Sarah Connor, Rudolf Weber-ARENA Oberhausen, 29.03.2022

Gelegenheitskonzertegänger*innen finden es mit Sicherheit jedes Mal beeindruckend und unglaublich, wenn sie in eine riesige Halle kommen, in der sich 7000 Menschen alle aus demselben Grund versammelt haben. Aber auch für Leute, die regelmäßig zu Shows dieser Größenordnung gehen, ist gerade eine sehr besondere Zeit. Denn erstmalig seit über zwei Jahren können Gigs mit einer derartigen Anzahl an Gäst*innen wieder stattfinden. Eine der ersten Künstler*innen, die die Gunst der Stunde nutzt: Sarah Connor.

Es war ein verdammt schmaler Grat. Wer seine Tour für Mitte März noch geplant hatte, musste hoffen, überhaupt auftreten zu dürfen oder sich mit einer eingeschränkten Kapazität zufriedengeben. Doch nun ist es endlich wieder möglich, mit voller Auslastung die großen Hallen zu benutzen. Zwar müssen vorerst die Besucher*innen noch durchgängig auch während des Konzertes eine Maske tragen, aber dieses kleine Manko scheint nach zwei Jahren Durststrecke nahezu allen egal zu sein. Bis 20 Uhr haben sich am 29.3.22, einem Dienstagabend, fast alle auf ihre Plätze begeben. Ein paar scheint der Coronawahnsinn noch zu riskikoreich zu sein oder sie sind wohl in Isolation. Aber gefühlt startet gerade in diesem Moment, in dem man sich grinsend umschaut, die endemische Phase der Corona-Pandemie. Wie surreal.

Als wäre es gestern gewesen, dauert es nur wenige Augenblicke, bis die Rudolf Weber-ARENA in Oberhausen bebt, grölt, tanzt, jubelt und frenetisch applaudiert. Zwar ist der Publikumsgesang durch die Masken hörbar gedämpft, aber was nimmt man auf beiden Seiten – also sowohl in der Crowd als auch auf der Bühne – nicht alles in Kauf, um überhaupt irgendwie gemeinsam im Raum zu sein. Das sieht auch Sarah Connor so, die das Livemusik-Comeback vorerst mit zehn Arenashows startet, aber im Laufe des Jahres noch knapp 40 weitere Gigs auf der Agenda hat.

Bevor die 42-jährige Künstlerin, die nun auf über zwei Dekaden Karriere zurückblicken kann, um 20:30 Uhr die Bühne betritt, spielt schon während des Einlasses Ela. Einige dürften sie noch als Frontfrau der Band Elaiza kennen, die 2014 in Kopenhagen für Deutschland beim Eurovision Song Contest teilnahmen. Zwar hat es dort mit dem Song „Is It Right“ nur für Platz 18 gereicht, allerdings ging es in den Singlecharts bis auf Platz 4. Der Radiohit wurde sogar vergoldet. Mittlerweile ist Ela. allein, sitzt zwischenzeitlich am Piano und lässt sich bei anderen Songs von ihrem Gitarristen begleiten. Leider klingt Ela. nicht nur vom Namen her der äußerst bekannten Sängerin Lea ähnlich. Ihr stark nuscheliger Singer/Songwriter-Pop dudelt eine gute halbe Stunde lang ziemlich uninspiriert vor sich her. Einen kleinen Mitleidsbonus gibt es aus gegebenem Anlass für die Tatsache, dass sie in der Ukraine geboren wurde.

Doch nach etwas zu viel Handbremse wird diese dann schon nach wenigen Augenblicken mit Sarah Connor gelöst und auf volle Emotion gestellt. 135 Minuten lang dauert die Show, die wohl bei fast jeder anwesenden Person mindestens einmal für Gänsehaut gesorgt haben sollte. Entweder, weil man von der immer noch überragend guten Stimme geflasht ist, weil die Texte in Kombination mit tollen Melodien berühren oder weil einfach das Gefühl in der Halle so überwältigend ist. Der Titel der Tour „Endlich wieder bei euch“ ist wirklich auch das Motto des Moments.

Sarah Connor hat sich von einem etwas trashigen Image als Teenie-Popstar mit Negativschlagzeilen zu 100 Prozent befreit. Seitdem sie die deutsche Sprache in ihren Songs für sich entdeckt hat, funktioniert Sarah Connor endlich fast ausschließlich durch ihre Stimme. Die war zwar früher schon beeindruckend, ist jetzt aber der Fokus. Ob man musikalisch mit der Künstlerin etwas anfangen kann, ist Geschmackssache. Dass es sich aber zweifelsohne um eine der technisch begabtesten Personen des Landes handelt, ist objektiv. Über zwei Stunden lang ist Sarah durchweg tonal perfekt, klingt exakt wie in den Studio Versionen und meistert auch die schwersten Gesangspassagen teils ohne Background. Das verdient Respekt.

Dennoch klingt einiges aber mit Background natürlich noch voller, weswegen drei teils freizügig gekleidete Backgroundladies und drei internationale Gospelsänger*innen sie unterstützen. Obendrauf gibt es eine sechsköpfige Band, bei der auch ein Percussionist am Start ist. Sowieso fällt auf, dass der Sound in der Halle ab der ersten Sekunde unglaublich gut ausgepegelt klingt. Sarah ist stets laut genug, sodass ihre Texte auch in den Tiefen tönen zu verstehen sind. Jedes Instrument ist zu vernehmen. Top! Die Bühne ist mit warmen Erdtönen dekoriert, eine große Leinwand zeigt Livebilder und Einspieler, viele Spots und Scheinwerfer runden das Ganze ab. Mehr Chichi wäre auch nur überflüssig.

Die Setlist könnte allerdings ein wenig verbessert werden. Mit „Kleinstadtsymphonie“, „Mein Jetzt, Mein Hier“ und „Ich wünsch dir“ gibt es drei der eher schwächeren Songs des aktuellen „Herz Kraft Werke„-Albums, dafür wartet man auf das äußerst starke „Flugzeug aus Papier“ oder auch das Dankeschön an die Fans mit dem Namen „Es war gut“ vergeblich. Auch „Anorak“ und „Mein König“ vom Vorgänger oder das erfolgreiche „Bonnie & Clyde“ im Duett mit Henning Wehland haben es nicht in die Show geschafft. Anhänger*innen ihrer englischsprachigen Classics müssen ebenso die Zähne zusammenbeißen: Kein „Let’s Get Back To Bed-Boy“, „Skin on Skin“, „One Nite Stand“, „Just One Last Dance“, „French Kissing“ oder „Under My Skin“.

Das war’s dann aber auch mit Beanstandungen. Bereits beim Opening „Keiner pisst in mein Revier“ ist klar, wer die Queen im Ring des deutschen, femininen Pop-Mainstreams ist. Mit dem mitreißenden „Hör auf deinen Bauch“ bringt Connor schon beim zweiten Song die Halle zum Stehen und Mitklatschen. Da seit der Tour 2019 einige Zeit vergangen ist und eine neue Deluxe-Version des Albums erschien, sind auch vier neue Titel im Programm: „Stark“ mit reiner Klavierbegleitung funktioniert hervorragend, „Dazwischen sind wir Freunde“ und „Freibadpommes“ bringen Laune. „Bye Bye“ ist leider einfach sowieso schon keine so starke Komposition und flutscht als „ganz ok“ durch.

Wirklich beeindruckend sind dafür die wahnsinnige Gesangsperformance bei „Ruiniert“, das metaphorisch schöne „Drachen“, das lasziv-böse „Kommst du mit ihr“, die Jazz-Version von „From Sarah with Love“, das englischsprachige Medley, in dem unter anderem auch „Living To Love You“, „Music is the Key“ und der nie zu totkriegende „From Zero to Hero“ mitmachen und die deutsche Toleranzhymne „Vincent“. Hier kommen teilweise Höhepunkte Schlag auf Schlag.

Dabei ist jedoch der intensivste Titel ohne jeglichen Zweifel „Augen auf“. Der Albumtrack war bei der Tour 2019 gestrichen worden, ist nun aber aufgrund seiner Aktualität wieder mit dabei. Und, wow. Die Mischung aus gesanglicher Leistung, perfekter Komposition und schockierenden Kriegsbildern aus der Ukraine auf der Leinwand kommt mit so einer Kraft, dass man es für einige Minuten kaum wagt zu atmen. Magic Moment. Wahnsinn.

Hätte man dieses Konzert 2019 gesehen, wäre es schon super gewesen. Dank der Tatsache, dass aber die Menschen auf, hinter und vor der Bühne ausgehungert sind und so lange darauf gewartet haben, wieder Livemusik genießen zu können, wird der Abend zu einem noch besseren. Zwei Stunden mal die Sorgen vor der Tür lassen, wie Sarah es selbst nennt. „Danke, dass ihr euch getraut habt, zu kommen“, sagt sie am Ende. Diejenigen, die nun Tickets für eine weitere Show in diesem Jahr kaufen, machen alles richtig.

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher.

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