Pride Month (Southern Gothic Version): Hayden Silas Anhedönia bringt mit der Kunstfigur Ethel Cain seit 2019 einen völlig einzigartigen, von Narrativen und Symboliken getragenen Hype in die Indie-Popkultur. Auf der „The Willoughby Tucker Forever Tour“ gibt es einen Besuch im Tanzbrunnen, mitten im Hochsommer. Eigentlich bringt man den gespenstischen Ambient-Folk-Indie-Drone-Sound der Musikerin nicht mit sonnigem Open-Air-Erlebnis zusammen – dieser Abend belehrt das Publikum (oder besser gesagt mich) eines Besseren.
Von den Highlands in den Süden
Wie abseitig der heutige Abend werden sollte, zeigte sich schon mit den sphärischen Dudelsack-Klängen von Brìghde Chaimbeul. Die schottische Musikerin ließ die Sounds durch den vor sommerlichen Temperaturen ohnehin flirrenden Tanzbrunnen wabern. Hypnotische Stimmung aus einem handwerklich wirklich beeindruckenden Auftritt – das Publikum hat offensichtlich ein Herz für solche ungewöhnlichen Stimmungen und jubelt begeistert. Das hätte bei anderen Konzerten sicher anders ausgesehen. Aber: Es ist eine gute Übung für Geduld, die man für den anschließenden Haupt-Act auch mitbringen sollte.
Zu absurd, um wahr zu sein
Gemeinsam mit der vierköpfigen Band geht es gegen 20:10 für Ethel Cain auf die mit Pflanzen dekorierte, neue (!) Bühne des Tanzbrunnens. Das sphärische „Sunday Morning“ von der „Golden Age“-EP startet das Set erwartbar ruhig, doch schon der zweite Song bricht mit jeglicher Vorstellung davon, wie die abgründigen Sounds des Projekts auf der Bühne wirken würden: Zum einen weil mit „American Teenager“ mutigerweise der größte Hit schon so früh im Set kommt, zum anderen weil Ethel Cain selbst zur Stimmung einfordernden Entertainerin wird – das stand definitiv nicht auf meiner Bucket List! Das Publikum springt und feiert den Song aber gemeinsam mit der Künstlerin genau so, wie er es verdient hat. Das bleibt die Connection: Hayden nimmt im Laufe des Sets eine Pride-Flagge entgegen und hält sie hoch, spricht immer wieder aktiv mit ihren Fans und bedankt sich bei der Band. Schön!
Sind einmal alle aufgelockert, bleibt der Fokus geöffnet für das Erlebnis, wie viel Dynamik in Ruhe stecken kann. Auch wenn Cain nur einen Song aus dem Drone-getränkten Instrumental-Album „Perverts“ spielt, bleibt das Song-Material schwer, schlurfend, düster. Und ziemlich lang: In 90 Minuten werden ohne große Unterbrechungen nur 12 Songs gespielt. Geduld sollte man mitbringen.
Und ein Herz für erhabene Momente: Mal türmen sich die Instrumentals gen Ende in eine Noise-Wand auf, mal zerfallen sie in Moll-verliebten Folk. Zentral bleibt aber immer die Southern-Gothic-Atmosphäre aus den schweren Lyrics über Übergriffe, Armut, häusliche Gewalt. Es geht um Traumata, um religiöse Kulte und um Tod der Protagonistin. Liest sich düster, klingt auch so und gerade deswegen bleibt es umso beeindruckender, wie sehr Cain ihre Fanbase mit genau dieser filmischen Albtraumhaftigkeit ohne einfache Melodien oder simple Hooks in den Bann zieht.
Eine Zäsur im Set entsteht bei den bedrohlichen „Ptolemaea“ und „Gibson Girl“ vom Debüt „Preacher’s Daugther“, die mit düsteren Hintergrund-Stimmen die Storyline des Albums zur Klimax treiben, wenn Cain in eine verlassene Hütte von ihrem übergriffen Liebhaber gezogen wird. Passend dazu färbt sich die Atmosphäre im Tanzbrunnen mit Störgeräuschen und Verzerrungen finster, die finale Bridge schreit Cain nur noch. Gänsehaut pur, wie auch schon im ruhigen „Nettles“ über das Ende der Kindheit der Protagonist*innen.
Am Ende wird ausgelassen, gar frenetisch gejubelt. Die Überführung der komplexen Narrative, ungewöhnlicher Dynamiken und Sounds in den sonnigen Tanzbrunnen ist bestens gelungen. Ethel Cains Projekt hält live damit die hohen konzeptuellen Ansprüche der Aufnahmen. Nur in deutlich nahbarer, als es die Inszenierungen hätten vermuten lassen. Das ist schlicht: außergewöhnlich.
Und so hört sich das an:
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Bild von Julia.
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