Seal, Tanzbrunnen Köln, 20.07.2026

Seal köln tanzbrunnen

Nichts zieht besser als Nostalgie. Viele Acts, die im letzten Jahrzehnt so gar keine Rolle mehr spielten, sind gerade wieder fast so sehr gefragt wie zu ihren Karriere-Peaks. Es braucht nur die Fanbase, die auch nach mehreren Dekaden noch mitzieht, und eine Hand voll Hits, die niemals aussterben. Seal spielte zuletzt 2011 eine große Deutschland-Tour. Das ist arg lang her. Nun ist er zurück mit vier Sommershows – und darauf scheinen einige gewartet zu haben.

2500 Menschen versammeln sich am 20.7., einem Montag, im Kölner Tanzbrunnen. Zwar ist die Location optisch wirklich einladend und bietet Platz für viele, gleichzeitig leidet aber auch die Atmosphäre darunter, dass selten nach 22 Uhr noch Musik erklingen darf. Auch dem britischen Soul-Sänger wird dies bei seinem Gig ein wenig zum Verhängnis, doch dazu später mehr. Es ist das erste von insgesamt vier Konzerten in der DACH-Region. Früher war er oft hier, schließlich ist seine Ex Heidi Klum Deutsche, mit der er dazu auch noch gemeinsame Kinder hat. Sowieso fühlt er sich sehr wohl auf deutschem Boden, hat einen gar nicht so schlechten Wortschatz und nennt seine Fans liebevoll „Brüder und Schwestern“. 100 Minuten dauert sein Gig an, der um Punkt 20 Uhr beginnt.

Zuvor gibt es mit Ayo einen soundtechnisch doch ziemlich passenden Support. Die 45-jährige Sängerin mit nigerianischen Wurzeln hat ebenfalls einen berühmten Ex, nämlich den Reggae-Musiker Patrice. Schon um 19 Uhr spielt sie für eine gute halbe Stunde schön klingenden, berührenden und beruhigenden Singer-Songwriter-Soul-Pop auf Akustikgitarre. Ganz leise, ganz zart, aber passend, um den Alltag vor der Tanzbrunnen-Tür zu lassen. Manche sind jedoch noch mitten im Gewusel, ist nämlich ausnahmsweise die Location bestuhlt. Das sieht man selten. Die freie Platzwahl führt dazu, dass viele öfter hin- und herirren, um doch noch einen guten freien Stuhl mit Blick ohne Sichteinschränkung zu finden. Dass es heute alles recht früh losgeht, scheint nicht jeder auf dem Schirm zu haben, sodass Ayo eher als angenehme Hintergrundbeschallung genutzt wird. Die ist aber zweifelsfrei süß. Nur in ihren Ansagen wirkt sie doch etwas durcheinander und unkonzentriert, aber nun gut.

Seal wird 1963 in London geboren und ist ab 1990 ein richtiges Ding im Musikbusiness. Seine wiedererkennbare Stimme eignet sich für mehrere Genres – darunter auch House. Mit dem DJ Adamski entsteht die Debütsingle „Killer“, bei der man bis heute gerne vergisst, dass Seal die Vocals dazu beitrug. Hört man sie heute, löst sie immer noch einen Wow-Effekt aus. Kurz darauf folgen mit den beiden Alben „Seal“ und „Seal II“ zwei Longplayer, die mehrfach veredelt und zusammen fast 9 Millionen Mal verkauft werden. UK und die USA sind besonders hooked, aber auch Deutschland hat den sympathischen und etwas mystischen Musiker ins Herz geschlossen. Der Song „Crazy“ wurde bis heute x-fach gecovert, „Kiss from a Rose“ zählt zu den besten Soundtrack-Titeln des gesamten Jahrzehnts. Mit „Love’s Divine“ und „Amazing“ gibt es zwei weitere Megaseller in den 00ern.

Zwar hat Seal nicht so viele Tracks, die es ins Radio und jeden heimeligen Player schafften, dafür sind die aber zeitlos. Gerade wenn die ganz großen Banger, für die das Publikum in Köln Tickets gekauft hat, alle sehr gebündelt gen Ende des Sets platziert sind, ist Begeisterung spürbar, das Ganze allerdings nicht ganz günstig gewählt. Der erste Applaus, nachdem die vierköpfige Band ein atmosphärisches Intro gespielt hat und der Mainact die Stage betritt, ist noch wirklich groß. Man springt von den Stühlen und setzt sich zum Leid derjenigen, die weiter hinten ihren Platz gefunden haben, auch kaum wieder hin. Besonders schwierig wird es aber mit unzähligen Fans, die ihren Sitz gänzlich verlassen und stattdessen irgendwo in den Gängen einen Stehplatz einnehmen. Nicht selten werden diese von verärgerten Besucher*innen dahinter, die zwischendurch auch mal sitzen mögen, angemeckert, weil sich doch viele, die rechtzeitig vor Ort waren, einen Platz mit tollem Blick ausgesucht haben, und ihnen nun immer wieder die Sicht versperrt wird. Regulär hat die Security bei Shows mit Sitzplätzen mit solch einem Verhalten auch ihre Probleme und schickt alle zu ihren Stühlen zurück – hier sagt jedoch niemand etwas.

Der Sound hingegen ist ab der ersten Sekunde sehr stark. Sowohl Band als auch Seal sind super abgenommen. Fast alles wird live eingespielt und beweist musikalisches Verständnis. Sämtliche Instrumente haben Raum für Soli. Eigentlich sogar fast schon zu viel Raum. Mit gerade einmal 13 Titeln auf der Setlist bei einer Gesamtlänge von 100 Minuten werden hier so manche Nummern also auf gut siebenminütige Länge gezogen, was doch ganz schön unnötig ist. Ja, das ist bei ein bis zwei Songs cool. Ein bisschen freestylen schadet nie, aber sicherlich hätte man sich wohl mehr über zwei weitere Lieder gefreut.

Für ein Konzert, bei dem auch auf dem Plakat steht, dass der 30. Geburtstag der beiden ersten LPs nachträglich gefeiert werden soll, ist die Setlist nicht ganz konsequent. Von den rund 20 Songs, die die beiden Alben umfassen, gibt es weniger als die Hälfte zu hören. Eröffnet wird die Show gar mit einem ganz neuen Track, nämlich „AIKIN (All I Know Is Now“), die 2025 erschien. Schwierig ist auch die Verteilung der Hits. Ganze 55 Minuten lang dauert es, bis einer der fünf großen Titel gespielt wird, nämlich „Killer“. Zuvor bekommt man zwar wirklich groovige, soulige Rhythmen und auch einen nahbaren Seal, der durch die Menge geht und mitten in einer Menschentraube singt, allerdings passiert die Musik ein wenig nebenher. Es ist hell und sonnig, die Sonne geht nämlich erst nach dem Gig unter, was die Atmosphäre dämpft. Zusätzlich wird fürs Auge bis auf ein paar nette Lichter nichts getan. Keine Leinwand, keine anderen Effekte. Ist man dann nicht mit den Albumtracks vertraut, wird’s schwierig. Nicht wenige stehen auf und holen sich auch während des Gigs noch eine Bratwurst.

Dafür machen die letzten 45 Minuten aber alles besser. „Killer“, „Kiss from a Rose“, „Crazy“ und sogar „Love’s Divine“ als Bonus zum krönenden Abschluss sorgen nicht nur für laute Fangesänge, sondern ganz besonders für Gänsehaut. Trotz 63 Jahren hat die Stimme von Seal nahezu nichts verloren und bewegt sich auch bei sehr schwierigen Läufen in „Kiss from a Rose“ grazil durch die Oktaven. Das ist echt haunting. Mehrfach lässt er das Publikum singen, die das Angebot dankend annehmen und an vielen Ecken ein paar Tränken verdrücken. Ärgerlich: Wenn man schon nur fünf große Hits hat, könnten die doch wenigstens alle auf die Setlist. Doch „Amazing“ wird trotz einer Gold-Auszeichnung in Deutschland komplett außen vor gelassen. Ja, der Song war in den USA erfolglos, aber so viel Flexibilität sollte schon möglich sein.

Große Stimme, toller Typ, gute Band, einige starke Evergreens. Ist das genau das Paket, was man möchte, ist das Konzert von Seal im Tanzbrunnen super. Allerdings ist die erste Hälfte doch etwas langweilig und wenig atmosphärisch. In der zweiten funktioniert das sehr viel stimmiger. Wahrscheinlich würde das Konzert aber in der Tonhalle Düsseldorf oder in der Philharmonie in Köln am stärksten zünden.

Weitere Termine:
23.7. Zitadelle, Berlin
24.7. Stadtpark, Hamburg
28.7. Zeltspektakel, Winterbach

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki

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