Jahrzehnte haben ihren ganz persönlichen Sound. Die erste Hälfte der 90s ist unverkennbar durch den Eurodance geprägt, der seine Generation zum Tanzen brachte. Zig Acts hatten oft nur eine Hand voll Hits, bevor sie wieder verschwanden, jedoch sind diese Titel so unsterblich, dass selbst heute noch viele Künstler*innen von dem einen großen Banger leben können und ihn auch hunderte Male pro Jahr performen. Die allermeisten von ihnen sieht man auf 90s-Festivals und kann an einem Tag gleich die ganze Rutsche an Retro-Artists mitnehmen. Zwei sieht man jedoch nie, einfach aus dem Grund, dass sie auch über drei Dekaden später immer noch genauso gefragt sind wie damals. Auf der einen Seite gibt es da Scooter als bis heute immer noch erfolgreichsten deutschen Act, wenn man auf Top-10-Wochen in den Charts oder generell Songs, die es in die Charts geschafft haben, schaut. Auf der anderen Seite gibt es aber einen 90s-Musiker, der schon früh riesige Liveshows für sich entdeckt hat und damit bis heute die Massen begeistert: DJ BoBo.
Zugegeben: Hatten wir auch nicht mehr wirklich auf dem Schirm. Der letzte Singlehit war 2013, und das war sogar ein Remake von einer seiner 90s-Nummern. Zwar gibt es alle paar Jahre ein neues Album und damit auch neues Material, jedoch ist auch hier die Relevanz nicht mehr ganz so groß. Der im Januar erschienene Longplayer „The Great Adventure“ – übrigens das mittlerweile 16. Studioalbum, krass! – schafft es in Deutschland nur für eine Woche in die Top 30 und in seinem Heimatland, der Schweiz, auch nur eine Woche auf Platz 10, jedoch scheinen die ausbleibenden Charterfolge schon längst keine Rolle mehr zu spielen. War zum Karriereanfang von René Baumann, wie DJ BoBo bürgerlich heißt, eine hohe Platzierung sowie eine Goldauszeichnung ein klarer Marker für Erfolg, so kann sich der 58-jährige Musiker auf eins weiterhin ganz sicherlich verlassen, nämlich auf den Ticketverkauf.
Und das hat mehrere Gründe. Natürlich ist Nostalgie in Zeichen voller anstrengender und unsicherer Weltgeschehen ein Zufluchtsort, an dem sich alles leicht und schön anfühlt, jedoch ist DJ BoBo noch viel mehr einfach eine super sympathisch auftretende Person, für die man sofort einen Sweet Spot hat. Der ist irgendwie nahbar, der ist so konsequent in dem, was er musikalisch bietet und dabei gleichzeitig aber auch so dankbar und in Interaktionen mit seinen Fans, dass es dann wiederum so gar nicht überrascht, dass auch nach 35 Jahren (!) voller Veröffentlichungen weiterhin so große Mengen an Menschen zu seinen Gigs pilgern.
28 Shows stehen auf der The Great Adventure-Tour-To-Do-Liste, davon 22 in der DACH-Region. Drei Städte meldeten so schnell ausverkauft, dass man den Tourplan sogar noch um ein paar Konzerte aufgestockt hat. Vier Tage lang wurde die neue Show im Januar im Europa Park in Rust getestet, seit Anfang Mai ist man nun aber gut unterwegs. Die Dortmunder Westfalenhalle ist Stopp Nr. 19, man ist also bereits routiniert und eingespielt. Zwar braucht es mittlerweile einen bestuhlten Innenraum – schließlich wird nicht nur BoBo älter, sondern auch seine Anhänger*innen der ersten Stunde – sodass nicht durchgängig getanzt wird, sondern man hin und wieder ein Päuschen auf dem Sitzmöbel einnimmt, aber voll ist die ebenso 90er-like Halle trotzdem. Nur noch Plätze mit Sichteinschränkung kann man kurz vorher shoppen, der Rest ist verkauft. Es gibt nicht viele Artists, die solch ein Publikum anziehen, aber DJ BoBo gehört zu den ganz wenigen, bei denen mehrere Generationen gemeinsam Spaß haben. Da probieren schon Sechsjährige mit Mamas Smartphone die besten Momente festzuhalten, gleichzeitig fühlen sich aber auch 70+-jährige wieder jung und agil. Das Durchschnittsalter ist aber wahrscheinlich irgendwo Mitte 40.
Doch Alter ist bekanntlich nur eine Zahl – das Gefühl in der Ruhrpottregion ähnelt eher dem eines Teenie-Idols. Es wird gekreischt, es wird geklatscht, es wird gesungen und sehr viel gewunken. BoBo übt sogar La-Ola-Wellen mit Handylichtern ein. Immer wieder nimmt er sich mehrere Minuten Zeit, um den Showablauf zu stoppen und stattdessen ein paar witzige Anekdoten zu erzählen – zum Beispiel eine, wie er nach rund 40 Jahren an das letzte Teil des Kim–Wilde-„Bravo“-Starschnittes kam – oder eben mit der Crowd Mitmachaktionen zu starten. Eine davon sorgt schon für gute Laune, bevor es überhaupt losgeht. Statt einer Vorband gibt es ein gut zehnminütiges Warm-up mit Kameraleuten, die durchs Publikum laufen und Gäst*innen auf die Leinwand übertragen. Die sollen mal tanzen, mal knutschen, mal singen, immer je nach Songcharakter. Zu welcher der Kategorien „Macarena“, „Time of My Life“, „I Want It That Way“ oder „Cotton Eye Joe“ zählen, könnt ihr nun selbst überlegen. Um 19:12 Uhr – was eine gute Uhrzeit für einen Sonntag, bitte viel häufiger! – fällt dann der Startschuss für 135 Minuten Programm.
DJ BoBo live auf der The Great Adventure-Tour ist eindeutig mehr als ein typisches Konzert. Eigentlich hat es ein bisschen was von musikalischem Zirkus. Eine gigantische Leinwand ragt von der einen Seite der Ränge bis zur anderen. Auf ihr werden während der mit 33 Songs sehr vollgepackten Setlist immer wieder neue Welten gezeigt. Ja, das sieht manchmal ein bisschen nach 2000er-Videospiel aus und könnte in den Grafiken vielleicht noch etwas moderner ausgearbeitet sein, aber irgendwie passt dieser Retro-Charme in der Optik auch ziemlich gut zur Musik. Dschungelszenerien wie bei „Tomb Raider“, London-Flair wie bei „Sherlock Holmes“, Gruselschauer wie an Halloween. Viele Farben, die immer ins Auge stechen und die Halle in passende Atmosphären hüllen. Davor gibt es ein Drei-Etagen-Podest, auf dem mittig die dreiköpfige Band bestehend aus Keys, Gitarre und Schlagzeug fest Platz nimmt, oben und unten wechseln aber Tänzer*innen, Sänger*innen und sogar Akrobat*innen. Insgesamt stehen 33 Leute auf der Bühne, was für eine Konzertshow 2026 irrsinnig viel ist. Mal gibt es 90s-Choreos, dann aber auch Sporteinlagen an Schaukelringen oder gar klassisches Bodenturnen, manchmal Pyros oder einen Schneesturm – ein bisschen „Flic Flac“ meets „Holiday on Ice“ .
Obwohl die aktuelle LP im Fokus steht, nimmt sie nur ungefähr ein Viertel an Raum ein. Neun Songs werden von „The Great Adventure“ gespielt, was natürlich viel ist, aber dank einer so üppigen Setlist eben dennoch gut dosiert. DJ BoBo und seine Crew haben sichtlich auf dem Schirm, dass ein Großteil hier ist, um zurück in unbeschwerte Zeiten der Jugend und Kindheit zu reisen, was wirklich hervorragend funktioniert. Selten gibt es so wenig zu beanstanden bei einem Act, der so eine große Diskografie vorweisen kann. Von den ersten 15 (!) Singles, die zwischen 1992 und 1998 veröffentlicht wurden, wird exakt jede gespielt. Jede. Das ist verdammt vorbildlich. Nach einem thematischen Einstieg mit dem richtig schönen Albumtiteltrack „The Great Adventure“ dauert es nur wenige Minuten, um dann mit „Respect Yourself“, „Around The World“ und „Somebody Dance With Me“ emotional dort zu landen, wo man hinwill. Eben dieser Umgang mit den Wurzeln – never forget where you come from – ist wohl das Erfolgsrezept, warum das Ganze nach so vielen Jahren immer noch funktioniert. DJ BoBo hat eigentlich nie aufgehört, den Sound zu machen, mit dem er angefangen hat. Natürlich war das mal etwas danciger, mal poppiger, mal mehr EDM, dann auch mal etwas Hip-Hop. Aber diese Selbstachtung, konsequent durchzuziehen, auch wenn man dafür einige Male belächelt wird, funktioniert hervorragend und verdient Respekt. Dortmund steht ständig auf und hat richtig Bock.
Technisch klappt vieles ordentlich. Im Auf- und Abbau ist erkennbar, dass die Tour mehrere Wochen schon läuft, sodass es keine erkennbaren Stolpersteine gibt. Der Sound ist nicht schlecht, aber auch nicht ganz stark. BoBo ist zwar immer hörbar, ebenso auch sein stimmkräftiger Backgroundsänger Jesse Rich, allerdings wird es bei den beiden Sängerinnen – darunter auch seine Frau Nancy – ein wenig unsauber. Entweder ist nicht alles immer live oder sehr viel Autotune auf den Mikros oder eben der Klang nicht gut gemischt, sodass es zumindest manchmal etwas blechern klingt. Doch wie schon erwähnt ist der Abend viel mehr als großes Happening zu sehen als als klassisches Konzert. Es geht um hookige Songs, die mal hervorragend gealtert sind wie „Let The Dream Come True“, „Love Is All Around“, „Freedom“, „Pray“ oder „There’s A Party“, mal aber auch als Trash-Perle ironisch abgefeiert werden dürfen wie das herrlich bekloppte „Chihuahua“, seinem dritten und letzten Nummer-1-Hit in der Schweiz. Das macht Fun und möchte zum Glück auch gar nicht mehr.
Immer wieder gibt es genügend Motive, um mit dem Handy Fotos und Videos machen zu wollen, was übrigens ausdrücklich erwünscht ist, wie eine BoBo-Durchsage vor dem Konzert deutlich macht. Zu „Pray“ gibt es hohe Flammen, bei „The Snow Storm“ steht der Musiker auf einer Schwebebühne und lässt künstlichen Schnee um sich rauschen, bei „Love Is All Around“ fliegt ein gigantisch großer Falke, der fast so breit ist wie die Leinwand, über den Köpfen der Bühnenmenschen, bei „There’s A Party“ strömt nie enden wollender Konfettiregen durch die Westfalenhalle, bei „Shadows Of The Night“ gibt es Gespenster an Holzstäben, bei „Queens & Kings“ machen Menschen Salti in der Luft. Langweilig wird es am 7.6., einem Sonntag, wirklich gar nicht.
Musikalisch ist DJ BoBo wohl auf ewig jemand, den man mit dem typischen 90s-Sound verbindet, der 2026 nicht mehr so wirklich den Nerv der Zeit trifft. Das ist aber bei seinen Shows völlig egal. Mit über zwei Stunden wohltuenden, witzigen, kurzweiligen, ohrwurmlastigen und sehr abwechslungsreichen Momenten kann man als Zuschauer*in richtig gut loslassen und wird sehr wholesome entertaint.
Bildergalerie:
Weitere Termine:
12.6. GETEC-Arena, Magdeburg
13.6. Uber Arena, Berlin
14.6. Uber Arena, Berlin
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Fotos von Leopold Achilles
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