Alice Merton – S.I.D.E.S.

Alice Merton SIDES

Die zwei Seiten einer Medaille sind zwar eine sehr wahrheitsgetreue Redewendung, im Pop-Kosmos aber eher weniger gefragt. Pop möchte schließlich vor allem Emotionen triggern – am besten die ganz großen. Herzzereißende Trauer, herzerwärmende Liebe, herzbebende Euphorie, you name it! Für eine ausführliche Begutachtung der guten und schlechten Eigenschaften eines Sachverhalts zieht man dann doch eher die etwas komplexeren Ausdrucksformen der Musik zurate.

Alice Merton wagt mit ihrem zweiten Album „S.I.D.E.S.“ somit schon fast etwas mutiges – sie nimmt sich nämlich genau dieser Dynamik aus dem Yin & Yang, dem Guten im Schlechten und dem Schlechten im Guten an. Wer steht auf welcher Seite? Und wo steht und stand Merton selbst? Ein ausgefeiltes Thema, das für ein gar nicht so massentaugliches Ergebnis sorgt wie Mertons Jury-Sitz bei „The Voice of Germany“ vermuten lässt.

Weit weg vom Standard

Schon als „MINT“ 2019 erschien, fühlte sich das nicht wirklich wie ein Debütalbum an. Alleine mit „No Roots“ hatte Merton – Achtung, der kommt flach – tiefe Wurzeln im deutschen Indie-Pop-Kosmos geschlagen und wirkte dabei gleichermaßen deutlich reifer, besser produziert und spannender als die meisten anderen Newcomer*innen des Genres. Knapp drei Jahre später lässt sich auch der Nachfolger „S.I.D.E.S.“ nicht mit nervigem Einheitsbrei abgeben, steht im kulinarischen Kosmos eher auf der Stufe Geschmacksexplosion. Dafür hat Merton aber auch eine beeindruckende Liste an Produzent*innen angekarrt: Koz (Dua Lipa), Jonny Coffer (Beyoncé, Ellie Goulding), Jennifer Decilveo (Anne-Marie, Andra Day) und Matty Green (Dua Lipa, Royal Blood) saßen an den Reglern. Und wie viel bleibt bei so viel internationalem Input noch von Merton übrig?

Überraschungen hinter jeder Ecke

Glücklicherweise: sehr viel. Dass Merton auch weiterhin über ihr eigenes Label Paper Plane Records veröffentlicht, könnte eigentlich schon darauf hindeuten, dass hier nicht ein Copy-Cat der großen aktuellen Namen ausprobiert wird, sondern noch deutlich mehr Indie im Vinyl-Blut fließt. Darauf ließen auch die großartigen Vorab-Singles schließen: „Vertigo“ ist der größte Hit der Platte, klingt düster, vermengt Beats mit Riffs und ist ungewohnt laut. „Loveback“ klingt nach 00er Pop-Rock der Marke Kelly Clarkson – im guten Sinn – und bringt dann noch die tollen Chöre ins Spiel, die schon „No Roots“ so spaßig gemacht haben. Und „Same Team“ ist verzweifelt und selbstbewusst zugleich, tanzt auf fetten Beats und bleibt dabei ganz lässig.

Man hört den restlichen 12 (!) Songs der Platte an, dass sie für ein Werk entstanden sind, die Färbungen des Sounds sind dennoch angenehm vielfältig. „Everything“ etwa zeigt sich angenehm schlicht und reduziert, passt sehr gut in den Harry-Styles-Zeitgeist. Ähnlich tritt auch „The Other Side“ etwas auf die Bremse, lässt die Beats gemächlicher aber gleichzeitig auch kraftvoller auftreten. Auf der anderen Seite ist „S.I.D.E.S.“ aber auch eine Liebeserklärung an das Indie-Publikum. So erinnert „Blindside“ an die unangenpassten Sounds von Kat Frankie oder Wallis Bird, vermengt „Hero“ quietschige Klavier-Einschübe mit verzerrten Chören und bei der epischen Breite von „Mania“ tauchen Referenzen an Yonaka und MARINA im Gehörgang auf. Die Dynamik der Platte ist inmitten all dieser Töne, Zwischentöne, Gefühle und Schattierungen von Anfang an sehr mitreißend und dabei deutlich sperriger als der gängige deutsche Radio-Pop. Aber dafür ist Alice Merton wohl auch 2022 noch zu spannend. Besser geht’s doch nicht!

Das Album „S.I.D.E.S.“ kannst du hier (Vinyl) oder hier (digital) kaufen.*

Und so hört sich das an:

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Alice Merton live 2022

  • 2.11. Alte Feuerwache Mannheim
  • 4.11. Posthalle Würzburg
  • 8.11. LKA-Langhorn Stuttgart
  • 9.11. Muffathalle München
  • 11.11. FZW Dortmund
  • 12.11. Zoom Frankfurt
  • 13.11. Live Music Hall Köln
  • 15.11. Forum Bielefeld
  • 16.11. Modernes Bremen
  • 17.11. Uebel & Gefaehrlich Hamburg
  • 01.12. Huxley’s Neue Welt Berlin

Rechte am Albumcover liegen bei Paper Plane Records.

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