Alle reden nur noch von Jamie, Theater Dortmund, 17.06.2026

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2377 queerfeindliche Straftaten registrierte das Bundeskriminalamt 2025. Das klingt hochgerechnet erstmal gar nicht so wahnsinnig viel. Wenn man jedoch bedenkt, dass schätzungsweise gerade einmal 10 bis 13 Prozent aller Vorfälle überhaupt gemeldet werden, ist das ziemlich erschreckend. Queere Menschen erleben tagtäglich Diskriminierung und Ausgrenzung. Einige haben eine Taktik entwickelt, um möglichst nicht als queer gelesen zu werden, andere hingegen stülpen sich eine Art „Selbstbewusstseins-Jacke“ über, gehen damit raus, spielen eine toughe Persona und sind zuhause dann doch von Einsamkeit und Depressionen geplagt. Alle reden nur noch von Jamie befasst sich mit diesen und sehr vielen weiteren Aspekten einer Minderheit, die aber eigentlich gar nicht so minder ist und sehr viel mehr Menschen beträfe, wenn in der Gesellschaft mehr Akzeptanz herrsche. Aufgeführt wird das Musical nicht auf einer Kölner und auch nicht auf einer Berliner Schauspielbühne mit alternativem Programm, sondern in einem der renommiertesten Opernhäuser Deutschlands, nämlich im Theater Dortmund.

Musicals mit queeren Storylines oder zumindest queeren Subplots gibt es tatsächlich seit über 50 Jahren. Man denke nur an die „Rocky Horror Show“ zurück, befasse sich mit „Priscilla – Queen of the Desert“ , „Hedwig and the Angry Inch“ , „Rent“ oder auch einem der jüngsten Beispiele „Kinky Boots“ – wahrhaftig keine Seltenheit und sogar für viele Darsteller*innen ein wenig autobiografisch, schließlich ist in der Musicalbranche der Anteil queerer Menschen vergleichsweise hoch. Doch mit Alle reden nur noch von Jamie fügt man den bereits etablierten Stücken einen weiteren sehr spannenden, aber auch gar nicht so leicht umsetzbaren Ansatz hinzu: Queerness in der Jugend, konkret an der High School.

Mit seiner Uraufführung im britischen Sheffield im Jahre 2017 läuft „Everybody’s Talking About Jamie“ erstmalig auf einer Bühne. Nach einer sehr kurzen Testphase wechselt man noch im selben Jahr an den Londoner West End und begeistert in Windeseile ein riesiges Publikum. Die Qualität des hochmodernen Plots und der mitreißenden Musik spricht sich schnell rum und begeistert Musicalfans innerhalb wie außerhalb der queeren Bubble. Am Ende knackt es gar die 1000er Marke: Über 1000 Shows bei einem britischen, neu-geschriebenen Werk, das nicht auf einer Vorlage beruht, ist wahrhaftig ein Mega-Erfolg. Seit 2022 reist es durch UK, hatte fast parallel seine USA-Premiere, wartet kurioserweise aber noch auf das Broadway-Debüt. Bestimmt demnächst mal, oder? Im September folgt ein weiterer, wichtiger Meilenstein, nämlich die Erstaufführung in Polen, einem bekanntlich sehr wenig queerfreundlichen Land.

Doch kurz vorher darf sich Musical-Deutschland über eben jenen Hit freuen – und dazu noch auf Deutsch. Wie schon erwähnt läuft die deutschsprachige Uraufführung nicht in der Musical-Metropole Hamburg und auch nicht in einer der beiden beliebtesten Citys für queere Menschen, Köln oder Berlin, sondern gastiert für ganz kurze Zeit – gerade einmal fünf Vorstellungen innerhalb von anderthalb Wochen – im Opernhaus Dortmund, das sich seit Jahren als eine der beliebtesten Venues für starke Inszenierungen einen Namen macht. Doch damit nicht genug: Natürlich findet die Premiere nicht irgendwann statt, sondern im Pride Month. Cheers!

Und bevor Vorstadt-Werner und -Ursula sich wieder darüber echauffieren, warum sie keinen Pride Month haben: Lest gern nochmal den ersten Abschnitt. Nein, das ist nicht egozentrisch und selbstverliebt. Nein, das ist nicht veraltet und überholt. Nein, es ist nicht dasselbe wie heteronormativ zu sein, weil ihr weder für euer Gender noch für eure Sexualität verbal angegriffen oder gar verprügelt werdet. Jamie jedoch schon. Jamie ist 16 und erlebt gerade an seiner High School bereits das zweite Outing. Dass er schwul ist, weiß er schon ewig. Die Nummer ist durch. Damit haben zwar auch so manche seiner Mitschüler*innen ein Problem, der Großteil ist aber recht cool damit. Doch nun entdeckt Jamie auch noch, während seine Lehrerin Berufsideen fürs Leben nach dem Abschlussball vorschlägt, dass sein Traum kein klassischer Job ist. Er möchte eine Dragqueen sein und mit eigenem Bühnenprogramm, schillernden Kleidern und Attitude die Welt begeistern. Jamie hat sehr konkrete Vorstellungen, daran scheitert es nicht. Dafür machen ihm aber queerfeindliche Menschen in seinem schulischen wie privaten Umfeld das Leben zur Hölle. Zusätzlich lebt seine alleinerziehende Mutter an der Armutsgrenze, tut jedoch alles, um ihn irgendwie glücklich zu machen. Sein Vater hingegen wünscht, Jamie wäre nicht sein Kind. Von all den Hürden geplagt, holt ihn seine beste Freundin Pritti, die blind ist und dem islamischen Glauben angehört, immer wieder zurück auf den Boden und motiviert ihn, weiterzumachen. Ein richtiger Schlüsselmoment sind dann aber seine ersten High Heels zum 16. Geburtstag und das Kennenlernen einer Ex-Drag, die ihre alten Kostüme in einer Boutique verkauft…

Alle reden nur noch von Jamie ist kein Rainbow Washing. Hier wird nicht irgendein nicht heteronormativer Charakter mal kurz irgendwo als Sidekick benutzt, damit man sagen kann, man hat doch auch die queere Community berücksichtigt, obwohl der Handlungsstrang von jenen Rollen eigentlich komplett gestrichen werden könnte, ohne die Story zu verfälschen. Nein, das ist hier definitiv nicht der Fall. Unter der Regie von Alexander Becker entsteht in Dortmund erneut ein Musical, das in seinen Händen liegt – und erneut eins mit einem sehr jungen Ensemble. Die OpernYoungsters, eine Gruppe des „We DO Opera!“-Projektes, hat bereits 2025 mit „Carrie – Das Musical“ bewiesen, dass in dem Haus sehr viele wirklich gute Talente vertreten sind, die Bock, Leidenschaft, aber auch das richtige Handwerk mitbringen. Den Nachwuchs zu fördern ist das eine, dabei aber dann auch ein sehenswertes und dem Niveau entsprechendes Ergebnis vorzulegen, ist jedoch was anderes. Nicht selten scheitern solche Produktionen am Ende daran, dass einfach nicht genug Jugendliche gefunden werden, die auf dem gewünschten Level liefern. Greift man besonders hoch, indem man dann auch noch eine deutschsprachige Erstaufführung zeigt, ist zumindest in der Hardcore-Musical-Bubble das Herz hoch am schlagen, die Erwartungen aber nicht niedrig.

Müssen sie an dieser Stelle zum Glück auch nicht sein, denn nach der Premiere redet ganz sicherlich nicht nur ganz Dortmund nur noch von Jamie. Fast schon schade, dass ein so großes Projekt mit einer rund 60-köpfigen (!) Besetzung auf der Bühne plus rund zwei Hand voll Mitgliedern in der Liveband im hinteren Bühnenbild gerade einmal fünf Vorstellungen lang zu sehen ist. Ganz sicherlich könnte man die Anzahl vervierfachen, denn sobald sich nach dem 17.6., einem Mittwoch, herumspricht, was hier abgeht, reist so mancher wohl auch mehrere Hunderte von Kilometern an. Man braucht hier gar nicht low anzusetzen – selbst im direkten Vergleich mit „Grease“ , das zuletzt im Opernhaus lief, gewinnt Alle reden nur noch von Jamie haushoch.

Im Zentrum steht die überraschend vielschichtige Geschichte des Teenagers, die eigentlich alles mitnimmt, was Menschen in dem Alter bewegt. Dabei schreckt man auch nicht vor derben Beleidigungen und einer fetten Portion politischer Inkorrektheit zurück, was total gut ist. Der Humor wirkt fast durchgängig authentisch und nicht altbacken. Einige Male wird im Opernhaus richtig laut losgeprustet. Nur wenige Sekunden später ist es dann aber auch schon wieder betroffen still, wenn Fremdenfeindlichkeit auf Gewalt trifft, Alkoholismus auf Selbstverletzung, Suizidgedanken auf Herzschmerz und Identitätskrisen. Beim Erzählen kippt das Libretto nie ins Überdramatische, sondern hält stets die Waage zwischen großen Emotionen. Allerdings braucht man ordentlich Sitzfleisch: Mit einer Spiellänge von einem 100 Minuten umfassenden ersten und einen 70 Minuten umfassenden zweiten Akt plus 25 Minuten Pause müssen selbst hartgesottene Theaterbesucher*innen echt Ausdauer mitbringen. In der ersten Hälfte könnte man gut 20 Minuten straffen, ohne allzu viel zu verlieren. Dafür ist die zweite Hälfte aber durchweg exzellent.

Dass das Ganze überhaupt so gut funktioniert, verdankt man in erster Linie der großen Motivation der Cast. Mit viel Energie wird die fast drei Stunden Spiellänge durchgepowert und ein echtes Feuerwerk an starken Momenten gezündet. Dominik Kulczyński übernimmt die Hauptrolle des Jamie, was einerseits nicht nur mutig ist – denn hey, wir wissen alle, dass man auch von ekeligen Personen geshamed wird, wenn man solche Figuren spielt – sondern andererseits qualitativ wirklich hervorragend funktioniert. Sowohl schauspielerisch als auch gesanglich liefert der Nachwuchskünstler komplett ab. Seine sassy Darbietung ist so herrlich campy, dass es genau die Besetzung ist, die man sich für so einen Abend wünscht. Großes Kompliment. Im Zusammenspiel mit seiner Mutter Margaret, die von der aus dem Ruhrgebiet stammenden, professionellen Darstellerin Marja Hennicke gemimt wird, gibt es mehrere rührende Augenblicke, in denen gezeigt wird, wie wichtig es ist, sein Kind so anzunehmen, wie es ist. Gleichzeitig lernt Jamie aber auch, sich selbst anzunehmen, wie er ist – sowohl als Drag, als auch als Jamie. Beide haben im zweiten Akt wundervolle Soli wie „Er ist mein Sohn“ und „Hässlich wie die Welt“, die tiefgehen. Sowieso ist die Übersetzung von Werner Sobotka und Niklas Doddo echt gelungen.

Doch nur die Beiden zu erwähnen, wäre frech. Auch Hannes Brock als Ex-Drag Loco Chanelle und Boutique-Besitzer Hugo macht richtig Spaß und zieht mit seinen Showstopper-Auftritten immer das Spotlight auf sich. Freddy Kutz als Familienfreundin Ray ist der nächste Eyecatcher, auch sie weiß ganz genau, wie die Rolle zu nehmen ist und macht das mit Coolness wirklich smart. Den größten Wow-Moment hat man jedoch mit Lilly Sophie Kastner als Pritti. Im Original ist die Figur nicht blind, allerdings gibt diese Besonderheit der Darstellerin dem Geschehen eine weitere Ebene, die sich perfekt eingliedert. Ihre weichen Vocals sorgen in „Es ist wundervoll“ für einen wahrhaftigen Magic Moment, an den sich auch am Ende des Jahres alle Musicalfans erinnern werden. Haunting.

Sehr viele weitere Cast-Member hätten ebenfalls Erwähnung finden können, jedoch reicht dafür der Platz nicht. Stattdessen noch ein paar andere Auffälligkeiten: Das Bühnenbild ist solide, zunächst recht basic, hat aber immer mal wieder ein paar Highlights in petto. Kleiner Tipp an dieser Stelle: Unbedingt die Zugabe mitnehmen, da gibt es einen richtig süßen Einfall zu sehen. Viel stärker als die Bühne ist das Kostüm, das auf der einen Seite viel Schuluniform bereithält, auf der anderen Seite aber mit glamourösen Drag-Outfits richtig auf die Sahne haut. Sowieso ist auch die Gruppe an Dragqueens in dem Club, zu dem Jamie dazustößt, eine Wucht voller starker Acts. Im Finale wird jede einzelne von ihnen bei ihrem Betreten auf dem Catwalk lauthals vom Publikum in dem fast ausverkauften Opernhaus gefeiert.

Doch schweren Herzens geht die Jamie-Premiere nicht als makellos durch, ist die Tontechnik nämlich ein Desaster. Nein, sie ist nicht „nicht gut“, sie ist wirklich unterirdisch. Und das nicht zum ersten und auch nicht zum zweiten Mal bei einer Musicalpremiere im Theater Dortmund. Jedes Jahr aufs Neue könnte man denken, das Theater braucht noch Routine und probiert etwas aus. Tut es aber nicht. Warum ist das dann so schwierig? In den ersten 20 Minuten des Stücks versteht man quasi gar nichts. Von niemandem. Dann werden zumindest Dialogszenen und Soli verständlicher, die großen Ensemblenummern bleiben aber bis zum Ende der Vorstellung ein einziges Rätsel. Ein Brei an Lauten, die auf Tönen vorgetragen werden. Lyrics? Keine Ahnung. Nicht erkennbar. Wäre jedoch sehr wünschenswert, da diese viel zum Story-Fortschritt beitragen. Auch die Band, die eigentlich eine gute Leistung zeigt, klingt unschön. Wenig Bass, leer, blechern. Was ein unnötiger Abzug in der B-Note.

Am Ende zeigt ein Bildschirm über der Band die Pride-Fahne. LGBTQIA*, alle Facetten, alle Farben. In einer Zeit, in der Queerfeindlichkeit wieder en vogue ist und ohne Zensur in Social Media geschehen darf, braucht es eine Gegenbewegung. Nein, wir werden niemals alle davon überzeugt bekommen, dass die Heteronorm einfach ein Konstrukt von Normalität ist und Queerness für die Menschen in der Bubble genauso normal ist, weil immer schon in ihnen vorhanden. Aber mit Alle reden nur noch von Jamie kann man zumindest versuchen, diejenigen, die neugierig sind, ein bisschen in die Welt von denjenigen zu entführen, die jeden Tag darunter leiden müssen, authentisch sein zu wollen und nach Liebe suchen. Tolles Stück, tolle Cast, tolle Regie, tolle Idee – Happy Pride, Dortmund!

Weitere Termine:
19.6. 19:30 Uhr
21.6. 16:00 Uhr
22.6. 11:00 Uhr
27.6. 19:30 Uhr

Und so sieht das aus:

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Foto von Björn Hickmann

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