Geht man 2026 auf ein Konzert, ist eine aufwändige Show eigentlich obligatorisch. Pyro, Konfettiregen, Kostümwechsel, fette LED-Leinwand. Außerdem kommen viele Sounds vom Band, wenn überhaupt spielen die Instrumentalist*innen alles auf Klick, damit die zig Elemente, die synchron laufen müssen, überhaupt funktionieren können. Doch am 24.6., einem Mittwoch, ist im E-Werk in Köln von allem exakt das Gegenteil zu sehen und auch zu hören. Mit einer sehr old schooligen Haltung und einem authentischen Retrosound spielen die Counting Crows eine ihrer seltenen Deutschlandshows.
Die Counting Crows gehören zu diesen Bands, bei denen jede*r mindestens einen Lieblingssong hat, aber partout gar nicht wirklich weiß, was die alles überhaupt an Songmaterial haben. Die einen lieben den einen Song aus dem einen Film, andere einen anderen aus einer Serie und manche sogar einen, weil er in den 2000ern im Englischbuch auf dem Gymnasium vorkam. Das Publikum bei dem fast ausverkauften Gig, der bei rund 34 Grad Außentemperatur durchgehend schwitzend durchgehalten werden muss, scheint ein Gefühl für Musikalität zu haben. Es ist eines der Abende, an denen man auch für Instrumemtalsoli klatscht oder die Drums und Gitarrenriffs in der Luft mitspielt. Es ist einer der Abende, bei denen schon während der Show auf setlist.fm alles aktualisiert wird, weil hier zwar nicht die bekannteste Formation aller Zeiten auftritt, aber eine, die für manche eben die Welt bedeutet.
Frontmann Adam Duritz wird im August bereits 62. Seine Band gründet sich 1991 in San Francisco. Aus dem Sextett ist Mitte der 00er ein Septett geworden, von der ursprünglichen Besetzung sind immer noch vier am Start. Wenn die Gruppe um Punkt 21 Uhr die Bühne betritt, hat das durchaus etwas von Altherrenmannschaft, gleichzeitig wirkt aber die Performance so cool, entspannt, selbstsicher und fokussiert, dass man von Alterungserscheinungen wahrhaftig nicht sprechen kann.
Doch bevor die Counting Crows ihr Talent für ihre Leidenschaft unter Beweis stellen dürfen, gibt es ausnahmsweise schon im Vorprogramm einen Act, der gar nicht viel schlechter abschneidet. Emilíana Torrini hatte 2009 wie aus dem Nichts einen Nummer-1-Hit in mehreren Ländern. Natürlich hat sie ihren „Jungle Drum“ auch dabei, doch vorher gibt es eine halbstündige, wundervolle Atmosphäre voller anspruchsvoller und gleichzeitig eingängiger Jazz-Pop-Kompositionen, die an Norah Jones erinnern. Die Isländerin Torrini ist eigentlich schon drei Jahrzehnte lang Musikerin, spielt hier einen kleinen Querschnitt aus ihrem Katalog und macht richtig Lust auf mehr. Unbedingt Augen offen halten, falls sie mal wieder in der Nähe ist – das unterhält ganz sicherlich auch zwei Stunden gut!
Wie schon erwähnt, gibt es von den typischen Elementen, die man als Konzertgänger*in 2026 gewohnt ist, heute nichts. Keine Leinwand mit Videos. Und nicht einmal aufwändiges Licht. Die Counting Crows könnten, wenn man Mischpult, Mikros und Instrumente einpackt, so auch in jeder Schulaula spielen. Das ist mal erfrischend anders. So bleibt der Fokus auf Stimme, handgemachten Songs und nachdenklichen, traurigen, aber auch lebensbejahenden Lyrics. Vor gut einem Jahr erschien das achte Studioalbum Butter Miracle – The Complete Sweets!, zu dem auch die Tour stattfindet. Zwar war man auch 2025 kurz in Deutschland, aber in NRW zuletzt 2022. Auf die neuste LP mussten Fans fast elf Jahre warten. Allerdings sind neue Songs für die Setlist eh nicht so relevant: Von den rund 20 Songs – davon manche als Medley kombiniert – wurden nur vier der aktuellen LP entnommen. Der Rest ist ein Ritt durch ein Vierteljahrhundert Erinnerungen der Band, aber auch Erinnerungen der Crowd.
Es ist Musik, zu der schnell die Augen wässrig werden, weil sie Vergänglichkeit widerspiegelt. Die Stimme von Adam hat wirklich keinen Müh eingebüßt. Anscheinend hat er sehr schonend über die Jahre gesungen, sodass der Sound immer noch genauso trifft und catcht. Mehrfach wechseln Bandmember ihr Instrument. Auch 2026 selten eingesetzte Objekte wie ein Akkordeon sind heute fällig. Alles ist ab Sekunde 1 super abgemischt, sodass man die kompletten 110 Minuten, die die Show andauert, die künstlerische Qualität inhalieren kann.
Aber es ist eben auch ein Konzert für Fans. Klingt jetzt total offensichtlich, aber ist es nicht. Manche Konzerte funktionieren auch, ohne die Songs vorher zu kennen. Das ist hier etwas schwieriger. Klar, man kann sich bloß an der wirklich tollen Technik aller Menschen auf der Stage erfreuen, aber mehr ist eben nicht. Das Auge hat heute sehr wenig zu tun. Die, die aber die Lieder lieben, bekommen wohl das Maximum an Intensität. Aus dem Debüt „August and Everything After“ sind fünf Tracks dabei, die zum Mitsingen animieren und unmittelbar mit dem Handy festgehalten werden. „Omaha“ und „Mr. Jones“ sind Genre-Klassiker. Genau in der Mitte zwischen Americana, Alternative Rock, Folk und auch ein bisschen Southern Rock haben die Counting Crows eine ordentliche Anzahl starker Melodien geliefert, die immer noch hitten. Mit rund 10 Minuten Länge wird besonders „Round here“ zum enorm aufwühlenden, großen Erlebnis, bei dem sich Adam emotional richtig reinsteigert. Beim Rauswurf „Holiday in Spain“ wird es touchy und bittersüß, sodass man mit einem Lächeln den Saal verlässt.
Doch ganz sicherlich sind hier auch nicht wenige, um „Colorblind“ mal live zu hören. Wobei… ein Großteil im Raum wird das schon getan haben. Aber manche eben auch nicht. Nach dem Einsatz im Film „Eiskalte Engel“ ist die Pianoballade zu einem der herzzerreißendsten Perlen der Gen Y geworden. Das Instrumental ist 1:1 gleich geblieben, nur der Gesang hat sich verändert. Adam spricht manche Zeilen, andere singt er um mehrere Schläge versetzt. Aber gerade deswegen oder nichtsdestotrotz sind das vier Minuten pure Schauer, bei denen es unmöglich ist, nichts zu fühlen. Atemberaubende Interpretation.
Ansprachen sind rar gesät. Viel gequatscht wird nicht. Aber wenn etwas gesagt wird, wirkt es sehr im Moment und glaubwürdig. Neben dem erfolgreichen „Big Yellow Taxi“, das eines der schönsten Samples aller Zeiten beinhaltet, covern die Counting Crows auch noch Velvet Underground, nämlich „Pale Blue Eyes“. Ansonsten bekommt man fast alle Singles, die jemals gechartet sind, ein paar Albumtracks aus jeder Dekade und eben ein Gefühl, das sich so musikalisch wertvoll wie gleichzeitig altmodisch anfühlt. Positiv altmodisch selbstredend. Wenn man das, was man vor 30 Jahren angefangen hat, immer noch so gut abliefern kann, muss man da auch nichts dran ändern.
Weitere Termine:
04.7. Parkbühne, Leipzig
05.7. Gilde Parkbühne, Hannover
14.7. Stadtpark Open Air, Hamburg
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Foto von Christopher Filipecki
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