Ein paar ihrer Fans in den ersten Reihen sind in Pyjamas und mit Schlafmaske zur Show gekommen. Sarah Connor hat vor ein paar Wochen dazu aufgerufen, dass sie es witzig fände, wenn bei jedem Konzert ein paar Leute wie ein Song von ihr verkleidet wären – sie würde ihn dann erraten. Eigentlich ist es total offensichtlich, dass die Fans damit ihre allererste Single „Let’s Get Back To Bed-Boy!“ optisch umsetzen wollen, nur Sarah kommt partout nicht drauf. Sie geht viele ihrer deutschen Lieder der letzten Dekade durch, bis es dann irgendwann doch noch Klick macht. „Also wenn ich zu jemandem ‚Let’s Get Back To Bed-Boy!‘ sage, würde ich so aber nicht aussehen“, witzelt sie. Es ist wieder einer dieser außergewöhnlich persönlichen Momente, die ihre Auftritte erneut von vielen anderen Acts solch einer Größenordnung abhebt. Ihre Stimme ist einfach der Mittelpunkt des gesamten Raumes. Egal, ob sie spricht oder singt.
Dickes Jubiläum: Im Mai 2001 kam die Single, die wir bereits erwähnten, raus. Das ist also in wenigen Wochen 25 Jahre her. Sarah Connor hat das Vierteljahrhundert voll gemacht. Hätte man ihr in der ersten Hälfte der 2010er so gar nicht mehr zugetraut – bis auf einmal mit „Wie schön du bist“ der Comeback-Versuch auf Deutsch kommt und alles auf links dreht. Kurz vorher spielte sie noch eine Weihnachtstour, da kamen rund 300 Menschen pro Abend, erzählt sie am 22.3., einem Sonntag, in der ausverkauften Rudolf Weber-Arena in Oberhausen. Und nun hat sie selbst über eine Dekade nach dem Erscheinen von „Muttersprache“ – einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Alben seit der Jahrtausendwende – immer noch jede Hütte voll. Dafür ist sie sehr dankbar. Aufgesetzt und schleimig wird sie bei ihren Ansprachen nie. Eher ein wenig selbstironisch, manchmal ganz schön privat und vollbeladen mit Themen, die eine 45-jährige Künstlerin, Mutter und Ehefrau eben so beschäftigen.
Vergangenes Frühjahr erschien ihr dritter deutschsprachiger Longplayer, Freigeistin. Der blieb kommerziell ganz schön hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht waren die sechs Jahre zwischen „Herz Kraft Werke“ und ebendiesem einfach einen Ticken zu lang. Und vielleicht ist Deutsch-Pop auch einfach aktuell ein bisschen auserzählt. Die Vorabsingle „Heut‘ ist alles gut“ schafft es gar nicht in die Charts, der Nachfolger „Ficka“ nur bis auf die 33. Das ist schon etwas anderes als die vielen Hits die Zeit davor, die Radios und Castingshows nur so überfluteten. Doch Sarah ist es gewohnt, dass alles auf wie ab geht. Am Ende zählen 2026 sowieso Ticketverkäufe sehr, sehr viel mehr – und das scheint easy zu gehen.
Oberhausen ist die achte von insgesamt 34 Shows, die es dieses Jahr mit ihr zu sehen gibt. Gut zu tun. Spielt sie erst bis April in sämtlichen Arenen des Landes, geht es dann mehrere Monate an die frische Luft. Mehrere Generationen versammeln sich in der Halle, die wirklich bis unter die Decke gefüllt ist. Pünktlich um 20 Uhr geht es los mit der aufwändigsten und längsten Produktion, die Sarah Connor bisher jemals gezeigt hat: Ganze 170 Minuten lang geht die Tour zu Freigeistin, die mit einem Kick-off zehn Monate nach der Albumveröffentlichung vergleichsweise spät beginnt. Doch dafür wird eben aufgefahren. Mit über 30 Songs auf der Setlist muss man einiges an Zeit mitgebracht haben.
Der Start ist – man kann es nicht anders sagen – ultra-kitschig. Die Bühne besitzt mittig einen langen Steg. Hinten in der Mitte vor der großen Leinwand gibt es ein Podest, das von einer weiteren runden Leinwand, die zig Meter hoch reicht, verdeckt wird. Auf allen Bildschirmen werden KI-generierte Unterwasseraufnahmen von Sarah gezeigt, die mit Walen schwimmt. Uff. Ok. Dass sie sich für die Rettung der Wale einsetzt, ist groß – aber das hier wirkt ganz schön trashy. Nach mehreren Minuten „Sea World à la Connor“ fährt sie ganz allein mitten auf der Bühne hoch und startet ihren Opener. Ihre Outfits, wovon sie rund eine Hand voll am Abend trägt, könnten exakt so aus der Anfangszeit ihrer Karriere stammen. Kommt ja alles mal wieder, ne?
Allerdings wird es auch jetzt vorerst nicht so viel besser. Ungewöhnlich seicht und mit viel zu wenig Power geht es mit „Ich liebe dich“, einem Albumtrack von Freigeistin los. Direkt danach der nächste mit „My French Girlfriend“. Ganze drei Songs braucht es, bis man wirklich im Set ist. Bis auch die runde Leinwand hochgefahren wird und die üppige Band plus Backgroundsängerinnen zeigt. Mit „Heut‘ ist alles gut“ wird es endlich mitreißend, endlich uplifting. Eigentlich könnte man die ersten zehn Minuten skippen und hätte nichts verpasst.
Doch ab dem Moment wird vieles besser. Leider nicht alles, denn nach dem Schwimmen mit Walen gibt es auch noch Kriegerinnen-Aufnahmen auf Pferden und andere cheesy Schandtaten auf Leinwand. Wer hat diese Visuals denn gemacht? Ayayay. Dafür beweist – wir hatten es anfangs schon erwähnt – Sarah Connor zum x-ten Male, dass sie völlig zurecht immer noch eine der besten deutschen Stimmen ist. Ohne auch nur einen Hauch von Abnutzungserscheinungen zuzulassen, singt sie die fast drei Stunden ausnahmslos auf Top-Niveau. Koloraturen, Belt, tiefe soulige Bass-Töne. Hier ist alles bei. In manch wenigen Momenten singt sie mal einen Takt nicht, was super gut ist, um zu zeigen, dass das wirklich auch live ist – so täuschend echt kommen die Vocals rüber. Chapeau. Wieder einmal.
Generell ist der musikalische Anspruch zum Glück weiterhin hoch und hat nicht aufgrund der aufwändigen Produktion gelitten. Zwei ganze Hände voll an Musiker*innen stehen hinter ihr, darunter auch drei Blasinstrumentalist*innen. Zwischendrin gibt es einige Tänzer*innen und eine Pole-Dance-Einlage, währenddessen die Künstlerin sich umzieht. Der Sound ist jede Sekunde hervorragend, nicht zu leise, nicht zu laut und wunderbar im Vollklang.
Am Ende ist trotz wirklich großem Aufwand und einer richtig gut aufgelegten Sarah Connor die Freigeistin-Tour aber trotzdem nicht so stark wie zum Beispiel die zur „Herz Kraft Werke“-LP. Das liegt schweren Herzens an der nicht richtig gelungenen Setlist. Über 30 Songs ist super. Rund zwei Drittel davon machen aber die Songs des aktuellen Albums aus. Ja, es ist die Tour zu genau dem Album. Schon klar. Aber einerseits hätte man bei solch einer großen Anzahl an Titeln wirklich etwas besser mischen können – besonders auch zu einem 25-jährigen Jubiläum sehr viel mehr aus der Anfangszeit machen können – und andererseits sind einfach sehr viele Lieder von Freigeistin kein gutes Bühnenmaterial. Vieles ist irgendwie sehr wässrig, konzentriert sich doch stark auf zwischenmenschliche Geschichten und viel weniger auf starke Melodien und macht dann gerade in so einer Halle nicht wirklich Laune.
Klingt jetzt vielleicht hart, aber man könnte locker zehn Songs auf der Setlist austauschen. Die Hälfte an neuem Material würde komplett ausreichen, um zu zeigen, was Sarah Connor aktuell an Musik schreiben möchte. Positivbeispiele sind das erst gerade veröffentlichte „Interstellar“ oder das sexy „Souvenir“, persönlich und berührend wird es mit „Das schönste Mädchen der Welt“, „Warum sind wir so?“ und am allermeisten mit dem hervorragend gelungenen „Herzen in Aufruhr“, in dem sie ihrem Sohn viele schlimme Fragen zum Weltgeschehen beantworten muss. Das geht echt nah. Auf der anderen Seite gibt es aber auch immer wieder Füllmaterial („Für immer bei dir“, „For Life“, „Geiles Leben“, „Schlechte Idee“), bei dem die Crowd auch beobachtbar wenig aktiv reagiert und gehäuft ihre Handys zum Daddeln rausholt.
Spaßig ist mal wieder der eigentlich entschieden zu kurze englischsprachige Medley-Block mit Classics, die immer etwas wechseln. Neben dem „Bed-Boy!“ und dem Dauerbrenner „From Zero To Hero“ ist heute der Banger „Under My Skin“ im Angebot, die fast schon vergessene Single „He’s Unbelievable“, der Nummer-1-Hit „Just One Last Dance“ und das extrem gute „If U Were My Man“ vom Debütalbum. „Living To Love You“ oder „From Sarah With Love“ haben heute Pause. Auch die beiden Megaerfolge „Muttersprache“ und „Herz Kraft Werke“ sind mit neun Titeln vergleichsweise dünn vertreten. Toll sind die neuen Arrangements bei „Ich wünsch dir“, „Kommst du mit ihr“ und das nicht zu erwartende Blues-Intro mit outstanding Gesang-Impros bei „Vincent“, ein wenig in die Irre führend hingegen ist der sensationelle „Anorak“, der es wieder auf die Setlist schafft, zwischenzeitlich aber völlig random in ein Cover von „Ding“ von Seeed übergeht. Mit „Wie schön du bist“ und „Bonnie & Clyde“ kann im ganzen Saal zum Mitsingen animiert werden, dafür vermisst man eindeutig „Hör auf deinen Bauch“, „Deutsches Liebeslied“ und die immer noch notwendige Ansage in dem politischen „Augen auf“.
Wer den neuen Connor-Sound mag und das Album regelmäßig gehört hat, dürfte mit den 170 Minuten wunschlos glücklich sein. Wer nur Hits sucht, schaut doch einige Male etwas dumm aus der Wäsche. Besonders gesanglich und in den zig Geschichten über Kinder, die ausziehen und schließlich wieder einziehen, Selbstzweifel, den Ehemann als größten Kritiker und der klaren Haltung, jetzt noch mehr gegen Rechts zu sein, beweist eine der talentiertesten Stimmen Deutschlands aber bestimmt auch noch in den nächsten 25 Jahren, dass Textpatzer bei Nationalhymnen nicht der Standard für sie sind.
Weitere Termine:
24.3. Porsche Arena, Stuttgart
25.3. Lanxess Arena, Köln
26.3. ZAG Arena, Hannover
28.3. Stadthalle, Wien (AT)
29.3. Olympiahalle, München
30.3. Hallenstadion, Zürich (CH)
01.4. SAP-Arena, Mannheim
07.5. Rockhal, Luxemburg (L)
08.5. Freilichtbühne am Kalkberg, Bad Segeberg
05.6. Regionalwerk Bodensee Schlossgarten, Tettnang
18.6. Domplatz, Fulda
19.6. SparkassenPark, Mönchengladbach
20.6. Loreley Freilichtbühne, St. Goarshausen
27.6. Almeauen, Büren
03.7. IGA Parkbühne, Rostock
04.7. Westfalenpark, Dortmund
17.7. Mangfallpark, Rosenheim
29.7. Schloss Kapfenburg, Lauchheim
31.7. Summertime-Arena am Nordstrand, Norderney
01.8. Summertime-Arena am Nordstrand, Norderney
07.8. Barockgarten am Festspielhaus, Füssen
13.8. BRAWO Bühne, Braunschweig
14.8. Schlossgarten, Osnabrück
15.8. Waldbühne, Berlin
26.8. Schlossgarten, Bruchsal
27.8. Schloßplatz, Coburg
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Foto von Christopher Filipecki
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