Interview mit FJØRT über „Couleur“ – Teil 3!

FJØRT Couleur

Kommt man konzerttechnisch in der Welt rum, gibt es viele Geschichten zu erzählen. So auch eine, die mich persönlich und die Aachener Band FJØRT betraf. Was ein Zufall, dass wir genau mit dieser Band zum Interview zusammensaßen und ich ihnen diese kurze Geschichte somit erzählen konnte. Anlässlich der Veröffentlichung ihres dritten Albums hatten wir uns nämlich in Köln mit David Frings (Bass, Gesang), Chris Hell (E-Gitarre, Gesang) und Frank Schophaus (Schlagzeug) getroffen und ausführlich über das Werk gesprochen. Im dritten und letzten Teil des Interviews wird es nun aber persönlich und vor allem politisch.

minutenmusik: Ich würde euch gerne eine kleine Geschichte erzählen. Und zwar befand ich mich letztes Jahr auf dem „Zurück Zuhause Festival“ eures Kollegen Casper. Ich hatte ein T-Shirt von euch an, weshalb mich zwei schon recht angetrunkene Männer ansprachen. Es entstand ein Gespräch, in dem sich irgendwann herauskristallisierte, dass die Beiden euch letztes Jahr in Bielefeld live gesehen haben und im Verlauf irgendwann folgender Satz fiel: „Die Musik, die die machen ist ja super, aber das mit der Politik sollten sie sein lassen.“

Auf „Couleur“ findet man jetzt ja auch wieder einige politische Zeilen und mit „Raison“ auch einen sehr politischen Song. Was würdet ihr solchen Leuten gerne sagen und was haltet ihr von solchen Aussagen im Bezug auf eure Band?

David: In erster Linie würde ich gerne mal mit solchen Leuten sprechen. Ich höre das öfter, dass Leute mit solchen Sachen auch offensiv auf Künstler zukommen und das ansprechen. Ich finde es sehr gut, dass so etwas besprochen wird. Du bist ja offensichtlich Anhänger der Band, dass man dann auf dich zukommt und das anspricht, ist ja schonmal keine schlechte Sache – darüber zu diskutieren. Ich würde so ein Thema aber wirklich hart ausdiskutieren. Mich würde interessieren, was die Leute konkret stört. Geht es denen auf den Sack, dass wir uns für die menschlichste Sache der Welt stark machen, dass man miteinander auf Augenhöhe spricht, dass es uns allen gleich gut gehen soll? Was findet man daran falsch? Da würden mich die Argumente mal interessieren. Man weiß nicht, was die andere Seite dann sagt.

Wir haben eine wichtige Aufgabe. Das hat jeder, der Musik macht, weil man uns und dem, was wir machen, zuhört. Wenn man im Freundeskreis über sowas spricht, dann ist die Menge sehr klein. Wenn ich jetzt aber zum Beispiel in Bielefeld rausgehe, da waren meine ich 250 Leute, dann habe ich die Möglichkeit diese 250 Leute darauf hinzuweisen, dass es ihnen verdammt gut geht, es vielen anderen Menschen viel schlechter geht und die Leute, denen es gut geht, dafür hetzen, dass es den Leuten, denen es schlecht geht, noch viel schlechter geht, beziehungsweise sie als Mensch gar keine Daseinsberechtigung haben oder an irgendwelchen Grenzen abgeknallt werden sollen. Das ist für uns eine ganz ganz wichtige Aufgabe. Jeder, der diese Band hört, soll das wissen und so einen Song mitnehmen und sich dem bei gewissen Zeilen bewusst werden. Man kann sich hier nämlich auch sehr gut abschotten, wenn man von dem ganzen nichts mitkriegen will. Wenn ich jeden Tag zu meiner Arbeit gehe, dann in den REWE-Markt, mach den Fernseher nicht an und lebe nur mein Leben vor mich hin und habe diesen Glaskanister um mich herum gebaut. Vielleicht kommen dann dadurch solche Ansichten zustande, dass man sagt man stimme damit nicht überein.

An sich haben wir als Band aber ja gar keine großen politischen Ansichten. Es gibt ja Bands, die krass politisch sind. Die einzige Message, die wir haben ist, dass man vernünftig miteinander umgehen soll und es nicht sein darf, dass Menschen über andere gestellt werden. Das ist aber ja auch schon unser einziger Grundsatz. Das ist aber ja auch völlig normal. Jedes Kindergartenkind geht so miteinander um. Keiner wird dem anderen grundlos auf die Fresse hauen – ganz blöd gesagt. Der Mensch ist an sich ja an einem Zusammen interessiert.

Das ist jetzt sehr hart gesagt, aber eigentlich würde ich solche Leute bitten sich dann auch nicht mit meiner Musik zu befassen. Wenn dann Typen bei unseren Shows sind, die diese grundlegenden Ansichten nicht teilen, dann möchte ich auch nicht mit denen feiern, aber schon diskutieren.

Viele Künstler machen ja diesen Kaugummi-Scheiß und halten sich aus allem raus. Wir beziehen jetzt ja auch nicht zu allem Stellung. Man kann zu so vielem Stellung beziehen, aber wenn es darum geht, dass Menschen ungleich behandelt werden, dann hört das für mich auf. Schade, das trifft mich sehr, so eine Story.

Chris: Das, was bei uns angesagt wird, ist ja auch wirklich nur die Menschlichkeit. Ich würde das nichtmal als Politik bezeichnen. Die einzige Message ist ja echt, dass Leute vernünftig miteinander umgehen sollen.

David: Ich verstehe auch nicht, was man dann aus FJØRT zieht. Unsere Aggressivität in der Musik? Geben wir den Leuten dann den Push? Für uns ist das eher eine Ventil-Musik, um Dinge zu verarbeiten. Gefährlich. Aber wie gesagt, wir sind eine offene Band. Wir sind nicht dafür, Leuten vor versammelter Mannschaft auf die Fresse zu hauen. Wir sind eine Band, die sehr gerne diskutiert und da in Dialog geht. Da würd mich dann mal interessieren, was genau er denn an unserer politischen Ansicht so scheiße findet. Das kann eigentlich nur sein, dass er das Thema „Flüchtlingspolitik“ anders sieht, weil wir uns nur dazu relativ straight äußern. Wenn er da keinen Bock drauf hat, wünsche ich ihm, dass es ihm im Leben mal sehr schlecht geht, um zu merken, wie wichtig es ist, dass andere einen auffangen.

minutenmusik: Im selben Song, also „Raison“ heißt es „Ich möchte eigentlich dieses Pack nicht kommentieren.“ Viele Menschen sind, vor allem im Bezug auf die AFD, der Ansicht, dass der Partei mit Gegendemonstrationen und Protesten Aufmerksamkeit zu schenken, falsch sei. Man solle ihr vielmehr möglichst wenig Aufmerksamkeit zeigen. Vertretet ihr diese Meinung oder seht ihr das anders?

David: Das finde ich schwachsinnig. Das andere bedeutet, dass man denen Raum lässt. Wenn man sagt „Ja gut, Pegida und AFD marschiert wieder und ich bleibe zuhause und gucke Netflix“, dann gebe ich meinen Lebensraum Faschisten in die Hand. Ich bin immer sehr glücklich, wenn es eine ganz starke Gegenbewegung gibt. Das funktioniert ja auch optimal. In Osnabrück waren die dermaßen laut, dass du kein Wort von der Hauptdemo gehört hast. Das war granatenmäßig. Da ist es dann wichtig zu zeigen, dass das unser Lebensraum hier ist und die uns hier nicht reinscheißen dürfen. Ich bin für eine offene Kultur und nicht für eine Abschottung und das möchte ich dort mit meinem Gesicht zeigen.

Wenn du auf einer Demo bist, kriegen das ja auch nicht so viele mit. Da kannst du ja blöd gesagt nicht viele Facebook-Daumen oder Instagram-Likes sammeln. Du musst dich ja auch zur Demo bewegen, das ist oft ja auch kalt. Als in Aachen die Pegida mit ihrer 50-Mann-Kundgebung marschiert ist, da war es ungemütlich und kalt. Da muss man schon eine dicke Jacke anziehen. Da sitzt man dann ja auch schon gerne zuhause und macht etwas anderes. Was ich damit sagen will, ist, dass viele diesen Kampf im Internet kämpfen. Das hat oft aber keine Wertigkeit. Wenn du aber auf der anderen Seite stehst und denen klar machst, dass du gegen sie stehst, dann trifft die das viel direkter. Das halte ich für sehr wichtig.

Darüber, dass jede Satire-Sendung die AFD vielleicht gepusht hat, kann man diskutieren, aber ich glaube, dass die Partei sowieso gewählt worden wäre. Die Leute, die das wählen wollten, die haben das ganz bewusst gewählt. Das sind einfach Idioten. Das werden auch immer Idioten bleiben. Jedem von denen wünsche ich echt mal, dass sie richtig auf die Fresse fliegen. Die sind unzufrieden mit sich selbst. Wir sitzen hier, können über Musik quatschen, unsere Leben sind cool. Wir würden niemals auf die Idee kommen jemand anderen für irgendetwas verantwortlich zu machen. Diese Menschen sind nicht zufrieden und sich selber zu kritisieren ist sehr viel schwieriger, als andere. Das hat die Geschichte ja auch gezeigt – ein Sündenbock ist immer leicht gefunden. Die werden aber auch nie glücklich. Auch nicht, wenn wir alle Grenzen hochfahren. Es wird immer einen Grund geben. Dann macht auf einmal der Nachbar Samstag morgens den Grill an oder so. Deshalb: Bleibt bloß nicht zuhause, wenn das Volk kommt!

Da war ja auch „Paroli“ angesetzt. Da haben wir sehr viel aus diesen Demos rausgezogen, aus diesem Spirit der Gegendemonstration. „Raison“ ist im Vergleich ein bisschen luftiger geschrieben. Viele haben dafür gesorgt, dass diese Gegendemos super stark besetzt waren und haben sich sehr engagiert in den verschiedensten Bereichen. Bei „Raison“ kommt dieses Gefühl rüber, dass wir das in den Griff kriegen. Es ist zwar immer noch scheiße, deshalb sage ich auch diesen einen Satz in dem Song. Eigentlich wäre ich froh, wenn ich keinen Song über Populismus oder Faschismus schreiben müsste. Dann würden wir nämlich alle klar kommen. Deshalb steht diese Zeile da so drin.

minutenmusik: Okay. Das ist jetzt ein kleiner Bruch, aber lasst uns das Thema mal auf etwas positiveres lenken. Im Januar geht ihr auf große Tour zu „Couleur“. Was kann man da so erwarten?

David: Ich glaube, was man bei uns immer erwarten kann ist, dass, wenn man 17 Euro für so ein Ticket bezahlt, jeder Cent, den wir reinkriegen, in das gestopft wird, was da abgeht. Wir sparen da an nichts. Unsere Agentur sagt schon immer, wir seien total bescheuert. Auf der Tour werden wir jetzt auf jeden Fall noch mehr ausrasten, als auf der letzten. Wir wollen, dass das audiomäßig und visuell der absolute Knaller wird. Da arbeiten wir gerade dran. Was genau passiert, wissen wir noch nicht. Wir bauen ja auch gerne Songs um, wenn wir auf Tour gehen. Das kommt jetzt noch alles. Uns ist sehr wichtig, dass von den Leuten, die kommen, danach alle sagen sie hätten etwas erlebt.

minutenmusik: Schön! Vielen Dank für das Interview.

Auf die Tour freuen wir uns natürlich wie Bolle. Ansonsten haben die drei FJØRT-Jungs gute, klare Ansichten, die man durchaus teilen kann. Ganz unabhängig davon ist ihnen „Couleur“ jedoch extrem gelungen. Wir schmeißen die Platte jetzt nochmal an.

Hier geht es zu Teil 1.

Hier geht es zu Teil 2.

Zu unserem allerersten FJØRT-Interview geht es hier.

„Couleur“ erscheint am 17.11 über Grand Hotel Van Cleef und kann hier & hier* vorbestellt werden.

Und so hört sich das an:

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FJØRT live 2018:

18.01.18 – Münster, Gleis 22 (Zusatzshow!)
19.01.18 – Münster, Gleis 22 (Ausverkauft!)
20.01.18 – Hannover, Musikzentrum
21.01.18 – Berlin, Lido
22.01.18 – Dresden, Beatpol
23.01.18 – Leipzig, Werk 2
24.01.18 – AT – Wien, Chelsea
25.01.18 – München, Strom
26.01.18 – Stuttgart, Universam
27.01.18 – Saabrücken, JUZ Försterstraße
28.01.18 – Wiesbaden, Schlachthof
29.01.18 – Köln, Gebäude 9
30.01.18 – Hamburg, Knust

Foto von Andreas Hornoff.

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