Turbostaat, Kantine Köln, 14.02.2020

Turbostaat live in der Kölner Kantine am 14.02.2020.

Das Live-Phänomen Turbostaat gehört unumstritten zu den spannendsten Punk-Happenings, die die deutsche Independent-Szene in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Das liegt zu einem großen Teil an der Band selber, die immer geschlossen und wie eine Einheit agiert, sowie ein Team im Rücken hat, das sie bis ins Letzte unterstützt. Kein Wunder, das Licht und Ton bei kaum einer anderen Band derart abgestimmt sind. Die Fans der Wahl-Flensburger nehmen für deren Konzerte ebenfalls eine tragende Rolle ein. Deshalb steht das Getose der Menge auf der einzigen bislang veröffentlichten Live-Platte des Quintetts nahezu gleichrangig neben der Stimme von Sänger Jan Windmeier. Außerdem kehren eine Vielzahl der Anhänger immer wieder zu der Band zurück. Die verschwitzen Gesichter dieser kleinen inzestuösen Familie erhascht man zumeist nicht nur auf einem Konzert der Gruppe. Warum die Band damit noch keinen Award als „Bester Live-Act“ gewonnen hat, kann wohl nur dadurch erklärt werden, dass sich diese in Sphären fernab des Populär-Radios abspielt. Nach zwölf Monaten, die vollends das eigene Jubiläum fokussierten, blickt die Band in 2020 wieder nach vorne: Im Januar erschien das siebte Album der Indie-Punk-Band, das auf den Namen „Uthlande“ hört und die fünf Musiker Mitte Februar in die Wochen zuvor ausverkaufte Kantine in Köln trug.

Eine Portion „Uthlande“ bitte

Neunzig Minuten lang arbeitet die Band sich hier durch ihre neue Platte. Die fährt häufig in einem deutlich höheren Gang als der experimentelle Vorgänger „Abalonia“. Dementsprechend schnell – binnen Sekunden – kommt es deshalb vor der Bühne zu wildem Menschen-Gerangel als die Band mit dem punkigen „Rattenlinie Nord“ einsteigt. Wenig zuvor waren die Bandmitglieder noch gelassen zu den Klängen des Intros der drei-aktigen Komödie „Happy Life“ von Brecht, Hauptmann und Weill zu ihren Instrumenten marschiert. Das passt zu dem nordischen Seemann-Image der Band und der rein inhaltlichen Besinnung auf die Herkunft in „Uthlande“.

Song für Song winden sich Turbostaat also durch ihre aktuelle Platte und streuen zwischen die neuen immer wieder auch alte Stücke. Viele der Songs sind so miteinander verstrickt, das für Ansagen kaum Zeit bleibt. Nur wenige Male richtet Schreihals Windmeier einzelne Worte an die Menge. Die bekommt stattdessen durch Blickkontakt und Geste Aufmerksamkeit – zur Zugabe verteilt die Band in den ersten Reihen großzügig mehrere Sechserpakete Wasser. Die Fans brauchen aber auch gar keine minutenlangen Motivationsreden, sondern sind selbst bei den neuen Sachen voll am Start. Obwohl das siebte Studioalbum der Band erst knapp einen Monat erhältlich ist, scheinen viele bereits „Text-Lernkreise“ gebildet zu haben, wie der ergraute Sänger Tags drauf in Mainz witzelt. Am lautesten schallen aber dennoch die „Husum Verdammt“s und vielen anderen repetitiven Hook-Lines älterer Werke durch den breiten Raum, der, wenn Turbostaat vorbeischauen, gar nicht so ungemütlich und unpersönlich wirkt wie sonst.

Von Ästhetik und Wärme

Das liegt wohl auch an der kleinen Portion Ästhetik, die die Band in die Kantine einlässt. Die Beleuchtung ist immer auf die Musik abgestimmt, zumeist kühl und blau mit warmem Gassenlicht. Zudem sind Pedal-Boards und Verstärker mit Blumen und anderen kleinen Accessoires verziert. Auch die charismatischen Glühbirnen sind natürlich wieder am Start. Da fühlt man sich gleich etwas heimeliger.

Zum sphärischen Schlussteil von „La Hague“ stellen sich die Musiker um das Schlagzeug im Kreis auf. Drummer Peter Carstens erhebt sich ebenfalls von seinem Hocker, sodass sich alle Mitglieder auf Augenhöhe begegnen. Solche Momente offenbaren, wie eng die Band auch nach zwanzig Jahren noch miteinander harmoniert. Es heißt eben nicht umsonst, dass das Projekt Turbostaat nur in dieser einen Besetzung existiert. Gerade diese Chemie zwischen Carstens, Windmeier, Bassist Tobert Knopp und den Saiten-Bezwingern Rollo Santos und Marten Ebsen befeuert mittlerweile das immer die eigenen Grenzen auslotende Songwriting der Band. Auch wenn das Wirken aller Parteien in den Songs perfekt aufeinander abgestimmt ist, lassen diese immer auch Raum für persönliche Entfaltung. Wenn sich das Schlagzeug am Ende der Zugabe, die vom „Luzi“/„Stormi“-Zweier gerahmt wird, in einem ekstatischen Geballer-Solo verliert, während Santos und Knopp auf ihre Saiten einprügeln, sowie Ebsen im Loop gelassen seine Akkord-Folge runterzockt und sich dabei niemand aus dem Konzept bringen lässt, sagt das deshalb mehr über das Zusammenspiel Turbostaats aus als sich wohl in einem einfachen Text zum Ausdruck bringen lässt. Das muss man mit den eigenen Augen beobachten. Turbostaat sind und bleiben einer der besten deutschen Live-Acts.

Das Album „Uthlande“ kannst du dir hier kaufen.*

Tickets für die kommende Tour gibt es hier.*

Und so hört sich das an:

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Turbostaat live 2020:

18.02. – Hamburg, Markthalle
19.02. – Hamburg, Markthalle (Ausverkauft)
20.02. – Berlin, Festsaal Kreuzberg
21.02. – Berlin, Festsaal Kreuzberg (Ausverkauft)
22.02. – Dresden, Tante Ju
02.04. – Lübeck, Treibsand
03.04. – Bremen, Schlachthof
04.04. – Düsseldorf, Zakk
05.04. – Aschaffenburg, Colos Saal
07.04. – Marburg, KFZ
08.04. – Wien, Werk (AT)
09.04. – Leipzig, Conne Island (Zusatzkonzert)
11.04. – Rostock, M.A.U. Club
12.04. – Leipzig, Conne Island
30.10. – Hannover, Capitol
31.10. – Münster, Sputnikhalle

Foto von Jonas Horn.

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