Nura – Auf der Suche

Doch noch die Kurve gekriegt? Nura hatte es alles andere als leicht. Wer das Glück hat, in einer bahnbrechenden, neuartigen und einzigartigen Rap-Kollaboration wie SXTN gleich 50% ausmachen zu dürfen, hat zwar den Fame schon gepachtet, aber gleichzeitig auch eine großflächige Arschkarte, denn: Wie soll man das toppen? Wie soll man den schier unüberschaubar hohen Erwartungen der Fans genügen, die einfach nicht weniger wollen als Musik, die der Qualität des Berliner Duos genügt?

Zusätzlich hat Nura leider noch das Problem, dass ihre Rap-Skills im Vergleich zu ihrer außergewöhnlich talentierten Kumpanin Juju ein wenig hops gehen. Stattdessen versuchte die 32-jährige, aus Eritrea stammende Nura Habib Omer ein wenig Cool- und Sexyness zu verpacken und ging mit dem Konzept namens „Habibi“ in Form ihres ersten Albums ordentlich baden. Zu gewollt und gleichzeitig auch schlichtweg nicht catchy genug. Der SXTN-Fluch hat zugeschlagen.

Parallel dazu zog Juju wie ein Komet an ihr vorbei. Features, bei denen man nur zustimmend nicken konnte, ein Album mit nahezu ausschließlich guten bis sehr guten Tracks und diverse ausverkaufte Tourneen. Aber ein wenig Ruhe und Besinnung auf sich selbst scheint Nura gut getan zu haben. Zwei Jahre und fünf Monate nach dem enttäuschenden Solodebüt folgt nun mit Auf der Suche der zweite Versuch – und der macht fast alles richtig.

Ok, die Rap-Queen ist sie immer noch nicht. Aber dafür irgendwie eine sympathische, süße Persönlichkeit, die ihre Meinung sagen möchte. Das war zwar schon immer ein Stück weit bei ihr präsent, geht aber bei Auf der Suche voll auf. Denn was SXTN neben derben Beats, gegenwärtigen Feminismus und aggressiver Angriffshaltung ausmachte, waren politische Statements, die aus scharfsinnigen Gesellschaftsbeobachtungen präpariert wurden. Genau auf die hat Juju anscheinend keinen Bock mehr und verzettelt sich trotz Talent ein wenig in zu viel Street-Credibility mit Alkohol-Weed-Style-Eskapaden, während Nura nun darauf den Finger zeigt, was eben ganz und gar nicht so nice ist.

Auf der Suche flutscht mit 35 Minuten Musik, die in 14 Tracks aufgeteilt werden, dermaßen kurzweilig durchs Ohr, das man es definitiv einige Male hören muss, um überhaupt mitzukommen. Denn Nura scheint wirklich rastlos, orientierungslos, psychisch angeschlagen, aber zum Glück nicht hoffnungslos. Sie sucht in ihrer Welt Halt und Fairness, und findet dabei leider einen Haufen Widersprüche.

Mit „Fotze Wieder Da“ kommt der SXTN-Zaunpfahlwink mit einem Vorschlagshammer. Immerhin hieß das Opening auf dem einzigen Album der Zwei „Die Fotzen Sind Wieder Da“. Hat da jemand Heimweh? In lediglich 113 Sekunden rezitiert Nura alte Zeiten und hebt die Hand mit einer „Hey, ich bin auch noch am Start“-Parole. Ist nicht wirklich das Gelbe vom Ei und ein etwas schwacher Versuch, dick zu eröffnen. Doch schon kurz danach wird alles besser.

Nämlich in dem Moment, in dem gezeigt wird, wer Nura wirklich ist. „Ich war’s nicht“ offenbart dysfunktionale Erziehungsstile in Familien mit religiösem Background, bei denen der große Bruder alles darf und die kleine Schwester gar nichts. Das Ganze funktioniert mit einem geshouteten Refrain und Trapbeat. „On Fleek“ wäre – wenn sie denn alle auf und überlebt hätten – einer der Banger in den R’n’B-Clubs. Hüften schwingen lassen, jetzt ist Twerking mit 2000er-Vibes. Ohrwurm.

In sämtlichen Tracks tänzelt Nura leichtfüßig zwischen gesungenen und gerappten Parts und versprüht in erster Linie gute Laune durch die Beats und Hooks und ein wenig Nachdenken durch die Lyrics. Der Trend, Alben möglichst homogen klingen zu lassen, scheint ihr äußerst egal zu sein. Am Ende klingt kein Song gleich, wodurch Auf der Suche mosaikartig wirkt. 14 Momentaufnahmen aus den letzten zwei Jahren – aber warum auch nicht?

Mit „Wichsen ist Mord“ schnappt sich Nura die Durchstarterin Alli Neumann und gemeinsam schmettern sie eine irrwitzige, aber durchaus kluge Nummer, die gegen Abtreibungsgegner*innen spritzt, ähm schießt. „Niemals Stress mit Bullen“ verpasst den*derjenigen eine Backpfeife, die auf tolerant tun und es doch nicht sind. Bei „Lola“ zeigt die Protagonistin eine moderne Sicht einer Sexarbeiterin und macht auch hier vor einem weiteren stets diskutablen Aspekt der Gesellschaft nicht Halt. Dass man trotz manipulierter Nr.1-Rap-Alben mal ein wenig auf dem Teppich bleiben sollte, erzählt „Hier oben“.

Mit Gentleman („Viel zu tun“) und Drunken Masters („Backstage“) sind noch weitere beachtenswerte Gäste am Start. Mit dem deutschen Reggae-Dino berichtet Nura von zu viel Stress im Alltag, der heruntergefahren werden muss, mit dem DJ-Duo samplet sie einen der größten Feminismus-Banger der Black Music-Szene, nämlich „My Neck My Back“ von Khia . Hier wünscht man sich wohl so sehr wie nie zuvor, dass Juju doch mal kurz vorbeischaut.

Ein großes Highlight folgt mit dem erdrückenden „Fair“ gen Ende. Fremdenhass mit runtergefahrenen Rhythmen, die durch E-Gitarren-Verzerrungen knallen. Besonders starke Zeilen wie „Warum ist es der Flüchtling, der dir Angst macht und nicht der Nazi im Landtag?“ sitzen beim ersten Durchgang. Der Rauswerfer „Beledi“ ist eine rührende Danksagung an die Familie und Landeswurzeln.

Tatsächlich ist Auf der Suche eine kleine Überraschung in der zweiten Jahreshälfte. Mit der passenden Produktion, knallenden Beats, netten Hooks, wichtigen Themen und ein paar treffenden Aussagen ist Nura überraschend stark zurück im Game und erarbeitet sich ihre Glaubwürdigkeit und Daseinsberechtigung auf neuen Wegen. Totgesagte leben länger. Wer mag, darf mit Nura gerne gemeinsam suchen und Ausschau nach dringend benötigter Besserung halten.

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