Haftbefehl – Das schwarze Album

Cover von Haftbefehls "Das schwarze Album".

Das Feuilleton zu Füßen liegend veröffentlicht Haftbefehl „Das schwarze Album“. Das bedient die Erwartungen, die der Titel hervorruft, bietet erstmalig aber auch soetwas wie hoffnungsvolle Perspektiven.

Eins vorweg: „Das schwarze Album“ ist auch trotz seiner Autotune-Experimente härter und dreckiger als sein Vorgänger. Und es ist weniger kunstvoll. Die häufig knackig-produzierten Beats sind durchkühlt wie Schwermetall, gehen gleich zu Beginn voll nach vorn, fließen dann aber schlussendlich mit ausgedehnten Instrumentalpassagen aus. Zeit, in denen der Verstand ruhen kann. Die Besinnungspausen kommen gelegen: Bildeten im letzten Jahr noch Drogengeschichten, autobiographische Erzählungen sowie Poser-Songs die Melange, aus der sich „Das weisse Album“ nährte, so lässt der düstere Gegenpart Zuhörer*innen nun noch tiefer in die beinharte Lebensrealität vieler migrantischer Menschen eintauchen.

Fremdwort bleibt „Liebe“ und „Lachen“

„Das schwarze Album“ ist nämlich nicht nur seiner Beats wegen mehr Straße als DWA. Viele der Schnappschüsse, die Haftbefehl mit seinen Worten malt, behandeln direkt das Aufwachsen und Leben in von der Mehrheitsgesellschaft zu Problemvierteln denunzierten Gegenden. Die Drogen, deren Herstellung und deren Schmuggel finden da selbstredend Platz. Das teilen sich die Schwesterwerke. Doch die Bilder sind vielfältiger als das. In „Kaputte Aufzüge“ beispielsweise besingt ein in Effektrauschen gehüllter Haftbefehl über Pink Floyd Gitarren Szenarien, die symbolisch für das stehen, was täglich in Deutschland vor sich geht: Heruntergekommene Infrastruktur, (Selbst-)Mord, soziale Spannungen. „Wieder am Block“ gibt sich direkt im Anschluss als steinhartes Nackentraining über all die Struggles, die das Leben „auf der Straße“ mit sich bringt. Und auch der säuselnde Blues „4 Kanaken“ zeichnet eindrucksvoll-trostlose Bilder, die mitnehmen in einen Alltag zwischen Langweile und Gewalt.

Perspektiven bieten

Es ist ein bedeutungslose Phrase geworden: Perspektiven bieten. Doch bei Haftbefehl gewinnt sie wieder an Gewicht. „Das schwarze Album“ lässt trotz seines eindeutigen Titels nämlich erstmals so etwas wie tiefergehende Reflexion, Analyse und Weitsicht erkennen. In „Kokaretten“ etwa werden Nazis gedisst. In „Leuchtreklame“ ungewohnt direkt gesellschaftpolitische Großthemen kommentiert. Dort heißt es: „Während Kinder verhungern, sind wir hier Pelz am Tragen (…) // Wie gesagt, wir kommen dem Ende nah.“ „24/7“ wiederum lässt sich im Kontext des Albums wie eine Motivationsansprache an die große migrantische Community unter den Haftbefehl-Fans verstehen. Er rappt: „Kiff dir nicht die Birne zu, dein Verstand ist eine Waffe. Probleme klären mit Reden anstatt mit Uzis ballern.“ Damit hat ein Offenbacher Rapper einen größeren Beitrag zu der Beseitigung sozialer Ungleichheiten geleistet als die CDU in anderthalb Dekaden Regierungsverantwortung.

So kohärent wie DSA war bislang noch kein Haftbefehl-Album. Und das obwohl Songs wie das antreibende „Ruff“ und das ungewöhnlich sommerliche „Cripwalk aufm Kopf“ – mit Haiyti Hit-Chorus – aus dem Konzept fallen. Und das auch, obwohl das Album schon wieder nicht im Winter erscheint. Die großen Medienhäuser wird das nicht stören. Die lobten auch schon die Vorgänger in den Himmel. Auf dass Haftbefehl dort auch hinkommt.

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Und so hört sich das an:

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Haftbefehl live 2022:

10.03.2022 Hamburg, Mojo
11.03.2022 Berlin, Astra
12.03.2022 Leipzig, Täubchenthal
18.03.2022 Frankfurt, Batschkapp
19.03.2022 Köln, Live Music Hall
23.03.2022 Wien, Simmcity (AT)
24.03.2022 München, Theaterfabrik
25.03.2022 Bremen, Aladin
30.03.2022 Münster, Skaters Palace
31.03.2022 Stuttgart, Im Wizemann
02.04.2022 Zürich, Dynamo (CH)

Die Rechte für das Cover  liegt bei Universal Urban.

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