Esther Graf – Wofür es sich zu leben lohnt

Esther Graf - Wofür es sich zu leben lohnt

Hinter Esther Graf liegen zwei Jahre, die man in der Musikwelt wohl als perfekten Lauf bezeichnen kann: Festivalbühnen, Chartplatzierungen mit „Mama hat gesagt“, der Soundtrack für „Die Schule der Magischen Tiere“, Veröffentlichung des Debütalbums und ein Hit nach dem anderen. Die eigentliche Reifeprüfung folgt dann bekanntlich mit dem gefürchteten zweiten Studioalbum und dem Erwartungsdruck nach einem solchen Hoch. Ein Problem für die Sängerin? Definitiv nicht! „Wofür es sich zu leben lohnt“ begegnet dem Druck herrlich unaufgeregt, umgeht galant den Sophomore-Jinx und unterstreicht, dass die Österreicherin ihre Stimme mehr denn je gefunden hat.

Ein Sommeralbum par excellence. Das ist wahrscheinlich die beste Beschreibung für den Zweitling von Esther Graf. „Wofür es sich zu leben lohnt“ lädt auf 16 Songs zum Tanzen, Fühlen und Mitgrölen ein. Nach „Happy Worstday“ lässt die Sängerin auf dem neuen Tonträger eine gewisse Leichtigkeit einziehen, die nicht nur ihr gut steht, sondern auch den Songs. Bereits der Opener „Wie schön“ ist dabei ein Highlight an sich und gehört zu den stärksten deutschsprachigen Liebesliedern der vergangenen Jahre. Es weckt nostalgische 2010er-Vibes, ist wunderbar harmonisch und besitzt mit den Textzeilen „Da draußen könnte die Welt in Flammen steh’n. Ich glaub’, ich würd’s nicht mal merken. Ich will komplett in dir verloren geh’n“ – eine sensationell gut funktionierende Bridge.

Deutlich rockiger und frecher geht es auf „Dafür war es echt“ zu. Fast schon hymnenartig feiert die Sängerin hier das Unperfekte und dessen Echtheit. Ebenso rocklastig kommt „Pirouetten“ daher, das vor allem durch seinen Text, der die emotionale Abhängigkeit von einer Person porträtiert, brilliert („Kann mich dreh’n, kann mich wenden, doch am Ende dreht’s sich immer nur um dich“). Auch „Drüber schlafen“ vereint diese besondere Mischung aus Indie-Pop-Rock, einer Stilrichtung, die Esther Graf unfassbar gutsteht. In Kombination mit modernen Pop-Songs wie dem bereits erwähnten „Wie schön“ oder auch „Was ich fühl“ überzeugt das Album durch seine Vielfältigkeit und Kreativität.

Gerade dadurch wirkt das Album deutlich stimmiger als sein Vorgänger und entwickelt einen roten Faden, der sich durch die Songs zieht. Esther Graf ist an ihrer Musik gereift, an einigen Stellen wirkt es fast so, als hätte sie die Bremse gelöst und sich von allen Erwartungen freigemacht. Mit „Hausverbot“, einem Feature mit Dani Lia und Yola beispielsweise, präsentiert sie pure Girl-Boss-Energy, gibt sich rotziger, frecher und unbeschwerter. Genau das hat „Happy Worstday“ vor allem nach der genialen „Red Flags“-EP gefehlt.

„Kleinstadt brennt“ ist eine Hommage an ihre Jugend, bei der der nostalgische Faktor gekonnt in Szene gesetzt wird. „Das sollte ich sein“ ist hingegen der Song, auf den die Fans am meisten gewartet haben. Bereits auf ihrer letzten Tour wurde dieser gespielt und hat damit auch die Vorfreude auf das neue Album geweckt. Auch das zweite Feature des Albums „Nirgendwen“ mit Ness geht voll auf, was vor allem an den Stimmen der Österreicherinnen liegt. Einen noch bittersüßeren Break-up-Song liefert „Sag nichts“, der sich mit der Übergangsphase zwischen Liebe und Verlust beschäftigt („Du willst nicht zurück, weil du denkst, ich hab’ alles zerstört. Doch ich bin nicht bereit, das zu hör’n“).

Spürbar introspektiver offenbart sich der Track „Sicherheit“, in dem sich Esther Graf kreativ mit den Themen Selbstwert und Unsicherheiten beschäftigt. Gerade Textzeilen wie „Bin ich in irgend’nem Gruppenchat ein Insider-Joke?“ oder „Zoome auf Ganzkörperbilder, fuck Mann, warum such’ ich immer was an mir, das ich nicht mag?“ gehen tief. Damit greift die Sängerin Gedanken auf, die wahrscheinlich entschieden zu viele Menschen tagtäglich verfolgen. Inhaltlich knüpft „Alle Stricke reißen“ daran an, der die Frage aufwirft, was passiert, wenn der Worst Case eintrifft. Dass die Antwort eigentlich auf der Hand liegt, zeigen folgende Textzeilen: „Wenn das so ist, dann weiß ich: Selbst wenn alle Stricke reißen. Habe ich immer noch mich selbst.“

Einzig „Wofür es sich zu leben lohnt“ fällt etwas unter den Radar, klingt zeitweise zu generisch und passt trotz des Gute-Laune-Vibes nicht gänzlich zum Rest. Schade ist außerdem, dass einige Songs bereits nach gut zwei Minuten enden. Gerade Tracks wie „Pirouetten“ oder „Darüber schlafen“ hätten durchaus das Potenzial für eine zusätzliche Strophe oder einen ausgedehnten Schlussteil gehabt.

Das Album begeistert aber nicht nur lyrisch, sondern profitiert auch von der grandiosen Stimme der Sängerin. Esther Graf besitzt die Fähigkeit, ganz viel Emotionalität in ihre Songs einfließen zu lassen, es sind aber auch immer wieder die rauen, raspy Töne, die die Lieder zu dem machen, was sie sind. „Nachhause“ heißt der letzte Track des Albums und beinhaltet noch einmal all die Nostalgie, die sich auf den restlichen Songs schon angedeutet hat. Dabei ist der Song einer der prägendsten auf „Wofür es sich zu leben lohnt“, weil die Sängerin ungeschont das Spannungsfeld zwischen ihrem Popstar-Leben und dem Bedürfnis nach Heimat und emotionaler Sicherheit einfängt. Genau das macht den Kern von Esther Graf aus: sympathisch, auf dem Boden geblieben und absolut nahbar.

Mit „Nachhause“ schließt sich der Kreis eines Albums, das catchy ist, viel Nostalgie-Faktor besitzt und genau die Leichtigkeit versprüht, die einen perfekten Soundtrack für den Sommer schafft. Der Sängerin gelingt der Spagat zwischen Emotionalität und Hit-Potenzial genauso gut wie die Symbiose aus modernem Pop, Indie-Rock und Pop-Punk-Elementen. Zweite Alben müssen nicht immer ein Griff ins Klo sein, das beweist Esther Graf eindrucksvoll.

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