Rebecca, Theater Dortmund, 14.10.2026

Rebecca c björn hickmann

Neues Level freigespielt: Dass das Theater Dortmund genau weiß, welches Musical in der neuen Saison für Aufsehen sorgen wird, ist seit einigen Jahren bekannt. Ob queere AIDS-Thematik in „Rent“ , 70s-Evergreen à la „Grease“ oder Grusel-Opera namens „Sweeney Todd“ – Fans des Genres bekommen stets die besondere Auswahl, die immer für ein Staunen sorgt, aber auch reguläre Theaterbesucher*innen können sich jedes Mal auf etwas Untypisches oder Spektakuläres freuen. Sogar das junge Nachwuchsensemble lieferte gerade erst mit „Alle reden noch von Jamie“ oder im Vorjahr mit „Carrie“ Werke ab, die bisher im Umfeld selten oder gar noch nie zu sehen waren. Aber das alles kann man noch einmal toppen. Mit Rebecca kommt nicht nur eines der meist-gefeierten Musicals der Bubble in die Ruhrmetropole. Nein, es ist eines der hochkarätigsten Musicals, die jemals in der DACH-Region entstanden sind und ganz nebenbei feiert es im Theater Dortmund auch noch seine Stadttheater-Premiere. Das ist mal ein Package. Und das Ergebnis?

Wir machen es natürlich ein wenig spannend. Denn wenn das Stück Spannung aufbauen kann, wollen wir es an dieser Stelle auch tun. Sylvester Levay und Michael Kunze sind unumstritten wohl das stärkste Duo, das die deutschsprachige Musicallandschaft je zu Gesicht bekam. Mit „Elisabeth“ gelang ihnen 1992 ein Werk, das fast 35 Jahre nach seiner Uraufführung immer noch weltweit Jubelstürme erntet und jedes Mal aufs Neue ins Staunen versetzt. Auch der direkte Nachfolger „Mozart!“ (1999) hat eine unüberschaubare Fangemeinde und wurde zum Klassiker. Rebecca machte das Triple komplett – da fragt man sich wirklich, wie viel Genie und Wahnsinn in den beiden Persönlichkeiten stecken muss, dass gleich dreimal in Folge solch eine Wucht an Komposition und Lyrik zusammenkam. Das fast zeitgleich uraufgeführte „Marie Antoinette“ (2006) ist bis heute nur unter der Hardcore-Anhängerschaft ein Begriff, hätte aber sicherlich auch nach der letzten Aufführung in Deutschland im Jahr 2012 ein Revival verdient. Wink mit dem Zaunpfahl, ihr versteht…

Rebecca feiert seine Uraufführung im September 2006 in Wien – im September 2026 findet die Premiere im Theater Dortmund statt. Zum 20. Geburtstag! Happy Birthday an der Stelle nochmal! Auch wenn es stets ein wenig im Schatten der großen Schwester „Elisabeth“ stand, so ist es schon ewig ein Geheimfavorit. In der österreichischen Landeshauptstadt gab es in den zwei Dekaden bereits vier große Produktionen, die teilweise sogar über ein Jahr am Stück liefen und zusammen auf fast 1000 Vorstellungen kommen. In Deutschland musste man dafür oft etwas genauer Ausschau halten: Nach einem mittelmäßig-erfolgreichen Run von etwas mehr als einem Jahr in Stuttgart, wartete man besonders in Hamburg, Oberhausen oder Berlin auf den nächsten Levay–Kunze-Banger. Vergebens. Bis heute hat Stage Entertainment kein einziges Mal das Musical woanders umgesetzt, obwohl akribisch danach gerufen wurde. Stattdessen folgte 2016 auf der Freilichtbühne Tecklenburg für rund sieben Wochen lang das Open-Air-Debüt, kurz nach Corona, nämlich 2022, eine Sommersaison lang Magdeburg und nun eben Dortmund.

Seit der Ankündigung zählen Fans einen Countdown. Endlich wieder Rebecca! Dazu Indoor und von einem Haus, bei dem man weiß, dass es für ein Stadttheater überdurchschnittlich liefert. Zumindest meistens. Aus den zunächst geplanten 28 Aufführungen bis April sind mittlerweile 31 geworden. Fast alle melden restlos ausverkauft, vielleicht hat man noch Glück und erhält ein paar Einzelplätze. Ein Musicalhype, der andere große Premieren bundesweit fast schon blass aussehen lässt. Dortmund verkauft Tickets dermaßen üppig, davon können viele wirklich nur träumen. Wir haben es leider nicht zur ersten Aufführung geschafft und rezensieren hier stattdessen die fünfte. Ist aber ja manchmal auch nicht schlecht, dann sind alle Beteiligten etwas warmgelaufen.

Ja, Aufregung ist spürbar. Schon vor dem Beginn hört man mehrere Menschen sagen, wie gespannt sie sind. Nicht wenige NRWler*innen dürften den Hit aus Tecklenburg kennen, zumindest eben die Fanschar. Einige sind gar Hunderte von Kilometern angereist. Die Reise nach Manderley will niemand verpassen. Und tatsächlich ist der fast dreistündige Ausflug – 75 Minuten im ersten, 60 Minuten im zweiten Akt, dazwischen eine halbe Stunde Pause – wieder einmal nervenaufreibend, voller Sehnsucht und musikalischer Hymnen. Trotzdem bekommt die Dortmunder Inszenierung am Ende nur das Siegel „gut“, nicht „sehr gut“. Ein bisschen was fehlt.

Rebecca-Newbies lassen wir selbstredend nicht auf den stürmischen Klippen kurz vorm Abgrund stehen, sondern holen sie ins vermeintlich behütete Anwesen von Maxim de Winter, ums zumindest vorerst gemütlich zu machen: Die Protagonistin – tatsächlich heißt die Rolle Ich – arbeitet in den 1920ern in Monte Carlo als Gesellschafterin für die ziemlich versnobte Amerikanerin Mrs. van Hopper. Die dreht in der Öffentlichkeit dermaßen auf, dass es für Ich oft mal unangenehm wird. Als sie jedoch das Glück hat, den frischen, wesentlich älteren und sehr reichen Witwer Maxim de Winter kennenzulernen, ist der sofort Feuer und Flamme für sie. Bevor Mrs. van Hopper zurück in ihre Heimat Amerika kehrt und Ich mitnehmen kann, verlobt sich de Winter mit Ich und nimmt sie mit auf sein Anwesen nach Manderley im englischen Cornwall. Dort angekommen traut sie ihren Augen nicht und fühlt sich auch zunächst von dem krassen Lebenswandel wahnsinnig überfordert. Allgegenwärtig ist die Trauer rund um de Winters verstorbene Ehefrau Rebecca – unter den Bediensteten, allen voran jedoch Mrs. Danvers, der Haushälterin, die Ich mit perfiden Tricks bloßzustellen und wegzuekeln versucht. Hat Rebecca wirklich den Freitod gewählt oder gibt es einen bisher noch nicht entlarvten Täter unter ihnen?

Als Inspiration diente Levay und Kunze die Verfilmung von Alfred Hitchcock aus 1940. Die wiederum beruhte auf der nur zwei Jahre zuvor erschienenen Romanvorlage von Daphne du Maurier, einer der ersten großen und enorm einflussreichen Thriller-Autorinnen. Thriller-Storys in dem unverfänglichen Musical-Genre sind eh eine Seltenheit. Doch Rebecca ist mehr als nur Crime. Rebecca ist Coming-of-Age, Romanze, Feminismus, Rache, Familientragödie und Psychodrama. Immer wieder wandelt der Schwerpunkt von leicht zu schwer, von witzig-schräg zu traurig-ernst, von träumerisch zu unheimlich. Selten kann man in einem Musical das Whodunit-Spiel mitzocken und sich gleichzeitig von sensationellen Kompositionen berauschen lassen.

Rebecca in Dortmund ist gut, weil die Vorlage so brillant ist, dass man entweder gar kein Budget haben oder alles gegen die Wand fahren muss, um hier wirklich zu enttäuschen. Das Libretto und die Musik sind so klar volle Punktzahl, da muss man als Nachahmer*in erstmal überhaupt irgendwie ranreichen. Dank der Kooperation mit den Vereinigten Bühnen Wien kann man sich darauf einstellen, dass die Interpretation nicht völlig von dem jungen Klassiker abweicht, sondern stets recht nah an den bekannten Produktionen bleibt. Am Ende sind aber Stücke nicht überall gleich. Umso interessanter also, welche eigenen Aspekte Dortmund mit einbringt, wie besetzt wurde und wie das Ganze auf der Ruhrpott-Bühne aussieht.

Unter der Leitung von Carlos Vázquez bekommt man einen fulminanten Orchestersound. Hat das Theater bei Rockbands in Musicals hin und wieder einige Tonprobleme – man erinnert sich an „Rent“ oder „Grease“ – kann man hier das zeigen, was man kann. Sinfoniekonzerte sind im Opernhaus ein Genuss, sodass Rebecca mit allem auffahren kann, was nur geht. Das ausverkaufte Haus ist ab Sekunde 1 dabei und applaudiert lautstark zu jedem Moment, der es nur ansatzweise anbietet. Auch in dem abwechslungsreichen und schicken Kostüm hat sich Falk Bauer ordentlich Mühe gegeben. Toll sieht das aus! Ebenso das immer schummrige, mythische Lichtdesign von Michael Grundner weiß zu überzeugen und leuchtet nie zu viel, noch weniger aber zu wenig aus. Gil Mehmert als Regie ist seit Jahren für seine engagierte Arbeit auf unterschiedlichen Bühnen Deutschlands bekannt. Zweifelsfrei ist auch bei Rebecca alles bombastisch getaktet. Während der fünften Aufführung klappt jeder Moment ohne Einschränkung. Riesige Bauten an unterschiedlichen Kulissen werden flüssig gewechselt, alles wirkt wunderbar abgestimmt und stimmig. Trotzdem fehlt es am Ende an zwei, drei Ecken, um vollends zu zünden. Und das liegt ein wenig am Bühnenbild, leider größtenteils aber an der nicht ganz gelungenen Cast.

Im Bühnenbild passiert viel. Wirklich. Das Zuschauerauge hat gut zu tun und kann immer wieder zwischen einem sehr stilvollen, hohen Schlafzimmer, einem Bootshaus am Meer, einer Bibliothek, in der einige dramaturgische Wendungen geschehen oder auch feurigen – when you know, you know – Schlosshallen switchen. Trotzdem ist die Bühne von Karl Fehringer und Judith Leikauf ein wenig kühl im Gefühl, ein wenig trist, schlimmer aber: manchmal ganz schön leer. Die Bauten könnten öfter mehrere Meter breiter sein, um mal richtig zu erschlagen. Klar, wir sind hier immer noch in einem Stadttheater, in dem zwischen den Aufführungen auch andere Stücke laufen, aber wenn man mit Rebecca klotzt statt kleckert, dann bitte wirklich voll auf die Zwölf.

Doch am meisten liegen Licht und Schatten an jenem Abend nicht in der intensiven Story beieinander, sondern in den Performances der Darsteller*innen. Einige machen es richtig gut und andere bleiben doch um einiges hinter den Erwartungen zurück. Der Star der Vorstellung ist zweifelsfrei Antonia Kalinowski als Ich. Erst vor zwei Jahren beendete sie ihr Musicalstudium und ist seitdem auf bestem Wege in die erste Riege der Darstellerinnen Deutschlands. Nach ihrer schon ziemlich gelungenen Interpretation der Sandy in „Grease“ in der letzten Saison, gibt es nun von ihr die volle Bandbreite. Sie spielte Ich bereits auf der internationalen Tour in China und kann die gesammelte Erfahrung nun bündeln und im Theater Dortmund on Peak abspielen. Die Wandlung von dem schüchternen, unsicheren Mädchen zur selbstbewussten und selbstbestimmten Frau gelingt ihr vorzüglich. Eigentlich ist jede starke Szene in irgendeiner Form auch ihr Verdienst. Großartig!

Außerdem gibt es herrliches Overacting schon in den ersten Minuten. Amani Robinson als Mrs. van Hopper ist äußerst cheeky, gnadenlos drüber, ein wenig fremdschämig, aber auch super unterhaltsam und witzig. Max Lochmüller hat als Sidecharacter Ben zwar keine große Rolle, ist aber in seinen Szenen immer komplett am Start und transportiert mit einfühlsamer Gestik und schöner Stimmfarbe. Nicht zuletzt sticht auch Alexandra Farkic als Beatrice, die Schwester von Maxim, hervor, die in ihren nachdenklichen Songs „Was ist nur los mit ihm?“, noch mehr aber in dem Duett „Die Stärke einer Frau“ mit Kalinowski für große Gefühle sorgt.

Umso trauriger, dass neben Kalinowski die beiden anderen Hauptfiguren Maxim de Winter und Mrs. Danvers mit Mark Seibert und Bettina Mönch doch ganz schön enttäuschen. Mark Seibert, seit mindestens einem Jahrzehnt einer der wohl fünf bekanntesten und beliebtesten männlichen Darsteller des Genres, scheint irgendwann aufgehört haben, seinen Ruf verteidigen zu wollen und gibt – zumindest in der Vorstellung am 14.10. – echt das Minimum. Natürlich kann der vor allen Dingen äußerst begnadete Sänger auch mit wenig Anstrengung immer noch tolle Töne von sich geben, aber dass es bis auf das Solo „Kein Lächeln war je so kalt“ nahezu gar keine Gefühlsregung gibt und alles äußerst flach gespielt, aber auch recht emotionslos gesungen wird, ist eindeutig zu wenig. Da lohnt es sich sicherlich bis Mitte November zu warten, wenn Jan Ammann die Rolle übernimmt und hoffentlich mehr Seele auf der Bühne lässt.

Das Dortmund-Flaggschiff Bettina Mönch scheint sich sehr detailliert und mit viel Engagement mit den unglaublich anspruchsvollen Songs der Mrs. Danvers auseinandergesetzt zu haben. Gesanglich sitzt das alles perfekt, besonders ihr großes Solo „Rebecca“ ist wahrscheinlich der Gänsehaut-erzeugendste Augenblick der ganzen Vorführung. Nur leider wirkt es bei der Darstellerin so, als habe sie dermaßen viel Fokus auf die Vocals gelegt, dass dazwischen das Schauspiel hopsgegangen ist. Mrs. Danvers ist eine der wohl atemberaubendsten Figuren der Musicalgeschichte. Fast jede Szene erzeugt für gewöhnlich Angst, tiefen Respekt und erweckt Wut und Abscheu beim Zuschauen – davon zeigt Bettina Mönch allerdings wenig bis nichts. Stattdessen ist sie Ich gegenüber einfach recht unfreundlich, distanziert, aber überhaupt nicht dominant genug, sodass der Konflikt zwischen beiden oft nichtmal richtig greifbar und nachvollziehbar wird. Und sind wir mal ehrlich: Mrs. Danvers ist die eine Schlüsselfigur des gesamten Stückes. Sitzt die nicht perfekt, gehen die Mundwinkel beim Verlassen des Saals automatisch ein wenig runter, einfach weil es nicht richtig kickt. David Jakobs pendelt sich final übrigens mittig ein, gibt seine Figur Jack Favell einfach viel zu wenig her, um aus dem starken Charakterdarsteller das rauszuholen, was er eigentlich kann.

Am Ende ist Rebecca in Dortmund dennoch für Musicalfans absolutes Pflichtprogramm in der frisch gestarteten Saison 2026/27. Eine unglaubliche Auswahl, für die Fans sehr, sehr dankbar sind. Ein Stück, das so unique ist, dass es nicht enttäuschen kann und weitere 20 Jahre für „Wows“ sorgen wird. Die Inszenierung hätte aber noch zwei, drei Ligen stärker sein können.

Weitere Termine:
2026:
18.10. 18:00 Uhr, 25.10. 18:00 Uhr, 31.10. 19:30 Uhr
06.11. 19:30 Uhr, 13.11. 19:30 Uhr, 21.11. 19:30 Uhr
12.12. 19:30 Uhr, 17.12. 19:30 Uhr, 18.12. 19:30 Uhr, 29.12. 19:30 Uhr, 31.12. 15:00 Uhr & 20:00 Uhr
2027:
02.01. 19:30 Uhr, 10.01. 16:00 Uhr, 17.01. 18:00 Uhr, 23.01. 19:30 Uhr, 31.01. 18:00 Uhr
04.02. 19:30 Uhr, 14.02. 18:00 Uhr, 20.02. 19:30 Uhr, 28.02. 18:00 Uhr
05.03. 19:30 Uhr, 06.03. 19:30 Uhr, 10.03. 19:30 Uhr
08.04. 19:30 Uhr, 10.04. 19:30 Uhr

Und so sieht das aus:

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