Verblüffend: Die zwei wohl bekanntesten und beliebtesten Musicaldarstellerinnen der DACH-Region im laufenden Jahrtausend kommen beide aus der Niederlande. Pia Douwes und Willemijn Verkaik sind die unangefochtenen Größen ihrer Generation – doch auch über die beiden hinaus scheinen unsere Nachbar*innen außergewöhnlich viel Talent in der Musiktheatergattung mitzubringen. Ana Milva Gomes, Annemieke van Dam und Wietske van Tongeren haben sich in den letzten zwei Dekaden eine große Fangemeinde aufgebaut, besonders in der österreichischen Hauptstadt Wien. Gemeinsam stehen sie nun erstmalig auch in NRW auf der Bühne: Für einen Abend heißt es unter dem Motto Die große Galanacht des Musicals, dass alle drei Dutch Divas – so der Name ihrer Formation – als Einheit das Ruhrgebietspublikum begeistern.
Das Musicalgenre ist ein hart umstrittenes Pflaster. Eigentlich gilt hier: Krallen ausfahren! Die Hauptrollen sind stark umkämpft, immer wieder rücken junge Nachwuchskünstler*innen nach, die womöglich den besseren Fit darstellen. Aber Ana, Wietske und Annemieke scheinen über diesen Wettstreit schon längst drüberstehen zu können. Mit Performances, die für Jahre im Kopf bleiben, haben sie sich ihren Ruf hart ersungen und ertanzt und können nun als Power-Trio, das sich gegenseitig jeden Erfolg gönnt, auf richtig hohem Niveau abliefern, ohne darüber nachzudenken, was das wohl Negatives mit sich bringt. Nach zwei umjubelten Vorstellungen im Raimund Theater in Wien zieht die Gala mit den drei Niederländerinnen erstmalig nach Deutschland – und scheint schon vor der ersten Vorstellung zu scheitern. Obwohl nur vier Shows angekündigt sind, wird schon mehrere Monate im Voraus auf zwei heruntergekürzt. Die Nachfrage ist schlichtweg nicht groß genug. Doch Frankfurt und Oberhausen bleiben bestehen. Zwar ist das Metronom Theater im Ruhrgebiet nicht ausverkauft, aber drei Viertel der Plätze sind locker weg. Es ist eben ein Event für Fans. Für diejenigen, die die Darstellerinnen nicht nur durch Zufall auf der Bühne entdecken, sondern bewusst abgespeichert haben, sie für ihre Interpretationen der großen Rollen in „Elisabeth“ , „Rebecca“ oder „Mozart!“ feiern und nun genau dieses erschlagende Wow-Gefühl, wenn sie spielen, wiedererleben wollen.
Schließlich wächst man mit der Zeit aus den Figuren raus. Manches wirkt mit Mitte 40 einfach unglaubwürdig. Doch genau dafür ist Die große Galanacht des Musicals gedacht, um einerseits an gute Zeiten zurückzuerinnern, andererseits aber auch mal Nummern zu singen, die sich die Frauen immer gewünscht haben, aber noch nicht umsetzen konnten. Mit einer siebenköpfigen Liveband – zusammengesetzt aus vier Streichern, einem Schlagzeug, einem (Kontra-)Bass sowie einem Piano – und einem klassischen, stilvollen Bühnenbild mit schickem Licht und Showtreppe gibt es 130 Minuten lang genug Raum, um alles zusammenzubringen.
Das ist selbstverständlich keine neue Idee. Eigentlich gibt es von jedem*jeder halbwegs großen Musicaldarsteller*in genau solche Konzerte zu sehen. Außerdem unzählige Best-ofs quer durch das Genre auf jeder Freilichtbühne gefühlt jeden Sommer. Das ist sicherlich mal ganz nett, aber die waschechten Musical-Fans wollen doch ein Quäntchen mehr. Nicht zum 372x dieselbe Songauswahl, nicht immer das exakt selbe Arrangement, dasselbe Kleid und dieselbe Phrasierung im dritten Refrain. Die Menge an Events ist schlichtweg zu groß, der Preis mittlerweile für viele zu hoch – da heißt es also genau auszuwählen, bei was einem das Fanherz aufgeht.
Schon die reine Ankündigung von Die große Galanacht des Musicals macht Freude, schließlich handelt es sich hier um Darstellerinnen, die man in der Gegend nur äußerst selten zu Gesicht bekommt. Als männlicher Support gibt es on top noch Drew Sarich, der ebenfalls seit Ende der 90s eigentlich alles einmal gespielt hat, was es so gibt, sowie Gino Emnes, der auch aus der Niederlande stammt. Eine wirklich stark zusammengesetzte Besetzung, bei der man nur das Allerbeste erwarten darf. Doch Die große Galanacht des Musicals teilt sich gen Ende in zwei Teile, die zusammen nicht das gewünschte Ganze ergeben. Selten war ein erster Akt so stark und ein zweiter Akt so – vielleicht ein zu großes Wort, aber irgendwo trifft es das dennoch – enttäuschend.
Die gesamten ersten 70 Minuten sind exakt das, was man erwarten darf, nämlich ein Querschnitt aus vielen Stücken, in denen eine der drei Dutch Divas glänzen konnten. Und wir wissen: Das sind nicht wenige. Besonders das wahnsinnig sympathische und liebenswerte Miteinander von Ana, Annemieke und Wietske ist äußerst erwähnenswert. Mit wirklich witzigen und top einstudierten Moderationen fliegt man nur so durch den ersten Akt. Es geht darum, dass „Diva“ eigentlich gar nicht so das perfekte Wort ist, sie zu beschreiben. Es geht um Freundschaften, die schon auf der Musicalschule begangen. Es geht um Menopausen, um Schwangerschaften, ums Muttersein, um Vergänglichkeit. Das ist sehr charmant und wirkt zu keiner Sekunde aufgesetzt. Ganz nebenbei tragen die Darstellerinnen atemberaubende Kostüme, wovon eines das andere schlägt. Mit Federboa beschmückt wird auf High Heels das Parkett betreten und dann richtig geslayed.
Denn schließlich hat man die Fangemeinde nicht als Geburtstagsgeschenk bekommen, sondern durch Talent. Wie viel davon in allen steckt, zeigt die gesamte erste Hälfte, auf der Highlight auf Highlight folgt. Mit hübschen, aber noch etwas generischen Openings aus „Dreamgirls“ und „Mamma Mia“ geht es solide los, doch dann wird geflext: Annemieke mit „Sie ergibt sich nicht“ aus „Rebecca“ und „Ich hab geträumt vor langer Zeit“ aus „Les Misérables“ mit Wietske legen die Messlatte wahnsinnig hoch. Doch ein Moment, auf den man in NRW bisher warten musste, ist Ana Milva Gomes mit der immer noch besten Interpretation von „Gold von den Sternen“ aus „Mozart!“, die es gibt. Das ist einfach Musicalplatin. Dazu folgen sehr intime Momente wie „For Good“ aus „Wicked“, in denen Wietske und Annemieke auf ihre gemeinsame Zeit in der Ausbildung zurückschauen und Annemieke sogar Tränen über die Wange laufen, die nicht rausgepresst und drüber, sondern echt wirken. In Kombi mit den beiden Gästen entstehen des Weiteren sehr besondere Duette wie das „Elephant Love Medley“ aus „Moulin Rouge“ und natürlich aus „Elisabeth“ das legendäre „Wenn ich tanzen will“.
Ganz stark sind nämlich die Überraschungen. Immer dann, wenn man aus dem berechenbaren Korsett ausbricht und so zum Beispiel „Gold von den Sternen“ mit einem fast schon mystischen langen Intro beginnt oder „Ich gehör‘ nur mir“ eben nicht von Annemieke oder Wietske, sondern von Gino Emnes performt werden. Zwar wird besonders letztes so manchen im Publikum vor den Kopf gestoßen haben, schließlich geht man ja in solch eine Veranstaltung, um diese drei Darstellerinnen mit jenen Classics zu hören, aber ein paar Ausreißer machen Die große Galanacht des Musicals spannend und äußerst abwechslungsreich.
Doch als ob sämtliche Kreativität und Intensität in der Pause in der Garderobe liegengeblieben wäre, gibt es im zweiten Akt von den gerade erwähnten positiven Merkmalen nahezu gar keine mehr. Klar, dass die fünf Menschen mit den Mikros in den Händen nicht in den 20 Minuten verlernt haben, zu singen, ist logisch. Aber gänzlich unverständlich wird das Konzept komplett über Bord geworfen. Musicalhits, durch die die Drei ihr Image kreiert haben? Aufgebraucht. Hübsches Kostüm? Im Finale trägt man fast schon Jogginghosen-artige Anzüge. Moderationen mit persönlichem Anstrich? Offensichtlich keine Lust mehr drauf. Warum?
Zwar gibt es zum Beginn des zweiten Aktes mit „Proud Mary“ aus „Tina – Das Tina Turner Musical“ einen Moment, in dem alle aufspringen und mittanzen, aber dann ist mit gelungenen Besonderheiten auch schon Ende. Besonderheiten folgen zwar weiterhin, nur welche, die man bei Die große Galanacht des Musicals zurecht nicht erwartet. Völlig beliebig folgen auf einmal mehrere Pop-Songs. Wietske singt „Euphoria“, den Eurovision–Song–Contest-Gewinnertitel aus 2012 von Loreen, Annemieke und Drew „Shallow“ von Lady Gaga und Bradley Cooper, dann gibt es einen niederländischen Block mit einem weiteren ESC-Lied, das 1993 für unser Nachbarland am Start war und einen Song von einer niederländischen Band, die hier niemand kennt. Warum? Dass Ana „Fabolous Baby“ aus „Sister Act“ auf Niederländisch singt, ist völlig fein und eine coole Idee – doch locker die Hälfte des zweiten Aktes ist komplett am Thema vorbei. Nicht nur ein bisschen, sondern komplett. Wollten die Drei immer schon mal diese Songs singen? Stand das wirklich auf deren Bucketlist? Auch merkwürdig: Mittendrin gibt es ein mehrminütiges Geigensolo ohne jeglichen Gesang. Ok.
Ein wenig rettet es noch Drew Sarich, der plötzlich E-Gitarre zockt und eine Rockabilly-Version von „All That Jazz“ aus „Chicago“ zum Besten gibt. Auf jeden Fall der herausragendste Augenblick im zweiten Akt. Dazwischen gibt es ebenfalls sehr random einen Song aus „Natürlich Blond“ und was aus „Peter Pan“. Selbst das Finale wird nur bedingt genutzt. Natürlich ist Journeys „Don’t Stop Believin'“ ein Evergreen und einigen aus „Rock of Ages“ auch im Musical-Kontext bekannt, aber irgendwie entsteht in der zweiten Hälfte kein einziges Mal das Gefühl, was es im ersten nahezu durchgängig gab. Nämlich eine Musicalgala, die ihren Namen nicht zufällig gewählt hat. Außerdem fällt immer mal wieder auf, dass für eine Show, die nur zweimal stattfindet, nicht immer hinreichend geübt wird – so haben nämlich an manchen Stellen alle ein wenig Taktprobleme. Besonders, wenn nur die Streicher spielen und die Rhythmus-Sektion fehlt, wird gern mal im Tempo gewechselt. Der Sprung zwischen englisch- und deutschsprachigen ist ebenso wieder kaum nachvollziehbar und willkürlich.
Seltsam. Als ob man zunächst alles abgehandelt hat, was Fans sich nun mal wünschen, wird nach der Pause plötzlich völlig freigedreht und vom Konzept sehr weit abgewichen. Dass das auch im Publikum nicht gut ankommt, hört man am Applaus. Der ist nämlich immer dann am lautesten, wenn die richtigen Banger wie „Gold von den Sternen“, „Wenn ich tanzen will“ oder auch das „Elephant Love Medley“ kommen. Ana Milva Gomes, Annemieke van Dam und Wietske van Tongeren zeigen in ihrer Dutch Divas-Revue, wie gigantisch gut sie in ihrem Fach sind. Man übertrumpft sich gegenseitig in Beltingtönen, man erfreut sich gleichzeitig am Talent der anderen. Das ist herrlich berührend, witzig und beeindruckend. Dass man aber genau das nicht bis zum Ende macht, um sich so selbst das Qualitätssiegel „Herausragend“ zu verwehren, ist irritierend und irgendwie auch etwas ärgerlich. Ganz gut ist der Abend in Oberhausen trotzdem.
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Foto von Christopher Filipecki
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