Hayley Williams – Petals for Armor

Hayley Williams

Als Chamäleon der Class of late-00’s-Emo mauserte sich Hayley Williams zu einer der wichtigsten Figuren der alternativen Musikszene. Mit ihrer Band Paramore begann die Gratwanderung noch im LoFi-Emo, tauchte dann mit dem Erfolgsalbum “Riot!” in kantigen Pop-Punk, bis die folgenden Alben Schritt für Schritt den Weg vom Melodie getränkten Rock zum bislang aktuellen “After Laughter” ebneten. Von den introspektivischen Teenie-Dramen des Debüts “All We Know Is Falling” waren Paramore 2017 inhaltlich und musikalisch Meilen entfernt. Dass sich Williams schon 2010 – also in Zeiten, wo die Rockgemeinde noch konservativer war als heutzutage – mit dem Rapper B.O.B. für den großen Hit “Airplanes” zusammen getan hatte, war einer der vielen Zeichen für den Ausnahmestatus der Sängerin, die sich schon früh nicht eingrenzen möchte. Selbst solche waghalsigen Entscheidungen werden von den Fans gefeiert, mittlerweile glänzt Williams als auch als flammende Feministin. Ihren großen Hit “Misery Business” spielt die Band nicht mehr mit dem Originaltext – Slut Shaming ist mittlerweile einfach nicht mehr tragbar. Bei so vielen Einflüssen und so einer markanten Haltung sind die Erwartungshaltungen für das erste Solo-Album der Musikerin vielerorts sehr hoch. Ein Versprechen, das Williams mit einem ungewöhnlichen Release-Verlauf schon vor drei Monaten einzulösen begann.

Drei Meisterwerke auf einen Streich

Im Februar war schließlich die erste EP der “Petal For Armors”-Trilogie erschienen, die Williams nun zu einem großen Album zusammenfasst. Auch Teil zwei ist vierzehn Tage vor Erscheinen der physischen Version auf allen Streamingportalen abrufbar – eine Strategie, die nicht ohne Risiko ist. Wer ohnehin schon die meisten Songs vor Release kennt, verliert nun mal das Überraschungsmoment einer Veröffentlichung, das Hinfiebern auf neue Songs geht ebenfalls flöten. Vor großartige Probleme wird das Williams aber vermutlich nicht stellen, die Rezeption war bis dato schließlich übermäßig positiv. Alleine die behutsamen Rachegedanken einer Mutter in “Simmer” konnten über 12 Millionen Aufrufe sammeln, von einem One-Hit-Wonder ist das Solo-Projekt zudem weit entfernt – die Streams der anderen Songs sprechen da eine deutliche Sprache. Dafür pinselt Williams ihre oft gesellschaftskritischen Auführungen schließlich auch auf zu viele unterschiedliche Leinwände, die mal grell funkeln, mal in gedeckten Farben nach Halt suchen.

Taumeln zwischen Tanz und Schwermut

Funkeln dürfen hier vor allem die längst eingestaubten Discokugeln, immer wenn Williams nach Tanzen zumute ist. Dann karrt sie die liegen gebliebenen Synth-Spuren von “After Laughter” zusammen, sprüht sie mit Tonnen weise Haarspray und Ohrwurmgarantie ein. “Sugar On The Rim” macht dem mit einem drängenden Elektro-Beat und modifizierten Stimmen sehr unumwunden Ausdruck, ähnlichsimpel funktionieren auch die perlenden Referenzen “Pure Love” und “Over Yet”. Bei dem polyrhythmischen “Cinnamon” gelingt die Flucht vor plumper Geradlinigkeit hingegen ziemlich gut und gemahnt gar an Amanda Palmers Geniestreiche, auch das Robyn-Manifest “Watch Me While I Bloom” oder das pompöse Björk-eske “Sudden Desire” scheuen sich nicht vor Verneigungen vor den größten Songwriterinnen. Dennoch darf man Williams weder als tobenden Tanzbären, noch als plumpe Kopistin abstempeln. Dafür gleichen die 15 Songs zu sehr Piñatas, die erst beim Aufschlagen ihren gesamten Inhalt preis geben. Gerade die behutsamen Einblicke hinter die Fassade, wie im folkigen Feature “Roses/Lotus/Violet/Iris” mit der Supergroup boygenius oder dem sphärischen R’n’B-Ausflug “Why We Ever”, zeugen von Williams’ mutiger Selbstoffenbarung. Eine intime Introspektive, die mit den im Vergleich unbeholfenen Anfängen vor immerhin 15 Jahren recht wenig gemein hat, außer die volle Trefferquote unter die Haut.

“Petals For Armor” als erstes Solo-Projekt herauszubringen, ist ein Statement. Eins, das Williams von dem dämlichen Klischee befreit, als Frontfrau nur den Gesang beizusteuern, mit der Musik hingegen wenig zu tun zu haben. Eins, das ihre gesellschaftskritische Haltung in jeder Faser trägt. Und eben eins, zu dem man im Glückstaumel, aber auch in den schwierigsten Zeiten zurückkommen möchte. Trotz der vielen Stil-Häutungen bleibt Williams eine unverkennbare Künstlerin, an deren Oberfläche wir vermutlich gerade einmal kratzen. Was da auch noch kommen mag – es wird mit Sicherheit nicht langweilig.

Das Album “Petals for Armor” kannst du hier kaufen. *

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