Dass der Film „Michael“ gut laufen würde, damit hatten viele gerechnet. Dass er aber zu einem der fünf erfolgreichsten Filme des gesamten Jahres wird, die Milliarden-Marke knackt und sogar zur umsatzstärksten Filmbiografie aller Zeiten wird, hat die Erwartungen weit übertroffen. Derjenige, um den es geht, war eben schon immer für Rekorde der Richtige. Plötzlich finden sich sämtliche seiner unsterblichen Hits der 80s wieder in den Charts, Kinder und Jugendliche entdecken erneut das Nachahmen des Tanzstils und der Fokus rückt mal wieder mehr auf das Schaffen des einzigartigen Künstlers Michael Jackson statt auf seine Skandale. Diesen Hype sollte man nutzen, um ihm noch mehr Tribut zu zollen und das gute Gefühl, was seine Musik gegenwärtig auslöst, gemeinsam mit Fans zu zelebrieren. One Night of MJ – The Tribute to The King Of Pop! ist nur eine von vielen Shows, die aktuell durch die Republik reist. Bei so viel Michael-Lärm kann man durchaus den Überblick verlieren, weswegen wir euch genau aufschlüsseln, was ihr hier zu sehen bekommt, was sich lohnt und was nicht. Spoiler an dieser Stelle: Das Ergebnis fällt größtenteils echt gut aus!
Wir sind mittlerweile erprobt: Ob „Thriller Live“ als Show, die schon zu Jacksons Lebzeiten existierte, ob „MJ“ als aktuell hoch gefragte Musicaladaption, ob mittelmäßige Tribute-Shows wie „Forever“ oder überragende Tribute-Shows wie „Beat It! Live“ oder Analysen zu ziemlich schlechten Filmsoundtracks wie der zu „Michael“ – wir sind gerade richtig im Thema. Immer wieder erstaunlich, mit welch unterschiedlichen Ansätzen Kreativteams an ihre Shows herangehen und versuchen, sowohl der Diskografie des Weltstars gerecht zu werden, aber auch seine unverwechselbaren Tanzqualitäten, seinen wahnsinnig herausfordernden Gesangsskills und manchmal gar seiner Lebensgeschichte gerecht zu werden. Da gibt es 1000 Möglichkeiten und mindestens genauso viele, um ziemlich auf die Nase zu fallen. Deswegen gilt grundsätzlich immer, mit einer neutralen Haltung an die Sache heranzugehen, einfach für Tribute-Inszenierungen offen zu sein und sich so hoffentlich positiv überraschen zu lassen. Die gerade laufende Tour zu One Night of MJ – The Tribute to The King Of Pop! ist quasi bereits ein Bonus. Schon 2025 gab es mehrere Termine, auch im Frühjahr 2026 gab es Vorführungen – aber selbstredend ist die Nachfrage nach dem Film, der im April startete, nochmal größer, sodass nun im Herbst fast 20 Gigs anstehen und kommenden März gleich nochmal um die 15. Zückt schon mal vorsichtshalber den Kalender!
An einem Donnerstagabend, dem 15.10., ist es in der Eventlocation New Box direkt neben dem Hockeypark in Mönchengladbach gut voll. Bis auf die ganz hinteren Reihen ist alles belegt. Nicht selten sieht man Gäst*innen in Michael–Jackson-Fanshirts, manch kleinen Fan gar in vollem Kostüm. Pünktlich um 20 Uhr gibt es den Startschuss zu der insgesamt 130 Minuten andauernden Show, die nach 60 Minuten von rund 25 Minuten Pause unterbrochen wird. Doch wie funktioniert One Night of MJ denn nun? Sofort auffällig ist die außergewöhnlich groß besetzte Band. Schlagzeuger, Bassist, Gitarrist, Keyboarder, drei Bläser, vier Streicher plus drei Backgroundsänger*innen – wow! Das ist Ansage! Da muss man schon lang suchen, um für Ticketpreise von unter 85€ in den vorderen Reihen solch ein Aufgebot zu bekommen. Dickes Kompliment. Die Vielfältigkeit der Instrumente sorgt dafür, dass gleich mehrere Songs kleine Soli erhalten, die man so wohl nicht erwartet. Beispielsweise wenn bekannte Gitarrenparts plötzlich von einer Violine übernommen werden oder die Trompete dem Ganzen nochmal mehr Wumms verpasst. Somit besticht One Night of MJ besonders durch seine Musikalität, sind nämlich auch die drei Backgroundsänger*innen starke Mitglieder des Ensembles und dürfen gleich mehrfach zur Überbrückung von Kostümwechseln allein ran. So geht ein tolles „Earth Song“-Solo auf die Kappe von Noemi Colombini, aber auch der Schlagabtausch zwischen Giulia Penza und Niccolo de Santis in „I’ll Be There“ ist gelungen.
Dankenswerterweise versucht man sich nicht daran, unnötige Spielszenen einzubauen, um das Leben des King of Pop nachzuerzählen. Stattdessen ist One Night of MJ ein lupenreines Konzert, bei dem man zu rund 90% darauf setzt, Michael Jackson und seine Livequalitäten möglichst gut nachzuahmen, zu 10% aber auch eigene Akzente zu setzen. Wie immer steht und fällt das Spektakel mit der einen Person, die die undankbare Aufgabe hat, den einstigen Megastar zu doublen. Der Brasilianer Wendel Gama ist bereits seit seinem 16. Lebensjahr professioneller MJ-Imitator und heute eine erfolgreiche Internetpersönlichkeit. Fast 800.000 Menschen folgen ihm auf Instagram, aber auf TikTok sind es gar unglaubliche vier Millionen. Wahrscheinlich gehört er mit seinem Package aus Optik, Stimme und Tanz zu den allerbesten Imitator*innen der Welt, denn tatsächlich kann Gama in allen drei Aspekten fast gleich gut punkten. Die Frisur sitzt perfekt, sodass der erste Eindruck, wenn er die Bühne betritt, sofort positiv funktioniert. Noch geiler wird es dann aber, wenn er anfängt zu singen. Selten hört man Sänger*innen, die so ähnlich klingen wie ihr Vorbild. Ja, Wendel Gama klingt locker zu 98% so wie Michael. Bis ins Detail werden hier Hickser geübt – richtig toll zu erkennen bei der ersten Strophe von „Man in the Mirror“ – und akribisch an der Stimmtechnik gefeilt, um diesen irrsinnig schweren Nummern gerecht zu werden. Das klappt wirklich wahnsinnig gut. Zwar ist mancher Track mal einen Halb- oder Ganzton tiefer transponiert, aber geschenkt.
Auf der Setlist steht alles, was die Popgeschichte der 80s und 90s beeinflusste und jeder große Hit, aber zum Erfreuen der Hardcore-Fans sogar so manche Überraschung. Wie oft habt ihr bisher „Liberian Girl“ oder „Give In To Me“ in einer Michael–Jackson-Show gehört? Eben. Nicht mal bei Michael Jacksons eigenen Konzerten damals! Gerade solche Kleinigkeiten sorgen hörbar in den ersten Reihen bei manchen langjährigen Anhänger*innen für Begeisterung. Hier wird sofort das Handy gezückt. Andere wiederum kommen aber natürlich mit dem auf ihre Kosten, was sie als erstes zum Stichwort „Michael Jackson“ im Kopf haben. Das ist die von Gama wirklich sensationell interpretierte „Billie Jean“-Choreo, der kultige Leaning-Effekt im weißen Anzug zu „Smooth Criminal“, ägyptische Atmo in „Remeber the Time“ oder auch Horrorfiguren live on stage zu „Thriller“.
An der Stelle sollte auf jeden Fall der größte Negativaspekt in One Night of MJ genannt werden – die Tänzer*innen neben Wendel Gama. Reißt sich der Hauptakteur nämlich bis zur allerletzten Pose den Allerwertesten auf und schwitzt schon nach wenigen Minuten bis in die kleinste Pore, so sind einige der fünf Tänzer*innen nur halbherzig dabei. Zwar wird in kleinen Impro-Momenten deutlich, dass alle definitiv tanzen und manche auch mit einem Backflip beeindrucken können, jedoch hätte hier sehr (!) viel mehr Zeit und Mühe in das Erlernen der Choreografien gesteckt werden müssen. Selten war die Schere zwischen Frontmann und Background so groß. Ständig sieht man, dass Schritte nicht detailliert genug ausgeführt werden, manche einfach was falsch machen und auch die Synchronität erheblich leidet. Da hilft so manches übertriebene Sexy-Posing auch nicht, um darüber hinwegzutäuschen. Das ist immer noch eine Michael–Jackson-Tribute-Show, bei der man völlig zurecht erwartet, dass die Leute, die tanzen, auch gut vorbereitet sind. Doch auch das an manchen Punkten trashig wirkende Kostüm führt hin und wieder zu dem Eindruck, dass hier alternativ eine Schultanzgruppe die Arbeit übernehmen könnte. Wendel Gama selbstredend komplett außen vorgenommen!
Puh. Haben wir das größte Gemecker schon mal erledigt. Neben dem wirklich hervorragenden Gama wirbt die Show aber mit einem weiteren Highlight, und das ist wahrhaftig exklusiv und besonders. Jennifer Batten ist nicht nur seit über vier Dekaden eine der besten Gitarristinnen der Welt. Sie ist nicht nur eine der wichtigsten Erfinderinnen der Tapping-Technik, die fortan weltweit gelehrt wurde. Sie ist letztendlich auch das wohl bekannteste Gesicht der Michael–Jackson-Liveband der 80er und 90er. Ob „Bad“-, „Dangerous“- oder „HIStory“-Tour – stets überzeugte sie mit schrillen, extravaganten Kostümen mit mutigem Fetischbezug, aber auch irrsinnig krassen Soli. Und genau jene Jennifer Batten ist im Alter von 68 Jahren immer noch aktiv am Start und auf der gesamten One Night of MJ-Tour dabei. Das ist für Fans natürlich pures Gold. Man muss sich ein wenig in Geduld üben, denn die gesamte erste Hälfte kommt ohne ihr Erscheinen aus. Doch im zweiten Block läuft sie schließlich zu „Beat it“ und dem damit einhergehenden legendären Solo auf die Stage, natürlich mit fulminanten Applaus unterstützt und rockt daraufhin eine ganze Stunde mit der Liveband. Es ist äußerst schwer, ab dem Moment den Blick von ihr zu lassen, so viel Präsenz und Können strahlt sie immer noch aus. Mehrere geile Bilder entstehen durch ihr Vortreten. Was eine Persönlichkeit!
Wie schon erwähnt: Musikalisch ist One Night of MJ durchweg stark. Der Sound ist meistens gut, hin und wieder knallen aber Streicher und Bläser etwas zu doll und übertünchen den Gesang. Was man noch streichen könnte: Die wirklich unglaublich kitschige und überdramatische Spielszene am Ende von „Earth Song“. Ein Tänzer in Armee-Look mit Knarre, der anschließend von einer Tänzerin in weißem Kleid mit weißer Blume zum Frieden animiert wird? Uff. Hart. Auch in den KI-Visuals auf Leinwand geschehen hin und wieder einige Schandtaten, bei denen weniger Künstlichkeit zu mehr Stimmung führen würde. Doch das kann man recht gut ignorieren und unter „egal“ abhaken.
Final zählt One Night of MJ eindeutig zu den guten Tribute-Shows. Dank seiner tollen Setlist, einem wahnsinnig talentierten Michael-Imitator und der ikonischen Jennifer Batten an der Gitarre steht alles Wichtige auf der Haben- und nicht auf der Wollen-Seite. An ein paar Dingen kann man noch feilen, aber das sollte – wenn man sich gerade ebenso im Hype befindet – einen nicht von einem Besuch abhalten. Um den Abend perfekt abzurunden, lohnt es sich übrigens, etwas mehr Zeit einzuplanen, um anschließend mit den Künstler*innen im Foyer ein Foto zu machen oder ein Autogramm abzucatchen!
Weitere Termine:
2026:
16.10. Stadthalle, Alsdorf
17.10. Stadthalle, Soest
18.10. Beethovenhalle, Bonn
20.10. EPG Arena, Koblenz
21.10. Josef-Kohlmaier-Halle, Limburg an der Lahn
22.10. Fanhalle Nord, Kaiserslautern
23.10. Congress Centrum, Heidenheim
25.10. Audimax, Regensburg
28.10. Max-Reger-Halle, Weiden in der Oberpfalz
29.10. Meistersingerhalle, Nürnberg
30.10. Jugendstil-Festhalle, Landau in der Pfalz
31.10. Congress Centrum, Pforzheim
02.11. Theater im Kurhaus, Freudenstadt
03.11. Harmonie, Heilbronn
04.11. Kultur- und Kongresszentrum, Gera
07.11. Lausitzhalle, Hoyerswerda
2027:
03.03. Nikolaisaal, Potsdam
04.03. Georg-Friedrich-Händel-Halle, Halle (Saale)
05.03. Sparkassen-Arena, Zwickau
07.03. Friedrichsforum, Bayreuth
10.03. Stadeum, Stade
12.03. Elbeforum, Brunsbüttel
13.03. Seehotel Maritim, Timmendorfer Strand
14.03. Festspielhaus am Wall, Emden
18.03. Paderhalle, Paderborn
19.03. OVAG Theater Dolce, Bad Nauheim
20.03. Messe, Idar-Oberstein
21.03. Bürgerhaus Bergischer Löwe, Bergisch Gladbach
25.03. Haus Auensee, Leipzig
28.03. Anhaltisches Theater, Dessau-Roßlau
Und so sieht das aus:
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Foto von Christopher Filipecki
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