Adele – 30

In den 80ern gab es gleich mehrere von ihnen, in den 90ern noch ein paar einzelne, heute quasi gar keine mehr: Megastars. Musiker*innen, die einen dermaßen großen Einfluss auf ihr Medium besitzen, dass wirklich jede*r über sie eine Meinung hat, auch jede*r bemerkt, wann etwas Neues von ihnen kommt und auch jede*r gespannt lauscht. Künstler*innen, die generationenübergreifend funktionieren. Wie viele fallen euch ein?

Umso erstaunlicher ist es, wenn bei den immer weiter zurückgehenden Verkaufszahlen – die dann zum Großteil nur aus Streamingdiensten bestehen, wovon einige obendrauf noch gekauft sind – manche Songs doch noch um die Welt gehen. Songs, bei denen sich alle einig sind, dass sie irgendwie gut sind. Schaut man mal auf die bestverkauften Alben aller Zeiten, besteht die gesamte Top 15 aus Platten, die vor 1996 erschienen sind. Nimmt man die Plätze 16-20 dazu, gibt es aber zwei LPs aus dem aktuellen Jahrtausend. Das eine ist genau aus 2000 und von Eminem, das andere sogar aus dem letzten Jahrzehnt, nämlich aus 2011 und von Adele.

Anfangs noch als kleine, britische Soul-Hoffnung gefeiert, lief das Debütalbum von Adele Laurie Blue Adkins mit dem Namen „19“ schon recht ordentlich, sackte ein paar positive, aber auch ein paar mittelprächtige Kritiken ein und war besonders hierzulande mehr ein Geheimtipp. Und dann kam „Rolling In The Deep“. Mit ihm „Someone Like You“ und das Album „21“, was sich bis heute irrsinnige 31 Millionen Mal verkaufte und Adele über Nacht zu einem dieser Megastars machte, wie es sie nun eben eigentlich nicht mehr gibt. Ja, Ed Sheeran kommt da in vielerlei Hinsicht nah dran, aber Adele ist eine eigene Kategorie.

Adele ist der Beweis, dass am Ende doch auch immer Qualität und Können siegt und nicht nur irgendwelche Trends. Mit Sicherheit gibt es Tausende von Künstler*innen da draußen, die mehr Aufmerksamkeit verdient haben, als sie bekommen. Und genauso viele, bei denen es umgekehrt ist. Dass Adele aber als einzige gleich eine ganze Riege an Songs im Repertoire hat, bei denen Kritiker*innen, Fans und eben die älteren wie jüngeren Generationen auf einen Nenner kommen, ist doch wirklich beruhigend und zeigt, dass noch ein bisschen Hoffnung im Massengeschmack steckt.

Vor sechs Jahren gab es mit „Hello“ die erste Single aus dem Album „25“, das die große Last tragen musste, der Nachfolger zu „21“ zu sein. Eben jenem 31-Millionen-Album. Was macht man nur, wenn die ganze Welt nach der Musik giert, das Radio nach neuen Hits für die Heavy Rotation sucht und man es Plattenvertrag-gebunden irgendwie auch jede*r ein bisschen Recht machen muss? Zweifelsohne ist „25“ ein ganz tolles Album, das Songs beinhaltet, wonach viele Künstler*innen sich ein Leben lang die Finger lecken würden – aber es war eben auch gleichzeitig Nummer sicher. Sehr viel nach dem nur leicht abgewandelten Prinzip a la „21 2.0“ und höchstens minimale bis kaum merkbare Wagnisse. Aber eben gute, auch sehr gute Adele-Kost.

Doch ein großer, privater Einschnitt verändert mehr als nur das, wofür er strenggenommen steht. Die Trennung von ihrem jahrelangen Lebensgefährten und gleichzeitigen Vater ihres Sohnes führte dazu, dass die 33-jährige Londonerin reflektierte, Dinge über Bord warf, nach dem Sinn suchte und schaute, wer sie überhaupt ist, ohne ihre Mutterrolle zu vernachlässigen. Somit ist es nur konsequent, dass der Prozess für 30, dem vierten Album, länger brauchte. Zwischen dem Debüt und „21“ drei Jahre Zeit, zwischen „21“ und „25“ vier Jahre und zehn Monate, nun sechs Jahre, wenn 30 nur einen Tag später gekommen wäre. Ein Longplayer, an dem sie angefangen hat zu arbeiten, als sie 30 war, womit sie ihr Konzept der Namensgebung fortsetzt.

Die 30 ist für viele eh eine magische Zahl. Nicht mehr richtig jung, sondern in diesem Alter voller Entscheidungen. Hochzeit, Kinder, Haus, Job. Selbstreflexion, Selbstliebe, Selbstverwirklichung. Dinge, die Adele wahrscheinlich auf ganz anderem Wege interessieren als uns Zuhörer*innen, aber eben hörbar nicht kalt lassen. Denn 30 ist in seinen zwölf Songs und 58 Minuten Spielzeit all das. Ein Stück zurück zum Anfang der Karriere, ein Stück von dem, wofür man so gefeiert wurde – aber ein ganz besonderes und ganz großes Stück „Ich“.

Adele macht kein „21 3.0“. Adele macht auch nicht das große Dutzend voller Radio-Pop-Songs für die Vorweihnachtszeit. Adele liefert mit 30 nicht weniger als das musikalischste Album, das den Mainstream in diesem Jahr erreichen wird. Ein Album, das in der Produktion absolut 2021 klingt, weil es so perfektionistisch handgefertigt wurde und gleichzeitig einen Sprung in längst vergangene goldene Ären der Musik macht. Als noch nicht der Computer sämtliche Instrumente und Beats im Alleingang fabrizierte, sondern komponiert und eingespielt wurde. 30 wagt, dass einige Fans und ganz besonders große Ohrwurm-Melodie-Fetischist*innen in den kommenden Tagen nörgeln werden, wie wenig eingängig das klingt. Dass Adele nicht mehr Adele ist, weil das „Someone Like You“ und „Hello“ fehlt.

Hat man jedoch etwas mehr Aufmerksamkeit übrig als ein zwei minütiges Spotify-Liedchen braucht, um einen Klick einzufahren, sollte man sich unbedingt diese wohltuende, fast schon meditative und gleichzeitig hoch beeindruckende Platte mit fast einer Stunde Spiellänge anhören. Menschen, mit einem Zugang zu anspruchsvolleren, tieferen und substanzielleren Sounds finden hier ihr Manifest. Der Moment, auf den man eigentlich schon viel zu lange warten musste. Das Album, das so gut klingt und so gut gemacht ist, dass es schon unglaubwürdig und absurd wirkt. Etwas, von dem man ansonsten sagt, dass es heutzutage nicht mehr gemacht wird. Das man sofort anmachen möchte, wenn es gerade aufgehört hat zu laufen.

30 ist Jazz, Soul, Motown, Broadway, Filmmusik, Klassik gepaart mit einer der absolut markantesten und stärksten Stimmen der Gegenwart. Hat „Easy On Me“ noch zu gut 80% das geliefert, was die Adele-Durchschnittshörer*in eben erwartet, ist ansonsten das Überraschungsmoment die größte Stärke der neuen LP. Ja, „Easy On Me“ ist zweifelsohne eine fulminante, tief berührende Pianoballade mit traumhafter Hook und beeindruckenden Gesangspassagen, aber hätte es sich auch auf den zwei vorigen Alben gemütlich machen können. Das kann das restliche Album nicht von sich behaupten.

Nächster Karaoke-Hit adé! Nächster Castingsshow-Favoriten-Song adé! 30 setzt auf Orchester, auf Storytelling und vor allen Dingen auf Zeit. Gleich fünf Titel knacken selbstsicher und selbstverständlich die Sechs-Minuten-Marke. Warum? Weil sie es können. Weil es ihnen egal ist, ob das mehrminütige Instrumental-Outro im Radio läuft oder eben nicht. Adele beweist in jedem einzelnen Stück, dass sie in allem eigene Liga ist. Egal, ob in der Komposition, in der Authentizität in den Lyrics, in der Stimme ja sowieso, aber auch in der absoluten Überzeugung, das machen zu können, was sich für sie gut anfühlt.

Das klingt nach Aretha Franklin, nach Whitney, nach Beyoncé, nach den Supremes, nach Frank Sinatra, nach den Jackson 5. Unglaublich retro und dennoch durch seine Dynamik so im Jetzt. „Cry Your Heart Out“ hat die Lockerheit eines „Mr. Sandman“ von den Chordettes. „Can I Get It“ erweckt Erinnerungen an Madonna auf ihren Höhepunkten „Ray of Light“ oder „Music“ und ist mit seinem catchy Whistle-Refrain so leichtfüßig und fokussiert wie zuletzt „Rumor Has It“. „Woman Like Me“ ist eine mit Akustikgitarre getragene Moll-Gänsehaut-Blues-Perle voller hypnotischer Lines über Feminismus und gleichzeitigem Straucheln. „My Little Love“ ist mit Dialogszenen zwischen Adele und ihrem Sohn gespickt, macht nachdenklich und produziert fast schon schwer verdauliche Steine im Bauch, weil es so echt wirkt wie ein Fotoalbum aus der Wohnzimmerschublade. „Hold On“ ist dann doch ein wenig das, womit auch die alten „21“-Leute leben können und hat „Take It All“-Momente in noch geiler. „To Be Loved“ ist kaum nachsingbar, weil es so viele Runs und Schlenker beinhaltet. Und selbst hakenschlagender R’n’B wie in „Oh My God“ ist kein peinlicher Versuch, sondern ein knalliger Bop der Extraklasse.

Vom Opening in „Strangers By Nature“, das durch den untypischen Aufbau „Strophe-Refrain-Finale“ glänzt, bis zum opulenten Schluss in „Love Is A Game“ ist 30 einfach schlichtweg ein Longplayer mit einer Qualität sondergleichen. Ohne irgendwas zu viel. Voller Minuten und Augenblicke purer Perfektion. Erschlagend groß. 5 Sterne, 10 Punkte, whatever. Alles. Album 2021. Ende.

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