Betterov, JunkYard Dortmund, 20.03.2026

betterov junkyard schlussapplaus

Dass die Welt seit Corona eindeutig eine andere ist, merkt man auch in der Musik. Wirklich leicht und rosarot wird es nur noch selten. Stattdessen dominieren düstere, melancholische Atmosphären und wummernde Beats, die durch die Knochen fahren. Von Betterov erscheint im Corona-Jahr 2020 – sogar wenige Tage nach der „Es ist ernst“-Ansprache von Merkel – die erste EP. Auf den Tag genau sechs Jahre später spielt er im ausverkauften JunkYard in Dortmund und bewegt mit seinem Endzeit-Indie-Rock auf Deutsch die Ruhrmetropole.

Manuel Bittorf aka Betterov wird 1994 in Bad Salzungen in Thüringen geboren. Zwar ist die DDR da schon einige Zeit Geschichte, aber auf seinem zweiten Album „Große Kunst“, das vergangenen November erschien, steht die Story seiner Eltern im Fokus. Eigentlich spinnt sich alles drumherum. Während seiner 100-minütigen Show in der stylischen, ausverkauften Schrottplatz-Location nennt er die Titel „17. Juli 1989“ und „18. Juli 1989“, die exakt mittig auf der aktuellen LP-Tracklist positioniert sind, Schlüsselerlebnisse. Auch wenn er sie selbst gar nicht miterlebt hat. Sein Vater floh in einer waghalsigen und verdammt mutigen Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Heimat gen Westen. Seine Ostmark tauschte er gegen eine Jeans und ein 5-Liter-Fass Bier. Betterovs Mutter wusste zwar von den Plänen, aber nicht, wann er sie in die Tat umsetzen würde, um vor der Stasi nicht lügen zu müssen. Auch wenn wohl vielen im Ruhrpott die DDR-Nostalgie und -Mentalität recht fern liegt und sich eben nur wie eine „Damals“-Geschichte anfühlt, so spürt man die tiefe Fragilität in der basslastigen, leicht kratzigen Stimme des 32-jährigen Künstlers, der vor allen Dingen musikalisch zeigt, wie talentiert er ist.

Das Publikum versammelt sich am 20.3., einem Freitag, pünktlich in dem Berlin-artigen Club, der abgeschottet und dennoch urban wirkt. Alterstechnisch ist hier von 20 bis 60 alles vertreten. Ein paar Betterov-Ultras mit Shirts, ein paar alternative Leute, neugierige Pärchen, Mädels-Cliquen und Menschen, die in ihrer Freizeit sicherlich selbst Musik machen. Eine Crowd, die sich wohl täglich mit dem Weltgeschehen auseinandersetzt und sich von der Selbstreflexion des Acts, aber auch von seiner Art, sich in den Lyrics recht angreifbar zu machen und etwas tiefer blicken zu lassen, sehr angesprochen fühlt. Es lohnt sich einfach auch nicht mehr, irgendwas groß zu beschönigen. Die Probleme sind allgegenwärtig.

Das beweist auch der Support-Act MARYAM.fyi, eine deutsch-iranische Musikerin, die sich in ihren Songs zwischen Mine, Glashaus und einen Hauch Domiziana bewegt, besonders aber durch ihre unglaublich natürliche Art auffällt. Sie geht stark in den Dialog mit den Leuten vor der Bühne, erzählt, dass sie noch kein Label hat und jeder Klick ihrer Musikkarriere helfen könnte. Am ausführlichsten erzählt sie aber, wie sie erst wenige Stunden vorher beim Joggen Catcalling aushalten musste, ihr die aktuellen Geschehnisse, über die alle reden, nah gehen – erst einen Tag zuvor gingen die schockierenden Erlebnisse von Collien Fernandes durch die Medien – und dass Männer anfangen müssen, auch diejenigen bei misogynem Verhalten zu ermahnen, die sie sonst als Bros bezeichnen. Grenzen setzen. Für Frauen, für uns alle. Zwischen ihren Ansprachen hat sie ein paar nette Lieder dabei, die in Kombi mit ihrer Bühnenpersona sichtlich Laune machen.

Betterov spielt mit drei Musikern in klassischer Bandbesetzung. Pünktlich um 21 Uhr geht es los, etwas mehr als 20 Songs sind dabei. Bis auf die Interludes einmal das komplette „Große Kunst“, rund die Hälfte vom Debüt „Olympia“ und drei Sachen von den EPs. Also eigentlich alles, was er seit Karrieren-Beginn gedroppt hat. Er wechselt zwischen diversen E- und Akustikgitarren und dem Piano hin und her. Ganz selten hat er nur ein Mikro in den Händen, beweist dann, dass er wirklich überhaupt nicht tanzen, dafür aber äußerst ekstatisch über die Stage hüpfen kann. Auch seine Band ist im Moment, sein Gitarrist fällt sogar einmal hin, weil er sich so breit bewegt und eine Kante übersieht. Zum Glück passiert aber nix. Die Vier wirken wie eine perfekt einstudierte Gruppe, die seit Schulzeiten ihre Songs zocken.

Ein wenig zu laut ist es im JunkYard. Zwar knallen die Instrumente wahnsinnig gut und vibrieren im Körper, doch ein wenig runterpegeln hätte besonders dem Gesang geholfen, der gerade in der ersten Hälfte schwer zu verstehen ist. Schade, dabei zeigt Betterov in den Vocals viel Emotion und tonale Treffsicherheit. Doch erst recht schade, dass die Musik eben vor allem auf sehr schönen und klugen Geschichten aufbaut, von denen es zumindest jetzt live vielleicht 50 Prozent nur zu vernehmen gibt. Ansonsten ist die Atmo aber sehr angenehm und erinnert an Gigs von damals. Klein, barrierearm, rücksichtsvoll untereinander, viel blendendes Strobo in den Augen.

Betterov heizt ein, macht zu keiner Sekunde den Anschein, mehr Wert als seine Fans selbst zu haben. Trotz überschwänglicher Kritiker*innen-Worte zu seinen Werken bleibt er äußerst menschlich und real. Mehrfach fordert er zum Mitklatschen, einmal zum Mitspringen auf. Alles wird von der Masse mit Freude unmittelbar umgesetzt. Überraschend ist, dass im Vergleich zu dem doch sehr sphärischen, (alb-)träumigen, elektronisch-trippigem „Große Kunst“ alles viel rockiger arrangiert ist. Klar, ist eben Bandbesetzung, aber man haut schon ordentlich auf den Putz hier. Ruhige, intime Momente sind spärlich, aber sie sind schön, wenn sie da sind. Der Titelsong als Opener, dann „Alles nur ein Film“, das explodierende „Papa fuhr immer einen großen LKW“. Mehr davon?! Gerne.

Doch der „Ich lasse Energie fließen“-Part überwiegt. New-Wave x Post-Punk mit Singer/Songwriter-Note. Wenn der eigentliche Teil des Gigs beendet wird, rufen viele schon im Chor dass sie ohne „Dussmann“ nicht nach Hause fahren werden. Der bis heute beliebteste und meistaufgerufene Track kommt zum Schluss und zeigt, dass deutschsprachiger Indie-Rock im gleichen Maße cool, lässig und traurig wirken kann. Laut dem Protagonisten des Abends zwar die erste, aber nicht die letzte Dortmund-Show.

Weitere Termine:
21.3. Botschaft, Osnabrück
22.3. Kulturzentrum Schlachthof, Bremen
23.3. Kulturzentrum Pavillon, Hannover
24.3. Kassablanca, Jena
26.3. Felsenkeller, Leipzig
27.3. Factory, Magdeburg
28.3. Docks, Hamburg
29.3. Huxley’s Neue Welt, Berlin
28.8. Museumshof, Fulda

Und so hört sich das an:

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Foto von Leopold Achilles

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