Tristan Brusch, Zeche Carl Essen, 12.03.2026

tristan brusch 2026 essen

Als Tristan Brusch vergangenen Oktober seine Album-Trilogie vervollständigte, waren sich wieder mal alle einig: Das ist einfach außergewöhnlich gut. Womöglich mit das Beste, was Deutschland in den letzten Jahren zu hören bekam. Gleichzeitig war man fast schon traurig, dass mit „Am Anfang“ nun das letzte Puzzlestück eingesetzt wurde und man sich natürlich zurecht fragt, was denn als nächstes kommt. Dank eines überraschend guten 24. Platzes in den Albumcharts, lag zumindest eine logische Konsequenz auf der Hand: Die Tour wird laufen. Kurz vor Beginn sind knapp die Hälfte der 13 Gigs ausverkauft – so viele wie noch nie bei dem Wahl-Berliner mit Wurzeln im Ruhrpott. Ein Stück Heimatfeeling existiert somit beim dritten Tourstopp in Essen, nur wenige Kilometer von seinem Geburtsort Gelsenkirchen entfernt.

Die Zeche Carl ist zwar nicht ganz ausverkauft, aber allzu viel Luft ist auch nicht mehr. Da die Empore geschlossen ist, hätten hier 400 Menschen Platz. Und mit nur 20 Personen mehr wär’s hier auch ganz schön eng. Am 12.3., einem Donnerstag, trifft sich äußerst gemischtes Publikum in der Kaue. So heißt der Konzertsaal, der also ein ehemaliger Waschraum für die Bergleute ist. Teilweise sehr intellektuelle Zuschauer*innen Ü50, teilweise aber auch etwas hipsterige Mitt-Dreißiger. Tristan Brusch hat mit „Am Rest“, „Am Wahn“ und zuletzt mit „Am Anfang“ gezeigt, dass deutscher, melancholischer Singer-Songwriter noch längst nicht auserzählt ist. Stattdessen ist die Kombination aus farblosen Alltagswelten, innerer Zerrissenheit, purer Hingabe für die Liebe und einem wunderbaren Feingefühl für Melodien eine Quintessenz aus dem, was Chanson auf Landessprache hergibt. Mittlerweile kann man einigen Acts sogar deutlich anhören, dass sie bei ihm Inspiration gefunden haben.

Und mit zwar langsam, aber dennoch steigendem Erfolg kommen somit auch mehr Fans zusammen. Es ist äußerst elitär zu sagen, dass Tristan zuvor mit einem kleineren Publikum besser funktioniert hat, weil es intimer und dadurch auch gefühlsintensiver war, aber irgendwo stimmt es halt trotzdem. Waren die letzten Tourneen immer mit Sitzplätzen, steht man nun in der Zeche in Essen eng beisammen. Außerdem wird jetzt auch mehr gefilmt. Nicht ganz so schön. Und ja, lauter mitgesungen wird auch. Ganz klar für den Artist ein unglaubliches Kompliment, weil er spürt, wie sehr sich mit seinem Material auseinandergesetzt wird – Tristan thematisiert es zwischendurch sogar selbst und beobachtet, wie sich Münder zaghaft und schüchtern zu Worten formen – gleichzeitig kommt man aber dadurch auch ein wenig aus der Emotion raus, die zum Beispiel bei dem überragend starken Auftritt im Ebertbad Oberhausen vor zwei Jahren so nackt serviert wurde und unausweichlich schien.

Doch das sind Dinge vor der Bühne und im Raum. Auf der Bühne gibt es nach einem 20-minütigen Warmup durch Lisa Harres, die wirklich sehr, sehr, sehr, sehr – sagten wir schon sehr? – sehr ruhige, deutschsprachige Pianoballaden spielt, die auf erkennbare Formen verzichten und mit ganz wenig Lautstärke eher ins Mikro gehaucht werden, eine kurze Umbauphase, sodass um 20:35 Uhr Tristan Brusch für 85 Minuten in andere Sphären entführen kann, die schmerzen und heilen zugleich. Erstmals gibt es eine vierköpfige Band. Zwar spielte er auch schon bei den „Am Wahn“-Shows mehrfach mit Gastmusiker*innen, aber nun darf man ihn in klassischer Bandbesetzung – Drums, Klavier/Keyboard, Bass und er selbst an den Gitarren – plus Backgroundsängerin erleben. Auch das verändert das Erlebnis natürlich enorm, passt aber gleichzeitig zu den Klangveränderungen auf „Am Anfang“. Das Album ist heller, üppiger instrumentalisiert und genau das wird hier nun live gespiegelt.

Mit einer Setlist von 20 Songs – darunter acht von der aktuellen LP und acht von der vorigen – entstehen dank tollem Sound wieder einmal wundervolle musikalische Momente. So wie auf dem Longplayer wird mit dem ungewöhnlichen „Grundsolider Schläger“ eröffnet und fast schon traditionell, weil es sehr oft so passiert, mit „Das Leben ist so schön“ das Konzert beendet. Ebenso traditionell ist seine Ansprache, dass „Das Leben ist so schön“ mit dem schönsten Wort der deutschen Sprache, nämlich Gelsenkirchen beginnt. Dass das einige der Fans schon wissen, erkennt man daran, dass so mancher schon laut „Gelsenkirchen!!“ ruft, währenddessen Tristan noch einleitet.

Zwischen diesen beiden Eckpunkten gibt es mal Titel, die zum rhythmischen Bewegen animieren („Vierzehn“, „Mirage“, „Haifisch“, „Monster“), denn tanzen wäre jetzt wirklich zu euphemistisch. Andere hingegen verleiten schnell zum Mitsingen, darunter allen voran das immer noch sehr intensive, mantraartige „Am Rest“ und der in Berlin zum Radiohit mutierte „Baggersee“, eines dieser unvergleichlichen Lieder, die zu der ultimativen Qualitätsspitze des laufenden Jahrzehnts zählen. Ganz besonders wird es mit dem rührenden „Die Liebe in Maßen“, noch sehr viel mehr aber mit dem absoluten Highlight des Abends, „Geboren um zu sterben“, das wirklich durch jede Faser des Körpers dringt und eiskalte Haut mit wässrigen Augen auslöst. Sowohl Tristans Pianist, der zwischendrin auch am Cello sitzt und ein hervorragendes Mundharmonika-Solo spielt, aber auch seine Backgroundsängerin, die in „Am Herz vorbei“ gar eine Strophe sowie einen Refrain allein singen darf und schließlich mit Tristan im Finale zu zweit an seinem Mikrofon steht, machen richtig gute Arbeit. Bassistin und Drummer harmonieren ebenfalls vorbildlich mit dem jazzig-alternativen Kleinod.

Tristan Brusch wirkt für sein größer gewordenes Publikum äußerst dankbar. Mehrfach erwähnt er, wie sehr er sich über all die Menschen, die hier sind, freut. Auch eine etwas kuriose Story über den Song „Wasser und Licht“, der im Übrigen so heißt wie sein frischgegründetes Label, lockert die Stimmung auf. Mit Sicherheit fehlen dem einen oder anderen nun einige Tracks, einfach weil das Repertoire nun größer ist, als eine anderthalbstündige Show zulässt. So fehlen zum Beispiel „2006“, „Zwei Wunder am Tag“, „Seifenblasen platzen nie“, „Glücklich“, „Zuckerwatte“, „Fisch“ oder auch vom aktuellen Werk „Danke, dass du nicht aufhörst mich zu lieben“ und schmerzlicherweise das Meisterwerk „Die lange Nacht“.

Ganz sicherlich ist das aber nicht die einzige Tour zu „Am Anfang“. Zu „Am Wahn“ gab es gar drei Runden, somit darf ganz sicherlich mit mindestens einer zweiten gerechnet werden. Vielleicht geht es dann ja doch wieder in Locations zum Sitzen, wo man diesen ganz besonderen Künstler mit diesen ganz besonderen Lyrics und den ganz besonderen Arrangements wieder ganz besonders doll fühlen wird.

Weitere Termine:
13.03. Lagerhaus, Bremen
14.03. Mojo Club, Hamburg
18.03. Beatpol, Dresden
19.03. E-Werk, Erlangen
20.03. Technikum, München
21.03. Im Wizemann, Stuttgart
22.03. Schlachthof, Wiesbaden
26.03. Moritzhof, Magdeburg
27.03. Conne Island, Leipzig
28.03. Huxleys Neue Welt, Berlin
21.12. Theater des Westens, Berlin
22.12. Elbphilharmonie, Hamburg

Und so hört sich das an:

Website / Facebook / Instagram / TikTok / Threads

Foto von Christopher Filipecki

* Affiliate-Link: Du unterstützt minutenmusik über deinen Einkauf. Der Artikel wird für dich dadurch nicht teurer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert