The Prodigy, Mitsubishi Electric Halle Düsseldorf, 30.11.2023

Ich gehöre zu den Musikfans, die eine Liste führen, welche Konzerte sie schon live gesehen haben. Inzwischen hat sich dort ganz schön was angesammelt. Da ich aber mit der Dokumentation auch nicht völlig übertreiben wollte, habe ich mir lediglich nur notiert, welche Künstlerinnen und Künstler ich schon live sehen durfte und wie oft. Keine Stadt, keine Location, kein Jahr. Umso erstaunter bin ich dann manchmal, wenn ich feststelle, dass ich „die“ ja doch schonmal gesehen habe. So auch bei The Prodigy, die wohl, wie sich im Nachgang rekapitulieren ließ, durch einen Rock am Ring Auftritt auf meiner Liste gelandet sind. Gerade bei Festivals passiert so viel Action in kürzester Zeit, wenig erstaunlich, dass ich überhaupt keine Erinnerungen an den Auftritt habe.

Umso besser, dass sich nun noch einmal die Möglichkeit ergeben hat, die Band während ihrer Army of The Ants Tour mitzunehmen. Leider nicht mehr in voller Besetzung, denn durch den Tod von Frontmann Keith Flint im Jahre 2019 ist eine wesentliche Säule der Kombo weggebrochen. Die Army of the Ants Tour beinhaltete nun die ersten Live-Auftritte ohne Keith Flint in Deutschland und viele Fans grübelten, wie die Band die wahnsinnige Live-Präsenz von Keith ersetzen wird. Die Antwort auf diese Frage lautet schlicht und einfach: Gar nicht. Das wäre allerdings auch verwunderlich gewesen. Natürlich vermissen die Fans der Band Keith Flint, natürlich sind die Shows nicht mehr die selben wie zuvor. Allerdings habe ich gemeinsam mit Christopher nach der Show resümiert, dass sich The Prodigy auch jetzt noch live lohnen. Warum ist das so?

Im Wesentlichen liegt es daran, dass die Band es geschafft hat ihren komplett eigenen Sound zu kreieren. Anfang der 90er Jahre sorgten The Prodigy für ordentlich Wirbel in der elektronischen Musikszene mit einem Sound, den zuvor noch niemand auf dem Schirm hatte. Seitdem hat die Band mit vielen Sounds und Genres experimentiert, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Auch wenn die größten The Prodigy Hits inzwischen bis zu 20 Jahre auf dem Buckel haben, sie knallen immer noch genauso wie früher. Und gerade das zahlt sich live aus. Bei den bahnbrechenden Hits wie „Breathe“, „Invaders Must Die“, „Omen“ oder „Take Me To The Hospital“ bewegt sich im Publikum nahezu jeder. Auch wenn das Publikum älter geworden ist – Bewegung ist das Motto dieses Abends in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle. Außer ein paar Schnarchnasen auf der Tribüne, die Frontmann Maxim Reality mehrfach auffordern muss aufzustehen (und die trotzdem lieber gelangweilt sitzen bleiben), bleiben hier die Füße und Arme mit Ausnahme von kurzen Verschnaufpausen in Bewegung. Wenn man genauer hinschaut, kann man dann auch den einen oder anderen jüngeren Zuschauenden im Publikum erblicken. Es scheint wohl auch eine neue Generation Vodoo People zu geben.

Maxim Reality muss nun nach dem Tod Keith Flints alleine die Publikumsinteraktion übernehmen. Keine leichte Aufgabe, bei der Livepräsenz und Energie, die Keith Flint in die Hallen und Festivalgrounds gebracht hat. Aber es gelingt, auch dadurch, dass Maxim Reality von Beginn an Publikumsnähe zeigt und direkt bei einem der ersten Songs auf einer der seitlichen Tribünen auftaucht. Der musikalische Kopf der Band, Liam Howlett sowie die übrigen Livemusiker bringen zusätzlich eine Menge Energie auf die Bühne und sorgen zudem für den hervorrangen Sound.

Und ganz ohne Keith Flint muss die Band dann doch nicht auskommen – genau genommen gelingt ihnen eine großartige Showinteraktion, um den verstorbenen Flint mit auf die Bühne zu bringen. Eine direkt am Mischpult aufgebaute meterhohe Figur ist nicht einfach nur Deko, sondern ein aktives Showelement. Aus den Augen der Figur schießen Laser auf die Bühnenleinwand und werden so immer wieder in die aufwendige Licht- und Bühnenshow der Gruppe integriert. Das besondere Highlight passiert dann während des Songs Firestarter. Die Laser „malen“ die Umrisse von Keith Flint – der mit seinen Teufelshörnern natürlich von allen Fans sofort erkannt wird – auf die Bühnen-Leinwand. Der komplette Song wird live gespielt, der Gesang kommt allerdings vom Band, nämlich von Keith Flint. Eine wirklich schöne Integration eines verstorbenen Bandmitglieds, die vom Publikum mit Jubel und „Keith“-Fanchören gefeiert wird.

Wenn es etwas am Auftritt der Band in Düsseldorf zu kritisieren gibt, dann ist es höchstens der Punkt, dass einige Songs nur kurz angespielt werden und Pausen zwischen den Songs auch gerne einmal mehrere Minuten einnehmen. Stattdessen hätte man wirklich den einen oder anderen Song noch ins Set integrieren können. Aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten, insgesamt haben wir eine wirklich gute Show, eine gut aufgelegte Band und abschließend ein glückliches Publikum gesehen. Und warum aus zweimal live nicht dreimal live machen? Ich würde The Prodigy mir gerne nochmal angucken, vielleicht dann ja wieder auf einem der Sommerfestival?

Und so hört sich das an:

Foto: Melvin Klein

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