentlicht wurde, aber sich zurecht einen Platz im Herzen der Fans erobert hatte.

Doch auch ausgelassen ging es beim Konzert zur Sache: nur selten waren Handybildschirme in der Luft zu sehen. Die meisten Fans genossen den Abend auch ohne ihre Kamera. Beim Song Feel It All sprang fast das gesamte Publikum glücklich zum Takt des Refrains umher. Glückliche Gesichter, wohin man auch blickte.  Ein weiteres Highlight: Tokio Hotel spielten eine gekürzte Version ihres Features 4×4 mit Kraftklub, wobei deren Parts natürlich vom Band kamen. Dennoch hatte man das Gefühl, dass dies einer der Songs gewesen war, auf den die meisten Fans an diesem Abend gewartet hatten. Als Zugabe gab es dann aber natürlich auch noch den Hit, mit dem das ganze Phänomen rund um Tokio Hotel einst begonnen hatte. Während die Band eine rockigere Version von Durch den Monsun spielte, lief das 2005 erschienene Musikvideo auf den Leinwänden im Hintergrund und bescherte eine weitere Prise Nostalgie, als man Bill in seiner 2023 Version vor dem kleinen Jungen von früher stehen sah. Außerdem bildete das Konzert durchweg einen Safe Space für die LGBTQ+ Community: bei der Elektro-Ballade We Found Us zierten bunte Regenbogenlichter die Bühne, der Song Love Who Loves You Back machte deutlich, dass es egal ist, wen man liebt, solange es auf Gegenseitigkeit beruht, und im Track HIM besang Bill Kaulitz selbst seine Gefühle für eine männliche Person.

Den Abschluss des Konzertes bildete nach 90 Minuten schließlich der Song Runaway vom aktuellen Album 2001, das im vergangenen Jahr erschienen war und entließ das Publikum mit Konfetti in die Nacht. Merkwürdigerweise wurden die aktuellen Singles Happy People und When We Were Younger nicht gespielt, doch stattdessen hatten die Fans vorab via Social Media die Chance gehabt, ihre Lieblingssongs durch Streaming in die Setlist zu wählen. Durch diese Aktion – oder aber auch durch die internen Absprachen der Band – hatten es Tokio Hotel geschafft, eine Highlight-reiche Setlist zusammenzustellen, die Dank fantastischen Livequalitäten komplett überzeugen konnte.

Das Gekreische der Fans von früher gab es auch heute noch. Doch irgendwie gehört das bei Tokio Hotel wohl auch einfach dazu. Nichtsdestotrotz hat die Band sich erfolgeich von ihrem Teenieband-Image wegbewegt und auch außerhalb der Musikkarriere Fuß in der deutschen Medienlandschaft gefasst. Ein absolutes Highlight in diesem Jahr: erstmals spielen Tokio Hotel auch auf einigen Festivals, die sich in der Vergangenheit vehement geweigert hatten, die Band zu buchen. Man darf gespannt sein, wie diese Auftritte bei den bunt gemischten Festivalbesucher*innen wohl ankommen werden, doch eins ist klar: Tokio Hotel gibt es immer noch! Wenn nicht sogar stärker als je zuvor.

So hört sich das an:

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Tokio Hotel – „Beyond The World“ Tour 2023

17.05.2023 – Leipzig
18.05.2023 – Hamburgausverkauft
19.05.2023 – Berlinausverkauft

Festivals 2023

20.07.2023 – 23.07.2023 – Deichbrand Festival – Cuxhaven
10.08.2023 – 12.08.2023 – Rocco Del Schlacko – Püttlingen
18.08.2023 – 20.08.2023 – Highfield Festival – Großpösna
18.08.2023 – 20.08.2023 – San Hejmo Festival – Weeze
24.08.2023 – Zeltfestival Ruhr – Bochum

Die Bildrechte liegen bei Patrick Schulze / @patsch.1

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