Sean Paul, Lanxess Arena Köln, 09.03.2026

sean paul köln 2026

In den 00ern ging man in Großraumdiskotheken feiern. Locations, in denen es manchmal bis zu fünf Räume gab, in denen musikalisch quasi alles abgedeckt war. Zwischen ihnen Bars, verwinkelte und verrauchte Gänge, knutschende Paare. Ein Eintritt in eine kleine, andere Welt – fast schon wie ein Freizeitpark zum Dancen. In den Hip-Hop-Hallen war vor allen Dingen darauf Verlass, beim Tanzen auf Tuchfühlung zu gehen. Meist lief dazu Musik aus Amerika. Und extrem oft Sean Paul.

Der aus Jamaika stammende Dancehaller hat für alles gesorgt, was es brauchte, um in dem Jahrzehnt richtig zu eskalieren. Beats, die einem sofort durch ordentlich Booty-Shaking den Schweiß auf die Stirn treiben, Lyrics, die man akustisch zwar selten versteht, dafür aber eben kosmopolitisch wirkten und Fernweh auslösten, eine Stimme, die sich unter Hunderten hervortut und Hooks, die einfach immer sitzen und sofort upliften. Sean Paul ist mit seinem USP ein unglaublicher Erfolgsride gelungen, der völlig zurecht Kultstatus erreicht hat und fest zu jeder geilen 00er-Retroparty gehört. Ohne würde wirklich hart was fehlen.

Mit über 80 Millionen verkauften Tonträgern zählt Sean Paul zu den Größten im laufenden Jahrhundert. Allein mit fast 7 Millionen Verkäufen in Deutschland erreicht er bei uns einen Platz in der Top 100 der erfolgreichsten Musikacts. Zwischen 2002 und 2011 schafften zwölf seiner eigenen Singles den Charteinstieg, drei wurden mit Platin, zwei mit Gold ausgezeichnet. Doch auch seine berühmten Features bei Hits von Beyoncé, Simple Plan, Arash und Blu Cantrell sind Megaseller. Zwar wurde es danach insgesamt ein wenig ruhiger, weil sein eigentlicher Sound – dieser unique Mix aus Dancehall und Hip-Hop – ein wenig aus der Mode kam, jedoch mit weiteren Gastbeiträgen für Enrique Iglesias, Clean Bandit und Dua Lipa, allen voran aber seiner Zusammenarbeit mit Sia in „Cheap Thrills“ war er regelmäßig Teil von Tracks, die den Planeten eroberten. Heavy Rotation in Radios, Clubs, auf Privatpartys, Karaokeabende – das schafft tief verankerte Erinnerungen.

Viele dieser 00er-Ami-Artists gab es selten in Deutschland live zu sehen. Dazu gehören auch Leute wie Akon, Ne-Yo oder 50 Cent. Das hat sich erst mit dem Aufkommen von Streamingdiensten erheblich verändert, seitdem das größte Geld eben mit Konzerten gemacht wird und nicht mehr mit Plattenverkäufen. Sean Paul hat es im vergangenen Jahr in NRW erst mit einem mittelgroßen Gig im Palladium in Köln probiert. Das ging aber im Vorverkauf so gut, dass es fix eine Zusatzshow in der Rudolf Weber-Arena in Oberhausen gab und nun, ein gutes halbes Jahr später, mit der aktuellen Timeless-Tour gar die Lanxess in Köln bespielt wird. Läuft halt grade, warum also auch nicht? Die Fans sind da, das Nostalgie-Feeling geht tief, der Sound fehlt in der aktuellen Musik. Eine perfekte Kombo.

Der Ansturm auf den letzten Auftritt der ursprünglich elf Termine umfassenden Europa-Tour – final waren es nur zehn – in der größten Arena Deutschlands ist nicht mehr ganz so riesig wie 2025. Aber das ist ja auch irgendwo klar. Viele haben Sean Paul erst letzten Frühling in Köln oder Oberhausen gesehen, dort kam schon einiges an Tickets zusammen. Trotzdem ist es am 9.3., einem Montag, gut voll. Der Innenraum ist extrem eng besiedelt, da ist kaum noch Luft zu sehen. Im bestuhlten Unterrang ist geschätzt noch 10 Prozent frei, der Mittelrang heißt nur noch ein paar Menschen willkommen und der Oberrang ist abgehängt. 10.000 Leute könnten das trotzdem gut sein. Nicht schlecht. Das Publikum hat sich teils so zurecht gemacht, als ob man eben wieder in die Großraumdisse von damals geht und das Wochenende eingeleitet werden muss. Viele sind hier in ihren 30ern und haben Bock auf Flashbacks.

Die gibt es bereits im Vorprogramm in einem äußerst rasanten Tempo. Fast eine Stunde lang legt DJ Cig ab 19:45 Uhr alles auf, was das Black-Music-Herz mit mehr Blut durchpumpen lässt. Nach einer Minute wird spätestens gewechselt, sodass es eine ordentliche Anzahl an Lieblingen für die gesamte Crowd zu hören gibt. Wirklich sehr gelungener Anheizer. Demgegenüber ziemlich unnötig ist dann, nachdem eine 20-minütige Umbaupause überstanden ist, ein weiteres DJ-Set von Sean Pauls offiziellem MC. Musikalisch nicht viel anders, nur handwerklich schlechter und mit viel zu vielen Zwischenrufen. Da wird doch vorab schon genug Spannung aufgebaut, die leider dann mit zehn Minuten Irgendwas arg kaputt gemacht wird. Dass der DJ vor Sean Paul auf die Bühne kommt, völlig fein. Aber zwei Minuten zwischen beiden Auftritten wäre eindeutig genug.

Ab 21:10 Uhr gibt es für 80 Minuten den Main-Act. Der 53-jährige Musiker aus Kingston ist gut gelaunt, sportlich gekleidet, trägt eine dicke Goldkette sowie eine breite Sonnenbrille. Der Bühnenaufbau ist für eine Größenordnung a la Lanxess äußerst schlicht: Ein Podest mit kleiner Showtreppe, auf dem das DJ-Set aufgebaut ist, dahinter eine vierköpfige Band, die aber wenig bis gar nicht auffällt, vorne ein paar Nebel- und Konfettikanonen und im Hintergrund auf der Leinwand ein paar Visuals. Hier hätte man die Fläche durchaus besser und effektvoller nutzen können. Sogar die Lichtshow ist recht basic. Für eine Produktion dieser Kategorie auf jeden Fall eine nicht ganz zeitgemäße Inszenierung.

Neben Sean Paul gibt es eben zwei, die für ihn Backings machen, vier Instrumentalisten in klassischer Besetzung und zwei Tänzerinnen, die in typischer US-00s-Black-Music-Manier knapp bekleidet synchron Gogo tanzen, ohne dass es die Stange dafür gibt. Aber wir kennen natürlich alle noch diese overstylten, gutaussehenden Leute, die nachts für 15 Minuten in die Halle kamen und zur Musik das Publikum um sich herum motivierten und alle Blicke auf sich zogen. So in etwa sieht das jetzt auch wieder aus. Passt also zum Nostalgie-Aspekt. Sowieso hat der gesamte Auftritt äußerst viel von diesen 00s-Clubgigs, die regelmäßig dafür sorgten, dass der Laden aus allen Nähten platzte und es häufiger Einlassstopps gab.

Doch die Lanxess ist kein Club. Die ist so ’n bissken größer. Gerade optisch ist das Konzert doch arg underwhelming, einfach weil der Aufbau nicht ausreicht. Zwar gibt es eine Band, die ist jedoch bis auf sehr, sehr wenige Takte nicht zu hören und eigentlich gänzlich überflüssig. Ein sehr viel größeres DJ-Pult mit eigener Leinwand zum Beispiel hätte mehr hergemacht. Sean Paul ist zum Glück mit dem Publikum recht viel in Interaktion. Rein passiv, als ob die Show genauso auch ohne Publikum einfach nur für eine Kamera funktionieren würde, ist es nie. Stattdessen ruft er zum Springen, Singen, Winken auf.

Der Kern der Show und ganz klar das Highlight ist die Musik selbst. Wie Bombenhagel prasseln hier Superhits auf einen ein, von denen man mindestens die Hälfte, eher sogar zwei Drittel kennen sollte. Fast 30 Songs stehen auf der Setlist, die bis auf „Other Side of Love“ und „Mad Love“ nichts vergisst, was in Deutschland gepumpt wurde. Stattdessen gibt es sogar einige Titel vom Debütalbum „Stage One“, das noch vor dem internationalen Durchbruch erschien, und die gerade erst zwei Wochen alte Single „Ready for the Ride“. Doch natürlich sind es die Dauerbrenner, bei denen Köln steilgeht – und wow, das sind viele: „Get Busy“, „Like Glue“, „Got 2 Luv U“, „She Doesn’t Mind“, „We Be Burnin'“, „I’m Still In Love With You“, „(When You Gonna) Give It Up To Me“, „Gimme The Light“, „Ever Blazin“, „Make It Clap“ mit Busta Rhymes, „Cheap Thrills“ mit Sia, „Breathe“ mit Blu Cantrell, „Bailando“ mit Enrique Iglesias plus als Rausschmeißer „Temperature“ – das ist erschlagend-geil.

Allerdings muss man die Songs so mögen, wie man sie kennt – denn sehr viel anders, geschweige denn besser werden sie beim Konzert definitiv nicht. Beim Großteil der Setlist läuft einfach der Originalsong, eventuell etwas verkürzt oder leicht geremixt, und Sean Paul rappt live drüber. Sehr oft ist der Unterschied, ob gerade nur Musik vom Band zu hören ist oder er selbst auch ins Mikro etwas abgibt, klar erkennbar. Äußerst ungünstig wird das dann beispielsweise bei „(When You Gonna) Give It Up To Me“, wenn lediglich die Stimme von Keyshia Cole vom Playback, seine aber nur live kommt – dann merkt man, wie schwer er sich doch tut, eine ganze Strophe überhaupt durchzurappen. Oft ist nach einzelnen Versen Pause, sodass der Song recht abgehackt wirkt. Der Sound seiner Stimme ist zwar erkennbar, es klingt eben nur nicht nach ausreichender Energie bzw. hinreichenden Skills.

Man muss sich also damit vergnügen, dass Sean Paul eben mit einem im Raum ist, Stimmung macht, Tourshirts sowie vollgeschwitzte Handtücher in den Innenraum wirft, sehr oft ankündigt, dass das nächste Lied für die „sexy Ladies“ in Köln sei und zwischendrin leider immer noch mit den Tänzerinnen Doggy-Rammel-Bewegungen macht, was 2026 echt gar nicht mehr geht. Auf der rein musikalischen Seite ist das schon sehr wenig, auf Konzertproduktionsseite auch. Es ist aber ein Hit-Feuerwerk von einer 00s-Legend. Das nehmen viele gern an und stehen auch auf den Rängen fast die gesamten 80 Minuten durch. Womöglich haben nach Köln und Oberhausen 2025 einige Fans den Spaß aber bereits unter „Hab ich einmal gesehen, reicht“ abgehakt. So richtig mitreißend und nachwirkend ist der Herr live für einen Preis von fast 100 Euro nämlich nicht.

Und so hört sich das an:

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Foto von Christopher Filipecki

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