Gerade erst wurde eine Statistik veröffentlicht: Queere Serien werden kontinuierlich beliebter. Aktuell ist „Heated Rivalry“ in aller Munde und wird in wenigen Tagen auch in Deutschland veröffentlicht. Offensichtlich ist also ein Subgenre so langsam im Mainstream angekommen. Heißt doch, dass queere Menschen von der Gesellschaft angenommen werden, richtig? Leider ist es nicht so einfach, denn wie generell bei politischen Themen driften die Haltungen immer weiter auseinander. Ist es für die eine Seite überhaupt gar kein Ding, so wird es gleichzeitig für andere immer mehr zum No Go. Queere Menschen sind Feindbilder. Auch wenn Kinky Boots – The Musical fast 15 Jahre alt ist, so hat es an Aktualität nichts eingebüßt. Schlecht für die Community, schön für das Musical.
Ein wenig Hintergrundwissen: 2012 lief die Weltpremiere des ersten Musicals, dessen Musik aus der Feder von Queer-Icon Cyndi Lauper stammt. Das Buch dazu schrieb Harvey Fierstein, der schon drei Jahrzehnte zuvor mit „La Cage aux Folles“ einen Musicalmeilenstein mit Queer-Thematik zauberte. Nach der erfolgreichen Etablierung am New Yorker Broadway, wird es auch ab 2015 im Londoner West End zum Hit. Die Deutschlandpremiere folgt im Dezember 2017. Trotz perfekter Platzierung auf der Reeperbahn in Hamburg, hält es sich dort kein ganzes Jahr. Seitdem gibt es das Stück selten hierzulande zu sehen, eine abgespeckte Inszenierung machte zur Corona-Zeit eine große Runde durchs Land. Die Idee zu Kinky Boots stammt aus dem gleichnamigen Film aus 2005, der auf wahre Ereignisse beruht. Queerfeindlichkeit und Gewalt an queeren Menschen ist eben real und offensichtlich niemals wirklich vorbei.
Dabei ist – und das wollen wir an dieser Stelle direkt verraten – Kinky Boots in der aktuell laufenden Tourproduktion ein Feel-Good-Musical, wie man es braucht und liebt. Eigentlich ist es unmöglich, nach der Vorstellung nicht mit einem erwärmten Herz den Saal zu verlassen, so schön und gut fühlt es sich an. Im Oktober ging die originale, englischsprachige West-End-Produktion in München an den Start, danach folgten Zürich und Berlin, jetzt gibt es für rund zwei Wochen den Tourabschluss in Oberhausen, bevor es dann für mehrere Monate nochmal an den West End geht. Im immer wieder schicken Metronom Theater, das völlig passend ein Foyer aus vielen Rottönen besitzt, passt das besondere Stück einfach richtig gut.
Kurz nochmal die Rahmenhandlung: Charlie verliert seinen Vater und erbt dadurch eine Schuhfabrik in den englischen Midlands. Über mehrere Generationen existiert sie schon und war einst eine Goldgrube, nun steht sie vor einem finanziellen Debakel. Durch einen kuriosen Zufall lernt Charlie die Dragqueen Lola kennen, die die Idee hat, dass er und sein Team doch knallig-rote High Heels für sie und ihre Ladys produzieren könnte. Eine Idee, die Charlie und auch so manchen Kolleg*innen nicht wirklich zusagt – aber hat er eine andere Wahl?…
Ist es der Termin am Mittwochabend, die englische Sprache oder die Thematik? So ganz genau weiß man’s nicht, aber leider ist das Metronom zur Premiere nur ungefähr halbvoll. Doch die, die hier sind, wissen, warum – und sie bekommen das, was sie wollen. Vielleicht sogar noch etwas mehr. Das zweistündige Kinky Boots (Akt 1 rund 65 Minuten, Akt 2 ungefähr 55 Minuten) ist in allen Punkten ein Volltreffer. Angefangen bei dem für eine Tourproduktion unglaublich aufwändigen Bühnenbild. Eine zig Meter hohe, industrie-schicke Fabrik, bei der Kreativität auf Werkzeuge trifft, bei denen der Zahn der Zeit eigentlich schon längst gezogen wurde. Detailreich, mit ordentlich Quantität in den Requisiten und meist recht bodenständigen, alltagstauglichen Kostümen – bis Lola um die Ecke kommt und das gewisse Extra einstreut. Das Rot poppt ins Auge, der Glitter funkelt, das Makeup sitzt. Die 20-köpfige, sowohl in Herkunftsländern, Körpertypen und Alter außergewöhnlich diverse Cast fackelt nicht lang und ist in jeder Szene mit ansteckender Energie am Start, die kompromisslos durch den Körper fährt.
Auch im Ton scheint alles rund zu laufen, klingen die dynamischen Töne von ganz leise bis Powerbelt alle bombastisch abgenommen. Ebenso die sechsköpfige Band, die groovy durch den Abend führt. Auf technischer Seite ist Kinky Boots also schon mal äußerst rund. Sehr viel besser wird es dann nur noch durch die überragende Cast-Performance. Es ist einfach immer wieder ein gewaltiger Unterschied, ob West-End-Darsteller*innen zu sehen sind oder nur eine deutsche Cast. Ja, auch hier gibt es viele tolle Leute – aber die ganz Großen gehen nun mal in Europa nach London. Dort tummeln sich die Talente. Wie so oft sind hier bis in die kleinste Nebenrolle nur Menschen, die mindestens die Schulnote 1- für ihre Leistung bekommen würden.
Dan Partridge als Charlie ist dabei gar nicht mal das hervorstechende Element. Schauspielerisch und im gesanglichen Ausdruck mimt er seine Rolle zwischen Verzweiflung und Enthusiasmus. Ein gutes Paket. Sogar der kritische Don, gespielt von Billy Roberts, bekommt trotz viel Genörgel Sympathiepunkte und passt optisch hervorragend ins Bild. Außergewöhnlich krass ist aber besonders die sensible Figur Lauren, Charlies Mitarbeiterin, die heimlich in ihn verliebt ist, die wundervoll von Courtney Bowman interpretiert wird. Die 30-jährige Darstellerin war bereits in „Six“ und „Everybody’s Talking About Jamie“ zu sehen – beides übrigens Stücke, die noch dieses Jahr nach NRW kommen. Gerade ihr großes Solo „The History of Wrong Guys“ fliegt mit solch einer Power durchs Theater, dass man ihr stundenlang zuhören könnte. Doch am Ende zieht Tosh Wanogho-Maud als Lola sämtliche Asse aus dem Ärmel – ob Tanz, ob Look, ob Gesang. Alles eine 10 von 10. Gerade in dem tiefberührenden, super traurig machenden „Not My Father’s Son“ gibt es Emotionen in der Rohfassung. Das wirkt so authentisch und so treffend. Wahnsinn. Ein wirklich perfekter Auftritt, ohne auch nur ein Fitzelchen Abzug. Übrigens gibt es dank der glaubwürdigen Darstellungen richtig viel coolen britischen Humor mit den unverkennbaren bloody accents, die trotz Sprachbarriere für mehrere laute Lacher sorgen.
Die stimmungsvollen Kompositionen von Cyndi Lauper machen richtig Freude und animieren dazu, auch nach der Show nochmal gehört zu werden. Selbst wenn der Inhalt der Story vielleicht ein bisschen vorhersehbar ist, so gipfelt das Feeling mit dem mitreißenden, glanzvollen Finale „Raise You Up“, das die Punchline nochmal auf den Punkt bringt: Du kannst probieren, dich zu verstellen. Irgendwann holt es dich ein. Deswegen sei du selbst, um glücklich zu werden. Respektiere Menschen, wie sie sind und respektiere dich. Und sei einfach mal nett. Eigentlich müsste Kinky Boots ab sofort dauerhaft in Deutschland laufen. Doch die, die in die Vorstellung gehen, sind ja meist nicht das Problem. Umso schöner fühlt sich die gemeinschaftliche Atmosphäre im Raum an, während die Cast beim Schlussapplaus eine Progress Flagge wehen lässt.
Weitere Termine:
Bis 01.02. im Metronom Theater Oberhausen:
Di/Do/Fr 19:30 Uhr
Mi 18:30 Uhr
Sa 15:00 Uhr & 19:30 Uhr
So 14:00 Uhr & 18:30 Uhr
Mo spielfrei
Und so sieht das aus:
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Foto von Christopher Filipecki
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