Von der Disney-Prinzessin zum Weltstar: Lang ist es her, dass Olivia Rodrigo in der Serie High School Musical: The Musical: The Series als Nini über die Bildschirme flimmerte. Mit „Drivers License“ begann die Sängerin 2021 ihre Karriere und hielt sich bereits mit diesem Song 32 Wochen in den Charts. Auch ihr Album „Sour“ und der Zweitling „Guts“ schlugen ein wie eine Bombe und wurden von den Kritikern hochgelobt. Olivia Rodrigo ist seitdem längst zu einer der Größen der Popwelt geworden und kaum noch aus dem Musikkosmos wegzudenken. Mit „You Seem Pretty Sad For a Girl So In Love” veröffentlicht die 23-Jährige ihr drittes Studioalbum, auf dem sie sich erwachsener denn je präsentiert.
Gewichen sind der freche Unterton von „Guts“ und die jugendliche Leichtigkeit von „Sour“. Das dritte Album der Sängerin kommt deutlich ruhiger daher, ernster und reifer. Auf dreizehn Songs entführt Olivia Rodrigo in ihre Gedankenwelt, angefangen beim totalen Verliebtsein, über erste Zweifel hin zum Liebeskummer und zur Erkenntnis, dass Liebe nicht immer das Allheilmittel ist.
Den Anfang macht „Drop Dead“, in dem die Sängerin von einem Typen schwärmt, hoffnungslos verknallt. Diese Art Tagtraum wird melodisch unterstützt und schafft genau das, was die Anfangsphase einer Beziehung eben mit sich bringt: die rosarote Brille („You’rе so, so pretty, boy. I’m paranoid I made you up“). In „Stupid Song“ ist die Liebe so stark, dass die Worte nicht ausreichen. Gerade bei diesem Song sorgt der Tempowechsel in der Bridge für einen der spannendsten Momente des Albums. Deutlich energetischer als der Rest bringt der Song eine Art Zäsur mit, die klingt, als wären mehrere Lieder miteinander verwoben worden. Generell zeigt sich Olivia Rodrigo auf „You Seem Pretty Sad For a Girl so In Love” als Queen der Bridges und Pre-Chorusse. Die Bridges verleihen jedem Song zusätzliche Tiefe. Gerade in TikTok-Zeiten, in denen immer mehr Künstlerinnen und Künstler gänzlich auf Bridges verzichten und Tracks unter zwei Minuten produzieren, ist das eine echte Wohltat.
Sanft und harmonisch ist das Liebeslied „Honeybee“. Waren Balladen bei der Sängerin früher sehr getragen von Dramatik und einer gewissen Jugendhaftigkeit, ist dieser Song das perfekte Beispiel dafür, dass Olivia Rodrigo mittlerweile auf leisere Momente setzt („I hope I never see what your face looks like going. A face I swear that I could spend my whole life knowing”). Die Musik ist simpler, roher und irgendwo auch fragiler. Das zeigt sich auch in „Maggots for Brains“, in dem Liebeskummer mit einer Co-Abhängigkeit assoziiert wird, oder in „U + Me = <3“, in dem sie feststellt, dass Liebe unberechenbar ist, aber diese ihr Hoffnung für die Zukunft gibt („And all my ex-boyfriends have heard these lines (Let’s get married when we’re twenty-five). But I like you better by a million times“).
„Guts“-Vibes gibt der Song „My Way“, der die Grenzen einer platonischen Beziehung behandelt und deutlich frecher und rotziger wirkt als die anderen Tracks. Olivia Rodrigo macht klare Ansagen: „Maybe I’m a petty bitch, but you made me resort to this” und präsentiert eine selbstsichere Version ihrer selbst. Diesen Ton greift auch „Expectations“ auf, wo die Musikerin nicht nur zeigt, dass sie ihren eigenen Wert kennt, sondern gleichzeitig auch ihre eigenen Standards im Datingleben festsetzt.
Datingleben nach all den Liebessongs? Richtig gehört. Mit „Purple“ leitet die Sängerin den Wendepunkt des Albums ein, bei dem sich langsam, aber sicher die Risse in der Beziehung zeigen. Der Song handelt von einer intimen Beziehung, in der man sich mit der Zeit immer mehr selbst verliert. Gewichen ist hier die rosarote Brille, was eindrucksvoll ehrlich beschrieben wird. Das Storytelling ist hier großartig, genauso wie bei „The Cure“, der zu den stärksten Songs des Albums gehört. Olivia Rodrigo besingt hier die Naivität in der Jugend, in der man glaubt, wenn man sich verliebt, lösen sich alle Probleme, und die damit einhergehende harte Realitätsklatsche. Vor allem der Chorus funktioniert hier gut („But it don’t matter how your love feels anymore. It will never be the cure”).
Richtig schmerzhaft ist das Lied „Begged“, das den Wunsch nach Zuneigung in einer Beziehung ausdrückt. Allerdings stellt sich die Person mit den Bedürfnissen hinten an und äußert diese nicht. Einfühlsam und melodisch werden dieser Schmerz und die Kluft in der Beziehung transportiert.
Mit „What’s Wrong With Me“ liefert Olivia Rodrigo ihr allererstes Feature mit The Cure Frontman Robert Smith. Die Stimmen harmonieren gut, ansonsten kommt der Song sehr unaufgeregt daher und geht bei der Fülle der anderen Tracks unter. Ganz anders sieht das bei „Less“ aus, einem der Herzstücke des Albums. Die Beziehung steht am Abgrund und es besteht der Wunsch, die Gefühle wären gar nicht so stark, damit es am Ende nicht so weh tut. Die Lyrics entfalten in Kombi mit der instrumentellen Pause eine besondere Atmosphäre („If loving me means saying, „Babe, I think this is the end“. I guess. I wish you loved me less”). Den längsten Song des Albums mit fast sechs Minuten Spielzeit liefert „Cigarette Smoke“, in dem der Zigarettenrauch als Metapher genutzt wird, wie hart es ist, über den Ex hinwegzukommen.
Nach dreizehn Songs und 50 Minuten stechen vor allem das Storytelling und die lyrischen Fähigkeiten auf „You Seem Pretty Sad For a Girl So In Love“ heraus. Olivia Rodrigo hat eine herausragende Stimme, die den emotionalen Kern der Songs trägt. Album Nummer drei wirkt insgesamt deutlich reifer und gefestigter, entspricht aber trotzdem ganz dem Stil der Sängerin. Gerade die Tatsache, dass das Album nicht nur aus Liebesliedern besteht, sondern auch die Kehrseite dessen abbildet, macht es so besonders. Der rote Faden zieht sich durch die Songs, und schafft tiefe Einblicke und gnadenlose Ehrlichkeit.
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