Rocky – Das Musical, Freilichtbühne Tecklenburg, 21.06.2026

rocky tecklenburg schlussapplaus

Vor einem halben Jahrhundert erscheint Rocky. Ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht. Einerseits für Hauptdarsteller Sylvester Stallone, der bis zu den Dreharbeiten als Schauspieler stets erfolglos blieb, daraufhin aber sogar eine Nominierung als Bester Hauptdarsteller für den Oscar bekam. Ebenfalls gab es dem Regisseur John G. Avildsen einen richtigen Push nach vorne, bis zu seinem Tod blieb es seine erfolgreichste Arbeit und einziger Oscar-Sieg. Sowieso ist Rocky der erste Film über Sport, der mit dem Hauptpreis „Bester Film“ nach Hause gehen durfte und insgesamt zehn Nominierungen vorweisen kann. Wo doch eigentlich jeder Kultfilm eine Musicaladaption bekommt, ist es umso erstaunlicher, dass es zwar zu Rocky auch eine gibt, diese aber nicht wie der Film aus den USA stammt, sondern aus Deutschland und nun zum großen Filmjubiläum ein Revival in Tecklenburg feiert.

Bis heute ist die Geschichte rund um den Amateurboxer Rocky Balboa eng mit der roughen Sportart verbunden, die immer wieder riesige Menschenmassen in Hallen, aber auch an den Fernseher lockt. Besonders Henry Maske löste in den 90s hierzulande Begeisterungsstürme aus, aber auch die Klitschko-Brüder sorgten im vergangenen Jahrzehnt für Traumeinschaltquoten. Parallel dazu gibt es Boxen aber seit 2012 auch für eine ganz andere Fanbubble, nämlich im Musicalgenre. Im November jenen Jahres findet im Hamburger Operettenhaus die Weltpremiere von Rocky – Das Musical statt. Ist natürlich jetzt ein Klischee, dass sich Musicalgänger*innen nicht auch fürs Boxen interessieren können, aber die Assoziation ist wirklich nicht allzu naheliegend. Bekanntlich ist der Boxkampf doch eher eine Männerdomäne und ein krasser Gegensatz zu Fine Arts wie dem Musicaltheater. Aber gerade das macht es ja manchmal aus! Fast drei Jahre lang zieht Rocky – Das Musical, das zwar von Anfang an deutschsprachig war, aber von Amerikaner*innen komponiert und getextet wurde, über 1100 Vorstellungen lang Menschen in die Hansestadt. Anschließend geht es für anderthalb Jahre nach Stuttgart, doch seitdem bleiben die Produktionen aus. Über neun Jahre verschwindet es von der Musicalkarte in der DACH-Region, bis heute lässt die schon längst überfällige Wien-Premiere auf sich warten. Crazy: Dafür ist es bis heute die einzige deutsche Musicalproduktion, die es je an den Broadway schaffte. Doch New York ist nur mäßig begeistert – nach 188 Shows hat hier Rocky das letzte Mal gekämpft.

Wie gesagt, das Thema ist jetzt nicht der Stoff, aus dem Musicals gewöhnlich gemacht sind. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Erfolgreicher Film? Immer gut. Ein bisschen Romantik? Auch. Einer der prägnantesten Songs eines ganzen Jahrzehnts, nämlich „Eye of the Tiger“? Fast schon ein unschlagbares Verkaufsargument. Und die Freilichtbühne Tecklenburg als eine der führendsten Open-Air-Bühnen für Musiktheater im ganzen Land ist schließlich ein Name dafür, öfter auch mal Out of the Box zu sein. Da gibt’s einerseits die deutsche Open-Air-Premiere zu „Mamma Mia“ oder fast vergessene Tanzstücke wie „Miami Nights“ , absolute Fanlieblinge wie „Mozart!“ , Besonderheiten wie „Der Besuch der alten Dame“ , queeren Glamour mit „Priscilla – Königin der Wüste“ und nun ein Comeback mit dem American-Dream-Classic, in dem ein Nobody zum Star wird. Mit 24 Vorstellungen erwartet einen im Münsterland also im Sommer 2026 Sportexzesse, Herzschmerz, aber auch ein steiniger Weg nach ganz oben. Tipp an dieser Stelle: Wer dennoch thematisch eher nach was anderem sucht, kann ab dem 24.7. „Der Medicus“ besuchen!

Am 21.6., dem Tag der Sommersonnenwende, steht die dritte Vorstellung an. Zunächst ist die Vorfreude etwas eingeknickt, weil es so brüllend heiß ist, dass man sich fragt, wie man auf den Zuschauerbänken durchhalten soll. Doch einerseits geht es den Darsteller*innen, die teilweise Winterklamotten (!) tragen müssen, weil das Stück eben in kalten Monaten spielt, sehr viel schlechter, und andererseits ist es überraschend angenehm zwischen all den hübschen Bäumen. Ja, Tecklenburg ist einfach immer ein Ausflug ins Grüne und hat das Rund-um-Perfekt-Paket für Open-Air-Events dieser Art. Schwitzt man beim Aufstieg noch ordentlich, so akklimatisiert man sich auf seinem Sitzplatz äußerst schnell. Auch die dritte Vorführung ist bis auf Restkarten ausgebucht. Sowieso gilt wie immer bei dem Hauptmusical der Saison: Schnell sein! Zwar werden gerne mal ein oder zwei Zusatzvorstellungen nachgeschoben, aber auch die sind oft schneller weg, als Rocky Klimmzüge zieht.

Und wie fällt nun die Rückkehr des Hamburg-Hits aus? Anmerkung an dieser Stelle: Wir kennen die Originalproduktion nicht und können auch somit keinerlei Vergleiche ziehen. Unser Fazit zur Tecklenburg-Inszenierung fällt aber insgesamt gemischt aus. Das liegt in keinem Detail an der Produktion selbst, die ist wiedermal durchweg fantastisch. Das Stück selbst ist aber leider nicht ganz so ein starkes Flaggschiff.

Für alle, die bisher um die Story von Rocky drumherumkamen: Rocky Balboa lebt in einem Ghetto von Philadelphia. Eigentlich ist sein Leben ziemlich erfolglos. Trotz ordentlich Talent im Boxen hat er den Moment verpasst, darin groß rauszukommen, weil er stattdessen Zeit und Energie in unschöne Jobs investiert, um über die Runden zu kommen. Doch eines Tages fällt der Gegner von dem amtierenden Schwergewichtsweltmeister Apollo Creed aus. Einmalig gibt dieser sämtlichen jungen Talenten, die bisher niemand auf dem Schirm hat, die Chance, gegen ihn anzutreten – und Rocky Balboa möchte seinem großen Vorbild Rocky Marciano nachkommen. Teilen sie womöglich nicht nur den Namen, sondern auch den Biss? Parallel dazu erlebt Rocky auch noch mit seiner Freundin Adrian sämtliche Höhen und Tiefen und dass es sowieso nicht jeder gut mit ihm meint, muss er auch akzeptieren lernen…

Um überhaupt als Rocky irgendwie furchteinflößend zu wirken, braucht es eine dementsprechende Erscheinung. Lucas Baier hatte man hier in der Gegend wohl häufiger eher als Nebendarsteller auf dem Schirm – nun kann er aber mit viel Bühnenzeit und noch mehr körperlichem Einsatz zeigen, dass er die Rolle tatsächlich stemmen kann. Gesanglich ist seine Performance ganz gut, die wirklich emotionalen Töne mit Wow-Effekt bleiben zwar aus, aber dafür wählt er schauspielerisch einen austarierten Mittelweg aus dominant, zerrissen, eingeschüchtert und aufmüpfig. Mehrmals gibt es natürlich Szenen, in denen sein Sportgeist gefragt ist, und hier kann Baier komplett überzeugen. Ein Run ums komplette Publikum, Liegestützen mit nur einem Arm und mehr sorgen mehrfach für laute „Ohhhs“ im Publikum und Zwischenapplaus. Wenn es in den Ring geht, fließt nicht nur Schweiß sein Gesicht und seine Muskeln herunter, doch das müsst ihr selbst sehen, wenn ihr in die Vorstellung geht…

Für die Momente, die dafür sehr berühren, sorgt hingegen Celena Pieper, die zum wiederholten Male in Tecklenburg eine absolute Sternstunde hat. Zwar ist ihre Rolle als Adrian im Spiel eher eingeschränkt und hat nicht genug Zeit, um komplett alles aufzufahren, dafür gehören aber die zwei besten Gesangsmomente ihr ganz allein. Mit „Wenn es weiter regnet“, noch viel mehr aber mit „Vorbei“ gelingen ihr zwei famose Augenblicke, in denen ihr die komplette Freilichtbühne gespannt zuhört, alle still werden und sich von dem perfekten Belting bis in die ganz hohen Register verzaubern lässt. Wundervoll. Auch die Chemie zwischen ihr und Baier wirkt im ersten Moment etwas ruckelig, wird dann aber warm und fühlbar.

Generell hat Tecklenburg wieder ein Ensemble am Start, bei dem Masse auch Klasse ausmacht. Über 50 Menschen stehen hier in den starken Momenten gleichzeitig auf der Bühne. Die Choreos sitzen, das Kostüm spiegelt die 70s in allen Farben und Mustern wider, das 17-köpfige Orchester sorgt für einen schwungvollen Klang, der stimmig vom Technikteam gemischt immer on Point kommt. Schön ist abermals die Requisite, die neben Boxringen auch für einen kleinen Schockmoment sorgt, wenn zum Beispiel tote Schweine als Boxsäcke missbraucht werden, in anderen Szenen wird es bei über 30 Grad im Real Life sogar weihnachtlich und gar eisig in der Storyline, was für Lacher sorgt. Weitere auffallende Darsteller*innen sind besonders Vic Anthony als Apollo Creed, der vom Publikum der Rolle entsprechend manchmal sogar ausgebuht wird – sorry for you, liegt nicht an dir – und Benjamin Eberling als nicht immer geradliniger, aber dennoch liebenswürdiger Trainer Mickey Goldmill.

Alles, was von der Tecklenburg-Seite kommt ist total stimmig. Am Ende ist es eher das Stück selbst, was etwas dämpft. In den erst 60, dann ungefähr 75 Minuten Spielzeit passiert inhaltlich nicht ganz so viel. Nein, Musicals sind nicht dafür bekannt, immer die allerbesten Geschichten zu erzählen, aber trotzdem ist die Entwicklung etwas dünn. Gleichzeitig liegt der Schwerpunkt jedoch gefühlt auf dem Erzählen, da es vergleichsweise gar nicht so viele Songs gibt. In den Dialogen muss man sich natürlich darauf einlassen, dass eine 50 Jahre alte Handlung etwas angestaubt wirkt und besonders das Testosteron-geschwängerte Gekabbel zwischen den Männern manchmal ganz schön altbacken wirkt. Frauen haben eine eindeutig untergeordnete Rolle, alles „Wichtige“ machen die Kerle unter sich aus. Das ist manchmal ein bisschen chauvi, aber leider einfach der Story geschuldet. Wirklich schade ist aber, dass auch die Musik recht fad bleibt und neben dem großen Solo „Vorbei“ von Adrian kaum weitere Hits besitzt. Der bekannteste Song ist wohl „Fight From The Heart“, der von Baier als Rocky auch solide performt wird, aber viel zu schnell das Ohr wieder verlässt. Am Ende reißt es das mehrfach vorkommende „Eye of the Tiger“ raus, das als Welthit zum Mitklatschen animiert und nichts an Power verloren hat.

Rocky – Das Musical findet nach sehr langer Pause und bisher äußerst wenig Produktionen den Weg auf deutsche Bühnen zurück. Die Freilichtbühne Tecklenburg beweist erneut ihre hervorragenden Recherche-Skills und holen etwas zurück, was so mancher Fan vermisst. Insgesamt ist es aber doch eher mainstreamige, etwas sehr seichte Unterhaltung, die wenig aneckt. Aber ganz sicherlich ist „Der Medicus“ ein ziemlicher Gegenpol zu dem, sodass am Ende des Sommers alle wieder zufrieden sind. Keep on fighting!

Weitere Termine:
26.6., 27.6., 28.6.
3.7., 4.7., 5.7., 10.7., 11.7., 12.7., 17.7., 18.7.
1.8., 2.8., 6.8., 7.8., 15.8., 16.8., 20.8., 21.8., 29.8., 30.8.
Vorstellungen am Donnerstag, Freitag, Samstag jeweils um 20 Uhr,
Vorstellungen am Sonntag um 19 Uhr

Und so hört sich das an [Aufnahme aus dem Soundtrack der Hamburger Produktion von 2012]:

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Foto von Christopher Filipecki

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