Celeste, Live Music Hall Köln, 18.06.2026

celeste köln 2026

Eigentlich gibt es doch nur zwei oder drei wirkliche Motivationen, um ein Konzertticket zu kaufen, oder? Entweder mag man die Songs oder die Stimme oder schmachtet die Person an. Ok, vielleicht ist die Bühnenshow noch ein Kaufgrund. Klar, manchmal ist man Besitzer*in einer Karte, weil man jemanden begleitet, aber das ist dann ja eher unfreiwillig der Fall. Doch irgendeiner der gerade genannten Gründe steht wohl im Vordergrund. Im Optimalfall trifft alles ein. Allerdings muss man bei dem Auftritt von Celeste in Köln auf der Hut sein, denn Erwartungen werden hier sehr konsequent fast gar nicht erfüllt. Das ist nicht zwangsläufig schlecht, schließlich kann das, was man bekommt, ja trotzdem gut sein. Aber es ist eben speziell und eigenwillig.

Celeste wird 1994 in Los Angeles geboren, zieht aber schon früh mit ihrer Mom nach England. Zu ihrem Vater hat sie nahezu keinen Bezug und sieht ihn lediglich mit 16 kurz vor seinem Tod wieder. Eine Geschichte, die sie in ihren Songs verarbeitet. Sowieso entwickelt die Künstlerin für ein Kind schnell einen sehr untypischen Zugang zur Musik und beschäftigt sich mit Nina Simone oder Billie Holiday. Sie versucht den Gesangsstil zu imitieren, entwickelt autodidaktisch eine eigene Technik und ein Bewusstsein für ihre Entwicklung als Schwarze Frau. Leider ist das Datum, zu dem sie ihre Karriere richtig beginnt, äußerst ungünstig. Ihre erste Single kommt Ende 2019, bleibt jedoch noch unbeachtet. Mit der zweiten, „Stop this Flame“, wird sie allerdings direkt zum neuen Geheimtipp. Der Song entwickelt sich und wird vergoldet. Dann ist jedoch Corona.

Zum Glück ist das Album schon fertig, sodass 2021 das Debüt „Not Your Muse“ folgt und in ihrer Heimat Platz 1 schafft. Auch hierzulande erreicht es Platz 6, selbst wenn das Genre – eine Mitte zwischen Blues, Jazz, R’n’B und Singer/Songwriter – nicht so wirklich dem deutschen Geschmack entspricht. Aber besonders auf Seiten der Kritiker*innen gibt es viel Lob. Dann verschwindet Celeste schon wieder. Sie arbeitet zwar während der Pandemie an dem Nachfolger, doch der lässt fünfeinhalb Jahre auf sich warten. Woman of Faces, der Name der LP und ihrer aktuell laufenden Tour, kommt im November 2025 und floppt gnadenlos. Keine Single erreicht die Charts, auch nicht in UK.

Hat diese doch so spannende Person den Moment verpasst? Hat sie ihren Hype nicht richtig genutzt? Möglich. Allerdings könnte man nach dem Besuch des zweiten von nur zwei Deutschland-Konzerten – einen Tag zuvor findet die Show in Berlin statt – durchaus denken, dass sie den Hype auch gar nicht will. Ganz sicherlich genügt der Erfolg, um davon solide leben zu können. Aber darüber hinaus strebt die Sängerin anscheinend nicht so viel an, legt sie nämlich auf Konventionen nur eingeschränkt Wert.

Obwohl sie seit 2019 professionell Musik macht, spielt Celeste sehr wenig live. In der gesamten DACH-Region kann man ihre Auftritte seitdem ungefähr an zwei Händen abzählen. Dementsprechend groß ist wohl die Vorfreude auf ihren Gig in der Live Music Hall am 18.6., einem Donnerstag, der schon lange ausverkauft meldet. Mit wirklich sehr drückenden 32 Grad vor der Tür ist die Location nicht nur stickig, sondern fast schon unaushaltbar. Auch ohne Bewegung schwitzt das Publikum schon weit vor ihrem Start und fächert sich mit allen möglichen Gegenständen Luft zu. Zwar wird neben der Bühne eine Seitentür geöffnet, die jedoch während der Show wieder geschlossen wird. Auch bei kühlen Temperaturen draußen wird es in der Halle generell schnell warm, aber das heute ist sehr, sehr unangenehm. Dankenswerterweise bekommen die vordersten Reihen hin und wieder ein paar Schlucke Wasser im Becher angeboten.

Um 20 Uhr startet der Support, bei dem man während des gesamten Sets grübelt, wer ihn ausgesucht hat und warum. Nicht, weil er so schlecht ist, sondern weil er so unpassend zum Mainact wirkt. Grenzkontrolle sind eine vierköpfige, sehr diverse Truppe aus Köln, die deutschsprachigen Punk mit NDW-Elementen über die Domstadt machen. Außergewöhnlich: Der Frontmann ist Schwarz. Das gesamte Auftreten der Band wirkt queer und unangepasst. Die Lyrics sind politisch, selbstredend. Leider hadert man während des 25-minütigen Warmups sehr mit dem Sound, sodass viele Messages untergehen. Und die Drummerin scheint nicht so wahnsinnig rhythmus-affin zu sein, was schlecht für eine Drummerin ist. Dennoch ist das Image des Quartetts cool. Auch beim Pop-NRW-Preis wurde man schon auf sie aufmerksam, was 2025 eine Nominierung in der Kategorie „Newcomer“ mit sich brachte. Da kommt noch mehr. Wir bleiben dran. Trotzdem bleibt etwas Verwirrung übrig: Hat der eigentliche Support abgesagt? Das harmoniert doch gar nicht mit Celeste, oder?

Nach 40 Minuten Umbaupause passiert auch endlich das, worauf viele sehr lange warten mussten. Es ist ihr erstes Konzert in NRW. Nachdem die fünfköpfige Band bestehend aus zwei Keys plus je einmal Drums, Gitarre und Bass ein sehr mystisches, leises Klangbett legt, betritt die 32-jährige Musikerin, die auch für Gucci modelt, die Stage und wirkt sofort wie eine krasse Erscheinung. High Heels, eine rote Latex-Strumpfhose, ein grünes Oberteil mit auffallendem Gürtel um den Bauch und obendrauf eine Perücke, die ein bisschen an „Edward mit den Scherenhänden“ erinnert. Sieht definitiv geil aus. Erster Eindruck, top. Dann setzt sie das verkabelte Mikro an den Mund und… wow!

Der Augenblick, in dem man Stimmen, die man schon durch die Studio-Versionen sehr intensiv findet, das erste Mal live hört, und sie dann auch noch original so klingen, wie wenn man sie über Kopfhörer genießt, ist immer wahnsinnig krass. Celeste klingt exakt so wie von Platte und braucht keine fünf Sekunden um für strahlende Gesichter und abstehende Haare auf den Armen zu sorgen. Das Publikum ist generell für eine Show in der Live Music Hall eher älter. Zwar gibt es auch Leute um die 20, aber auch über 60. Besonders die zweite Gruppe besucht bestimmt eher selten Stehkonzerte, finden sonstige Konzerte mit Jazz-Richtung eher in bestuhlten Venus statt. Doch alle scheinen auf Anhieb gefesselt zu sein, wie gut das klingt. Der hervorragend gemischte Ton fliegt durch den Raum und bringt fast jeden dazu, ganz still zu sein. Sowieso bleibt die Crowd durchweg respektvoll, filmt und fotografiert eher selten, redet wenig und singt nicht mit. Sehr, sehr gut!

Nach „On With The Show“, das auch auf dem aktuellen Album Woman of Faces als Opener fungiert, bleibt es noch zwei, drei weitere Songs ähnlich beeindruckend. Celeste vergeigt in ihrer 90 Minuten andauernden Performance keinen einzigen Ton, ist technisch wirklich brillant und präsentiert pure Musikalität, jedoch verläuft die gesamte erste Hälfte der Setlist exakt gleich: Äußerst sparsame Instrumentierung, eine BPM-Zahl irgendwo um die 80, maximal 90, bloß kein Tumult, bloß keine treibenden Drums oder klirrenden Gitarren. Alles soulig, leise, melancholisch, erzählend. Würde man es böse formulieren, könnte man sagen, Celeste macht ganz fantastische Coffee-House-Musik. Das ist herrlich entspannend und wohltuend, jedoch für die Live Music Hall komplett ungeeignet. Ja, und da kommen wir zurück zum Text-Intro: Ein Konzert ist auch Stimme und Qualität der Musik. Aber gleichzeitig auch ein Erlebnis.

Und das wäre so viel besser, wenn Köln nicht permanent aufpasst, vor Überhitzung umzukippen und sich stattdessen einfach mal gechillt zurücklehnen könnte. Das ist ganz klar eine Darbietung für die Philharmonie. Oder die Tonhalle Düsseldorf. Oder von mir aus auch für ein bestuhltes Palladium. Aber in dem Rahmen funktioniert das echt nur bedingt. Außer Musik gibt es nichts. Keine Leinwand, keine Deko, kein Kostümwechsel. Zwei, drei kleine Ansagen und zwei Songs, die im Graben nur wenige Zentimeter von den Fans in Reihe 1 gesungen werden. Aber das war’s dann. Es ist nur Musik, die makellos gespielt wird, jedoch ganz schnell an Entertainment verliert. Die Unterschiede zwischen den ersten acht von insgesamt 18 Songs auf der Setlist muss man eigentlich mit einer Lupe suchen. Zunächst Rührung, dann aber doch ordentliche Langeweile. 45 Minuten lang genau das durchzuziehen, ist zwar – wir sagten es schon – konsequent, aber sehr wenig erinnerungswürdiges Konzerterleben.

Allerdings sagte Celeste bereits zu Beginn, dass sie zunächst ruhige Songs spiele und dann später die gesamte Location zum Tanzen bringen möchte. Schön und gut, aber man muss so schon aufpassen, nicht zu dehydrieren. Und sowieso – Tanzen? Wie? Als ob plötzlich ein Portal in eine andere Welt geöffnet wird, gibt es völlig unvorhersehbar bei dem bisher unveröffentlichten Titel „When Dreams Were Made Of Gold“ einen heftigen Bruch und auf einmal verwandelt sich das Schmusi-Konzert in einen richtig derben Rock-Gig. Ähm, was? Ja, no joke. Nachdem Celeste gezeigt hat, dass sie mit ihren Vocals eigentlich auf dem Level der ganz frühen Amy Winehouse spielt, überrascht sie plötzlich mit einem Klanggewitter, dass es richtig scheppert. Und auch gut klingt. Kurzzeitig sogar sehr gut. Hat man nicht gedacht, aber die als Jazz-Blues-Soul-Sängerin eingetütete Künstlerin erzählt davon, ein Alter Ego geschaffen zu haben, in dem sie komplett sämtliche Fesseln von sich sprengt. Hat sie sich einmal darin eingegroovt, geht Celeste auch Rock-like in die Knie, singt vom Boden aus und lässt ordentlich Energie fließen. Das ist äußerst konträr zu dem, was man auf ihren Alben hört und somit auch ziemlich entgegengesetzt zu dem, was wohl vor der Stage die Leute erwarten.

Es ist aber keinesfalls schlechter. Im Gegenteil. Endlich bekommt die Show eine zweite Ebene, für die man ganz schön lange durchzuhalten hat. Aber es ist eben auch schwer greifbar. Anstatt ihre beiden Alben zu spielen, gibt es eben eine Hälfte Songs aus „Not Your Muse“ und Woman of Faces und eine Hälfte neues Material, das anscheinend andere Wege geht. Weil die Songs zu Woman of Faces bereits 2021 fertig waren, der Longplayer aber erst Ende 2025 kam, hatte sie fünf Jahre Zeit, mehr Tracks zu schreiben. Und davon hat sie einige mitgebracht. Das ist so faszinierend wie irritierend. Es klingt super, fordert aber ganz schön heraus. Hat schon fast was von Skunk Anansie. Kein schlechter Vergleich. Man darf auf jeden Fall gespannt sein, was davon noch offiziell erscheint und wie es dann final klingt.

Da lässt sich also doch wieder eine Brücke zu Grenzkontrolle, dem Support-Act, schlagen. Unangepasst, wild, nicht leicht konsumierbar. Celeste ist nicht nur im Konzerterlebnis allgemein anders, als man glaubt, sondern auch in dem, was sie präsentiert. Ihren größten internationalen Hit „Stop This Flame“ spielt sie gar nicht, auch nicht das Adele-artige Kleinod „Little Runaway“, eine der stärksten Soulballaden des laufenden Jahrzehnts. Fast wäre man auch noch um „Strange“ drumherum gekommen, das mit über 300 Millionen Streams der erfolgreichste Spotify-Track ist. Doch den schiebt sie immerhin als abrundende Zugabe hinterher, die klingt, wie der erste Block ihrer Vorstellung. Wer sich ganz unvoreingenommen auf das einlassen kann, was passiert, und sein Augenmerk auf die musikalische Qualität ausrichtet, bekommt volle Punktzahl. Es wäre aber genauso verständlich, wenn manche Konzertbesucher*innen super enttäuscht nach Hause gehen und sich fragen, was das sollte. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte und das Fazit richtet sich danach, weswegen man nun ein Ticket gekauft hat.

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki

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