ABBA – Voyage

Hallo, liebe Leser*innen! Heute haben wir für euch das neue ABBA-Album gehört.

Was jahrelang ein schlechter April-Scherz gewesen wäre, ist nun unglaubwürdige Realität. Fast schon ein Wunder. Die erfolgreichste Band der Musikgeschichte nach den Beatles hat eine neue LP veröffentlicht. Und zwar keine Best of, keine Remixes, keine Tribute-Platte von gegenwärtig trendigen Künstler*innen, nein – ABBA haben in der Originalbesetzung einen Longplayer veröffentlicht. Am 5.11.2021, fast 40 (!) Jahre nach ihrem „The Visitors“, das am 30.11.1981 in den Regalen erschien.

Und damit ist das Aufregendste – und ja, hands down, das ist wirklich aufregend – an dem neuen ABBA-Release auch schon abgefrühstückt. Denn rezensionsuntypisch geben wir hiermit das Fazit gleich vorweg: Voyage, das neunte Album in einer 48 Jahre langen Karriere, wovon 40 Jahre pausiert wurde, ist in erster Linie nur so spannend, weil es eben eine dermaßen absurde Veröffentlichung ist, dass man sie kaum glauben mag. Der Inhalt ist nämlich völliger Durchschnitt.

Mit rund 400 Millionen verkauften Tonträgern, wozu sich dank Voyage noch einige dazu gesellen werden, ist ABBA eine Institution. Und im Vergleich zu den Beatles, die die Zahlen noch toppen können, scheint der Sound von der Schweden-Band überraschend gut zu altern und nie an Faszination zu verlieren. Kaum eine Retro-Party, kaum ein Karaokeabend funktioniert ohne einen ABBA-Classic. „Dancing Queen“, „Waterloo“, „S.O.S.“, „Knowing Me, Knowing You“, „Gimme Gimme Gimme (A Man After Midnight)“, „Thank You For The Music“, „The Winner Takes It All“, „Mamma Mia“ um nur die ganz, ganz großen und eigentlich auch ausgelutschten Showstopper zu nennen. Denn wer ein wenig den ABBA-Backkatalog kennt, weiß, dass es noch weitaus mehr Tracks gibt, die ebenbürtig scheinen. ABBA ist Generationenmusik. Da kann einfach jede*r drauf. Das schaffen heutzutage womöglich wenn nur noch Queen.

Ein wenig unerwartet und für Fans hochgradig schockierend war die kurze und nicht mal ein Jahrzehnt andauernde Karriere von Anni-Frid, Björn, Benni und Agnetha schnell vorbei und schien auch für immer auf Eis gelegt. Trotz kaum vorhandener Medienpräsenz konnte der Zauber aufrechterhalten werden. Grund dafür war die außergewöhnlich durchschlagende Greatest Hits „ABBA Gold“, die bis heute die erfolgreichste Veröffentlichung darstellt, in Großbritannien mehr als 1000 (!!) Wochen in den Top 100 vertreten war und auch in Deutschland zu den sechs bestverkauften Alben aller Zeiten zählt, ebenso ein weltweit gefeiertes Musical namens „Mamma Mia“, zwei darauf aufbauende, nicht weniger beliebte Kinofilme, Museen, Merchandise und was halt sonst noch so geht. ABBA ist Kult. Ohne Diskussion.

Aber Insider*innen wussten, dass da was schlummert. Der kaum in Worte zu fassende Wunsch seitens der Fans und auch der spielende Gedanke seitens der Bandmitglieder, trotz häufiger Trennung, Wiedervereinigung und Trennung on repeat. Dass tatsächlich neue Musik kommen soll, ist übrigens seit gut drei Jahren bekannt. Demnach war es nun wirklich an der Zeit, mal in die Puschen zu kommen und zu zeigen, was hinter den Gerüchten steckt. Nun wissen wir’s: ein zehn Tracks umfassendes Album und eine Tour.

Das löst beim bloßen Lesen schon Ohnmachtsanfälle aus. Doch leider ist hier mehr Bronze als „ABBA Gold“. Bei sämtlichen Presseterminen treten ausschließlich Björn und Benni an, das Album schafft gerade so die 37 Minuten zu knacken und auf der Tour singen Avatare. Und spätestens da wird’s echt unangenehm. ABBA fanden Liveauftritte und ganz besonders das Touren stets arg kräftezehrend. Doch dank neuster Technologie und Hype braucht man das gar nicht mehr zu tun. Stattdessen standen alle Vier über längere Zeit in Studios in astronautenähnlichen Bodys, wurden verkabelt und so sämtliche Bewegungen aufgezeichnet. Im Mai startet dann die vorerst für knapp sieben Monate geplante Voyage-Tour im extra gebauten Theater in London. Tickets kosten bis zu 400€, zig Shows sind ausverkauft und ABBA nicht mal da. Aber eine Liveband. Ja dann, hier ist meine Kreditkarte.

Immerhin singen die Vier aber auf dem Album selbst. Zumindest behaupten sie das. Und ganz unglaubwürdig scheint es auch nicht, denn die Stimmen wirken zwar gealtert, aber auch wohlig und bekannt wie ein guter Rotwein, der tief geatmet hat. Voyage ist in der grafischen Gestaltung episch, riesig und hat etwas von der Eklipse. Es wirkt wie Abschied, der viel, viel zu spät kommt, aber bittersüße Schwere trägt und Trost spenden möchte. Ein Werk voller Zwiespalt.

Denn die finale Entscheidung zu treffen, ob Voyage nun gut oder schlecht ist, ist unglaublich schwierig. Es ist purer, authentischer ABBA-Sound und klingt wie Bonus Tracks aus den 70s. Ist das nun ein Kompliment, weil ABBA einen derartig eigenen Stil haben, dass er alles von allein trägt, oder ist es eine abwertende Bemerkung, weil der Zug schon 200 Mal abgefahren ist und man sich denkt „Jetzt will ich auch nicht mehr!“? Voyage ist old-school und Omi-like. Ja, alle Mitglieder sind über 70, das ist ein Omi-und-Opi-Alter. Aber es ist auch so altbacken und unzeitgemäß, dass man den Eindruck hat, eine längst vergessene Platte im Keller gefunden zu haben, die man irgendwann zwei-, dreimal gehört hat, sie daraufhin hinter den Schrank fiel und nun beim Aufräumen wieder aufgelegt wird. Alles ist so vertraut und bekannt, dass es sofort greifbar ist, nur vermisst hat man’s halt nicht.

Voyage ist ein lupenreines Fan-Produkt. Schulkinder werden es hören und entweder lachend skippen oder es für den neusten Shit halten, weil es sämtlichen Trends der letzten Dekaden trotzt. Hardcore-Anhänger*innen werden 37 Minuten am Stück Gänsehaut spüren, heulen, sich in Ekstase schunkeln und zuhause fühlen. Und alle dazwischen werden sagen: Is‘ ok.

Denn genau das ist es, einfach ganz okaye Disco-Pop-Musik, die sich mit cheesigen Balladen abwechselt. Dabei wird leider selten mal richtig aufgedreht und definitiv nicht oft genug nach vorne gegangen. Dass Potenzial da ist, zeigt das leicht mystische, verschachtelte und nicht sofort durchschaubare „Keep An Eye On Dan“, das ganz klar das Highlight der Platte darstellt. ABBA mit großem Kompositionspotenzial und starker Atmosphäre. Diejenigen, die Party-Evergreens a la „Dancing Queen“ suchen, kommen mit dem etwas gedrosselten, aber melodisch süßen „Don’t Shut Me Down“ auf ihre Kosten und dürfen bei „No Doubt About It“ sogar mal endlich wirklich die tanzende Königin vom Inneren ins Äußere kehren. Auf der anderen Seite stehen aber arg unschöne Kitschgrützen wie „Little Things“, das zwar schon jetzt weihnachtlich stimmt, aber gleichzeitig auch „Musikantenstadl“ schreit. Mit der ersten Single „I Still Have Faith In You“ wird voluminös aufgefahren und eben jene weise Granny-Attitüde präsentiert, aber nicht bis zum emotionalen Breakdown geführt. „I Can Be That Woman“ ist auf Storyseite stark, in der Melodik aber entschieden zu wenig. Und mit dem Rauswurf „Ode To Freedom“ wird der durch das Albumcover eingeführte bittersüße Reigen gen Ende gebracht. Hymne? Schon, aber auch da hätte man sich weitaus mehr trauen dürfen.

Dass es einer der zehn neuen Songs in die Liga der größten Pop-Hits forever and ever schafft, ist unrealistisch, aber wahrscheinlich auch nicht gewollt. Mit Sicherheit sind Erwartungen an eine Platte, auf die ein Millionenpublikum vier Jahrzehnte warten musste, auch mit den stärksten Titeln nicht zu erfüllen. Aber wie schon gesagt: Voyage ist ein neuer Longplayer von ABBA. Und damit ist der Rausch schon in vollstem Gange, wenn auch eher selbst herbeigeführt und wenig substanziell.

Das Album bekommst du hier physisch oder hier digital.*

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