So war das Stadt ohne Meer Festival 2021

Bericht: Das Stadt ohne Meer-Festival fand 2021 ohne Maske und Abstand statt und brachte eines: Euphorie von allen Seiten.

Endlich. Gerade einmal zehn Tage vor dem für Mitte September angesetzten Stadt ohne Meer-Festival erfuhren OK KID, dass ihre Veranstaltung unter der 2G-Regel stattfinden könne. Es sollte nichts mehr schief gehen. Nur wenige Besucher*innen gaben ihre Tickets der neuen Zugangsregelungen wegen zurück. Und auch die wenigen neuen Tickets, die wieder in den Vorverkauf gingen, waren schleunigst erneut vergriffen. Außerdem konnte man nach den eintägigen Festivalausgaben in 2018 und 2019 erstmals die Möglichkeit bieten mit einem Caravan auf einem benachbarten Parkplatz zu campen (auch das natürlich: ausverkauft). Dementsprechend gutlaunig steht die Band auch am Festivalsamstag – dem Haupttag – gegen Nachmittag auf der kleineren der zwei benachbarten Bühnen auf dem Open-Air-Gelände im Gießener Schiffenberger Tal. Es ist Zeit für OK KID und ihr Pandemie-Showformat – die „Wundertüte“. Wie die vielen anderen Auftritte, die der Tag bereithält, bestimmt die (fast) Festivaleröffnung eines: Eine hibbelige Euphorie.

So gibt es also eine gute Stunde klamaukige Spielchen, Fan-Interaktion, Cover-Songs und Eigenkompositionen als Remix. Ein OK KID-Konzert ersetzt das natürlich nicht – soll und muss es auch gar nicht. Anstelle von gefühligem Indie-Rap gibt es dafür stimmungsträchtige Kinderlieder („Anne Kaffeekanne“ gemeinsam mit der Gießener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz), legendäre Punk-Rock-Balladen („Zu Spät“ von den Die Ärzte) und viel (mehr oder minder) wohlschmeckenden Schnaps (Wurstwasser-Korn). Dank des 2G-Reglements müssen auf dem Gelände selber keine Mindestabstände eingehalten, eine Maske zumindest nicht obligatorisch getragen werden. Das Stadt ohne Meer ist zwei Tage lang also soetwas wie eine Oase der Normalität. Dementsprechend partyträchtig feiern die Besucher*innen auch schon früh Band und Musik: Es gibt Hip-Hop-Hände, Singalong-Parts und erste Moshpits. Und: Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die drei OK KIDler gemeinsam auf der Bühne stehen, doch dazu später mehr.

Nicht alle Acts setzen das Adrenalin-Level derart hoch. In Pingpong-Manier reichen Artists unterschiedlicher musikalischer Ausrichtung und Hintergrund nahtlos das Mikrofon umher. Besinnlicher gehen es nach dem feuchtfröhlichen Einstieg etwa die heute zum Duo geschrumpften Gaddafi Gals aus Wien und Berlin an. Der ungewohnten Zweier-Besetzung entsprechend – Blaqtea aka Ebow ist verhindert – arrangieren Sängerin Slimgirl Fat und DJ p99 arke$tra das Set vor allem um Solo-Songs ersterer. Dem futuristischen Neo-R’n’B und der zurückhaltenden Performance der zwei Musiker*innen entsprechend schlummern und tänzeln sich die Zuschauenden in zurückhaltende Ekstase. Der Vibe ist ähnlich, wenn Ilgen-Nur am frühen Abend gemeinsam mit ihrer Band eine Dreiviertelstunde Slacker-Indie auftischt: Einzig zum hittigen „Easy Way Out“ setzen sich nebst Köpfen und Nacken auch Beine in Bewegung.

Für Turnup ist derweil die Rap-Fraktion zuständig. Majan und Fatoni freuen sich sichtlich wieder in richtigem Setting vor Menschen spielen zu dürfen, die auch angemessen auf ihre Musik reagieren können und auch RAPK aus dem Herzen Kreuzbergs vermitteln dieses in Moshpits gegossene Post-Pandemiegefühl. OG Keemo reiht sich in die Aufzählung ein und bringt auf der kleineren Schwätzer Stage im hinteren Teil des von niedlichen Leuchtquallen gerahmten Geländes – an anderer Stelle gibt es ein vielfältiges Essens- und Getränkeangebot – deftige Bars und viel Energie. Letztere gleicht auch den ein oder anderen Texthänger aus, denn Keemo muss heute auf seinen Stamm-DJ und -Produzenten Funkvater Frank verzichten, der ihn sonst als Backup unterstützt.

In der Zeit vor der Pandemie schwappte die Euphorie, die Rap-Konzerte hervorbrachten, immer mehr auch in den Indie über. Wenig überraschend sind es deshalb gerade drei Indie-Acts, die am meisten in ihrer je nach Perspektive neuen oder alten Umgebung aufgehen. Mia Morgan etwa spielt sich unter Perücke sowie in Spitze und Mesh durch ein dreiviertelstündiges Set aus altem Material sowie neuen, noch unveröffentlichten Songs. Ob neu oder alt, die Stimmung und Textsicherheit vor der Bühne sind hoch, der Sound gerade im Hinblick auf die frühen Konzerte von „Elsa“ aus Frozen (Selbstbezeichnung) – oft nur von Computer begleitet – dank ihrer nun vierköpfigen Live-Band breit und satt. Ein erstes Album ist scheinbar in der Mache, braucht laut eigener Aussage aber noch ein bisschen. Genügend Fans, die darauf warten hat Mia Morgan schonmal.

Merklich durchströmt die Freude auf einst altbekannte Settings zu stoßen am Abend auch Drangsal. Eine Stunde lang spielt der sich mit seinen fünf Kollegen durch das neue Album „Exit Strategy“ und ausgewählte Songs seines Frühwerkes. Spätestens hier überwiegt auf und vor der Bühne eines: Absoluter Rausch. Der Sound ist druckvoll und mit ihren Mitsing-Momenten zünden die neuen Stücke wie Pyro. Zum Schluss hält es dann auch Drangsal selbst nicht mehr auf der Bühne und für die letzten Takte des stadiontauglichen Titeltracks schwirrt der 28-Jährige über die Hände und Köpfe der Fans. Es bleibt keine Zeit das erlebte zu verarbeiten, denn gleich im Anschluss übernimmt auf der Hauptbühne der immer-sympathische Bosse. Dessen Musik ist zwar etwas weniger stürmisch, der 41-Jährige jedoch steckt mit seinem Gemüt auch die letzten an – und so tanzt der ganze Platz. Aki Bosse wäre zudem nicht Aki Bosse, wenn er nicht selbst die massiven Soundprobleme, die die erste Hälfte des 70-minütigen Sets bestimmen, wegwischen würde als wären sie lästige Regenwolken. So dominiert die kühle September-Nacht dann doch eine sonnige Wärme – von innen.

Einen letzten Programmpunkt haben die stimmlich merklich abgearbeiteten Festivalschirmherren von OK KID dann doch noch in Petto: Die ergreifen nach eigentlichem Festivalende noch die Chance einige Songs zu performen und kündigen ganz nebenbei ein neues Album an. Das heißt „Drei“ und erscheint im März 2022. Ein erster Song – „Mister Mary Poppins“ – wird gespielt, es gibt ein buntes Feuerwerk und da ist sie wieder, diese erwärmende Euphorie.

So sah das 2018 aus:

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Das neue OK KID-Album „Drei“ (Vö: 11.03.2022) ist nun über den Shop der Band erhältlich. Die Band spielt zu Release außerdem eine Clubtour. Tickets dafür gibt es nur mit dem Album.

Fotorechte: Jonas Horn.

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