Feminismus in der Musik und generell in der Gesellschaft ist so präsent wie womöglich noch nie. Die Haltung, einen Mann an seiner Seite keinesfalls zu brauchen, sondern selbständig und erhobenen Hauptes durchs Leben zu schreiten, ist sowas von 2026. Tatsächlich gibt es aber viele dieser Ansätze bereits in den 80s und 90s. Zwar nicht so laut und nicht so konsequent, aber dennoch unmissverständlich. Gerade in der amerikanischen Black Music zeigen Girlbands, dass sie einiges zu melden haben und für Gleichberechtigung einstehen, aber auch gegen Rassismus ihre Stimmen erheben. En Vogue prägen diese Szene mit. Zwar ist ihr Hype schon ewig vorbei, ihr Image aber weiterhin powervoll und auch in Europa frei von Rissen.
Die letzte große Tour des Trios – zwischenzeitlich war man mal zu viert – fand auf unserem Kontinent zuletzt 2018 statt. Zweimal hielt man damals auch in Deutschland. 2025 kommen die drei „Funky Divas“, wie sie sich gern selbst bezeichnen, für neun Shows zurück, dabei geht Deutschland aber gänzlich leer aus. 2026 sind zwar wieder zwei Stopps hierzulande auf der Reiseroute, da uns aber sowohl Berlin als auch Bad Vilbel zu weit weg ist, schauen wir bei unseren geliebten Nachbar*innen in der Niederlande vorbei – nach den Gigs in Utrecht und Eindhoven vergangenen Jahres bespielt man nun Amsterdam, Arnheim und Tilburg. Praktisch, dass Arnheim nur wenige Kilometer hinter der deutschen Grenze liegt. Lieben wir doch.
Im Musis ist die Philharmonie von Arnheim beheimatet. Daneben gibt es aber auch regelmäßig Pop-Konzerte, für die je nach Bedarf auch die Bestuhlung weggeräumt wird. Bei En Vogue wären Sitzplätze eher hinderlich, kann man bei den groovy Beats doch nur schwer den Körper stillhalten. Am 18.7., einem Samstag, hätten im Parkzaal 1800 Menschen Platz. Die sind es am Ende nicht, geschätzt eher nur 1000. So ist es aber schön luftig und entspannt. Der Einlass ist um 19 Uhr, Showbeginn 20 Uhr, der mit vier Minuten Verspätung auch äußerst vorbildlich eingehalten wird. Nicht wenige Gäst*innen schlendern erst gegen 19:45 Uhr rein und haben Stress und Hetze eindeutig an der Garderobe mit abgegeben.
En Vogue bestehen 2026 aus Terry, Cindy und Maxine. Alle sind Gründungsmitglieder. Die Band formiert sich 1988 in Oakland, 1990 geht man mit der ersten eigenen Musik an den Start, die in den USA sofort zum Erfolg wird. Nicht wenige Acts, die seit fast vier Jahrzehnten im Geschäft sind, haben sich runtergewirtschaftet. Entweder finanziell oder körperlich oder beides. Von den drei Frauen, die alle bereits Mitte 60 (!) sind, kann man das zum Glück so gar nicht behaupten. In den knapp 90 Minuten, die der Auftritt umfasst, machen sie durchweg eine sehr gute Figur. In glitzernden, goldfarbenen Metallic-Pailletten-Kleidern wird die durchchoreografierte Show schwungvoll und synchron über die Bühne gebracht, viel mit dem Publikum interagiert, aber vor allen Dingen hervorragend gesungen.
Anfang der 90s ist der Mittelweg aus R’n’B, Soul und Funk total am Puls der Zeit. Mit mehr als 10 Millionen verkauften Einheiten gehören En Vogue in ihrem Genre zu den Spitzenreiterinnen. 17 Mal gibt es Gold, zwölf Mal Platin für ihre Alben und Singles. Besonders hervorstechend ist dabei stets die Attitüde, unerreichbar und unbesiegbar zu sein, fest untermauert durch kraftvolle Vocals, die Laien auf gar keinen Fall nachmachen können. Das entspricht heute zwar nicht mehr ganz den Hörgewohnheiten, gleichzeitig ist es aber Retro in a nutshell. Letztendlich fällt und steht solch ein Konzert mit den Skills. Es genügt nicht, einfach nur die Songs abzuspielen, dafür ist das Talent der Frauen immer schon zu präsent. Und wäre dieses nicht mehr vorhanden, wäre die Enttäuschung eine große.
Doch davon ist man weit entfernt. Drei Instrumentalist*innen geben mit Drums, Keys und Bass das nötige Klangbett vor, darauf packen Terry, Cindy und Maxine ihre Harmonien. Das größte Manko beim Arnheim-Gig ist die Tontechnik. Anfangs sind mehrfach Mikrofone bei Soli komplett aus. Nicht nur bei einer einzelnen Sängerin, sondern ständig im Wechsel. Das wird zwar besser, aber nie ganz zufriedenstellend. In der Tat ist es gar so auffällig, dass Fans dem Trio entgegenrufen, sie nicht hören zu können und auch die Mädels selbst mit der Technik in den Dialog gehen. Unangenehm und ärgerlich. Außerdem muss man sich von mittlerweile gewohnten Effekten verabschieden. Hier gibt’s lediglich Musiker*innen, Sängerinnen, Barhocker und ein paar Lichter. Das war’s. Dafür ist das Ticket mit rund 55€ aber auch ziemlich erschwinglich.
Am Ende braucht es auch gar nicht mehr, wenn dafür die Stimmung auf und vor der Bühne gut genug ist. Alle Drei haben eindeutig Bock und wirken, als ob kaum Jahre ins Land gegangen wären. Die Stimmfarben matchen überragend gut, bei zig Tracks gibt es richtige „Wow“-Momente, wie man sie sich eben von En Vogue auch wünscht. Zwar ist die Setlist mit 13 Songs inklusive einem üppigen Cover-Medley recht knapp, aber dafür ist die Qualität genau die erwartete. Von den 15 Titeln, die die Charts auf der Welt erreicht haben, sind neun dabei. Das amerikanische Publikum könnte „Too Gone, Too Long“ vermissen, die deutschen Fans hingegen warten auf „Riddle“ vergeblich – die letzte Single, die hier entern konnte und auch echt super ins Set gepasst hätte. Aber das ist zu verschmerzen.
Der gesamte Auftritt wirkt old-schoolig, aber sehr elegant. Mit dem starken Opener „My Lovin‘ (You’re Never Gonna Get It)“ geht es unmittelbar mit viel sassy Sexyness los. Dazu werden rhythmisch Fächer gewedelt, auf denen „Ooh Bop!“ steht. „Whatta Man“ funktioniert auch ohne Salt ’n‘ Pepa – mit denen sie übrigens bald in den USA touren! TLC sind auch dabei, uff!! – und ist immer noch einer der allerbesten Black-Music-Ohrwürmer der gesamten Dekade. Zu „Ooh Boy“ holen die Girls ein Dutzend Fans auf die Bühne, die mit ihnen eine Choreo zum Besten geben dürfen. Sämtliche Probs gehen dabei an einen Jungen, der maximal 15 sein dürfte, und wirklich die chilligsten Moves ever an den Tag legt. Weitere sweete Publikums-Aktion: Drei Pärchen werden auf die Stage gebeten und dürfen ihrem bzw. ihrer Liebsten mit ein paar betörenden Hüftschwüngen imponieren. Alle werden mit großem Beifall belohnt.
Highlights in der Setlist sind das A-Cappella-Intro zu „Hold On“, der ersten Single überhaupt, die im Frühjahr 1990 an den Start ging. Das Intro ist schon damals ein Cover von „Who’s Lovin‘ You“, besonders bekannt in der Version von The Jacksons, die dieses Jahr durch den Film „Michael“ natürlich nochmal an Bekanntheit gewonnen hat und von der Band wirklich hervorragend intoniert wird. Völlig elektrisierend ist aber die Kampfansage „Free Your Mind“, die es unglaublicherweise nie in die deutschen Charts schaffte, aber mit ihrem derben Rock-Arrangement und den krass hohen Belt-Tönen irrsinnig schwer zu singen ist. Doch selbst mit über 60 Lebensjahren wird gehittet, als ob’s das Einfachste auf der Welt wäre. Die Zugabe ist dann schließlich der weltweite Megaseller „Don’t Let Go (Love)“, der immer noch in Bars mit gutem Geschmack läuft und einen stimmigen Akzent zum Ende der anderthalb Stunden setzt.
En Vogue sind eine der letzten Soul-Formationen, die nach so einer langen Zeit immer noch entsprechend abliefern. Die viel zu häufigen Technikpatzer schmälern den Gesamteindruck ein wenig, außerdem könnte man mit ein paar Visuals das Ganze noch immersiver gestalten. Rein musikalisch ist das aber spaßig wie catchy wie beeindruckend, und das ist sicherlich auch das, was seitens der Künstler*innen so gewünscht ist.
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Foto von Christopher Filipecki
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