Holly Humberstone – The Walls Are Way Too Thin

Wer sagt eigentlich, dass 2020 nur schlecht war? Holly Humberstone mit Sicherheit nicht. Für die lief nämlich die Corona-Zwangspause zwar nicht so wie gedacht, aber dennoch mehr als ordentlich. Der fast 22-jährige Shootingstar aus London hat offensichtlich sofort zum Karriereeinstieg einfach alles richtig gemacht und ist seitdem in aller Munde und Ohren.

Dabei war zunächst ein wenig unklar, wo’s denn jetzt hingehen soll. Zwar ist die in Lincolnshire, also im Nordosten Englands, geborene Künstlerin schon als Teenager liebend gern am Klavier und komponiert erste Songs, aber ein Studium am „Liverpool Institute for Performing Arts“ war wohl doch nicht so das Richtige. Glücklicherweise waren aber schon die Köpfe hinter BBC auf sie aufmerksam geworden, besorgten ihr mit gerade einmal 20 Jahren einen Slot beim Glastonbury und gute zwei Jahre später gibt’s mit The Walls Are Way Too Thin bereits die zweite EP. Dazwischen hagelte es super Feedback für ihren Support auf der Lewis Capaldi-Tour und die Auszeichnung für einen der besten Songs des vergangenen Jahres laut der New York Times.

Ganz nach dem Motto „Wer braucht heutzutage eigentlich noch Alben?“ geht Humberstone den neumodischen Weg und veröffentlicht lieber eine zweite EP mit erneuten sechs Songs wie auf ihrem Erstlingswerk, statt sich für eine LP ins Studio zu hieven. Besser also zweimal sechs Songs in 15 Monaten statt einmal zwölf. Kann man machen. Und ja, abermals stellt der gar nicht mehr so geheime Geheimtipp Holly unter Beweis, dass man sie sowohl im Indie-, als auch Singer/Songwriter- und ebenso im Pop-Bereich auf dem Schirm haben sollte.

Die 20 Minuten lange The Walls Are Way Too Thin setzt stilistisch recht nah an dem Debüt Falling Asleep At The Wheel an, wenn auch mit etwas weniger Power. Wer nun automatisiert anfängt zu gähnen, sollte aber trotzdem reinhören und sich davon überzeugen lassen, dass die neue EP besonders zur rechten Jahreszeit anrückt. Schon das ganz ruhige, überwiegend von Pianoklängen geleitete Opening „Haunted House“ macht düstere, unheimliche und gleichzeitig wohlige Atmosphäre, um sich mal tief in melancholische Herbstgedanken zu verlieren.

Insgesamt stellt Humberstone mit ihren neuen Songs das Produkt dar, was Lorde und Billie Eilish wohl mit ihren neuen Alben gerne geschaffen hätten, nämlich smoothen Dark-Pop ohne zu stark zu verwässern oder die Zuhörer*innen zum Dösen zu bringen. So ist „Please Don’t Leave Just Yet“ deeper Pop-R`n`B, der besonders in seinen Gitarren- und Basslinien sanft gegen den Kopf hämmert und mit seinen Soundwaben einfach einen Nerv zwischen Begeisterung und Entspannung trifft. „Thursday“ ist Lagerfeuer mit untergehender Sonne und kühlem Wind im Nacken.

Der Höhepunkt ist dennoch das leichte und verzaubernde „Scarlett“, das mit trendigem 80s-Pop und eingängiger Hook im Refrain schon beim ersten Durchlauf voll punktet. Typisch „Old School, but New School“ mit Coming-of-Age-Thematik. Der Titeltrack schlägt in eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so perfekt funktionierende Kerbe. Lediglich beim Rauswurf „Friendly Fire“ kommt Humberstone über das Prädikat „Ganz nett“ nicht hinaus. Hier schleicht sich das erste Gefühl von „Hab‘ ich den Song nicht schon gehört?“, womit sich die „Besser zweimal Sechs statt einmal Zwölf“-These bestätigt.

Fehlen zwar sämtlichen neuen Titeln ein Hauch an Emotionalität, um das sensationell schöne „Deep End“ als ihren besten Hit abzulösen, stehen die sechs Songs auf The Walls Are Way Too Thin dennoch nun in einer Reihe mit ihren anderen bereits veröffentlichten Tracks. Holly Humberstone macht einfach tollen Singer/Songwriter, der nicht zu poppig ist, um Indie-Fans abzuschrecken, und nicht zu Indie klingt, um nicht die Charts entern zu können. Angenehme Stimme, gute Produktion, solides Handwriting, tolle Melodien, stimmige Herbst-Musik.

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