Peter Maffay, Rudolf Weber-ARENA Oberhausen, 04.09.2022

Wenn du 52 Jahre auf der Bühne stehst und immer noch sämtliche großen Hallen füllst, dann darfst du dich bescheiden eine lebende Legende nennen. Nur die Wenigsten machen den Job dermaßen lange, noch weniger mit Leidenschaft und die Allerwenigsten ohne irgendwann mal richtig durchzudrehen. Peter Maffay hat’s hingekriegt und verabschiedet sich auch auf der aktuellen Tour mit den Worten „Wir sehen uns wieder“.

Privat durchlebte der 73 Jahre junge, in Rumänien geborene Kultstar zwar ein paar Höhen und Tiefen, sodass er gleich viermal das „Ja“-Wort gab – umso beständiger ist aber das, was er auf der Bühne tut. Auf der 20 Gigs umfassenden Tour 2022, die in der kommenden Woche ihren Abschluss finden wird, ist alles so, wie es sich Fans wohl wünschen. Über zweieinhalb Jahre musste gewartet werden. Erst gab es Krankheitsfälle innerhalb der Band, dann diese Pandemie, von der alle immer mal wieder sprechen. Aber diesen August und September scheinen die Sterne ganz gut zu stehen.

Am 4.9., einem Sonntag, sammeln sich 10.000 Personen in der Rudolf Weber-ARENA in Oberhausen, um einen der größten deutschen Musiker*innen zu hören. In seiner Kategorie – die Altherrenmannschaft derjenigen, die über Dekaden funktionieren und niemals auch nur einen Hauch in die unangenehme Ecke abdriften – spielen ansonsten wohl nur Herbert Grönemeyer, Westernhagen und Udo Lindenberg. Anfang 1970 beginnt seine Karriere, da ist er keine 21 und somit zur damaligen Zeit nicht mal volljährig. 52 Kalender später – ja, das große Jubiläum 2020 hat aus den bekannten Gründen leider nicht richtig zelebriert werden können – ist vieles noch so wie vor zehn, vor zwanzig, vor dreißig, vor vierzig, vor fünfzig Jahren.

Peter Maffay beginnt auf die Minute genau um Punkt 20:00 Uhr. Eine Vorband braucht es nicht. Stattdessen dafür stilvolle Showelemente wie viele Farben und Spots. Dazu eine riesige Bühne in Gitarrenform, die mit einem Steg beginnt und mit einer runden Form endet, auf der zwischenzeitlich neben ihm nicht weniger als elf Musiker*innen Platz nehmen. Ein Gitarrist? Besser drei. Ein Drummer? Obendrauf noch eine Perkussionistin. Ein Backgroundsänger? Lieber zwei plus eine Sängerin. Dazu ein Bassist, ein Pianist und ein Saxophonist, der zwischendrin auch zur Mundharmonika greift. Bis auf minimale Spielereien – beispielsweise bei dem neuen Tabaluga-Song „Elektrizität“ – kommt hier nichts vom Band. Man definiert sich zu jeder Sekunde als Liveband der alten Schule. Laut, mit Spielfreude, mit Charisma.

Doch nicht nur die Art des Musikmachens ist so wie damals – der Frontmann trägt weiterhin eine Lederhose mit Stiefeln, dazu eine Weste ohne etwas darunter. Seine Oberarme zeigen unzählige Tattoos. Die Frisur ist etwas grau, das Gesicht ein wenig gealtert, aber nicht in Ansätzen so, wie man es bei einem Ü70-Mann erwartet. Noch weniger erwartet man jedoch das Stimmvolumen, die Stimmfarbe oder die Energie. Denn ganz egal, ob man am Ende mit dem connected, was man zu hören bekommt – die gesangliche Leistung ist für eine Person dieser Altersklasse, die dazu noch fünf Dekaden lang ihre Stimme genutzt hat, schlichtweg sensationell gut.

Das ist schon sehr beeindruckend: Ob man nun Liveaufnahmen aus den 90ern oder von heute anmacht, Peter Maffay klingt fast gleich. Der Bandsound ist von Beginn an fantastisch abgemischt, bei den Mikrofonen braucht es ein paar Songs. Zusätzlich führt die etwas eigenwillige Art der Aussprache und des Gesangs natürlich manchmal kurz zu Verständnisproblemen, jedoch sorgen gleich mehrere berührende Textzeilen plus der sehr emotional getränkte Gesang für Schauer. Eine gewisse Aura ist in der Halle spürbar. Viele der Zuschauer*innen stehen bei jedem Song, und das sind immerhin 23 an der Zahl. Manche tragen Shirts von längst vergangenen Touren. Einige sind ersichtlich seit Jahrzehnten dabei, gleichzeitig lassen sich aber auch vereinzelt Menschen unter 40 von dem Classic-Deutschrock treiben.

Das Stärkste an den 160 Minuten – auch hier dürfen sich sehr viele Künstler*innen, die 40 oder mehr Jahre jünger sind, drei bis vier Scheiben abschneiden – ist das musikalische Handwerk. Ob Drummer Bertram Engel, der über 40 Jahre bereits diesen Job für Peter machen darf, Multiinstrumentalistin Charly Klauser an den Percussions sowie im Background, die viele aus der Carolin Kebekus Show kennen könnten, Maffays 18-jähriger, sichtlich motivierter Sohn Yaris als gesangliche Unterstützung oder auch das Übertalent Linda Teodosiu (!!!) als weitere starke Stimme: Man möchte bieten, leisten und qualitativ überzeugen, was auch bei denjenigen klappen sollte, die mitgeschleppt wurden.

Die Setlist geht Wagnisse ein. 2019 erschien mit „Jetzt“ ein Album, das 2020 gespielt werden sollte, was nicht ging. Dafür kam 2021 schon der nächste Longplayer „So weit“. Direkt die ersten zehn Songs setzen sich aus diesen beiden LPs zusammen. Titel, die live noch nicht ausprobiert wurden und wohl nur in wenigen Köpfen platziert sind. Aber wer über fünf Dekaden verkauft, wird wissen, wie es geht. Es wäre wohl auch für Maffay persönlich entschieden zu langweilig, nur auf Klassiker zu setzen. Deswegen setzt er direkt im Anschluss mit drei neuen Songs fort, die sich auf dem bald erscheinenden neusten Tabaluga-Liederzyklus befinden werden. Die dann siebte Veröffentlichung über den grünen Drachen, der auf philosophischem Wege die Welt entdeckt. Mehr als die Hälfte des gesamten Konzerts besteht also aus Musik, die mehr zum Zuhören als zum Mitmachen anregt.

Schadet aber nicht. Stattdessen funktioniert das Duett „Königreich der Liebe“ mit Linda Teodosiu ganz fantastisch, bei „Wenn wir uns wieder sehen“ grüßt der gleichzeitig ruhig und dennoch enthusiastisch wirkende Künstler die Menschen, die von uns gegangen sind. Dazu laufen Bilder seiner verstorbenen Eltern auf Leinwand. Für „Wann immer“ setzt er sich einen Song lang sogar selbst ans Klavier und zaubert mit einem Text, der die Liebe für seine Kinder verdeutlichen soll, Glitzern in die Augen des Publikums, ohne zu kitschig zu wirken. Große Gesten mit einem Hauch Pathos, aber nie überdosiert, nie peinlich.

Hälfte Nr. 2 hingegen zündet gnadenlos Hits. „Du“ – das er selbst als Schmachtfetzen bezeichnet -, „Eiszeit“, „Samstag Abend in unserer Straße“, „Sonne in der Nacht“, „Und es war Sommer“, „Freiheit, die ich meine“ und das deutsche Liedkulturgut „Über sieben Brücken musst du gehen“. Es wird gesungen, es werden Handylichter in die Höhe gehalten, mitgeklatscht und gewinkt. Leider lassen „So bist du“ und „Ich wollte nie erwachsen sein“ auch nach dem Konzert noch auf sich warten. Sehr schade.

Neben Tönen und Lyrics setzt Peter Maffay auch auf gesprochene Sprache. Er bedankt sich mehrfach für die Treue, nennt die Crowd ganz familiär „Freunde“. Er spricht seine tiefe Betroffenheit für den Ukrainekrieg aus und traut sich mit dem einen oder anderen Wort gegen manche aktuellen politischen Entscheidungen in Deutschland etwas offen kundzutun. Ob man die Meinung teilt oder nicht, sei dahingestellt. Dass sich überhaupt positioniert wird, darf mit Respekt bewertet werden, da es begründete und klare Statements sind ohne schwurbelig zu wirken.

Die mit Sitzfleisch werden in den letzten sechs Minuten mit einem Magic Moment belohnt. Als finale Zugabe dient „Die Töne sind verklungen“, das neben seiner akustischen Instrumentierung, der wehmütigen Melodielinie und dem mehrstimmigen, wunderbar harmonischen Gesang ganz besonders mit einer Aussage trifft: „Ich weiß, die Töne sind verklungen, doch das Lied stirbt nie – es klingt ewig fort.“ Das hat sich nach zweieinhalb Jahren verschobener Tour und erschütterndem Weltgeschehen dankenswerter Weise bewahrheitet. Großer Künstler, der einen großen Raum mit großer Musik füllt. Und es bald wieder tun wird.

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher.

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