Zum Schlussapplaus betritt Bob Gale als Überraschungsgast die Bühne. Er berichtet, dass damals, als er und sein Kumpel Robert Zemeckis für Zurück in die Zukunft die Idee einreichten, sie von diversen Filmstudios sage und schreibe 40x abgelehnt wurde. Deswegen appelliert er an die Träume der Menschen. Wenn du eine Vision im Kopf hast, verfolge sie. Und höre nicht zu doll auf sogenannte Expert*innen, die behaupten, sie tauge nichts. Denn über 40 Jahre später, ist Sci-Fi-Komödie immer noch so legendär, so kultig und mit einer riesigen Fangemeinde gesegnet, dass es nun in Hamburg als Musical aufgeführt wird. Das Operettenhaus zeigt ab sofort die erste nicht-englischsprachige Inszenierung von Zurück in die Zukunft – Das Musical – und wird ganz sicherlich Fans der Filme und großer Bühnenunterhaltung gleichermaßen mitreißen.
Wiedermal gibt es auf dem Hamburger Kiez ein Musical, das es sich nicht so einfach macht. Hier ist eindeutig die Spielstätte der norddeutschen Metropole, bei der man immer etwas zu sehen bekommt, das nicht ganz so vorhersehbar ist, eher für Überraschungen sorgt und mit den typischen Musical-Sehgewohnheiten bricht. Ob „Hamilton“ oder „& Julia“ – beide Male gelang Stage ein totaler Volltreffer, zumindest bei Kritik und Musicalliebhaber*innen. Nur super kommerziell ist es dann halt nicht, weil Out of the Box auch oft Out of the Sicher-ist-sicher bedeutet. Disney zieht immer, Künstlerkataloge auch – aber alles andere kann ein vorzeitiges Ende nach einem halben Jahr bedeuten oder auch den nächsten großen Hype auslösen.
Und ja, Zurück in die Zukunft ist jetzt nicht ganz so eine mutige Entscheidung. Schließlich verkauft sich Merch der sensationell-hervorragenden Trilogie bis heute gut, immer wieder taucht der Film im Kino in Retro-Reihen auf und die Produktionen am West End und Broadway haben auch für ordentlich Jubel gesorgt. Nachdem 2020 das Stück in Manchester angetestet wurde, ging es im Herbst 2021 nach London und sorgte für Staunen sondergleichen. Diesen April geht dort die Ensuite-Produktion nach viereinhalb Jahren vorerst zu Ende. In New York kam man nach rund anderthalb Jahren auf circa 600 Vorstellungen und schickte es zuletzt auf große Reise durch die USA. Ab Herbst soll auch eine UK-Tour folgen.
Wie immer gilt: Viele Fans des Streifens, die jede Kameraeinstellung, jedes Wort auswendig kennen, haben äußerst hohe Erwartungen. Aber auch viele Fans von Musicals haben sie, schließlich gab es in der Nach-Corona-Zeit wirklich einiges an sehr starken Inszenierungen in diversen Großstädten der Republik zu sehen. Nachdem im November in NRWs Hauptstadt Düsseldorf „Mrs. Doubtfire“ eine Bühnenadaption von einem äußerst beliebten Family-Movie aus den 90s zeigte, damit zwar eine wirklich überragende Produktion lieferte, allerdings finanziell ganz schön auf die Nase fiel, folgt nun also der nächste Film, der eigentlich noch größere Spuren hinterließ, aber eben auch sehr mit der Gen X verknüpft ist – kriegt man damit das junge Publikum überhaupt?
Schaut man sich am 21.3., einem Samstagabend, bei der Medienpremiere um – einen Abend vor der großen Premiere mit dickem Promi-Auflauf – kann man sagen: Yes. Viele tragen Shirts mit dem berühmten Filmcover, manche gar eine rote Weste wie Marty. Im Eingangsfoyer steht ein DeLorean bereit, um sich reinzusetzen und für instagramable Fotos herzuhalten, im Rangfoyer gibt es dann die Rathausuhr, für die man den Stromkreis wieder herstellen muss. Lauter Spielereien, die schon vor dem Start um 19 Uhr richtig Laune machen.
Es ist voll. Komplett voll. Bei der letzten Preview sucht man freie Plätze vergebens. Schon während des Einlasses in den Saal hört man old-schoolige Maschinengeräusche. Eine riesige Leinwand, die gleichzeitig der Vorhang ist, zeigt Fehlermeldungen wie aus den späten 80s. Lichteffekte im Sci-Fi-Look gehen weit über die Stage hinaus und hüllen noch die vordersten Reihen des Theaters mit ein. Immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich das Operettenhaus schon durch die stimmige Deko wirken kann. Mit einer kleinen Verspätung von knapp fünf Minuten wird dann aber in die Zeitmaschine eingestiegen. Hamburg hebt sofort ab. Aus dem Theater wird zunächst herausgezoomt und die City von oben gezeigt, dann wird man in die fiktive kalifornische Kleinstadt Hill Valley gebeamt, währenddessen der Kalender rückwärts läuft. Von 2026 geht es erst nach 1985, später dann nach 1955.
Man darf durchaus skeptisch sein. Zurück in die Zukunft ist ein Film, der auf so vielen Ebenen so gut ist, dass man an quasi allem scheitern kann. Einerseits natürlich an den krassen Special Effects, die Mitte der 80s so vieles in den Schatten stellten. Andererseits an der unvergleichlichen Besetzung durch Michael J. Fox als Marty McFly und Christoper Lloyd als Doctor Emmett Brown. Aber auch nicht zuletzt an der sauspannend und temporeich erzählten, gleichzeitig aber auch vielschichtigen Geschichte, die weit über seichte Popcorn-Kost hinausgeht. Kann ein Musical dem gerecht werden? Funktioniert das?
Alle, die den Film nicht kennen, sollten sich schämen. Trotzdem kurz der Plot in ein paar Sätzen: 1985. Marty ist 17, das jüngste von drei Kindern, äußerst doll in seine Freundin Jennifer verknallt, fährt Skateboard und leidet ganz schön unter den angespannten Verhältnissen innerhalb seiner Familie. Sein Vater George wird seit der Schulzeit von seinem Rivalen Biff gemobbt und kann nicht ausbrechen, seine Mutter Lorraine ertränkt ihre Unzufriedenheit im Alkohol. Doch Martys guter Kumpel Doc Brown – ein wirklich ziemlich durchgeknallter, aber liebenswürdiger Wissenschaftler – hat es endlich geschafft, aus einem DeLorean eine Zeitmaschine zu bauen und möchte sie ihm nun vorstellen. Die Idee dazu kam Doc 1955, also vor 30 Jahren. Genau zu diesem Moment möchte er zurückreisen, allerdings geht etwas gehörig schief. Marty landet durch blöde Zufälle in dem Auto, die Zeitreise funktioniert und er ist nun mitten zwischen der Teenie-Version seiner Eltern, die zwar an derselben High School sind, aber noch kein Paar. Marty erfährt, nachdem er auf den 30 Jahre jüngeren Doc stößt, dass er unbedingt dafür sorgen muss, dass seine Eltern sich lieben lernen, da er ansonsten womöglich niemals geboren wird – und das nötige Plutonium, um überhaupt den Wagen anzuschmeißen, ist 1955 auch alles andere als easy aufzutreiben…
Das Negative zuerst: Einzig und allein die extra für das Stück komponierten Songs können dem hohen Niveau nicht ganz standhalten. Besonders im ersten Akt, der damit endet, dass Biff und Marty wegen Lorraine so richtig aneinander geraten, stockt die Erzählung. 75 Minuten dauert der erste Akt, der zweite 70. Und wie es sich für einen alten Film gehört, wird die Klimax so gut aufgebaut, dass das letzte Drittel noch geiler ist als der ganze vorige Aufbau. Die Musicaladaption geht eine halbe Stunde länger als der Film. Eigentlich gut, schließlich braucht man ja noch gut Platz für Lieder. Jedoch versammeln sich viele der wenig gelungenen Kompositionen in der ersten Hälfte, die einige Male den flüssigen, mitreißenden Erzählstil etwas zum Stolpern bringen. Einige Male gehen mehrere Minuten für Musikszenen drauf, bei denen man sich eigentlich wünscht, dass einfach der Plot weitererzählt wird. Tatsächlich ist das der größte Minuspunkt an Zurück in die Zukunft – Das Musical, das man sich zumindest im ersten Akt wünscht, es müsse nicht immer alles in ein Musicalgewand gequetscht werden, sondern dürfte auch als reines Theaterstück wie das großartige „Harry Potter und das verwunschene Kind“ für sich stehen. Im Genre weiß man nicht so richtig, wohin mit sich. Der Großteil der Nummern ist doch sehr beliebig. Lediglich das laszive „Pretty Baby“, das die schockverliebte Lorraine bei der ersten Begegnung mit ihrem Marty schmachtet, sowie das witzige „Future Boy“, wenn Doc Brown checkt, dass Marty wirklich aus der Zukunft kommt, können überzeugen und sind kein Füllmaterial.
Doch das ist der einzige Kritikpunkt an Zurück in die Zukunft – Das Musical. Ansonsten ballern die 145 Minuten Spielzeit mit solch einem Karacho durch den Saal, dass man das Gefühl bekommt, mit den Darsteller*innen gemeinsam abzuheben. Zur Cast: Hier haben die Direktor*innen wahnsinnig gut gearbeitet, gibt es bis auf Mini-Ausnahmen nur Leute zu sehen, die ihre Rollen hervorragend spielen. In der Charakteristik der Figuren bleibt man äußerst nah am Original. Auch optisch schafft man es mit dem passenden, wirklich super schönen Kostüm das Feeling des Films auf die Bühne zu bekommen. Raphael Groß ist zum wiederholten Male äußerst charismatisch und kann hier zeigen, dass er neben Gesangstalent mindestens genauso viel im Schauspiel besitzt. Als Marty hat er äußerst viel Spielzeit auf der Bühne, ist quasi omnipräsent und kann in jeder Szene glänzen. Sandra Leitner, die sich als Originalbesetzung der Monika in „Ku’damm 56 – Das Musical“ einen Namen machte, ist als Lorraine wunderbar und holt aus ihren Songs das Maximum raus. Florian Sigmund gibt nach seiner Performance in „Sweeney Todd“ in Dortmund sein Stage-Entertainment-Debüt und darf erneut als arroganter, gleichzeitig ziemlich dummer Macho-Arsch richtig rumtrollen. Klappt perfekt.
Terence van der Loo als George wirkt wie ein Double des Film-George und holt damit Fans wohl allemal ab. Doch wenig überraschend ist es Jan Kersjes als Doc Brown, der völlig zurecht immer wieder mit Szenenapplaus überhäuft wird. Nach seiner perfekten Interpretation von King George in „Hamilton“ übertrifft er sich hier nochmal um Längen. Jedes Solo von ihm ist ein Showstopper, jede Zeile so witzig-schräg und überdreht, dass es richtig bockt. An einigen Stellen ist Zurück in die Zukunft – Das Musical schon mal etwas drüber und einen Ticken zu viel Slapstick, aber das hält sich durchaus noch in Grenzen. Auf der anderen Seite gibt es einige richtig gute Gags, die sofort zünden und das Publikum sowieso immer wieder dazu bewegen, laut zu klatschen und zu jubeln.
In der Story wird es ebenso überwiegend originalgetreu. Zwar hat Doc keinen Hund und sein Tod geschieht durch einen anderen Fauxpas, aber ansonsten gibt es zig Zitate, auf die Fans natürlich regelrecht hinfiebern. Irritiert bleibt niemand zurück, das Libretto ist knackig-dynamisch und so spannend wie eh und je. Schließlich wird man im zweiten Akt auch mit mehreren geilen Hits belohnt. Auf der einen Seite natürlich mit „Earth Angel“, „Johnny B. Goode“ und „The Power of Love“, die es dankenswerterweise alle ins Musical schaffen, auf der anderen Seite aber auch durch eine tolle Doc–Brown-Ballade namens „Für die Träumer“, durch das futuristische Weltall-Opening „21st Century“ und ein entzückendes Vater-Sohn-Duett, sodass endlich auch die Musik die nötige Tiefe gibt.
Der eigentliche Star ist aber die Bühnentechnik. Ja, 2026 ist einiges möglich. Das sieht man auf großen Konzerten. Und warum sollte es davon nicht so manches auch im Musical geben? Es soll an dieser Stelle wirklich nicht zu viel verraten werden, aber die Ausstattung und Effekte sind so geil, dass man sich freut, als ob man das erste Mal den Film sieht und wieder Kind ist. Das erste Auftreten des DeLoreans? Hammer. Fancy Fortbewegungsmittel? Super. Überraschende Pyros? Cool. Doch besonders der Moment, auf den alle hinfiebern, nämlich dann, wenn Marty endlich zurück in die Zukunft reisen möchte und Doc ihm vom Rathausdach aus hilft, ist ein absoluter Vollrausch für alle Sinne mit Gänsehaut-Garantie. Als ob man in einem Flugsimulator sitzt. Keine Spoiler mehr an dieser Stelle. Nur: Fetter Applaus.
Zurück in die Zukunft – Das Musical in Hamburg enttäuscht nicht. Es hat eher das Potenzial, das wohl spektakulärste neue Stück des gesamten Jahres zu werden. Die Messlatte lag hoch, aber sky is the limit. Und ihr wisst ja: Wo wir hinfahren, braucht es keine Straßen!
Weitere Termine:
Dienstags/Mittwochs 18:30 Uhr
Donnerstags/Freitags 19:30 Uhr
Samstags 15:00 Uhr/19:30 Uhr
Sonntags 14:30 Uhr/19:00 Uhr
Montags spielfrei
Aktuell sind Vorstellungen bis zum 20.12.2026 buchbar
Und so sieht das aus:
Website / Facebook / Instagram
Foto von Christopher Filipecki
* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.