Drangsal – Exit Strategy [Doppel-Review]

Review: Drangsal sucht seine "Exit Strategy" und setzt zur Flucht nach vorn an. Emilia und Leonie teilen ihre Gedanken zu der Platte.

Aufbruch, Identitätskrise, Neubeginn – das sind die Themen, die sich als roter Faden durch „Exit Strategy“, das neue Album von Drangsal ziehen. Der Künstler erfindet sich auf seiner dritten Platte musikalisch nochmal neu. Ob ihm das gelingt? Emilia und Leonie beantworten diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven.

Emilia findet: 

Er könnte es sich so einfach machen. Weiter den gitarrenlastigen New Wave-Indierock bedienen, der auf seinem Debüt „Harieschaim“ vor gut fünf Jahren den großen Hype in der Szene um ihn auslöste. Oder weiter Songs in dem poppigen Stil schreiben, der auf dem Nachfolger „Zores“ so viele begeisterte. Aber einfach so weiterzumachen – das scheint einfach nicht das Ding von Max Gruber zu sein. Stattdessen erfindet der Musiker sich auch auf seinem dritten Album wieder neu und dehnt Stil – und Geschmacksgrenzen so weit aus bis sie quasi nicht mehr existent sind. Ob die „Exit Strategy“ dem Versuch gilt, aus seinem bisherigen Sound auszubrechen? Möglich. Klar ist aber, dass dabei ein wahnsinnig eingängiges und vielschichtiges Album herausgekommen ist.

Ich denke, es ist keine allzu steile These, dass es nur die allerwenigsten Künstler*innen schaffen, Synthie-Geballer mit 200 bpm, Streicher mit leichtem Hang zum Pathos und fast schon kitschige Ohohoh-Chöre zu kombinieren – und dabei auch noch gute Musik zu machen. Drangsal ist einer von ihnen. Poppige Tendenzen, die auf „Zores“ bereits durchzuscheinen begannen, finden auf „Exit Strategy“ ihren Höhepunkt, nachdem sie mit allerlei anderen Genre-Einflüssen zusammengeworfen und weiterentwickelt wurden.

Da wäre zum einen der Titelsong „Exit Strategy“, der mit den bereits erwähnten Synthies ordentlich nach vorne geht und definitiv einer der stärksten Songs der Platte ist. Oder „Rot“, der vom Sound fast schon an „Harieschaim“-Zeiten erinnert und Rock-Hymnen wie „Liedrian“, die stets an der Schwelle zwischen Indie-Rock und Pop-Punk wandeln. Dann die leicht schlager-esquen Popsongs „Urlaub von mir“ und vor allem „Schnuckel“, die durch eingängige Melodien punkten können, aber keinesfalls peinlich wirken. Und natürlich „Ein Lied geht nie kaputt“, das von der Message her stark an Caspers „Alles endet (aber nie die Musik)“ erinnert, oder „Ich bin nicht so schön wie du“, die musikalisch beide genau so gut auch auf „Zores“ zu finden sein könnten.

Dazwischen immer wieder Melodien, die schon nach zwei Takten nahezu „Drangsal“ schreien – denn auch wenn sich all die Einflüsse, die sich in den neuen Songs wiederfinden, kaum aufzählen lassen, bleibt eins doch immer erhalten: Der einzigartige Wiedererkennungswert seiner Musik. Bereits an mehreren Stellen hat Drangsal betont, dass der Stil auf „Exit Strategy“ am meisten dem entspricht, wie er Musik machen möchte – und das merkt man ihm und den Songs auch an: Der Musiker steht zu 100% hinter dem, was er dort macht und feiert seine Songs selbst komplett ab – wie könnten seine Fans das also nicht tun?

Auch textlich macht der Künstler einen Wandel durch. Was bleibt ist die Liebe zu wunderschönen Metaphern und intelligenten Wortspielen – dennoch sind die Lyrics auf dieser Platte nicht so kryptisch, wie man es von vielen Songs seiner beiden Vorgängeralben kannte. Auf „Exit Strategy“ ist stattdessen ganz klar, worum es geht: Wer bin ich? Wer will ich sein? Und wie komme ich dort hin? Die Exit Strategy aus dem eigenen Ich sozusagen. Drangsal zeigt auf diesem Album, dass Selbstzweifel okay sind und es manchmal gar nicht unbedingt Selbstliebe sein muss, sondern reine Selbstakzeptanz am Ende auch völlig in Ordnung ist.

Und so ist der erneute Wandel in Drangsals Sound, wie wir ihn auch schon zwischen „Harieschaim“ und „Zores“ sehen konnten, eigentlich nur eine logische Konsequenz aus der Musik, die er bislang so gemacht hat. Man hat das Gefühl, dass er von Platte zu Platte mehr er selbst geworden ist – und zwar ohne, dass er irgendeine Stufe in diesem Prozess hätte auslassen können. Wie es auf dem nächsten Album weitergeht? Wir dürfen gespannt sein. Aber zuallererst dürfen wir dieses wunderbare Werk genießen, das uns wieder einmal zeigt, warum Genregrenzen eigentlich vollkommen unnötig sind.

Leonie sieht das so:

Der Name ist gleichzeitig Programm und Widerspruch: Auf seinem neuen Album „Exit Strategy“ nimmt Drangsal uns mit in seine Abwärtsspirale, auf der Suche nach dem Sinn und in den Kampf gegen gesellschaftliche Normen und Regeln. Er verliert sich in sich selbst und in der Liebe, schwankt zwischen Selbstzerstörung und Frieden mit dem Chaos und dem Wunsch nach einem Ausweg, einer Pause aus dieser untergehenden Welt und dem Gedankenstrudel.

Wer bin ich überhaupt? Eine Frage, die wahrscheinlich alle von uns schon einmal umgetrieben hat. Der tägliche Blick in den Spiegel beantwortet das nicht, das geht tiefer als nur die äußerliche Schale. Manchmal vergisst man sich selbst, und erschrickt, wenn es auffällt. Unser Dasein ist relativ, es wird geformt durch unsere Umgebung, die Gesellschaft und unserer Umfeld.

Es schafft uns eine eigene Realität, in der wir vielleicht gut aufgehoben sind, vielleicht auch versinken. Max Gruber singt über das Gefühl, wenn sich diese Realität in Treibsand verwandelt. Aus dem diffusen Gefühl heraus entwickeln sich konkrete Situationen und Fragen, Alarmstufe Rot, Drama. „Ich wünscht’ ich wäre nie geboren“, wie er auf „Rot“ singt, fasst die allgemeine Stimmung der Platte gut zusammen.

Mit einer „alles egal“ Attitüde, für die seine Künstleridentität bekannt ist, besingt er die Abwärtsspirale, in der er sich über das Album hinweg befindet. Sie gibt ihm die Möglichkeit, sich noch ein letztes Mal gegen alles aufzulehnen und zu versuchen, ungefähr alles aufzubrechen, was ihm früher verschlossen war. „Mädchen sind die schönsten Jungs“ klingt in diesem Kontext wie ein Song, den er vielleicht selbst als Jugendlicher gebraucht hätte, und ist so radikal und ermutigend zur gleichen Zeit. Und wenn er sich in Beziehungen verliert, fühlt sich das – so selbstzerstörerisch wie es auch ist – an, wie der Versuch, sich irgendwo festzuhalten, während er sich von sich selbst entfremdet.

Wer bin ich, und was ist mein Sinn? Max Gruber beantwortet keine seiner Fragen, es gibt am Ende auch keinen Masterplan, wie man aus seiner Abwärtsspirale rauskommt, aber er bietet Hoffnung: „Wo nichts ist, ist Platz für Neubeginn“. Ob das mehr an sich selbst als an die Hörer*innen gerichtet ist, bleibt wohl offen, es ist aber auch völlig irrelevant. Mit diesem Album hat er sich ein Stück unendlicher gemacht, wenn alles kaputt geht: Die Musik bleibt. Ziel erreicht. Nach dem freien Fall kommt das Licht.

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Mehr zu Drangsal gibt es hier.

Und so hört sich das an:

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Die Bildrechte für das Albumcover liegen bei Virgin Music. 

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