Moulin Rouge! Das Musical, Musical Dome Köln, 05.11.2022

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Da hat sich Corona zumindest halbwegs erledigt, kommt mit dem Ukrainekrieg und sämtlichen Folgen der Sanktionen die nächste Welle Herausforderungen auf uns zugeschwappt. Geld möchte gut überlegt ausgegeben werden. Wo spart man da zuerst? Natürlich an Freizeitangeboten. Wollte man Kultur schon 2020 und 2021 aus gesundheitlichen Gründen nur in Ausnahmefällen wahrnehmen, ist sie nun in wenigen Monaten zum Luxusgut geworden. In welche Veranstaltungen sollte man investieren, welche schenkt man sich besser? Wer sich bewusst für eine Show entscheiden möchte, um mal – und das ist keine Worthülse – eine Parallelwelt zu betreten und alles im tristen Alltag zu vergessen, hat nun mit Moulin Rouge! Das Musical ein unvergleichliches Angebot auf dem Silbertablett liegen.

Ist es am Broadway in New York oder am West End in London Gang und Gäbe, dass neue große Musical- und Theaterproduktionen starten, gleichzeitig aber auch gnadenlos scheitern, ist in Deutschland eine aufwändige Premiere fast schon ein Spektakel – zumindest, wenn dafür Theater umgebaut werden. Oftmals sind es vielleicht ein oder zwei Inszenierungen pro Jahr, die sämtliche Aufmerksamkeit an sich reißen und von denen auch Gelegenheitsgucker*innen mitbekommen, die sich oder der*dem Partner*in gern mal ein Ticket zum Geburtstag oder Weihnachten schenken. 2022 traut man sich wieder etwas enthusiastischer rauszuhauen und mit Elan zu starten. Der Broadway-Übererfolg „Hamilton“ in Hamburg hat erst vor einem Monat ordentlich vorgelegt. Keine fünf Wochen später wartet in Köln mit Moulin Rouge! das nächste Zugpferd, das aus der Stadt, die niemals schläft, zu uns schippert.

Doch Vorsicht, der Schein trügt: Wer denkt, dass Shows mit so großen Namen doch Selbstläufer sind und eh die Massen über Jahre begeistern werden, sollte zweimal nachdenken. In der Realität sind nämlich auch die beliebtesten Musicals, die seit eh und je tragen, immer schlechter besucht – einfach, weil Menschen es sich aufgrund der aktuellen Situation nicht mehr leisten können. Auch ein neues Stück wie „N bisschen Frieden“ in Duisburg, das zunächst von Mitte Oktober bis Silvester laufen sollte, meldet nach gerade einmal fünf Vorstellungen, dass quasi schon wieder vorerst Schluss ist, sodass nun bis kurz vor Weihnachten sämtliche Aufführungen gestrichen wurden. Keine Zuschauer*innen, keine Show. Da muss man als Kulturgenießer*in ordentlich schlucken.

Aber Moulin Rouge! scheint allein durch den bloßen Namen Faszination auszulösen. Das Varieté im Pariser Stadtviertel Pigalle wurde Ende des 19. Jahrhunderts vor rund 130 Jahren eröffnet und ist seitdem ein Magnet sondergleichen. Die „Rote Mühle“ – das bedeutet Moulin Rouge nämlich übersetzt – über dem Eingang ist das Markenzeichen. Das kleine Theater mit der Signalfarbe zeigt Operetten, Revuen, Tanzshows. Oft mit ein wenig Sexyness. Verrucht, verraucht, glamourös, so soll es sein. Auch heute noch sind die Shows in der französischen Hauptstadt fast täglich ausverkauft. Der Laden hat seinen Ruf, seinen Kultstatus und war Inspiration für mehrere Hollywoodfilme. Zuletzt machte Baz Luhrmann im Jahre 2001 in seiner Musicaladaption auch dem jüngsten Publikum den Ort schmackhaft.

Luhrmann – geboren in Australien, heute 60 Jahre jung – ist 2001 bereits ein gefragter Regisseur. Sein Debütfilm räumt national diverse Preise ab, sodass er bei seinem Zweitwerk „Romeo + Julia“ die damaligen Shootingstars Leonardo di Caprio und Claire Danes vor die Kamera bekommt. Heute noch gilt die Verfilmung als eine der besten Shakespeare-Adaption überhaupt. Mit Moulin Rouge hat der Mann, der besonders durch seine optischen, sehr bildgewaltigen Inszenierungen auffällt, einen Meilenstein des Filmmusicalgenres geschaffen. Es regnet Lob in den höchsten Tönen. Acht Oscar-Nominierungen sind drin, darunter auch die für den „Besten Film“, zwei werden gewonnen. Bis heute hat Luhrmann lediglich sechs Filme gedreht. Alle gelten jedoch stets als Top-Streifen, so auch zuletzt das erst in diesem Jahr angelaufene Biopic „Elvis“.

Trotz riesiger Fangemeinde und besten Kritiken dauert es 17 Jahre bis Moulin Rouge vom Kultfilm zum Musical wird. Dabei ist der Film bereits ein Musical und bietet sich so offensichtlich an, dass wirklich jede*r Zuschauer*in sich schon beim Anschauen wünscht, es auf einer Bühne sehen zu können. Des Weiteren werden gegenwärtig alle möglichen Themen benutzt, um daraus ein manchmal auch sehr hanebüchenes Musicalkonstrukt zu entwerfen. Die Ideen für Moulin Rouge! Das Musical stehen auch tatsächlich schon ewig. Es hat eben nur äußerst lang gedauert. 2018 gibt es die erste Inszenierung für einige Wochen in Boston, im Sommer 2019 startet man am Broadway richtig durch, wird dafür sogar mit zehn Tony-Awards belohnt, 2021 kommt Australien dazu, im Januar 2022 startet man am Londoner West End, im März 2022 beginnt man eine Nordamerika-Tour, nächsten Monat legt man in Südkorea los. Doch im November 2022 in Köln gibt es eine Besonderheit, nämlich die erste Übersetzung. Es ist nicht nur die erste Inszenierung in Europa, sondern auch die erste weltweit, die nicht auf Englisch ist.

Das Veranstaltungsteam von BB Promotion beweist zum wiederholten Male ein absolutes Händchen und holt eines der größten Musicalspektakel der Gegenwart nach Deutschland. Schon mehrfach gab es unter anderem mit „Miss Saigon“ oder auch „The Book of Mormon“ sehr gefragte Stücke, die man ansonsten nur im Ausland zu sehen bekommt. Die nächste Liga wurde erreicht mit der ersten weltweiten Übersetzung zum Harry Potter-Theaterstück in Hamburg. In diese Kategorie reiht sich nun auch Moulin Rouge! ein.

Das Fazit gleich vorweg: Wer eine Karte kauft, wird bereits bei der Anfahrt in die leicht erotische Welt entführt. Schon von Weitem ist der Schriftzug am Musical Dome zu sehen. Das Theater wurde seit Ewigkeiten mal wieder bis ins Detail umgebaut. Zur Premiere gibt es schon auf dem Parkplatz ein Vorzelt, das einem Zeitsprung in die Vergangenheit ähnelt. Cakepops in Herzform, wahnsinnig gut gelaunte Mitarbeiter*innen, ein roter Teppich. Im Foyer des Musical Domes gibt es auf zwei Ebenen gleich mehrere Aufbauten, die sich perfekt dafür eignen, Selfies zu machen. Ob vor einer Leinwand mit Schriftzug oder einem leuchtenden „L’Amour“-Schriftzug – ist man noch in Köln oder eigentlich doch in Paris?

Die Pressepremiere, die am 5.11., einem Samstag, und damit einen Tag vor der großen Premiere stattfindet, ist bis auf sehr wenige Plätze komplett ausgebucht. Hier treffen stylische Influencer*innen auf äußerst schick gekleidete Presseleute oder welche, die nicht mit dem gerechnet haben, was sie erwartet. Denn spätestens beim Betreten des Theatersaals schaut man unausweichlich in Gesichter mit offenen Mündern. Man muss schon einige Zeit in seinen Erinnerungen kramen, bis man sich an eine andere Produktion erinnert, bei der auch der Saal so detailverliebt ausgestattet ist. Auf der linken Seite ist die berühmte rote Mühle zu sehen, deren Flügel sich drehen, rechts sieht man den aus dem Film bekannten blauen Elefanten. Auf der Bühne gibt es einen fetten Moulin Rouge-Schriftzug, dazwischen spielen bereits mehrere Darsteller*innen still ihre Rolle. Sie rauchen, sie beobachten das Publikum. Zwei Damen schlucken Schwerter. Wo schaut man nun zuerst hin? Kriegt man überhaupt alles mit? Wohl kaum. Reizüberflutung. Aber eine geile.

Um 20:05 Uhr betritt Musicaldarsteller Riccardo Greco die Bühne. Viele werden ihn aus namhaften großen Produktionen der letzten Jahre kennen. Er spielt die männliche Hauptfigur Christian. Mit einer Handbewegung von ihm hebt sich der Moulin Rouge-Schriftzug, die Aufbauten bewegen sich – und dann entzündet sich für zweimal 70 Minuten, unterbrochen von einer halben Stunde Pause, ein Feuerwerk der Extra-Extraklasse.

Musicals sind mehr als nur Musik. Sie sind mehr als nur Darsteller*innen. Mehr als Schauspiel oder Gesang. Musicals sind immer ein Zusammenspiel aus äußerst vielen Details, die zusammen ein Ganzes ergeben. Moulin Rouge! Das Musical kommt an das Prädikat „Perfekt“ verdammt nah ran. Wir könnten uns nun bis morgen die Finger wundtippen, was an dieser fulminanten, unglaublich mitreißenden und riesig wirkenden Show alles fantastisch ist. Deswegen ein paar Schlagwörter: Der Sound im Musical Dome ist perfekt. Band und Mikros wunderbar gepegelt, alles klingt rund und wohltuend im Ohr. Das Timing ist perfekt. Es gibt keinen sichtbaren Patzer, was bei diesem Detailreichtum fast schon unglaublich ist. Nur wenige Minuten kommen ohne eine neue Requisite, ein schillerndes Kostüm oder ein eigenständiges Szenenbild aus. Überhaupt sieht man kaum ein Szenenbild zweimal. Jedes Mal entsteht etwas Neues vor dem Auge. Es ist wie ein Umherlaufen durch einen paradiesischen Bonbon- und Spielzeugladen. Überall gibt es Schönes. Überall gibt es etwas, was man anfassen will.

Moulin Rouge beginnt inszenatorisch mit einem Niveau, das viele Shows nicht im Finale vorzeigen können. Schon die ersten Sekunden des wohl bekanntesten Songs aus dem 2001-Film, „Lady Marmelade“, sorgen für Jubelstürme im Publikum. Sieht man hier gerade etwa das Musikvideo von P!nk, Lil’Kim, Mya und Christina Aguilera? Das Stärkste an der atemberaubenden Produktion, die nun in Köln zu sehen ist, ist die Optik. Man hat wahrhaftig das Gefühl, man hat den Film eingelegt. Ist Luhrmanns Werk ein dermaßen fantastischer, effektvoller Blockbuster, bei dem man sich niemals vorstellen kann, dass er überhaupt auf ebenbürtigem Level live umgesetzt werden kann – doch, kann er. Hier ist der Beweis.

Dieses Musical hat quasi kein Finale. Das Musical ist das Finale. Es folgt eine Szene nach der nächsten, die in Sachen Technik Maßstäbe setzt. Das ist State of the Art und nicht weniger. Dazwischen gibt es wirklich makellos vorgetragene Gesangsdarbietungen, unglaublich synchrone Choreographien mit vollstem Elan und eben so viel Brimborium, dass man problemlos fünfmal ein Ticket kaufen kann, bis man 50 Prozent des Passierten entdeckt hat.

Doch keine Show ohne gute Akteuer*innen. Und Gott sei Dank ist auch das Casting einfach eine wahre Wucht. Allen voran die gesanglich traumhafte Leistung von Riccardo Greco als Christian, der glänzt wie noch nie. Er spielt zart und fragil, sieht wunderbar aus und singt einfach so emotional treffend, dass man gar nicht anders kann, als ihm seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Mit der eher weniger bekannten Sophie Berner als weibliche Hauptrolle Satine hat man einen mutigen Gegenpart gefunden. Sie ist äußerst kühl, unnahbar, tough, eine Spur unsympathisch, aber erinnert an Nicole Kidmans Interpretation im Film. In einigen Momenten liefert sie hoch anspruchsvolle Belting-Töne, die fast alle sitzen. Weitere nennenswerte Besetzungen sind Gavin Turnbull als Harold Zidler, Leiter des Varietés. Er hat optisch was von einem Zirkusdompteur und passt vortrefflich ins Bild. Gian Marco Schiaretti als Duke, der gefürchtete Gegenspieler von Christian, wirkt vielleicht ein wenig jung, macht aber dennoch eine furchteinflößende Figur und hat den arroganten Schmierlappen auf jeden Fall drauf. Underground-Liebhaber*innen werden an der Figur Baby Doll besonderen Spaß haben. Oxa, bekannt als progressive*r Kandidat*in bei The Voice of Germany 2019, ist eine Besetzung on point.

Sowieso streut Moulin Rouge! Das Musical hier und dort ein wenig Queerness ein. Da zwei fummelnde Frauen, hier zwei sich zart küssende Männer, dort hinten non-binäre Figuren. Modern und zeitgemäß. Das passt ins Ambiente der Geschichte, die sich um den Bohemian Christian dreht, der in jungen Jahren nach Paris kommt, um als Komponist Erfolge zu feiern. Das Varieté Moulin Rouge steht kurz vor dem Bankrott und benötigt dringend einen Aufschwung. Auch der von allen angehimmelte Star Satine kann es nicht retten. Insgeheim trägt sie gar eine tödliche Krankheit in sich. Doch was ist am Ende wichtiger? Das Geld von dem Duke, der sich gefühlt alles kaufen kann – oder die Leidenschaft eines Christians?

Trotz einem unglaublichen Rauschgefühl, was selbst zwei Tage nach dem Besuch des Theaters noch nicht ganz nachlässt, gibt es dennoch zwei Punkte, die diskutabel sind. Und das ist einmal der Humor, der manchmal etwas deplatziert wirkt. Ist der Film eher tragikomisch und in seinen Slapstickeinlagen zurückhaltend und wohlig dosiert, wird im Stück besonders im ersten Akt an zwei oder drei Stellen zu dick aufgetragen und für Schenkelklopfer gesorgt. Man muss nicht zwangsläufig auch noch die letzten Musicalmuffel, die unfreiwillig mitkommen, mit einem Lacher abholen.

Punkt Zwei ist die Musik. In dem Wort „Musical“ steckt unverkennbar der Begriff „Musik“. Und die ist zwar ein Hit-auf-Hit-Potpourri bei dem man nur schwer hinterherkommt, aber damit auch sehr auf Nummer sicher. Ganze 75 Songs verstecken sich in den fast Zweieinhalbstunden. Mehrere Songs sind Mash-Ups, also aus mehreren Titeln zusammengebastelte Tracks. Die sind wirklich toll ausgewählt. Gab es im Film „nur“ knapp über 30 Lieder der Popgeschichte, wurde nun mehr als verdoppelt. Neuzugänge, die 2001 noch nicht dabei fahren, sind Ohrwürmer wie „Bad Romance“ von Lady Gaga in einem lasziven Tango, „Crazy“ von Gnarls Barkley, das dramatisch auf „Rolling In The Deep“ von Adele trifft, genauso wie flirty Momente bei „Shut Up And Dance“ von Walk The Moon. Es macht absolute Freude, die Songs zu erraten, sind sie hier eben zu großen Teilen auf Deutsch übersetzt. Gleichzeitig entdeckt man in dem Musical aber nur neue Arrangements, keine neuen eigenständigen Titel. Selbstverständlich ist es viel einfacher ein Publikum mit allseits bekannten Hits zu begeistern, statt mit eigenen Kompositionen zu punkten. Kein wirklicher Kritikpunkt, aber eben eine nennenswerte Einschränkung.

Final ist Moulin Rouge! Das Musical aber wahrscheinlich auf showtechnischer Seite nicht weniger als das stärkste, was eine Theaterbühne jemals in Deutschland zu bieten hatte. Ein Flashback zum ersten Besuch bei „Wicked“ oder „Tarzan“, nur einfach noch krasser. Ein wahrer Vollrausch, dem man sich nur zu gern hingibt. Mit „Hamilton“ in Hamburg sind damit diesen Herbst zwei Inszenierungen gestartet, die ihresgleichen suchen. Was man am Ende mehr mag, ist Geschmackssache. Sensationell sind sie beide.

Und so sieht das aus:

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Foto von Christopher.

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