Robin Williams galt als einer der begnadetsten Schauspieler*innen aller Zeiten. Unzählige seiner Rollen sind so vielen Menschen in den Köpfen geblieben, dass sich kaum Filmemacher*innen an ein Remake trauen – schließlich kann man seine Figuren eh nicht besser besetzen. Besonders seine familientauglichen Komödien und Abenteuerfilme haben Millionen berührt. Jumanji, Hook und nicht zuletzt Mrs. Doubtfire, in dem er ein verkleidetes Hausmädchen spielt, um nach seiner Scheidung seine Kinder öfter sehen zu können. In Düsseldorf gibt es nun die Musicaladaption zu sehen, und das ist mutig. Die Fallhöhe ist wahnsinnig hoch. Doch manchmal lohnt es sich, sich zu trauen – besonders dann, wenn man alles und noch einiges darüber hinaus gibt. Mrs. Doubtfire in der NRW-Hauptstadt ist Musical at it’s very, very best.
1993 kam der äußerst beliebte Klassiker in die Kinos. Kurioserweise reichte es gerade einmal für eine einzige Oscar-Nominierung. Die konnte dann auch gewonnen werden, nämlich für das Beste Make-Up. Im November 2019, nur wenige Monate vor der Pandemie, lief die Musicaladaption erstmals auf den Bühnen. In Seattle versuchte man sich an dem rührenden wie unterhaltsamen Stoff und wollte anschließend schnell an den Broadway. Genau drei Tage konnten Previews gezeigt werden, dann legte Corona alles lahm. Bis zur offiziellen Premiere dauerte es schließlich noch fast zwei ganze Jahre. Ganz besonders Erfolg hatte man aber im West End, dort startete Mrs. Doubtfire im Mai 2023 und lief genau zwei Jahre. Seitdem zieht es als Tour durch UK. Nach Brasilien (!) gibt es nun in Düsseldorf die zweite nicht-englischsprachige Produktion zu sehen.
Einen Tag vor der großen Deutschlandpremiere wird die Presse eingeladen. Die Show hat eine Lauflänge von 130 Minuten, unterbrochen von einer Pause nach 70 Minuten. Egal, wie hoch die Erwartungshaltung ist: Mrs. Doubtfire in Düsseldorf übertrifft sie. Ja, das hätte richtig gegen die Wand fahren können – tut es aber exakt zu keiner Sekunde. Stattdessen ist Mrs. Doubtfire die wahrscheinlich beste Musicalpremiere hierzulande seit „Moulin Rouge! Das Musical“ 2022 in Köln. Ein riesiger Sprung nach vorne auch für das Capitol Theater, was die Produktion zeigt, gab es hier zuletzt als Longrun das wenig geglückte „Abenteuerland“ .
Sollte es wirklich noch eine Person auf dieser Welt geben, die den Film nicht kennt – schäm dich und guck, wo er aktuell im Stream läuft! Trotzdem fassen wir an dieser Stelle den Plot kurz zusammen: Daniel ist Vater von drei Kindern, die er über alles liebt. Jobtechnisch läuft es für den Stimmenimitator alles andere als gut. Die großen Jobs bleiben aus. Seine Frau Miranda bringt die Kohle nach Hause und ist von seinem eher lotterigen Leben ziemlich genervt. Nach einem ziemlichen Fehltritt beschließt sie, sich nun endlich scheiden zu lassen. Das zieht Daniel den Boden unter den Füßen weg, darf er fortan seine Kids nur noch sehr eingeschränkt sehen. Miranda sucht für Lydia, Christopher und Natalie eine Nanny – da fühlt sich Daniel in seinem schauspielerischen Talent herausgefordert. Mithilfe seines Bruders und dessen Lebensgefährten, die als Maskenbildner arbeiten, verwandelt er sich in die entschieden ältere Mrs. Doubtfire – und begeistert auf vollster Linie. Nur der ständige Wechsel zwischen ihr und ihm selbst missglückt von Tag zu Tag immer mehr…
Zwar sind „Männer in Frauenkleidung“-Komödien ziemlich aus der Mode gekommen und haben aus gesellschaftlicher Sicht heutzutage auch einen etwas weirden Beigeschmack, doch bei Mrs. Doubtfire steht zu jeder Sekunde die Liebe zu den Kindern im Vordergrund. Weder der Film noch das Musical machen sich über Crossdressing lustig – die Verkleidung ist schlichtweg Mittel zum Zweck. Mit einem sehr aufwändigen Bühnenbild, das unzählige Male umgebaut wird, kann die Produktion optisch auf Anhieb punkten. Man orientiert sich stark an der Filmvorlage, sowieso können Fans des Kultstreifens zu locker 80 Prozent mit demselben Inhalt rechnen. Szenen zwischen dem Zuhause der Kinder und Miranda, Daniels neuer Junggesellen-Butze, dem Make-Up-Studio von Bruder Frank und Partner Andre, unangenehmen Momenten vor Gericht, dem Showdown im Restaurant oder auch einer ganz neuen Szene bei einer Modenpräsentation wechseln flüssig und routiniert. Auch der Ton ist für eine Vorabendpremiere außergewöhnlich gut tangiert, nur an sehr wenigen Stellen ist Mal der Sound der Band unter der Leitung von Joe Schmitz zu laut im Vergleich zu den Mikros. Kleiner Kritikpunkt noch an der Stelle: Die Band darf man ruhig gerne mal sehen! Wer hier nämlich die Musik spielt, bleibt leider bis nach dem letzten Vorhang ein Geheimnis.
Und damit sind wir für heute mit Negativpunkten schon durch, denn Mrs. Doubtfire ist eine Musical-gewordene Energydose. Selten fliegt man mit solch einer Geschwindigkeit durch die Szenerien, da ist kein TikTok-Video schneller. Mit zig dynamischen Choreos und genauso vielen Kostümwechseln schafft es der auch hier familientaugliche Spaß nicht mal einen Mini-Augenblick zu langweilen. Das Libretto von Karey Kirkpatrick und John O’Farrell, in der deutschen Übersetzung von Johannes und Ruth Deny sowie Kevin Schröder ist dermaßen straff, dass es einen gnadenlos mitreißt und man regelmäßig zwischen Rührung und lautem Gelächter hin- und herswitcht.
Sowieso gibt es wahrscheinlich kaum ein Musical, das je diese Gagdichte erreicht hat. Völlig over the top folgt Situationskomik auf Situationskomik, da ist es fast unmöglich, überhaupt jeden einzelnen Witz mitzubekommen. Dankenswerterweise ist der Humor nicht peinlich und schon dreimal zu oft erzählt, sondern absolut im Hier und Jetzt. Ja, Mrs. Doubtfire ist wirklich, wirklich wahnsinnig komisch, dagegen kommt eine ganze Batterie an anderen vermeintlich lustigen Shows nicht mal ansatzweise heran. Ganz stark, und wahrscheinlich die größte gemeisterte Herausforderung.
Doch den Großteil des perfekten Erlebnisses macht exakt eine einzige Person aus. Wir lehnen uns nun weit aus dem Fenster und sagen, dass sich Thomas Hohler als Mrs. Doubtfire hier nun nach sehr vielen Jahren anerkannter, aber nie richtig gefeierter Musicalarbeit in den Triumph spielt. Man muss sehr intensiv in Gedanken kramen, um in der letzten Dekade dieses Niveau unter männlichen Musicaldarstellern in Deutschland zu finden. Wir hören schon Menschen in zehn Jahren sagen, dass Mrs. Doubtfire wohl fortan immer mit dem Bottroper in Verbindung gebracht wird, so herausragend ist seine Performance. Zwar ist sein Part gesanglich gar nicht so überragend – nicht falsch verstehen: Auch das macht er gut – aber die Kombination aus Gesang, Tanz und Schauspiel ist so anspruchsvoll, dass es wohl nur ganz wenige gibt, die das leisten können. Thomas Hohler gibt schon in der Opening-Szene alles und zeigt sein Talent, unterschiedliche prägnante Stimmen nachzumachen. Doch in den zwei Stunden Spielzeit hat er Breakdance-Tanzszenen, super schnelle Choreografien, Beatbox- und Rap-Momente, eine volle Ladung an Klamottenwechseln, bei denen er mehrfach sogar nur in Boxershorts auf der Bühne steht, eine wenig nachgiebige Maske im Gesicht plus sehr intensive emotionale Momente zwischen Euphorie und purer Verzweiflung – und er meistert wirklich alles mit so einem Ehrgeiz, dass man ihm gratulieren möchte. Schon vor dem ersten Auftritt seiner Figur Mrs. Doubtfire schwitzt er sich kaputt. Sein Shirt ist durchtränkt. Während er aber unter der Maske spielt, kann man beobachten, wie ihm der Schweiß das Kinn herunterläuft. Gefühlt ein Liter ist beim Ausschwitzen oder Ausspucken zu beobachten – weg mit allen Attitüden, weg mit „Wie sehe ich gerade aus?“. Alle Awards bitte zu ihm. 100 von 100 Punkten.
Nur ihn zu loben, wäre aber frech. Die gesamte äußerst diverse Cast ist fantastisch aufgelegt und spielt völlig losgelöst. Als ob die Regie gesagt hätte „Dreht mal so richtig frei!“, denn genau das tun hier Ensemble und Hauptdarsteller*innen. Jessica Kessler als Miranda hat den gesanglich intensivsten Moment und kann in ihrem Solo „Lass los“ richtig beeindrucken. Generell ist die Musik von Karey und Wayne Kirkpatrick toll geschrieben und unterstreicht den eh schon im Humor vorhandenen „Avenue Q“-Stil auch in musikalischen Noten. Mirandas Charakter ist selbstbewusst und zielstrebig, aber nie unfair. Tamara Wörner als Daniels Vorgesetzte beim Jugendamt spielt genauso schräg-schön wie Anneka Dacres als Fernsehleitung der Kindersendung, bei der Daniel fortan Hausmeisterarbeiten verübt. Wirklich bezaubernd sind sogar Mika als Sohn Christopher und Greta als Tochter Natalie – ganz, ganz selten zeigen Kinderdarsteller*innen hierzulande so viel Talent, und das bei dermaßen viel Bühnenzeit. Nicht zuletzt fungiert Alina Simon als Lydia als Vermittlerin zwischen ihrem Dad und ihren zwei jüngeren Geschwistern. Auch sie hat mehrere super schöne Augenblicke, wie zum Beispiel im Duett „Einfach so tun“ mit ihrem Vater. Ein bisschen unglaubwürdig ist jedoch die Optik in der Besetzung: Wirken Christopher und Natalie wirklich wie Kinder, so könnte Alina als Lydia genauso gut eine Studentin sein. Wie 15 sieht sie so gar nicht aus, aber das ist wahrscheinlich auch schwer anders zu besetzen, benötigt es für die Rolle eindeutig eine ausgebildete Darstellerin.
Etwas über zwei Stunden pure Ekstase. Mrs. Doubtfire in Düsseldorf ist Musical, wie man es sich wünscht, und Feel-Good im allerwahrsten Sinne. Musik, Bühnenbild, Kostüm, Story und noch mehr Besetzung sind durchweg sensationell und geben einem am Ende auch die richtige Message mit: Wen oder was du liebst, ist egal. Aber zu lieben und dafür zu kämpfen, lohnt sich jeden einzelnen Tag. Groß.
Weitere Termine:
Täglich bis 12.04.2026 im Capitol Theater, Düsseldorf.
Di/Mi je 18:30 Uhr, Do/Fr je 19:30 Uhr, Sa 14:30 Uhr & 19:30 Uhr, So 13:30 Uhr & 18:30 Uhr.
Montags spielfrei, außerdem spielfrei am 24.12., 01.01., 12.02., 03.04., 07.04. & 08.04.
Ausnahmen: Am 16.11. und 23.11. nur 18:30 Uhr, am 31.12. Vorstellung um 15 Uhr.
Zusätzliche Vorstellungen: 26.12. 14:30 Uhr, 02.01. 14:30 Uhr & 06.04. um 13:30 Uhr und 18:30 Uhr.
Und so sieht das aus:
Website / Facebook / Instagram / TikTok
Foto von Christopher Filipecki
* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.