er is‘ anders
er denkt nicht so wie du
aber du willst ihn trotzdem
du weißt
er ist nicht gut genug
aber du liebst ihn trotzdem
(Rosmarin-nicht so wie du)
Die ersten Töne von SILHOUETTEN fühlen sich an wie Sonnenstrahlen auf kalter Haut – und machen sofort klar: Rosmarin spielen längst nicht mehr im Schatten. Nach einer Reihe erfolgreicher Singles legt die Band nun ihr Debütalbum vor – eine Platte über Nähe und Distanz, über das Loslassen und über all das, was bleibt.
Silas de Jong (Vocals), Luca Schocke (Keys), Lucas Schwedes (Gitarre), Noah Engel (Bass) und Janosch Powierski (Drums) verbinden melancholische Texte mit eingängigen, fast schwerelosen Arrangements. SILHOUETTEN klingt nach Meeresrauschen, nach langen Autofahrten ins Ungewisse und nach Festivalabenden im letzten Licht – ein Album, das mitten im Winter erscheint und dennoch nach Sommer schmeckt.
Mit SILHOUETTEN legen Rosmarin kein loses Debüt vor, sondern ein Album mit klarer Dramaturgie. Schon der Opener „gefunden“ setzt den Ton: Ein jazzig angehauchtes Instrumental, getragen von Saxophonklängen, die an eine Bar im Dämmerlicht erinnern – irgendwo zwischen Tag und Nacht, zwischen Nähe und Distanz. Es ist weniger ein Song als ein Innehalten. Ein Vorspiel. Eine Einladung, sich auf eine Geschichte einzulassen, die keine einfachen Antworten verspricht.
Mit „nicht so wie du“ kommt Bewegung ins Spiel. Ein repetitiver Beat, Kastagnetten wie nervöses Fingerschnippen – zwei Menschen an einem Tisch, gefangen in einem emotionalen Widerspruch. Der Song beschreibt das paradoxe Gefühl, an etwas festzuhalten, von dem man längst weiß, dass es nicht gut ist. Während Blütenblätter gezupft werden und sich die Frage „Er liebt mich – er liebt mich nicht“ im Kreis dreht, hält der Beat diesen inneren Konflikt wie ein Puls aufrecht.
„riss im telefon“ führt diesen Kontrollverlust weiter, diesmal im Gewand eines 80er-Discosounds. Perfekte Klänge für einen Discobesuch: Der Song träumt einen in eine stickige Sommernachtsdisco, in der sich Körper im Halbdunkel wiegen und man sich den Beats einfach überlässt. Zwischen ausgeglichenem Tanz und völliger Hingabe an die Musik entsteht ein Sog, der gleichermaßen berauscht wie destabilisiert. Euphorie und Überforderung liegen dicht beieinander – Geschwindigkeit wird hier nicht zur Befreiung, sondern zur Beschleunigung des inneren Chaos. „Lass mich fallen – doch ich falle schon“ wirkt dabei wie das emotionale Echo zwischen flackerndem Licht und verschwitzter Ekstase.
In der Mitte des Albums öffnet sich ein Raum der Distanz. Die instrumentalen Zwischenspiele „gesucht“ und „entfernt“ wirken wie gedankliche Atemzüge – dunkler, dichter, beinahe körperlich spürbar. Dazwischen steht „weit weg“, ein Duett, das das gleichzeitige Wollen und Loslassen einer Fernbeziehung einfängt. Selbst Meeresrauschen und Möwenklänge ändern nichts an der Erkenntnis:
Erst mit „boot“ gelingt das Loslassen – zumindest inhaltlich. Klanglich jedoch geht der Song einen anderen, experimentelleren Weg: Der Einsatz von Autotune und elektronischen Effekten erzeugt bewusst Distanz, wirkt stellenweise jedoch überladen. Die technoiden Elemente sind präsent, fast dominierend, überstimmen zeitweise die emotionale Klarheit des Textes und verzerren das eigentlich intime Motiv des Alleinseins. Wo zuvor Feinfühligkeit und Zurückhaltung das Album geprägt haben, drängt sich hier die Produktion in den Vordergrund. Trotzdem bleibt der Kern des Songs spürbar – die Suche nach Selbstverortung: „Auf dem Boot, da bin nur ich […] Schwimme raus zu mir und weiß, hier kann ich bleiben.“
Das folgende Klavierstück „reise“ beginnt beinahe wie ein Schlaflied und zerfällt zum Ende hin leicht atonal – ein Übergang in den Traumraum des Albums.
Im Zentrum steht die Single „kind“, in der klassisches Piano auf metronomartige Synths trifft. Der Song bewegt sich zwischen Realität und Traumzustand, ohne ins Eskapistische abzurutschen. Stattdessen schafft er Raum für flüchtige Gedanken, die sonst keinen Platz finden. „traum“ greift schließlich das Saxophonmotiv des Openers wieder auf – ein musikalischer Kreis, der sich schließt, ohne zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
„blume (aus dem garten gegenüber)“ transformiert das zuvor eingeführte Blütenmotiv: Wo anfangs gezweifelt wurde, wird nun gepflanzt. Vergänglichkeit wird nicht betrauert, sondern akzeptiert. „was ich mein“ wirkt wie der Moment der Reflexion – kein Neubeginn, sondern Verstehen.
Kurz vor Schluss bricht „leere worte“ mit der Zurückhaltung des Albums. Laut, roh, trotzig – Bass und Drums tragen einen Text, der zwischen Deutsch und Englisch wechselt. Hier entlädt sich das, was zuvor unausgesprochen blieb. Worte verlieren ihr Gewicht, das Eis unter ihnen bricht hörbar.
„versteckt“ beendet das Album instrumental – Saxophon und Synths fließen ineinander, ohne klaren Schlussakkord. SILHOUETTEN endet nicht, es verhallt. Und genau darin liegt seine Stärke: Das Album wirkt wie ein geschlossener Kreis, der sich bei jedem erneuten Hören anders anfühlt.
Mit ihrem Debüt erzählen Rosmarin eine zusammenhängende Geschichte über Beziehungen, Identität und Veränderung. Musikalisch bedienen sie sich bei Jazz, Synthpop und Funk, ohne nostalgisch zu klingen. Dabei lassen sich stellenweise Parallelen zu den frühen Arbeiten von Jeremias erkennen: dieses hörbare Ausprobieren, das tastende Suchen nach dem eigenen Sound, getragen von einer träumerischen Leichtigkeit, die Melancholie und Hoffnung zugleich zulässt. Doch Rosmarin bleiben keine Kopie, sondern entwickeln aus diesen Einflüssen eine eigene Klangsprache. SILHOUETTEN ist keine lose Sammlung einzelner Songs, sondern ein durchkomponierter Prozess – ehrlich, zugänglich und bemerkenswert konsequent.
rosmarin – Tour 2026
20.02. Hannover, Kulturzentrum Faust
21.02. Oberhausen, Gdanska
22.02. Köln, Gebäude 9
23.02. Saarbrücken, Garage
01.03. Wiesbaden, Kesselhaus
03.03. Rostock, Peter-Weiss-Haus
04.03. Bremen, Tower
05.03. Hamburg, Bahnhof Pauli
06.03. Berlin, Frannz Club
08.03. Erlangen, Kulturzentrum E-Werk
09.03. Ulm, Roxy Cafébar
10.03. Stuttgart, Im Wizemann (Studio)
11.03. München, STROM
12.03. Heidelberg, Karlstorbahnhof
14.03. CH – Basel, Gannet
15.03. CH – Zürich, EXIL
16.03. AT – Linz, Posthof
17.03. AT – Salzburg, Rockhouse
18.03. AT – Wien, B72
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