Nach über einer Dekade reist für Deutschland endlich wieder ein bekanntes Gesicht zum Eurovision Song Contest: Sarah Engels, 2. Platz bei „Deutschland sucht den Superstar“ 2011, 1. Platz in der 3. Staffel „The Masked Singer“ sowie 2. Platz bei „Let’s Dance“ 2016, konnte mit ihrer langjährigen Bühnenerfahrung zunächst die Fachjury und später auch das deutsche Publikum überzeugen. Mit 38,3% der Stimmen setzte sie sich gegen acht Kontrahent*innen durch und fährt nun mit ihrem Latin-Pop-Titel „Fire“ im Mai nach Wien. Der ESC findet nach elf Jahren erneut in Österreich statt, weil im vergangenen Jahr JJ mit „Wasted Love“ den Sieg holte. 2026 wird der 70. Geburtstag des größten Musikwettbewerbs der Welt gefeiert, weswegen einige Überraschungen geplant sind. Das Finale ist für den 16.5. geplant, 35 Nationen werden teilnehmen, 25 davon am Samstagabend.
Nachlese zur Show
Der SWR hat die Orga rund um den Eurovision Song Contest für Deutschland übernommen. Veränderung ist ja meist erstmal super – doch was genau hat man aus den vorigen Jahren gelernt? Gar nichts wäre gelogen. Sehr viel wäre auch gelogen.
Stattdessen macht Das Deutsche Finale 2026, das am 28.2. im ARD über die Bühne geht, so manches richtig. Zum Beispiel kehrt man endlich wieder zurück zur Primetime, dann auch noch an einem Samstag. Nicht schlecht. Offensichtlich scheint man die recht hohen Einschaltquoten aus 2025 so zu deuten, dass zwei, drei Menschen in Deutschland doch daran interessiert sind, wer für unsere Nation zum ESC fährt. Man hat sich lediglich von dem Marketing-Flaggschiff RTL verabschiedet, ebenso von Stefan Raab, denn der hat ja schließlich sein Wort nicht gehalten und nicht den 3. Sieg für Deutschland geholt. Joa, blöd.
Trotzdem ist man offensichtlich mit dem mittelmäßigen Erfolg und dem im Finale doch nicht fair bewerteten „Baller“ von Abor & Tynna recht zufrieden. Witzelt man sonst äußerst häufig über die Blamagen der deutschen Acts rum – ja, daran seid aber größtenteils IHR schuld, liebe Öffentlich-Rechtlichen – startet man 2026 mit guter Laune in den nationalen Vorentscheid. Was bleibt ist selbstverständlich die eigentlich schon zehnmal zu oft eingesetzte Barbara Schöneberger, diesmal aber mit passender Zweitmoderation durch Hazel Brugger. Die ist seit vergangenem Mai äußerst ESC-erprobt und weiß doch den Ton zwischen schräger Situationskomik, ein paar kleinen Seitenhieben und liebevollem Fandom gut zu treffen.
Außerdem gute Idee: Fans, die wie auf einem Konzert in der Halle direkt vor dem Steg platziert werden und mittanzen können. Keine gute Idee wiederum: Eine ziemlich random zusammengewürfelte Couch mit vier Menschen, bei denen ganz, ganz oft betont wird, wie nah sie doch dem ESC seien. Michael Schulte erreicht 2019 für Deutschland Platz 4, lassen wir gelten. Paola Felix hat zweimal sogar mitgemacht, allerdings zuletzt vor 46 Jahren. Anscheinend bei der Standard-Zielgruppe der ARD noch irgendwo von Relevanz, ok. Carolin Kebekus setzt man dahin, weil sie den ESC mag. Ich übrigens auch, darf da aber dennoch nicht Platz nehmen. Abgerundet wird der bequeme Untersetzer durch „Der Bergdoktor“-Schauspieler Hans Sigl. Der kommt nämlich aus Österreich, wo es im Mai ja schließlich stattfindet. Jop, wie gesagt, man hat nicht nur positive Veränderungen durchgeführt.
Des Weiteren hält man erneut das deutsche Publikum allein für nicht fähig genug, um darüber zu entscheiden, wer für das Land das Finalticket ziehen darf. Stattdessen reduzieren 20 internationale ESC-Verbundene – darunter mehrere ehemalige Teilnehmende sowie Blogger*innen und Kreativmitarbeitende bei anderen nationalen Vorentscheiden – die neun Artists auf drei. Erst dann darf man zum Handy greifen und voten. Böse Zungen könnten nun wieder einmal behaupten, dass man ja auch absichtlich die drei schlechtesten Acts auswählen könnte, damit Deutschland schon mal keine Konkurrenz fürs eigene Land darstellt, aber solch eine Negativabsicht wollen wir an dieser Stelle selbstredend niemandem unterstellen.
Schließlich stellt sich viel zu schnell heraus: Man kann gar keine drei schlechten Acts zusammenstellen, denn in Wahrheit sind bis auf eine einzige Ausnahme eigentlich alle schlecht. Ja, das klingt hart. Ja, das klingt plakativ. Ja, das ist vielleicht auch ein bisschen zynisch-übertrieben. Aber es dauert wirklich Ewigkeiten, bis man an jenem Abend auf dem Bildschirm einen Auftritt sieht, der ESC-Bühnentauglich wirkt. Und das ist somit etwas, was man nicht verbessert hat. Entweder war die Auswahl vorab absolut unterirdisch oder die Ambitionen so überschaubar, schließlich hat der SWR plötzlich ein paar neue Aufgaben dazu bekommen, für die vielleicht gar keine Mitarbeiter-Kapazitäten vorhanden sind. Anyways – die Auswahl im Deutschen Finale 2026 ist fast (!) ein Totalausfall.
Erneut können acht von neun Teilnehmenden wenig bis gar keine Bühnenerfahrung vorweisen. Und das merkt man quasi jede Sekunde. Entweder sitzen Töne nicht, die Bewegungen wirken unkoordiniert, die Aufregung kickt zu krass rein, die Inszenierung ist nicht erkennbar oder alles gleichzeitig. Nach durchschnittlichem Teenie-Hip-Hop auf Deutsch („Herz“, Bela), folgt eine völlig falsch wirkende, solide komponierte, aber boring vorgetragene Girlie-Singer-Songwriter-Nummer („Jeanie“, Dreamboys The Band) und völlig selbstüberschätzter Soul-Folk mit einem Refrain, der strenggenommen keiner ist („A OK“, Myle). Ständig möchte man den Buzzer mit „Thx, next“-Message drücken, weil es in einer generischen Spotify-Playlist zwar nicht stören würde, aber auf TV mit Fokus und Erwartungshaltung kaputt-langweilt.
Der Comedy-Track „Ciao Ragazzki“ von Ragazzki wirkt auf den ersten Blick eigentlich ganz gut. Mehrfach schon konnte die richtige Kombi aus witzigen Lyrics und überraschender Performance im ESC-Finale ordentlich absahnen, zuletzt erst 2025 mit dem aus Estland stammenden Tommy Cash („Espresso Macchiato“, Platz 3). Hat man die drei Minuten von Ragazzki gesehen, fragt man sich allerdings, ob sie den Tommy–Cash-Auftritt auch nur einmal aufmerksam geschaut haben. Auch solche Songs haben nämlich Töne. Stattdessen ist das Potenzial nach 30 Sekunden komplett verschossen. Das wirkt nicht ernst gemeint, beide Typen machen einfach irgendwas, intonieren die Lyrics einfach irgendwie und machen aus einem lustigen Roy–Bianco-Klon schon im ersten Live-Durchlauf einen Rohrkrepierer mit sau-hohem Nervfaktor.
Ok, kurz wieder wachgeworden. Nun aber bitte was mit Substanz. Ach, nee. Doch nicht. „Wonderland“ von Laura Nahr ist sogar der Tiefpunkt des Abends. Wie schlecht kann ein Song komponiert sein? Laura Nahr brüllt „Ja“ auf allen Sprachen der 35 teilnehmenden Nationen. Unterirdisch. 1 von 10.
Malou Lovis betont in ihrem Einspieler ihre Queerness und wie sehr sie die Community doch liebt. Offensichtlich hat sie seit ihrem Sieg bei „The Voice of Germany“ 2023 sehr wenig gelernt und noch weniger performt, denn ihr „When I’m with you“ wirkt, so wie alles davor, austauschbar, lame und so unangestrengt, dass es wirklich verärgert. Du bist queer? Dann mach doch was geiles Queeres! Aber nö. Lieblingszitat des Abends kommt von ihr, in dem sie sinngemäß sagt, dass man für den ESC eigentlich keine all zu große Performerin sein müsse. Dieses Credo hat sie sich entschieden zu oft vorgesagt.
Und was ein Zufall doch auch! Die letzten drei Artists sind die, die von der Jury auch ins Voting-Finale gewählt werden – haben die Schlingel vom SWR da vielleicht dramaturgisch etwas beabsichtigt? Wir haben es durchschaut, uns führt ihr nicht hinters Licht! Der nicht-binäre, aus Liechtenstein stammende Wavviboi wirkt rein optisch zumindest schon mal wie ein Star. Da hat sich jemand beim Outfit mal Gedanken gemacht. Mit dem Glamrock-Titel „Black Glitter“ gibt es finally einen Song, der ein Attribut in Richtung „Hit“ verdient und eine Melodie bereithält, die man in den drei Minuten einige Male wiedererkennen kann. Dazu wird der Auftritt pompös aufgezogen und ballert gut durch das Studio in Berlin, wo der Vorentscheid stattfindet. Doch wer bei der Klassenarbeit nur 70 Prozent erledigt und dann stattdessen lässig eine rauchen geht, wird eben nicht Klassenbester. Das, was man wohl am intensivsten vorher probt, sind die Töne. Doch Wavviboi erreicht in der finalen Abstimmung nur den zweiten Platz – mit Recht, denn Song und Performance sind zweifelsfrei gute Ware, jedoch tonal so murksig präsentiert, dass das im Vergleich zur Gewinnerin eben abstinkt.
„Fire“ von Sarah Engels ist weit weg von kreativ. Das klingt nicht neu. Das klingt eher wie ein Mash-up aus zig Einsendungen von Zypern der letzten zehn Jahre. Aber wenn dafür der Gesang aufgrund von Erfahrung und Skills sitzt, die Performance mit ordentlich Feuerfontänen und hübschen LED-Visuals aufgepeppt wird und Sarah Engels einfach im Rahmen der Möglichkeiten alles gibt – dazu gehört zum Beispiel auch ein netter Dancebreak – ist das konkurrenzlos. Das mag nicht der Song sein, auf den man a Lifetime warten musste. Aber es ist die sicherste Bank für einen internationalen, sehr großen Wettbewerb. Hier muss man nicht vorher x-mal beten, dass die Stimme hält. Hier muss man nicht alle Daumen drücken, dass die Künstlerin bloß nicht mit dem Presserummel überfordert ist und einen Mental Breakdown bekommt. Und nach so vielen Jahren auf Risiko, ist das für Deutschland exakt das Richtige und erfrischend-entspannend. Period.
Zwischen all diesen viel zu anstrengenden Auftritten in drei Stunden Lauflänge, sieht man zig ESC-Rückblicke, die man wirklich jedes verdammte Mal sieht und doch auch mal reichen! Außerdem ein paar unlustige Sprüche von Kommentator Thorsten Schorn, dann ist Schluss… ach, Moment. Waren ja neun Acts. Stimmt. Molly Sue wirkt nach Sarah Engels wie ein Rauswurf morgens um 5, weist mit ihrem bescheuert betitelten „Optimist (Ha ha ha)“ zwar auf Depressionen hin, was immer gut ist, macht das musikalisch auch mit aufgesetzter Knödelstimme zwar tonal richtig, jedoch wünscht man sich solche Songs im Abspann einer Melodrama-Serie in der ARD Mediathek. Nicht in der Wiener Stadthalle. In einem Meer voller Plastikmüll ist selbst der Gummi-Seestern, aus dem sämtliche Luft bereits entwichen ist, noch exciting.
Abor & Tynna sind in der Show am Start, dürfen aber im Intro kurz 20 Sekunden lang Playback „ballern“ und sonst zum Ende nochmal den Siegerpokal an Sarah Engels überreichen, die mit ihrem Latin-Popper bestimmt einen Platz in der unteren linken Tabellenhälfte erreichen wird. Gerne hätte man von dem österreichischen Geschwister-Duo, das 2025 für einen europäischen Trendsong gesorgt hat, einen ganzen Track gehört. Aber nein. Stattdessen singen Luca Hänni und ein paar mehr People durchgenudelte ESC-Classics. Besonders weirder Moment, wenn Siegerin Ruslana (Ukraine, 2004) das sehr unbekannte und noch nie gehörte „Waterloo“ von ABBA in fast demselben Outfit wie beim ESC 2004 mit fast denselben Dancemoves wie beim ESC 2004 performt. Da aber für Estland dieses Jahr Vanilla Ninja antreten, die A*Teens im Finale für Schweden angesagt sind und womöglich noch heute Delta Goodrem als Teilnehmerin für Australien droppt, passt das ja schon wieder.
Weitere Termine:
Der Eurovision Song Contest findet in der Wiener Stadthalle in Österreich statt:
12.5. Eurovision Song Contest 2026 – 1. Semifinale (Deutschland ist stimmberechtigt)
14.5. Eurovision Song Contest 2026 – 2. Semifinale (Deutschland ist nicht stimmberechtigt)
16.5. Eurovision Song Contest 2026 – Großes Finale (Deutschland ist stimmberechtigt)
Die Liveübertragung der beiden Semifinals findet voraussichtlich wieder auf ONE sowie parallel auf eurovision.de und in der ARD Mediathek statt. Auf YouTube kann die Übertragung im Originalton ohne Kommentar gestreamt werden.
Das Große Finale läuft statt auf ONE in der ARD.
Und so klingt der Song von Gewinnerin Sarah Engels:
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