Skunk Anansie, Turbinenhalle 2 Oberhausen, 11.06.2026

skunk anansie Oberhausen 2026

Gute Musik stirbt nie. Eigentlich bekommt man beim Konzert von Skunk Anansie in Oberhausen sogar das Gefühl, dass die Intensität permanent steigt. Die 90er sind mittlerweile so lange her, die Nostalgie schmerzt Jahr für Jahr nur noch mehr. Und das Bedürfnis nach sorgenlosen Minuten, in denen man ins Damals deepdivt, ist sowas von da. All das funktioniert mit jener Kultband grandios. Eine absolut sichere Bank.

2025 feierte das Debüt „Paranoid & Sunburnt“ sein 30-jähriges Jubiläum. Kurios: Damals waren Skunk Anansie natürlich schon irgendwo besonders im Auftreten, der Sound aber halt sehr zeitgemäß und im Trend. Heute, drei Dekaden später, wirkt das Konzept der Band fast schon revolutionär. Eine Alternative-Rock-Formation mit einer queeren, Schwarzen Frontfrau, die klingt, als ob sie sonst Soul macht. Das ist so außergewöhnlich, aussagekräftig, spannend, mutig und politisch, dass man sich gegenwärtig fragt: Wo zur Hölle sind bitte genau solche Acts? Wann hat das aufgehört?

Oberhausen scheint ähnlich zu fühlen. Die Crowd wächst im Alter mit. Skin, die Stimme des Quartetts, wird in wenigen Wochen 59, die Menschen vor ihr sind auch sehr selten unter 40, meist eher um die 50. Die Band hat es zwar nicht geschafft, jüngere Fans für sich zu gewinnen – aber sie haben es geschafft, ihr Publikum niemals zu verlieren. Fast jährlich tourt die Londoner Gruppe auch durch die DACH-Region und immer wieder ist die Hütte voll. Die Turbinenhalle 2 ist zwar nicht ganz ausverkauft, aber es können safe nicht mehr als 100 Tickets übriggeblieben sein. Kurz vorm Beginn ist es echt eng, heiß und aufgeladen.

Nachdem wir 2019 begeistert waren, es 2022 im Kern auch wieder gut fanden, Skin nur leider krank war, ist die Erwartungshaltung 2026 also entsprechend hoch. Entsprechend niedrig hingegen ist sie jedoch beim Vorprogramm. Irgendwie scheint der Support bei Skunk Anansie dafür da zu sein, ordentlich zu nerven. Lady Lazarus kommen ursprünglich aus Australien, leben jedoch in Berlin und machen klassischen Punk. Das ist erstmal cool. Und ja, Punk war noch nie dafür bekannt, musikalisch einen völlig aus den Latschen zu hauen, aber wiedermal muss man sich 30 Minuten lang durch fast schon dilettantisch anmutende Musik quälen. Wer wirklich Gas gibt, ist Jules an den Drums – doch Caroline an den Vocals ist mit ihrem „Sex Symbol“-Shirt offensichtlich ein Stück weit schon von sich überzeugt, leistet dafür aber gesanglich einfach zu wenig. Ein paar absurde Fratzen ziehen und hin- und herzuhüpfen, ist einfach zu wenig. Ganz besonders wenn danach ein Kaliber mit der Durchschlagskraft von Skunk Anansie folgt.

Die typische Umbaupause, dann ist um 21 Uhr aber der Startschuss für 95 Minuten Adrenalin. An der Wand der Bühne hängen lange, spitze, leicht Sci-Fi-artige Stachel-Girlanden in Silber, vor den Drums stehen weitere abstrakte Spikes, die aus dem Boden nach oben ragen. Zwischendurch wird das Logo projiziert. Ansonsten gibt es aber nur Strobo und andere Lichteffekte, keine weiteren Specials, die der Optik dienen. Doch das Gute: Wenn die Musik und die Menschen auf der Bühne das Ganze dennoch tragen und kurzlebig gestalten, braucht es auch nichts anderes.

Man fühlt nicht nur die 90s, man sieht sie auch und noch mehr glaubt man, sie seien genau jetzt da. Vielleicht sind Cass (Bass), Ace (Gitarre) und Mark (Drums) angenehm gealtert, doch Skin ist einfach mit 20 in einen Topf gefallen, der sie vakuumiert hat. Sie. Wird. Einfach. Nicht. Älter. Das ist wirklich unbeschreiblich. Immer noch hat sie diese androgyne Schönheit inne, diese wahnsinnig flexiblen Stimmbänder mit der überragend guten Technik und noch mehr diese unbändige Energie. Das ist schlichtweg anders. Skunk Anansie sind anders. Nie peinlich, nie drüber, aber erst recht nie drunter. Skunk Anansie haben Druck, der durch den Magen fährt und die Knie weichwerden lässt. Nach anfänglichen Soundproblemen bei Lady Lazarus ist in wenigen Minuten beim Mainact alles geregelt, sodass die Riffs durch die ehemalige Turbinenhalle beben, in der Strom und Druckluft erzeugt wurden, als ob sie ihre eigentliche Arbeit nie eingestellt hätte.

Im Mai 2025 erschien mit „The Painful Truth“ das siebte Album der Band, auf das Fans ganze neun Jahre warten mussten. Die zweitlängste Zeit, die es bisher zwischen zwei LPs gab. Darauf gab es tatsächlich eine klare Weiterentwicklung und bei vielen Tracks auch einen neuen Sound zu hören. In UK wurde das gar kurzzeitig mit einem 7. Platz in den Albumcharts belohnt, insgesamt jedoch blieb der Output eher unbeachtet. Skunk Anansie wissen das und wählen deswegen eher sparsam Songs daraus aus. Nur ein Viertel der 19 Songs umfassenden Setlist ist von dem aktuellen Longplayer, der Rest ist ein Querschnitt aus 31 Jahren voller Veröffentlichungen, rund die Hälfte der gespielten Titel aus der ersten Ära vor der Auflösung 2001.

Wer im März 2025 im Kölner Palladium dabei war, muss in Oberhausen stark sein. Die gesamte Setlist ist bis auf zwei Ausnahmen exakt dieselbe. Größtenteils sogar noch in der Reihenfolge. Da hätte man bei einer Tour, die über ein Jahr später folgt, weitaus mehr Varianz reinbringen können. Sowieso sind gefühlt sehr viele Songs seit Jahren automatisch gesetzt, obwohl die Diskografie mittlerweile doch sehr viel hergibt und etwas Abwechslung nicht schaden würde. So muss man 2026 erneut auf „Brazen (Weep)“, „Selling Jesus“, „Squander“, „Charity“, „Secretly“, „Death To The Lovers“, „She’s My Heroine“, „We Don’t Need Who You Think You Are“, „Over The Love“, „You Saved Me“ und leider sogar auf „I Believed In You“ und „My Ugly Boy“ verzichten.

Ein Dämpfer. Hat man den überwunden und ist nicht zu enttäuscht, dass wieder so einige Sachen fehlen, die wirklich dringend mal dabei sein müssten, bekommt man jedoch anderthalb Stunden einen äußerst intensiven Orkan, der aufweckt. Bei dem man einfach so richtig was fühlt. Das ist entweder Antriebskraft und Motivation, loszurennen wie bei dem Hüpf-Banger „Twisted (Everyday Hurts)“, das ist melancholische Abwehr wie bei „Weak“, das ist ungefilterte Traurigkeit wie bei der akustisch gespielten Zugabe „You’ll Follow Me Down“ oder purer Hass auf die Welt wie bei „Little Baby Swastikkka“.

Skunk Anansie waren schon immer political, cos everything’s political, wie Skin in „Yes It’s Fucking Political“ brüllt, aber die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit werden jetzt nochmal ganz anders spürbar. Vor „God Loves Only You“ weist die mittlerweile auch Mutter gewordene Künstlerin darauf hin, dass erst bei Randgruppen wie Transmenschen Rechte weggenommen werden, dann bei den Schwarzen, dann bei Frauen und es unglaublich wichtig ist, dagegen und zusammenzuhalten, weil jede*r exakt dasselbe Recht bekommen muss, auch wenn es unmöglich scheint. Selbst auf deutsche politische Bewegungen macht sie aufmerksam, sodass neben den bereits erwähnten natürlich auch der Turbo-Opener „This Means War“ genau in die Fresse ballert.

Sogar mit fast 60 Jahren kommt Skin als eine der besten Vokalistinnen der Welt in die ganz hohe Kopfstimme, sorgt bei dem niemals sterbenden „Hedonism (Just Because You Feel Good)“ für Shivers, noch mehr natürlich, wenn sie in der letzten Zugabe „You’ll Follow Me Down“ einen Ton für über zehn Sekunden hält. Von den neusten Tracks überzeugt „An Artist Is An Artist“ am meisten, das sich nahtlos in den Katalog einfügt, „Lost and found“ im Encore-Block überrascht hingegen mit Electro-Pop-Spielereien. Äußerst schade: Der extrem berührende, intime „Meltdown“ von „The Painful Truth“ fehlt und hätte Oberhausen sicherlich mit Gänsehaut überschüttet. Sehr nah wird es dafür auf ganz andere Weise: Bei „I Can Dream“ läuft Skin fast bis zum Front of House, bringt das nicht mehr völlig agile Publikum zum in die Hocke gehen, um dann beim letzten Beatdrop in die Luft zu springen und mit manchem Fan gar Face to Face in unmittelbarem Kontakt zu agieren.

Möge es diese Formation auch in zehn Jahren noch geben. Skunk Anansie verkörpern wirklich etwas äußerst Spezielles, das zwar 2026 in der breiten Masse nicht wahrgenommen, aber von sehr vielen immer noch mit dem ganzen Körper und Verstand gefühlt wird. Qualität immer noch on fleek, die Setlist darf aber für die nächste Runde ruhig mal überraschen. Weiterer Vorschlag: Eine zweite Akustiktour. Jap, bitte.

Weitere Termine:
12.6. Alter Schlachthof, Dresden
13.6. Tollhaus, Karlsruhe

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki

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