Sie ist zurück. Deutschlands Beyoncé. Deutschlands P!nk. Deutschlands Lady Gaga. Ach, wie auch immer, vielleicht auch alles auf einmal. Helene Fischer ist nach fast drei Jahren Bühnenabstinenz zurück und hat Großes vor. Ihre erste Stadiontour ist es natürlich nicht, aber dennoch sind zwei Anlässe durchaus würdig zum Aufhorchen: Einerseits feiert sie 20-jähriges Jubiläum in der Branche, erschien nämlich im Februar 2006 ihr Debütalbum „Von hier bis unendlich“, andererseits gibt es mit der dazugehörigen 360° Stadion-Tour extra neuentwickelte Bühnentechnik, die für offene Münder sorgen soll. Und sagen wir’s doch direkt an dieser Stelle – ja, zumindest beim Gig in Gelsenkirchen fackelt die schon ordentlich einen ab.
Aus anfänglich elf Shows wurden im Laufe des Vorverkaufs nun finale 14. Ok, für die Planung gab es wirklich auch sehr, sehr, sehr viel Zeit. Startschuss für die Tickets: November 2023. Äh, was? Ja, das ist schon sehr überambitioniert. Wir erinnern uns exakt an keine einzige Tour, die jemals so früh in den Verkauf ging. Ist das nun klug oder größenwahnsinnig? Ganz bestimmt ein bisschen von Beidem. Aber so können Fans rechtzeitig ihren diesjährigen Sommerurlaub drumherum planen, ohne etwas zu verpassen. Auch nicht schlecht. Und es kann eben weit im Voraus abgeschätzt werden, um wie viele Gigs man aufstocken muss. Mit zwölf Auftritten in Deutschland plus je einem in Österreich und der Schweiz ist nämlich zumindest in der Quantität im Vergleich zur „Rausch“ -Tour 2023 viel weniger los. Mit 71 (!) Terminen – allein sieben in der Kölner Lanxess Arena – musste man schon sehr große Scheuklappen aufhaben, um daran damals vorbeizukommen. Dagegen wirken 14 wie eine Mini-Tour, allerdings ist in den Stadien ja auch durchaus die dreifache Größe an Platz. Zusammengerechnet ist das dann… ach, eigentlich auch egal – auf jeden Fall sind es sehr viele Menschen. Immer noch.
Dabei schien zumindest beim letzten Studioalbum „Rausch“ ein wenig die Fassade zu bröckeln. Mit etwas mehr als 400.000 verkauften Einheiten erreichte man so wenig Publikum mit einem Album wie zuletzt 2009. Zwar war mittlerweile nicht nur der Schlager- sondern auch der Mainstream-Pop-Markt erfolgreich erobert und nahezu jede lebende Person hat sich mit mindestens einem Helene-Song warmgehört, aber gleichzeitig war man der Übermotivation überdrüssig. Helene überall und immer. Das führt irgendwann selbst bei den Hartgesottenen zu einer bockigen Kind-Haltung und einem lauten „Nein!“. Umso schöner, dass jetzt mal ein bisschen Ruhe war, Helene sich entspannt um ihre Kinder, ihren Mann und hoffentlich auch um ihr eigenes Leben kümmern konnte und nun ein wenig von dem Übermensch-Image ablegen darf.
Tatsächlich braucht es bekanntlich immer etwas Abstand, damit man das Gesehene verarbeiten kann, von der permanenten Dauerbeschallung runterkommt und das, was qualitativ im Kern geboten wird, auch wieder schätzen kann. 53.000 Menschen versammeln sich in der VELTINS-Arena in Gelsenkirchen am 23.6., einem Dienstag, bei rund 33 Grad Tagestemperatur. Die Nerven liegen aufgrund der anhaltenden Hitzeperiode leider etwas blank, das völlig wahnsinnige Verkehrschaos rund um der Schalke-Arena vor und nach dem Konzert verschlimmert es nochmal um einige Level. Leute, das geht ganz bestimmt besser, oder? Ist doch wirklich nicht das erste Konzert, das hier stattfindet! Zwar ist die Show nicht ausverkauft, andere auf der Tourliste auch nicht – aber sie sind alle sehr gut gefüllt. Schaut man sich um, sind geschätzt vielleicht ein Viertel der Plätze frei. Ja, come on… von einem Misserfolg zu sprechen, wie es manche Medien aktuell tun, ist schon ziemlich absurd. Außerdem wünschen wir uns doch die Zeiten zurück, in denen man auch mal spontan zu Großveranstaltungen gehen konnte – jetzt könnt ihr’s, also aufhören mit der Meckerei!
Schalke scheint seine logistischen Probleme auf dem Schirm zu haben. Bereits um 17:30 Uhr startet der Einlass, Helene selbst kommt aber erst um 20:20 Uhr auf die Bühne. Auf einen Supportact wird verzichtet, stattdessen legt ein DJ einen bunten Pop-Mix auf, aber auch das braucht man ja nicht unbedingt drei Stunden am Stück. Also ein letztes Mal Zähne zusammenbeißen, schön viel trinken und einfach schon mal von dem direkt erschlagenden Bühnenwerk beeindrucken lassen. Die 360° Stadion-Tour macht ihrem Namen selbstredend alle Ehre. Ziel ist es, jedem Sitzplatz ein Maximum an Helene-Nähe zu geben. So steht im Zentrum des Stadions eine runde Bühne, die je einen Steg zur Nord- und eine zur Südtribüne bietet, aber – und das ist eben das besondere – vor allen Dingen weit nach oben ragt. Die Mainstage ist gar nicht so riesig. Über ihr hängen viele Spots, die ein wenig Club-Atmo machen. Doch darüber gibt es an jeder Seite eine riesige Leinwand, auf der Helene Fischer non stop projiziert wird. Zwischen den Bildschirmen hängen jeweils um die 100 (!) Boxen und weitere Screens, die im Laufe der Show heruntergefahren werden und höher gelegte Stege freilegen. Doch damit nicht genug ist auch auf dem Dach des Kubus eine Plattform angelegt wie auf einem Wolkenkratzer. Auch hier kann sich die Sängerin an allen vier Seiten bewegen. „Höher, schneller, weiter“ muss an jenem Abend neu definiert werden.
145 Minuten lang spielt der kommerziell erfolgreichste Star, den Deutschland jemals hervorgebracht hat, und macht auf der Faktencheck-Liste wirklich alles richtig. Rund 35 Songs bietet sie aus ihren zwei Dekaden, die zeigen, dass Schlager als Massenphänomen funktioniert. Besonders hinsichtlich der Setlist ist das Ergebnis hervorragend. Es fehlt nahezu gar nichts. Vielleicht wünscht man sich ein oder zwei Balladen mehr, aber man hat sich wirklich Mühe gegeben, aus der großen Diskografie jeden Hit mitzunehmen, der in irgendeiner Form in den zwei Jahrzehnten eine Rolle spielte. Ein Anspruch, den Stars dieser Größenordnung nicht immer verfolgen. Den Schwerpunkt setzt man weiterhin auf die letzte LP „Rausch“ mit fast zehn Titeln, aber auch aus „Farbenspiel“ und dem selbstbetitelten „Helene Fischer“ sind je sechs Tracks dabei. Außerdem gibt es schon drei Lieder aus dem demnächst erscheinenden neuen Longplayer zu hören, der jedoch noch keinen Veröffentlichungstermin hat. Hier sticht besonders „Warum“ hervor, das im Vergleich zu der etwas generischen ersten Single „Heute Nacht“, die dennoch Platz 1 in den Charts erreicht hat, schneller zündet. Äußerst starke Zusammensetzung.
Problematischer wird es eigentlich eher mit dem Gesang. Helene Fischer singt so wie immer. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil absolut tadellos und durchweg sehr mittig im Ton, was besonders bei der Länge der Show und ihrem körperlichen Einsatz – dazu gleich mehr – eine Höchstleistung ist. Immer soft, immer fliegend-hauchig. Schlecht, weil es halt nie, wirklich nie die Komfortzone verlässt. Dass mal ein Ton mit mehr Druck im Belting gesungen wird, geschieht maximal fünf Mal im gesamten Konzert für fünf Sekunden. Ihre Vocals lösen schlichtweg nie einen Schauer aus oder dass man mal beeindruckend „Wow“ denkt, stattdessen sind sie halt einfach technisch richtig und emotional kühl, was leider ein bisschen langweilt. Ein wenig Roughness zur Variation? Wohl nicht mehr in diesem Leben. Hier wünscht man sich doch tatsächlich mal eine Akustikvorstellung, in der es nur darum geht, gesanglich die volle Bandbreite rauszuholen. Denn dass sie das theoretisch kann, ist allseits bekannt und deswegen erst recht schade.
Unterstützt wird die 41-jährige Künstlerin in Gelsenkirchen von drei Backgroundsänger*innen, einer zehnköpfigen Band, in der auch Bläser vertreten sind, was zwischendurch also coole Soli verspricht, und gleich 20 optisch sehr diversen Tänzer*innen. Und damit wären wir auch bei dem Bereich angekommen, warum überhaupt eine eigenständige Bühnentechnik hermusste: Showtechnisch ist die Inszenierung in der Ruhrgebietsstadt eindeutig das Aufwändigste, was man von einem deutschen Act sehen kann. Glücklicherweise wirkt die Tour auch nicht mehr so krass von den USPs einer P!nk oder Lady Gaga zusammengezockt, sondern hat mehr Individuelles und Neues parat.
Schon das Erscheinen ist kitschig, drüber, aber gleichzeitig auch faszinierend: Helene Fischer fliegt von der Westbühne engelsgleich über das Publikum hinweg auf die Bühne. Wie gesagt, der Anspruch war eben 360° und überall mal für ein paar Momente. Das ist nicht das einzige Mal, dass es für sie hoch hinaus geht. Im Laufe der zweieinhalb Stunden fliegt sie über die Köpfe hinweg, macht dabei Salti, übt mit ihrem Mann Thomas Seitel Luftakkrobatik aus und lässt sich nur durchs bloße einhändige Halten an einem Seilzug von einem Steg zum nächsten fahren. Das verdient wirklich großen Respekt. Der Nachteil an dem Spektakel ist, dass wenn man an vier Enden eines Stadions performt, defacto ein Viertel der Spielzeit den Superplatz hat und sie drei Viertel nur über die Bildschirme beobachten kann. Auf denen werden zwar abwechslungsreiche Animationen mit Live-Bildern projiziert, aber wahrscheinlich ist so manches am Ende auf Blu-ray im Heimkino nochmal besser. Man spürt, dass man Teil eines richtigen Happenings ist, jedoch ist man auch ganz oft äußerst weit weg. Die einen sagen so, die anderen so.
Dazwischen tanzt Helene mit ihrer Crew in rund sieben Outfits zu unterschiedlichen Stimmungen. Manche ihrer Songs werden in ein orientalisches, andere wiederum in ein afrikanisches Gewand gepackt. Absolute Highlights sind die Kombi aus „Spiele“, das auf dem Turm ganz oben stattfindet und klar für die Kameras einstudiert wurde, dann aber in „Rausch“ übergeht, zu dem sie alle paar Minuten durch das gesamte Stadion katapultiert wird. Bei „Herzbeben“ und „Achterbahn“ fährt Gelsenkirchen richtig hoch, es gibt Flammenwerfer, Laser und an der Spitze des Aufbaus ein kleines Feuerwerk. Sowieso probiert man einen sehr stringenten Aufbau. Ist die erste halbe Stunde vergleichsweise recht basic, folgen in der letzten Stunde fast ausschließlich Banger in jeder Hinsicht. Hier fällt es schwer, das Handy in der Tasche zu lassen, ergeben sich doch immer wieder Bilder, die man mitfilmen mag.
Und zwischen all dem gibt es eine wirkliche Überraschung: Helene singt gut, wissen wir alle. Helene tanzt gut, wissen wir alle. Helene kann Akkrobatik, wissen wir auch. In den Moderationen verhaspelt sie sich übrigens zum wiederholten Male mehrfach und haut einige unschöne Grammatikfehler beim Sprechen raus. Doch in der Tat bricht sie drei oder vier Mal im Laufe des Abends komplett aus ihrer Rolle aus, dankt dem Polizeieinsatzteam und macht mehrfach mit Fans in den ersten Reihen Fotos. Sie gratuliert einem lesbischen Paar, das an dem Tag heiratet, und abends auf ihrer Show ihre Hochzeit feiert. Sie geht mit einer Brasilianerin ins Gespräch und posiert mit der Landesflagge. Diese Minuten stechen wirklich stark heraus und zeigen den Megastar so authentisch wie selten zuvor. Am Ende fliegt sie wieder hinauf. Dorthin, wo sie zweieinhalb Stunden eher herkam. Ob man die Musik und auch die sehr große Inszenierung nun mag, bleibt Geschmacksache. Dass das aber durchaus sehr gut gemacht ist, ist Fakt.
Weitere Termine:
26.6. RheinEnergieSTADION, Köln
27.6. RheinEnergieSTADION, Köln
03.7. Volksparkstadion, Hamburg
04.7. Volksparkstadion, Hamburg
07.7. Heinz von Heiden Arena, Hannover
11.7. Ernst-Happel-Stadion, Wien (AT)
14.7. Stadion Letzigrund, Zürich (CH)
17.7. Allianz Arena, München
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Foto von Sandra Ludewig
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