„Do you ever feel like something’s gonna happen?“ Die Sprints sind ein Alt-Punk-Kraftwerk, das permanent mit der nächsten Explosion spielt. Der Sturz über die nächste Klippe ist nie weit entfernt. Zur Tour zum zweiten Album „All That Is Over“ gibt es diese überbordende Energie jetzt auch live zu erleben. Spoiler: Auch hier war der Puls zu hoch für Blutdruck-Tabletten.
Post-Punk-Geheimtipp
In der gut gefüllten Kantine prallen zwei Zielgruppen aufeinander: 25-35-jährige Punks und Queers und die Ü-50-Punk-Liebhaber*innen. Gemeinsam wird recht zurückhaltend den Niederländer*innen Marathon zugehört, die heute den Support Slot übernehmen dürfen. Das Quintett orientiert sich an der kühlen Post-Punk-Rige á la Shame, Sänger Kay Koopmans sprechsingt-schreit dafür auch sein Herzblut passend melancholisch ins hoch eingestellte Mikro. Genug USP gibt’s hier aber auch zu hören: Mit Spritzern von Dream Pop und Shoegaze und einem breiten Noise-Finale verdienen sich die fünf den großen Applaus. Punkt 21 Uhr geht’s dann pünktlich weiter.
Alt-Punk am Abgrund
Heute sind die Musiker*innen aus Irland in anderer Besetzung: Bassist Sam McCann fällt aktuell aus und wurde (sehr gut!) ersetzt durch eine befreundete Musikerin, die sich zwei Tage vor der Köln-Show den Fuß brach. Zwar wurde hier weniger getanzt, ansonsten hat sie aber beeindruckend durchgezogen – Chapeau!
Die ersten Worte von Karla Chubb sind an diesem Abend „Do you ever feel like something’s gonna happen?“ („Something’s Gonna Happen“) und es könnte keine passenderen Worte für die Intensität dieser Soundstrukturen geben. Wie auch auf den Studioaufnahmen ist die absolute Meisterleistung des irischen Quartetts die Erzeugung von Spannung. Die Strophen peitschen die Menge auf, Bass und Gitarre drängeln zwar nach vorne, aber halten auch immer noch etwas zurück, Chubb singt darüber mal melodisch, mal fast beiläufig. Alles zieht auf den Moment der Explosion hin. Und die kommt zwar meist in Form einer übergroßen Noise-Welle – aber eben nicht immer.
Nach vorne aus einem Grund
Dieses Wechselspiel aus Push & Pull verwandelt die Kantine spätestens ab „Beg“ in eine einzige hüpfende und schwitzende Masse. Die Songs von „All That Is Over“ sind eine konsequente Ergänzung zum Debütalbum „Letter To Self“ und in ihrer drängelnden Atmosphäre kaum zu unterscheiden. Beide eint die Finsternis, das nach vorne Zerren und der Mut, im Songwriting trotz all der Anspannung mal ein paar Sekundenlänger atmen zu lassen. Der leichtfüßige Indie-Rock „How Does The Story Go?“ und die Queer-Punk-Hymne „Literary Mind“ von der Debüt-EP „A Modern Job“ aus 2022 scheinen im Vergleich wie die freudestrahlenden Indie-Cousinen mit Blumen im Haar. In a good way.
Der größte Hit des Abends, „Heavy“ (mit einem lieb-übersetzten „it goes eins zwei drei“), läutet dann final den lauten ‚Auf-die-Fresse‘-Part des Abends ein. Es geht um mentale Gesundheit, um Normen und Werte, um Widerstand. Da könnte kein Cover so gut passen wie „Deceptacon“ von den Riot Grrrl-Legenden Le Tigre, zu dem sich Chubb in die Menge wirft und bis zur Bar tragen lässt.
Der Song, in dem die De-Politisierung von Rock (v.a. durch weiße Hete Cis-Dudes) angeklagt wird, rollt den Teppich aus für Chubbs Kampfansage, die im Intro von „Desire“ ins Publikum gerufen wird. Mit Worten umgehen kann Chubb und der Aufruf zur Solidarität mit marginalisierten Personen in Zeiten von Krieg und Hass sorgt für Gänsehaut und gereckte Fäuste. Übrigens: Im gesamten Konzertverlauf wirft Chubb immer wieder sympathische Ansagen in überraschend flüssigem Deutsch ein – die Musikerin wohnte einige Jahre in der Nähe.
Mit „Little Fix“ erbeben die Moshpits ein letztes Mal. Das Brodeln bleibt auch nachdem die Lichter wieder angehen. Der Widerstand dito. Und die Verneigung vor dieser beeindruckenden Band wird noch größer.
Und so hört sich das an:
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Foto von Julia.
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