Helene Fischer – Rausch

helene fischer rausch

Schwanger! Sie bekommt ein Baby. Deutschlands Übermensch Helene Fischer erwartet Nachwuchs. Viele hatten es sich schon in der Beziehung mit Florian Silbereisen erhofft, doch nun scheint es mit dem aktuellen Lebensgefährten Thomas Seitel – Achtung, macht euch bereit für einen schlechten Wortwitz – gefruchtet zu haben. Und um dem Ganzen noch das Sahnehäubchen zu verpassen, steht mit Rausch endlich die neue Platte in den Regalen.

Mit vier Jahren und fünf Monaten stand die bisher längste Periode zwischen zwei Studioalben im Hause Fischer an. Gab es in den ersten Jahren noch im genretypischen Ein- bzw. Zweijahresrhythmus Material für den nächsten Discofox-Marathon, bewegt man sich seit 2013 nun mal eher in Pop- statt Schlager-Sphären und hat Fließbandarbeit längst nicht mehr nötig. Vor dem eben erwähnten Jahr hätte wohl kaum jemand gedacht, dass die in der Sowjetunion geborene Helene das über Dekaden festgefahrene Genre aus der Shame-Corner hervorholt und wieder salonfähig macht. Und zwar so salonfähig, dass eigentlich kaum ein Anlass ohne ihre Hits auskommt. „Atemlos“, mein Fluch und Segen.

Doch ein dermaßen irrationaler Erfolg wie die LP „Farbenspiel“, die mit 2,4 Millionen verkauften Tonträgern in der Top 7 der meistverkauften Alben aller Zeiten in Deutschland vertreten sein darf, bringt einige Tücken mit sich. Immerhin ist nun neben dem Schlager-Tanten-Tor, der Volksmusik-Opis & Omis-Hölle und der Ballermann-Pforte auch die schier endlosscheinende Welt des Deutsch-Pop zum Erklimmen nahe. Tief durchatmen, Kräfte sammeln und auf geht’s zur Bergspitze.

So einfach ist es jedoch nicht. Brachte der Nachfolger „Helene Fischer“ 2017 zwar mit fast 1,1 Millionen Verkäufen immer noch außerordentlich gute Zahlen nach Hause, ist der Einbruch dennoch spürbar. Frei nach dem Motto „Viele Köche verderben den Brei“ möchte man zwar alle mit ins Boot holen, aber wird doch keinem Publikum so richtig gerecht. Denn Helene wäre nicht Helene, wenn sie vor der Weltherrschaft einen Halt einlegen würde. Immerhin kann sie nach Konzerteinnahmen sich zur bestverdienenden Sängerin Europas zählen. Wo sind die anderen Kontinente?

Für Rausch sollten die Karten neu gemischt werden. Mehr Edge, mehr Statement. Final bleibt aber eigentlich im Kern alles beim Alten. Mit 18 Titeln auf der Standard- und erneuten 24 Tracks auf der Deluxe-Version gibt es wie beim Vorgänger die volle Ladung ohne Kompromisse. Das mag eine schöne Auflehnung gegenüber dem anherrschenden Trend sein, immer kürzere Songs und Alben zu machen, ist aber defacto einfach das andere Extrem – nämlich entschieden too much und auch wenig essentiell. Selbstredend können 24 Titel nicht dauerhaft hohes Niveau erreichen, weswegen es nicht geschadet hätte, einfach mal zwei Hand voll für schlechte Tage, in denen Stillen statt Singen auf der Agenda steht, beiseite zu legen.

Aber genug vorab auf bloßen Facts herumgeritten. Geben wir uns doch lieber dem Gift hin und verfallen dem 83 Minuten anhaltenden Rausch. Schon bei der Covergestaltung scheint ein anderes Publikum als Zielgruppe auserkoren. War man bei den ersten sechs Alben glattpoliert und lächelnd, auf dem letzten hingegen im natürlichen Closeup in Schwarzweiß, sind nun Rottöne und Sex am Start. Die Äpfel ins Körbchen gelegt, der Schlüppi knapp geschnitten – ist das noch Helene oder schon die Krasavice?

Hat man sich einmal durchgehört, kann man selbstbewusst antworten: Man weiß es nicht so genau. Denn was mit „Helene Fischer“ schon angedeutet wurde, wird nun weiter zugespitzt. Helene hat für jede*n mindestens fünf, sechs Titel, bei denen Mainstreamhörer*innen lügen, wenn sie sagen, dass sie wirklich gar nichts von der Platte mögen. Gleichzeitig wird aber auch niemand alles mögen. Wie damals in den 90ern bei den Bravo Hits – such dir deine Favoriten gefälligst selbst und mach dir doch ein Mixtape!

Wer mit dem Argument „Das ist doch gar kein Schlager mehr“ um die Ecke kommt, hat Recht und gleichzeitig keins. Schlager war schon immer an Musiktrends orientiert, die im internationalen Pop-Business vor fünf Jahren aufkamen und seit guten zwei Jahren dermaßen etabliert sind, dass auch die letzten Gelegenheitshörer*innen kein Störgefühl mehr verspüren. Helene Fischer und ihr Team scheinen das zu wissen und liefern besonders in den Produktionen bei mindestens der Hälfte der Songs ausgeklügelte Beats, die so modern wirken, dass sie als reine Instrumentale keinesfalls als Schlager zu entpuppen sind, sondern sämtliche Merkmale des EDM vorweisen können. Ballert.

Wären da nicht die Texte. Und die sind – ebenfalls dem Schlager geschuldet – dermaßen undeep, oberflächlich und oftmals auch ganz schön wenig feministisch. Hier wird angebetet und Liebe bekundet, bis der letzte Atemzug getätigt wurde. Dass von der heilen Welt in Wirklichkeit nothing übrig ist, geschenkt. Ja, das muss man sagen. Rausch ist bis auf Ausnahmen textlich ganz schöner Käse.

Und trotzdem ist das Album im Großen und Ganzen völlig solide Kost, die in ihren besten Momenten sogar ziemlich überrascht. Warum es gleich zwei der stärksten Titel nur auf die Deluxe schaffen, ist so schade wie logisch: „Spiele“ und „Bis du wieder scheinst“ sind halt nicht Schema F. „Spiele“ ist elektronisch, voller Synthie-Effekte, Drumcomputer und einer hypnotisierenden Gesangslinie. Könnte auf Englisch auch von Sia stammen. „Bis du wieder scheinst“ ist Latin-Pop mit leichter Samba-Rhythmik, die ansteckt und wirklich Schlager im angenehmen und nicht zu gewollten Ausmaß progressiv nach vorne bringt.

Schon die Vorabsingle „Vamos a Marte“ hat gezeigt, wie es geht. Mit Luis Fonsi an der Seite, der mit „Despacito“ in der Top 3 der meistgeklickten YouTube-Videos weltweit mitmacht, gelingt ein extrem nach vorne treibender Latin-Dance, der beweist, dass Potenzial da ist. Potenzial, Ketten zu sprengen, sich zu trauen und wirklich auf dem deutschen Mainstream-Markt ganz ohne Fremdscham mitzumischen. „Wunden“ kann das auch. Das steht Helene wirklich gut und lässt sie auch mal authentisch lasziv wie eine Mittdreißigerin wirken und nicht wie eine Hüpfdolde, die für die heteronormativen Männerprolls mit ihren Reizen spielt, aber eigentlich so gar keinen Biss zeigt. „Blitz“ ist dann doch wieder Disco-Fox-Bums mit E-Gitarre, macht aber auch Spaß. Der Titeltrack „Rausch“ hat durch seinen temporeduzierten Ambient-Oriental-Beat 90er-Vibes und weiß voll zu begeistern.

Eine ganze Ladung an Komplimenten. Doch im krassen Gegenzug wirkt die Platte wie ein Desigual-Oberteil. Poppig bunt, nicht immer ganz 2021, aber vor allen Dingen auch dermaßen uneinheitlich, dass man gar nicht weiß, ob man es nun schick oder schrecklich hässlich findet. Hat man sich nämlich trotz vorab beschlossener Protesthaltung für drei Minuten eingegroovt und sich von der Wandelbarkeit einer Helene mitreißen lassen, kommt im fast gnadenlosen Wechsel stets die Kitsch-Bombe um die Ecke und kotzt den Zuhörer*innen mit hysterischem Lachen und Glitzerkonfetti schillernd in die Fresse.

„Glückwärts“ wäre schon vor zwanzig Jahren bei der Silbereisen-Show die passende Pinkelpause gewesen, so unecht und überladen von unauthentischen Euphemismen ist der Song. „Hand in Hand“ soll eine Liebeserklärung an ihren aktuellen Partner sein, der hoffentlich so viel Anstand besitzt, sich zwar anerkennend für das Geschenk zu bedanken, aber trotzdem das Lied zu hassen. „Ich sehe mich in dir, die Gedanken werden laut, und ich hör auf zu warten, alles hier, was ich jetzt brauch‘.“ Skip-Taste. Noch schlimmer wird es bei dem Lowlight „Zuhaus“, das nach guten zwei Minuten einen Kinderchor präsentiert. Was für Entscheidungen werden bei einer derartigen Albumproduktion getroffen? Stellt euch mal den Dialog vor. „Ok, Dancefloor haben wir, kitschige Romantik auch, was fehlt noch? Kinder? Kinder gehen doch immer gut, lass machen.“ Unter anderem saßen übrigens Bosse und Armin van Buuren an den Rausch-Kompositionstischen. Crazy.

Einmal wagt Helene textlich einen Minihauch von Diversität. Ja, richtig gelesen. In „Die Erste deiner Art“ wird so etwas wie Female Empowerment spürbar. Auch das wirkt ein wenig nach To-Do-Listen-Abhaken. „War stets bemüht“ und so. Doch um zum ausgewogenen Abschluss zu kommen, sollten noch zwei weitere Titel positiv hervorgehoben werden: „Wann wachen wir auf“ hat zwar ordentlich „What about us“-Brise von P!nk geatmet, kann aber auch mit Laune wiedergehört werden. Exakt einmal gelingt sogar mit gedrosseltem Tempo ein Treffer. „Nichts auf der Welt“ ist nämlich gesanglich anspruchsvoll und endlich Moll statt Dur.

Rausch ist etwas Mogelpackung. Man weiß nicht, ob man Speed oder Ahoi Brause gezogen hat. Aber, und das ist wirklich ernst gemeint: Ein paar Songs sind richtig guter Deutsch-Pop, der mehr Drive hat als die so genannten Singer-Songwriter*innen des Genres. Also möge doch einfach jede*r filtern, wie benötigt und seine ganz persönliche Helene-EP genießen. Ganz ohne Hangover.

Das Album bekommst du hier als Vinyl und hier digital.*

Und so hört sich das an:

Website / Facebook / Instagram / Twitter

Die Rechte fürs Cover liegen bei POLYDOR/UNIVERSAL.

* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.