Einige kennen ihn vielleicht noch aus seiner Zeit in der Indie-Band “Still Trees” – nun macht Simon Graupner als “Shelter Boy” aber auch solo Musik. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er seine erste EP “Mirage Morning”, diesen Januar folgte dann mit „Rock’n’Roll saved my childhood (lel)“ EP Nummer zwei. Aktuell ist der Sänger auf seiner ersten eigenen Headline-Tour und wir haben ihn vor seiner Show im Kölner Club “Helios37” getroffen und mit ihm über seine Solo-Karriere, seine neue EP, Songwriting und die deutsche Indie-Szene gesprochen.
minutenmusik: Du spielst ja momentan deine erste eigene Solo-Tour – wie läuft es denn bisher und was bekommst du so für Resonanz?
Shelter Boy: Es ist super schön und auch verrückt, weil ich nicht damit gerechnet hab, dass es so läuft. Wir haben in Hamburg gespielt und es war auch ziemlich voll und die Leute konnten irgendwie die Songs und haben die dann auch mitgeschrien in den ersten Reihen. Damit hab ich absolut nicht gerechnet. Das ist sehr schön alles und macht voll Bock.
minutenmusik: Du warst ja vorher in der Band „Still Trees“ und hast da innerhalb der Gruppe Songs geschrieben, Musik gemacht, Konzerte gespielt, und so weiter. Ist es jetzt komisch, das alles alleine zu machen?
Shelter Boy: Also wenn man es auf das live spielen bezieht eigentlich gar nicht, weil in dem Moment wo ich halt mit den Boys auf der Bühne stehe, spielt das keine Rolle mehr. Und ansonsten kann ich halt den ganzen Kram alleine machen, also das Aufnehmen, Interviews geben und so. Und das macht mir eigentlich schon Spaß.
minutenmusik: Also labert dir dann bei Interviews wie jetzt gerade keiner mehr dazwischen? (lacht)
Shelter Boy: Genau. (lacht)
minutenmusik: War das denn schon mal anstrengend, sich da bei Interviews in der Gruppe zu koordinieren?
Shelter Boy: Also zu zweit finde ich es noch cool, aber sobald es mehr Leute werden ist das schwierig. Das ist wie bei einem Podcast mit fünf Leuten, den hört man sich ja auch nicht gerne an, finde ich.
minutenmusik: Warum hast du dich denn entschieden, auch solo zu starten? War das etwas, was du schon immer mal machen wolltest?
Shelter Boy: Also ich hab schon immer ganz viel geschrieben, aber vor allem war es eben der Grund, dass ich Entscheidungen alleine treffen kann. Also bei mir war es immer so, und ich glaube dass das bei vielen Newcomer-Bands der Fall ist, dass sich Entscheidungen manchmal so lange ziehen. Und wenn jetzt jemand zu mir sagt: „Du musst morgen dort und dort sein“, dann muss ich das nur mit mir ausmachen. Und das ist eine schöne Freiheit.
minutenmusik: Was hat sich da am meisten für dich verändert? Was ist vielleicht einfacher oder schwerer, wenn man auf sich alleine gestellt ist und auch alleine für das was man macht verantwortlich ist?
Shelter Boy: Einfacher ist eben genau die Flexibilität geworden und das Schreiben. Ich kann halt machen, worauf ich Bock hab, das ist ne super Sache. Was schwieriger geworden ist… Also in einer Band ist es sehr schön, dass man immer eine Schulter zum anlehnen hat. Man sitzt eben immer zusammen im Boot, wenn mal was scheiße läuft. Und da steht man alleine dann doch ein bisschen einsam da. Also was heißt alleine, ich hab ja auch immer meine Leute. Aber das wäre eigentlich die einzige Sache, die schwerer ist. Dass man eben, wenn es mal nicht so gut läuft, das nicht alleine ausbaden muss oder alleine dafür gerade stehen muss.
minutenmusik: Du hast ja auch immer deine Live-Band, die Shelly Family, dabei. Wie stark sind die denn eigentlich involviert – seid ihr „nur“ zusammen auf Tour?
Shelter Boy: Das sind alles super gute Freunde, wir proben zusammen, spielen live zusammen, aber den ganzen anderen Kram mach ich allein.
minutenmusik: Deine neue EP heißt ja „Rock’n’Roll saved my childhood (lel)“ – dazu hätte ich zwei Fragen… Erstmal: Wie kommt das „lel“ in den Titel? (lacht)
Shelter Boy: Ich war betrunken, das ist vielleicht ein Grund (lacht). Aber es gibt noch so einen kleinen Hintergedanken, der so dahinter steckt. Und zwar fällt mir auf, ich weiß nicht ob du das kennst, dass man sehr schnell zum Beispiel ein Meme über seine Depressionen oder Gefühle postet, ohne das ernst zu nehmen. Also man macht sich lieber schnell darüber lustig, als sich vielleicht ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Und deshalb dachte ich, dass es ein gutes Bild dafür wäre, den EP-Titel – was vielleicht ein bisschen was Ernsteres sein könnte – auch einfach so hinzurotzen.
minutenmusik: Und zweitens: Inwiefern hat Rock’n’Roll denn wirklich deine Kindheit gerettet? (lacht) Also wie viel Wahrheit steckt im Titel oder wer waren denn früher so deine musikalischen Idole?
Shelter Boy: Es ist auf jeden Fall nicht zu hundert Prozent ernst zu nehmen. Aber, wenn man das runterbricht, hat mich das schon durch meine Schulzeit und alles gebracht, glaube ich. Die Beatles, Stones, Dylan, Oasis – keine Ahnung, ich habe mich da sehr drin fallen lassen können, wenn man das sehr pathetisch sagen möchte. Ich habe mich einfach unglaublich viel mit englischsprachiger Rockmusik beschäftigt.
minutenmusik: Und würdest du sagen, dass das auch heute noch deine Vorbilder sind oder dass das deine Inspiration ist, was dich schon früher beeinflusst hat?
Shelter Boy: Voll, aber nicht mehr in dem Maße. Es ist auf jeden Fall breiter geworden, von dem was ich selber konsumiere. Und es sind zwar immer noch riesige Helden für mich, aber früher hab ich das mehr heroisiert, so mit 15 oder 16. Das nimmt man jetzt vielleicht ein bisschen anders wahr, aber es sind trotzdem noch Legenden.
minutenmusik: Du wirst ja oft der „deutsche Mac DeMarco“ genannt – hast du deine Musik bewusst an ihm orientiert oder hat sich das einfach so entwickelt?
Shelter Boy: Er war auf jeden Fall ein Vorreiter in dem Sound. Eigentlich kommt das ja nur wegen der Chrous-Gitarren. Das ist einfach ein Effekt-Gerät, was aber mittlerweile auch eine ganze Stilrichtiung bedient. Und das ist voll okay für mich, aber dann kann man auch genauso sagen, dass Puma Blue wie Mac Demarco klingt oder ganz viele andere. Da gibt es mittlerweile so viele Künstler, die das irgendwie bedienen. Und ich mag einfach diese Verpeiltheit, die irgendwie da raus kommt. Also, wenn man eine Gitarre mit Chorus spielt, klingt das für mich einfach so verpeilt und das finde ich immer schön. Und deswegen ist das auch okay für mich, aber ich denke ich habe auch meinen eigenen Sound irgendwie. Glaube ich zumindest (lacht). Noel Gallagher hat mal in einem Interview über „Cigarettes and Alcohol“, was auch im Riff komplett von T. Rex übernommen wurde, gesagt: „Fickt euch, es ist trotzdem mein Track und 100.000 Leute stehen vor der Bühne und singen den mit.“ Und so ist es einfach.
minutenmusik: Deine Musik klingt für mich immer sehr nach Sommer und hat so einen gewissen Vibe, wenn du weißt was ich meine – obwohl die Texte ja gar nicht immer so fröhlich sind. Hast du das bewusst so gemacht?
Shelter Boy: Eigentlich gar nicht. Ich hab keine Ahnung, womit das zusammenhängt, dass das oft so assoziiert wird. Also ich verstehe das natürlich, aber ich weiß nicht, wo das bei mir her kommt. Weil ich auch nie nach einem Konzept einen Track schreibe, sondern ich spiele einfach rum und irgendwann ist eine Akkordfolge dabei, wo ich denke „Hm, geil, da kann ich was mit machen“ und dann ist das eben manchmal auch fröhlich. Aber das passiert nicht bewusst.
minutenmusik: Ist bei dem Prozess denn dann eher erst der Text da oder erst die Musik?
Shelter Boy: Ich mache eigentlich beides unabhängig voneinander. Also ich habe immer mein Textbuch dabei und wenn mir dann irgendwas durch den Kopf fließt, schreibe ich das fix auf. Manchmal passiert es auch zusammen, dass mir beim Recorden was einfällt. Das ist immer unterschiedlich. Manchmal fang ich auch mit der Bassline ein.
minutenmusik: Also schreibst du musikalisch auch alles selbst?
Shelter Boy: Ich mache die Demos bei mir zu Hause komplett alleine, mit allen Instrumenten. Und im Studio hab ich dann zwei Produzenten, da ziehen wir uns zusammen die Demos rein und checken nochmal was man da machen kann.
minutenmusik: Das heißt aber, du kannst die Instrumente auch alle selbst spielen?
Shelter Boy: Also die Drums mache ich auf dem Mini-Keyboard. Ich hoffe aber, dass ich irgendwann auch mal dahin komme, dass ich die auch spielen kann, das wäre geil. Aber ansonsten kann ich alles so, dass es für mich reicht. Gitarre kann ich spielen, aber der Rest eher dürftig. Aber es reicht (lacht).
minutenmusik: Die deutsche Indie-Szene blüht ja momentan richtig auf – Blond, Jeremias, Some Sprouts, Cinemagraph, Ilgen-Nur, Rikas sind ja jetzt nur ein paar Namen – glaubst du, dass du dir da momentan einen guten Zeitpunkt ausgesucht hast, Solo-Indie-Musik zu machen?
Shelter Boy: Keine Ahnung, aber ich sehe das auf jeden Fall auch. Mura Masa hat jetzt auch, als er sein neues Album gedroppt hat, gesagt: „Wer jetzt nicht anfängt, Gitarrenmusik zu machen, ist dumm“ und das fand ich irgendwie cool. Aber ich hab halt auch nie was anderes gemacht. Aber hey, wäre ja schon cool, wenn es so wäre und die Gitarrenmusik wieder so ein bisschen zurück kommen würde. Ich hätte nichts dagegen.
minutenmusik: Was denkst du, wie sich diese Indie-Szene in Zukunft so entwickeln wird?
Shelter Boy: Ich glaube schon, dass das eine Zukunft hat. Weil ja gerade alle Bands die du auch aufgezählt hast, einen sehr eigenen Sound haben und das ist auch das worüber ich mich gerade sehr freue und wo ich auch mehr reintauchen will. Dass man die Grenzen so ein bisschen aufmacht. Ich liebe HipHop zum Beispiel auch wahnsinnig sehr und würde auch super gerne mal mit HipHop-Acts zusammenarbeiten. Und dass alles eine breitere Musikszene wird, das wäre das, was ich mir wünschen würde. Ich glaube aber auch, dass das gerade schon passiert, dass auch die Rapper Bock haben, mit Musikern zusammen zu arbeiten. Und das ist so das, was ich denke, was passieren wird. Afro-Trap ist ja jetzt auch nicht mehr cool, das ist halt irgendwie durch. Ich glaube auch der Jazz wird überall noch viel mehr einziehen. In kleinem Maße zwar, aber überall steckt irgendwie so ein bisschen Jazz drin. Auch im Pop.
minutenmusik: Wollt ihr das denn auch als Still Trees nochmal „mitnehmen“?
Shelter Boy: Wir spielen wahrscheinlich noch so ein, zwei letzte Konzerte und dann hat sich das erst mal. Kann ja sein, dass man irgendwann nochmal sagt, dass man nochmal was macht, aber gerade weiß ich nicht…
minutenmusik: Und was würdest du dir für die Zukunft deiner persönlichen Karriere wünschen? Gibt es da konkrete Träume von dir?
Shelter Boy: Mit Tyler The Creator zusammenarbeiten (lacht). Ne, aber vielleicht kommt da ja irgendwas. Ist noch nichts in Planung, aber sieht gut aus. Nach der Tour schraube ich mal ein bisschen und vielleicht findet das ja jemand cool.
Und so hört sich das an:
Website / Facebook / Instagram
Shelter Boy live 2020:
07.02 – Leipzig, Naumanns
09.02 – Dresden, Groovestation
13.02 – Hannover, Lux
14.02 – Erfurt, Engelsburg
Die Bildrechte für das Beitragsbild liegen bei Philipp Gladsome.
* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.