Es gibt mal wieder nur zwei Lager: Kritiker*innen finden das Biopic Michael über Michael Jackson ziemlich mies, das Publikum hingegen feiert es heftig. Die erste Woche ist nicht mal um, und schon jetzt ist der Film die erfolgreichste Biografie im Kino, die jemals lief. Eine Fortsetzung bekam schon grünes Licht, schließlich endet der erste Teil mit der Tour zum Album „Bad“ Ende der 80er. Michael Jackson starb 2009, da sind also zwei Dekaden noch unerzählt. Der Hype ist momentan so groß wie wohl zuletzt zu Michaels Tod. Warum folgerichtig nicht mit zusätzlichen Produkten gerade die Nachfrage bedienen? Zum Beispiel mit dem Soundtrack zum Überraschungshit.
Lionsgate, der Filmverleih, rechnete schon äußerst wohlwollend. Ein Erfolg war für alle Beteiligten klar. Dementsprechend viel wird auch seit Monaten in die Bewerbung des Films gesteckt. Dass es weltweit immer noch unzählige Hardcore-Fans gibt, die gerne bei jeder Veröffentlichung zuschlagen, ist hinreichend bekannt. Somit dürfte es für viele eine wahre Freude sein, dass es die Musik von Michael auf Doppel-Vinyl, CD und Kassette geschafft hat.
Nein, wir bewerten an der Stelle natürlich nicht, ob die Songs gut sind. Wie absurd wäre es? Schließlich reden wir hier von Tracks des erfolgreichsten Artists aller Zeiten. Fünf der 13 Songs sind vom erfolgreichsten Album aller Zeiten, „Thriller“ („Billie Jean“, „Beat It“, „Thriller“, „Wanna Be Startin‘ Somethin'“, „Human Nature“). Auch wenn die Meinungen zu Michael Jackson aufgrund diverser Vorwürfe auseinander gehen und jede*r eine eigene Grenze hat, wann sie oder er ihn canceln mag, so ist zumindest die allgemeine Haltung gegenüber seines kreativen Schaffens unangefochten und eigentlich auch indiskutabel. Demnach: Alles gesagt. Mehrfach.
Doch bei Veröffentlichungen wie dieser hier geht es sowieso mehr darum, was sie bietet und was nicht. Eigentlich hätte man nämlich schon über eine Info aus dem vorigen Absatz stolpern können – 13 Songs? Klingt irgendwie wenig, oder? Klingt nicht nur wenig, ist auch wenig. Gerade einmal 57 Minuten Spielzeit bietet der Soundtrack. Somit gäbe es nicht nur noch genug Platz auf diversen Datenträgern, sondern vor allen Dingen auch sehr viel mehr verfügbares Material. Über 30 Titel (!) kommen im Film vor, darunter locker die Hälfte Lieder aus der Zeit der The Jackson 5 und The Jacksons. Fünf sind davon final nun auf dem Soundtrack („I’ll Be There“, „Never Can Day Goodbye“, „Who’s Loving You“, „Medley: I Want You Back, ABC, The Love You Save“, „Ben“) sowie acht aus Michaels Solophase ab „Off The Wall“ (die fünf oben erwähnten plus „Don’t Stop Til You Get Enough“, „Workin‘ Day And Night“ und „Bad“). Und auch hier hat es zum Beispiel „I Can’t Help It“ nicht geschafft. On top wären bei einem vollständigen Katalog auch zwei, drei Songs von anderen Acts mit dabei, beispielsweise „I Heard It Trough The Grapevine“ von Gladys Knight & The Pips, die bei einer Motown-Liveshow vor den Jackson 5 spielen.
Vollständig ist hier somit schon mal gar nix. Aber selbst in der Reihenfolge hat man gewürfelt. Der Soundtrack beginnt mit „I’ll Be There“. Das erste Lied, das auf dem Soundtrack mit am Start ist, ist im Film jedoch „Never Can Day Goodbye“. Soll das eine dramaturgische Idee gewesen sein? Wenn ja, wäre aber auch das merkwürdig, schließlich könnte man besser mit Power in die Tracklist gehen statt mit Balladen. Man fragt sich also, wer den Soundtrack kaufen und dann damit glücklich werden soll. Menschen, die den Film gesehen haben und denken, nun wird es endlich mal Zeit, irgendwas Repräsentatives von Michael Jackson im Regal zu haben? Fans, die die Veröffentlichung als Merch ansehen, kein neues Material erwarten, aber zumindest dann die vollständige Musik des Films? Beide Zielgruppen verfehlt.
Positiv: Richtig cool ist die Wahl, dass man bei „Ben“ und dem „Medley: I Want You Back, ABC, The Love You Save“ Live-Versionen aus der „Victory“-Tour aus 1984 digital remastered hat. Zwei Veröffentlichungen, die es so bisher noch nie offiziell gab, dazu in hervorragender Klangqualität. Das ist tatsächlich zumindest ein kleiner Kaufreiz, schließlich gibt es gleich mehrere Konzertszenen im Film, sodass ein Stück des Live-Feelings sich auch auf dem Soundtrack widerspiegelt. Komisch hingegen ist dann aber, dass man bei „Human Nature“, dem einzigen Song, der komplett im Film mit Performance zu sehen ist, wiederum die Studioversion aus „Thriller“ ausgesucht hat. Ähnliches gilt für „Workin‘ Day And Night“. Da fragt man sich wirklich, wer diese Entscheidungen trifft und möchte die verantwortlichen Personen aus der Redaktion feuern.
Abgerundet wird der schlechte Eindruck durch das unterirdische – nein, da darf man wahrhaftig kein harmloseres Adjektiv verwenden – Booklet. Statt tolle Fotos aus dem Filmset abzudrucken – und wow, da hätte es so viele tolle Möglichkeiten gegeben – gibt es die Lyrics und das war’s. Danke für gar nichts gar nichts. Fans dürfen also hoffen, dass nach dem Übererfolg in der ersten Kinowoche, die anstehenden Heimkino-Veröffentlichungen im Spätsommer üppiger und liebevoller ausfallen. Der Soundtrack fällt jedenfalls fast vollständig durch, auch wenn man ihn als reines Merchandising betrachtet.
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